Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 22 (1936)
- Issue
- 30 (14.8.1936)
- Date
- 1936-08-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 3Ö «JCD1SCHE PRESSE Seite I Bojaner Rebbe זצ״?י •Afft vergangenen Freitag ist ‘ in Wien der Bojaner Rebbe, Gfößfabbiner Nahum Friede mann s. Z. 1.« im 68. Lebensjahr verschieden, Er hatte sich vor kuraeift aus Czernowitz, wo er seit einigen Jahren dauernd seßhaft war, hierher begeben, wo er sich Heilung von einem schweren Nierenleiden erhoffte. Die (Krankheit war aber viel au sehr fortgeschritten, so daß alle Kunst der Aerate das Leben des Rabbi nicht mehr retten konnte. Zwei Tage vor seinem Ableben hatte er Todesahnungen und verfügte letztwillig, daß seine sterbliehen Üeberreste in dem auf dem Wiener Zentralfriedhof befindlichen Ohel mit dem Grabe seines Vaters, doch in respektvoller Distanz von diesem, zur ewigen Ruhe ge* bracht werden. Die Bahre wurde in der ״Bojaner Klaus“ aufgestellt, wo sie awei Tage lang das Ziel der Verehrer des Rabbi war, - An der am Sonntag stattgefundenen Lewajoh nahm eine ungeheure Menschenmenge teil, darunter die in Wien anwesenden Großrabbiner von Kopeczinze, Czortkow und Wiznitz. Der Dahingegangene war der älteste Sohn des ersten Bojaner Rebben und ein Urenkel des ״Euzyner“. Außer diesen verwandtschaftlichen Beziehungen zur Dynastie Friedmann verknüpfte ihn auch noch mehrfache Verschwägerung mit ihr. Dies war mit maßgebend für seine Stellung als Nassi des Wolhyner Kolel und Inhaber des ״ersten Lag-b'Omer-Lichtes", das alljährlich zu Ehren Rabbi Schimon ben Jochais in Miron entzündet wird. Die Sympathien des Verblichenen, der sich politisch nie exponiert hat, gehörten ganz der Agudas Jisroel, in der auch seine Söhne und besonders sein Schwiegersohn, Großrabbiner Mosche Friedmann, Krakau, eifrig tätig sind. חנצביה Das Martyrium der Juden in Polen Im Dorfe Makowska bei Skole in Ostgalizien kam es während einer Gedächtnisfeier für die im Jahre 1915 gefallenen ukrainischen Legionäre, der über zehntausend Ukrainer beiwohnten, zu blutigen antisemitischen Ausschreitungen. Der jüdische Photograph Josef Lux wurde bestialisch ermordet. Das gleiche Schicksal erlitt der Ukrainer Andrej Scholota, der Lux schützen wollte. Nach der Feier überflutete die Menge die benachbarten Straßen und schlug mehrere Juden nieder, unter ihnen den jüdischen Fuhrmann Schneur, der sterbend ins Hospital gebracht wurde. In Drohobycz wurde der 68jährige jüdische Kaufmann Jakob Speicher durch seinen christlichen Nachbarn ChrustoW bestialisch ermordet. In Kasprowy wurde der aus Kattowitz stammende Kaufmann Moses Schweizer ermordet. In Lodz ermordete der 36jährige Pole Leon Valenga in betrunkenem Zustande die 76jährige Jüdin Liba Wjonsowska. . Im Städtchen Rzelichow wurde der Jude Jakob L i 1 i p 0!w e r, während er in seiner Wohnung, in den Gebetmantel gehüllt, seine Andacht verrichtete, durch Huligans, die durch das offene Fenster hineinschossen, getötet. Die Mörder entkamen. In dem Städtchen Dlugoszodlo, Kreis Ostrow-Mazowieck, fanden anläßlich des Jahrmarkts blutige antijüdische Unruhen statt. Die jüdischen Händler ,wurden barbarisch mißhandelt, einige von ihnen schwer verletzt. Gegen di׳e jüdische •Bevölkerung in den Landstadtchen und Dörfern Wolhyniens wird ein planmäßiger Terror durch Brandstiftungen durchgeführt. In dem Städtchen Derazne bei •Rowno wurden 25 jüdische Häuser niedergehrannt, gleichzeitig wurden in Kostopol 8 Häuser vollständig nieder gebrannt. Vierzig Familien sind obdachlos geblieben. Auch in den •Dörfern Jankewiezo, Podluzna, Berestowice und Karczwola wurden jüdische Häuser niedergebrannt. Der Bürgerkrieg in Spanien und die Juden Französische Zeitungen melden, das die Lage der Juden in Spanisch-Marokko, dem Ausgangspunkt der Erhebung des Generals