Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 22 (1936)
- Issue
- 26 (17.7.1936)
- Date
- 1936-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 26 In Sachen David Frankfurters Die Judenheit in Rumänien vor schworen Gefahren Die jüngste politische Entwicklung in Rumänien hat eine kritische Zuspitzung der Lage der dortigen jüdischen Bevölkerung mit sich gebracht. Während bis vor kurzem die Bildung einer Be* gierungsmehrheit aus den verschiedenen antisemitischen Parteien und Gruppen als ziemlich unwahrscheinlich angesehen und von offiziellen Stellen aus als unmöglich bezeichnet wurde, da diese Gruppen zueinander selbst in scharfem Gegensatz standen und die demokratische Nationale Bauernpartei (Natinalzaranisten) unter den Oppo- Sitionsparteien die weitaus stärkste ist, sind jetzt Verhandlungen zur Bildung eines einheitlichen Wahlblocks der Rechtsparteien aufgenommen worden. Abgesehen von diesen Einigungsbestrebungen bei der extremen Rechten, werden die Aussichten der Nationalen Bauernpartei, das bisherige Regime abzulösen, auch dadurch verringert, daß zwischen dem König und dem für die Bildung eines nationalzaranistischen Kabinetts in erster Reihe in Frage kommenden ehemaligen Minister- Präsidenten Julius Maniu starke Spannungen bestehen. Maniu ist zwar formell nicht Präsident der Nationalen Bauernpartei, gilt aber trotzdem als ihr eigentlicher politischer Führer. Er ist vor kurzem aus jahrelanger politischer Reserve herausgetreten und hat eine heftige Kampagne gegen die persönlichen Berater des Königs begönnen. Das läßt erwarten, daß der König, vor die Wahl zwischen Bauernpartei und Rechtsblock gestellt, dem letzteren den Vorzug geben dürfte. Die Betrauung einer Gruppe mit der Regierungsbildung ist aber in Rumänien praktisch bereits gleichbedeutend mit der Einsetzung dieser Regierung. Der Wahlapparat liegt jeweils vollständig in den Händen der beauftragten Gruppe, die ihn mit Rund um die Falasdias (Von besonderer Seite) Die in Italien erscheinende Wochenschrift ״I s r a e 1" brachte in ihrer Nummer vom 5. Tamus eine Meldung, die inzwischen durch viele Zeitungen (via J. T. A. auch durch die ״Jüdische Presse“. —1 Red.) die Runde machte: es sei in Rom unter dem Vorsitz des Ministers für die Kolonien und unter Beteiligung des Verbandes der israelitischen Gemeinden Italiens!beschlossen worden, eine Vertretung nach Addis-Abeba und Diredaua zu schicken, um dort israelitische Gemeinden zu organisieren und (״di prendere i primi contatti con gli elementi Falascia“) die ersten Berührungspunkte mit den Falaschas anzuknüpfen. Wenn wir auch in einer Zeit leben, in der .man sich über nichts mehr wundert, so kann man doch wohl nicht umhin, über solch merkwürdige Kunde zu staunen. So löblich es auch ist, daß nun gar unter dem Vorsitz des Kolonialministers ein Beschluß zugunsten der Juden in Abessinien gefaßt wurde, so seltsam mutet es an, daß die Vertreter der israelitischen Gemeinden Italiens anscheinend gar nichts von einer •bereits bestehenden Falascha-Bewegung ׳wissen. Ist es den Herren denn verborgen, daß gerade in Italien quasi die Wiege der Falascha-Bewegung gestanden?! Unternahm nicht schon 1904/5 Dr. Jacques Faitlovitch im Aufträge des Baron Edm. Rothschild sowie 1908 und 1913 im Aufträge des italienischen Pro-Falascha-Komitees, dessen Präsident Prof. Dr. Margulies, Florenz, war, mehrere