Franco, gegenwärtig eine sehr tragische und ungewisse sei. Die Nachricht, daß zahlreiche Juden in Melilla ohneweiters hingerichtet worden seien, ist zwar unrichtig, aber fast die gesamte jüdische Gemeinde in Melilla wurde verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht. Im gleichen Zusammenhang wird mitgeteilt, daß deutsche Agent e n eine sehr einflußreiche Rolle in der Aufstandsbewegung spielen. Auch aus Spanien kommen Meldungen, die besagen, daß in Spanien selbst die Unruhen sich sehr traurig auf die kleine jüdische Gemeinde auswirken. Die von den Militärs geführte Aufstandspartei ist o f f e n antisemitisch. Der gegenwärtige Putsch ■wird von dem Bankier March, dem Inhaber der antisemitischen Zeitung ״Informaciones“, finanziert. In den von den Aufständischen besetzten Gebieten verbreiten die stark unter dem Einfluß der deutschen Nazis stehenden spanischen Faschisten Aufrufe, in denen sie die Vertreibung •aller Juden aus Spanien im Falle ihres Sieges ankündigen. Auf der Gegenseite machen die Anarchisten in ihrem wütenden Religionshaß bei den Juden keine Ausnähme. Während ihres Vernichtungsfeldzuges gegen die Kirchen in Barcelona, die fast alle in Brand gesteckt wurden, drang ein Trupp in das Bethaus der jüdischen Gemeinde ein und fragte nach den ״curats“. Spanien war seit der Judenaustreibung im Jahre 1492 judenrein, erst in den letzten Jahren sind einige tausend Juden dort eingewandert, die schwer um ihre wirtschaftliche Existenz •kämpfen, Ein großer Teil von .ihnen scheint durch die Unruhen wieder heimatlos geworden zu sein. Ausspeiseyeriein ״Einheit“ Seit Monaten hat die ״Einheit“ eine Neuerung eingeführt, 68 wird daselbst ein gut zubereitetes, schmackhaftes und ausreichendes Essen, bestehend aus Suppe, Fleisch, Gemüse und Mehlspeise, um nur 50 Groschen verabreicht, Die Gäste werden von Kellnern bei weißgedeckten Tischen bedient, Dadurch bietet die ״Einheit“ ganzen Familien, welche sonst nicht in der Lage wären, sich ein Mittagmahl zu gönnen, die Möglichkeit, täglich ein Essen mit Fleisch für billiges Geld zu erhalten. Die (Besucherzahl, welche täglich zunimmt, beweist die Wichtigkeit und Dringlichkeit dieser neuen Einrichtung der ״Einheit, Verein zur Errichtung und Erhaltung von Volksspeisehallen und Mittelstandsküchen“, Wien, 11״ Malzgasse 12. Einen herzlichen Gruß, die Glückwünsche zum Neuen Jahrt damit dm Dank für ermesme Freundschaft und dm Beweis persönlicher Anhänglidikeit und Erkenntlichkeit übermittelt man billig, bequem und in anerkannter Vornehmheit durch die ״JÜDISCHE PRESSE“ Ein Einheitsfeld unter den וחתימה טובה naTO-wuHscHEN laut nebenstehendem Muster kostet S 5.-, bezw. Kt 25- WOLF PAPPENHEIM Wien II, Kl. Pfarrg. 1 Bestellungen siridfunter Angabe des zu veröffentlichenden Textes zu richten: Aus der Tscheche* Slowakei an die ״Jüdische Presse“, Bratislava, Postfach 881, aus Oesterreich und dem sonstigen Ausland an die ״Jüdische Presse", Wien II, Matzgasse 12a (Tel. A*Jf6-0-15) Die Lage im Heiligen Lande Nach sechzehn ,Wochen? erbitterten Kampfes, in dem dreihundert, Menschen — darunter 56 Juden — getötet und über fünfhundert verwundet worden sind, sieht es zum ersten Male so aus, als begännen die Araber die 'Hoffnungslosiigkeit ihres Widerstandes gegen die englische Macht einzusehen. Der Streik kann vielfach nur mit gewaltsamen Mitteln, durch Einschüchterung der arabischen Massen und Androhung von Repressalien weitergeführt werden. Die Bauern und Kleinhändler leiden. schwer unter der Wirtschaftsstagnation und erwarten nichts sehnlicher als. die Rückkehr normaler Zustände. Unter dem Einfluß Emir Abdullahs von Transjordanien, mit dem sie ununterbrochen in Verbindung stehen, bemühen sich daher gegenwärtig die Araberführer um das Kompromiß, welches die Zusicherung eines wenigstens zeitweiligen Verbotes •der jüdisehen Einwanderung seitens Englands enthalten soll. Ein solcher Vergleich würde Tden Führern der arabisehen Bewegung die Möglichkeit geben, den Streik abzublasen, ohne sich in den Augen der Gefolgschaft eine zu große Blöße zu geben. Arabische Vorbereitungen Der Direktor des arabischen Lehrerseminars von Jerusalem, ein Bruder des Bürgermeisters Dr. Chaldi, hat sich im Auftrag des Arabischen Obersten Ausschusses nach Syrien begeben. Seine Reise steht im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für das Eintreffen der Kgl. Kornmission in Palästina. Es verlautet, daß Direktor Chaldi in Damaskus gemeinsam mit dem dortigen arabischen Historiker Mohammed Kurd Ali die Hauptpunkte der der Kgl. Kommission vorzulegenden arabischen Beschwerden ausarbeiten wird. ' z u 1 e g e n. Die gewonnene Fläche wird der Stadt Tel- Aviv gehören. Einer seit langem erhobenen Forderung der Stadt Tel-Aviv entsprechend, hat die Regierung in der Nähe von Bne Brak, zwischen Petach Tikwa und Tel-Aviv, ein Krankenhaus für Infektionskrankheiten eröffnet. Aerzte und Personal des neuen Krankenhauses sind jüdisch. Die Klagemauer •Der Distriktkommissär von Jerusalem, Major Campbell, gab den jüdischen Institutionen die Zusicherung, daß durch das Fehlen von betenden Juden an der Klage- ‘mauer am diesjährigen 9׳.. A w kein Präjudiz geschaffen wurde und daß das Recht der Juden, am 9. Aw an der Klagemauer zu weilen, fortbesteht. $> Gerichtsurteile Der Oberste Gerichtshof in Palästina hat die kollektive Strafe in Höhe von 5000 Pfund Sterling־, die der Stadt Gaza auferlegt worden war, aufgehoben, weil seiner Ansicht nach der High Commissioner ״seine Rechtsbefugnis durch die Herausgabe des Gesetzes betreffend die Verhängung von Kollektivstrafen überschritten habe"... Zwei privat angestellte jüdische Wächter, die verhaftet wurden, weil sie Waffen bei sich trugen, sind zu sechs und sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Richter zog die Erklärung der Angeklagten, daß sie die Waffen lediglich zu Verte'idigungsz wecken bei sich trugen, weil die Gebäude der von ihnen bewachten Steinmetzerei vorher zweimal durch Araber in Brand gesteckt wurden, nicht in Betracht... Die Auswirkungen auf die Wirtschaft Die bis Ausbruch der Unruhen so blühende Wirtschaft Palästinas verfällt zusehends. In einer von der. Jerusalemer Ortsgruppe , des 4 palästinensischen Industriellenverbandes veranstalteten Pressekonferenz wurde die schwierige Lage geschildert, in .-die die Industrie Palästinas geraten ist. Auf allen• Wirtschaftsgebieten! mit Ausnähme der Lebensmittel- und Papierindustrie sei ein Niedergang festzustellen. Eine Anzahl von Fabriken sei durch die Unruhen vollkommen zugrunde gerichtet worden; das hat zu Arbeiterentlass u n g e n geführt. In Tel-Aviv beträgt die Zahl. der. Arbeitslosen zur Zeit fast 3000. Am stärksten betroffen ist die Bauarbeiterschaft, die etwa 45 Prozent der Arbeitslosen in Tel-Aviv stellt. Der. Stadtrat hat sich genötigt gesehen, eine Kürzung des Etats für das Finanzjahr 1936/37 um 40.000 Pfund vorzunehmen. Die Einlagen der Anglo-Palestine Bank, der wichtigsten Großbank in Palästina, sind in den ersten fünf Monaten des Jahres 1936 um eine Million auf rund sieben Millionen Pfund gestiegen.־׳ . In der hebräischen Presse!wird diese Tatsache als ,ein Beweis dafür gewertet, daß trotz Unruhen und Wirtschaftskrise keine Kapitalflucht aus Palästina eingesetzt hat. In Wirtschaftskreisen wird die Erhöhung 'der Bankeinlagen auch als Zeichen für eine mangelnde Investition s- 1 u s t angesehen und als eine Folge davon, daß die Kreditgewährung stark!» eingeschränkt worden ist und die Banken das Bestreben haben, nach den Erfahrungen des Vorjahres, sich möglichst flüssig zu erhalten. Aufbauarbeit »■' Die Regierungskommission für städtische Planung bestätigte das Projekt, einen Meeresstreifen vor Tel-AViv im Flächenumfang von 250 Dunam mit einem Kostenaufwand von 100.000 Pfund trocken-!wie am Zweig bleibt das Eingesottene mH־ r. Oetkers Einsiedehilfe. ” Das Verderben oder Schimmeln wird damit sicher verhindert! Erprobte Rezepte erhalten Sie umsonst bei Ihrem Kaufmann oder von Dr. A.Oetker, Srünn* Die Palästina-Regierung hat dem Urteil des Obersten Gerichtshofes durch eine neue Notverordnung begegnet. Oberrabbiner Duschinsky an den High Com* missioner Oberrabbiner Duschinsky hat an den High Commissioner ein Schreiben gerichtet, das hier auszugsweise wieder gegeben sei. ״Exzellenz, ich beehre mich, mich an Eure Exzellenz mit folgendem Gesuch zu wenden: Ich habe zu meinem Schmerze gehört,, daß die Leitung der. Post die Absicht hat, das Postamt in Tel-Aviv an den Sabbattagen •zu öffnen. Ich erlaube mir, demgegenüber die dringliche Bitte auszusprechen, daß dieser Gedanke in der Praxis nicht verwirklicht werden möge, sondern daß die Post in Tel-Aviv an den Sabbattagen in allen ihren Abteilungen geschlossen bleibt. 1. In Artikel 23׳ des Mandats werden die heiligen Tage des jüdischen Volkes, darunter der Schabbos, als heilige Ruhetage für die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft anerkannt. Tel-Aviv ist eine jüdische Stadt und der Sabbat ist daher für Tel-Aviv der gesetzliche Ruhetag. Es steht in keiner Uebereinstimmung mit diesem Prinzip, wenn die Postämter am Sabbat in׳ der Stadt Tel-Aviv eröffnet werden würden. 2. Der High Commissioner hat immer dazu geneigt, anzuerkennen, daß die jüdische Religion der wichtigste Bestandteil der nationalen Kultur des jüdischen Volkes ist. In einem Schreiben Eurer Exzellenz an die Zentrale der Agudas Jisroel, hier, ist das feste Versprechen gegeben, daß so wie bisher auch weiter der High Commissioner sich bestreben wird, nichts zu unternehmen, was die religiösen Gefühle irgend eines Teües der Bevölkerung des Landes verletzen könnte. Die Oeffnung des Postbüros in Tel-Aviv, der jüdischen Stadt, an den Sabbattagen wird somit in vollendetem Widerspruch zu diesem Standpunkt stehen. 3. Die Tatsache, daß die Regierung die Postämter am Sabbattag in einer jüdischen Stadt öffnet, ist geeignet, auch unter den jüdischen Massen den Eindruck zu erwecken, daß die Regierung die jüdische Religion nicht ehrt, daß sie ihr gleichgültig gegenübersteht und keinen Wert darauf legt, daß das jüdische Nationalheim zugleich äuch ein Heim für die Kultur des jü di sehen Volkes sei. 4. Bis heute hat das Postamt in Tel-Aviv am Sabbat seine Tätigkeit vollkommen eingestellt, und es ist nicht einzusehen, warum sich diese Lage jetzt ändern soll. Die kommerzielle Entwicklung hat bisher nicht darunter gelitten, daß die Post am Sabbat geschlossen war- und sie wird auch künftig sich fortsetzen, wenn die Postämter weiter am Sabbat geschlossen bleiben. 5. Die traurigen Ereignisse der letzten Wochen im heiligen Lande, die so schwere Erlebnisse über die jüdische Bevölkerung brachten, haben bei. einem großen Teile der jüdischen Einwohner Erez Jisroels Gedanken der religiösen Rückkehr wachgerufen. Im Lande regt sich eine religiöse Bewegung, die sich aufbaut auf dem Streben, den G-tteszorn abzuwenden und dadurch *Frieden und Ruhe im Lande wiederherzusteUen, diejenigen Erscheinungen im öffentlichen Leben, die die Grundlagen der Religion zu erschüttern geeignet waren, bekämpfen und beseitigen möchte durch die Stärkung des religiösen Gefühls und die gewissenhafte Erfüllung der religiösen Pflichten. Es wird im ganzen Lande Erstaunen und eine gewaltige Erregung hervorrufen, nicht minder aber auch in den Ländern der jüdischen Diaspora, wenn gerade in einem solchen Augenblick die Leitung der Post in Tel-Aviv den Beschluß faßt, im Gegensatz zu der vieljährigen Uehung, 868