Expeditionen nach Abessinien?! Hat nicht Dr. Faitlovitch bereits 1914 dm Innern des Landes Wanderschulen und 1913 in der Hauptstadt Addis-Abeba eine Zentralschule mit abessinisch-jüdischen Lehrern gegründet, die noch heute besteht?! Unter solchen Umständen klingt die Meldung ״di prendere i primi contatti“ wahrlich recht sonderbar. Fürchten die Herren denn nicht, daß der Falascha-Sache unendlicher ,Schaden zugefügt wird, wenn mit Ignorierung licher Tatsachen an die Arbeit gegangen wird? Einem nichtjüdischen Minister kann man es natürlieh nicht übelnehmen, wenn er von einem bisherigen Kontakt mit den Falaschas nichts weiß. Wie ist es aber Kritik und Betrachtung iiiiiiiimiiiimimiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiii Ironie des Schicksals, des jüdischen Schicksals, war es, was einen die Worte Lloyd Georges in der großen Palästina-Debatte im englischen Unterhaus empfinden ließen. Vom sichtbarsten Podium der englischen Oeffentlichkeit herab hat der Ministerpräsident des britischen Kriegskabinetts als der berufenste Zeuge verkündet: ״Ein Jude hat unsere Armee im kritischen Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes gerettet!" Die Erfindungen des Chenykers Weizmann haben den Engländern die Verteidigung gegen die Deutschen möglich gemacht — die wieder nur durch die ,Leistungen des jüdischen Nobelpreisträgers Haber Krieg zu führen in der Lage waren. Wie diese zwei Juden in ihren Laboratorien, so standen sich Tausende und aber Tausende Juden auf beiden Seiten der Schlachtlinie gegenüber und schossen aufeinander im Dienste ihrer Vaterländer. Jetzt wird ihnen dafür ihr Patriotismus abgesprochen, werden sie zu einer dunklen ״internationalen Macht“ gestempelt und ihnen eine ״Weltverschwörung“ angedichtet. Dafür wird jetzt im deutschen Stiefvaterland das Andenken der zwölftausend' jüdischen Kriegsgefallenen geschändet, werden ihre Hinterbliebenen gepeinigt und gemartert. Dafür müssen jetzt die Juden in der ihnen von den Engländern zum Dank für ihre Dienste geschenkten, ״H ei ms tä tt e" bei ihnen um den Schutz betteln, den sich selbst zu schaffen, ihnen, den Juden, versagt wird. Es ist, als wollte die Welt sie dafür strafen, daß sie mit ihrem Geist und ihren Leibern die Parteien in ihrem mörderischen, nicht ganz gefahrlosen Ringen unterstützt haben, was allerdings bekanntermaßen nicht immer völlig freiwillig geschah. Denn wer weiß, ob nicht manches Uebei Europa erspart geblieben wäre, wenn die Juden Weizmann und Haber ihre Erfingungen nicht gemacht oder zumindest deren Verwertung für Kriegszwecke nicht ermöglicht hätten? Und wer weiß darüber hinaus, ob den Juden nicht viel Ungemach erspart geblieben wäre, wenn nicht immer wieder Juden ihre Begabung und Fähigkeiten überhaupt, ihre Liebe und Hingabe der fremden Umwelt zur Verfügung gestellt hätten, anstatt sie im eigenen Kreis zu verwerten? Unterstützung aller Machtmittel des Staates so zu lenken weiß, daß eine andere als die von ihr gewünschte ״Volksentscheidung“ unmöglich wird. Der ehemalige Leiter des ünterstaatssekretariats für Presse und Propaganda beim Ministerratspräsidiuni, Viorel Tilea, einer der Gründer der ״Rumänischen Front“ und die rechte Hand Vaida-Voevods, erklärte in einem Gespäch mit dem J.-T.-A.-Vertreter, der Rechtsblock habe zwar alle Aussichten, das kommende Kabinett zu bilden, doch werde das antisemitische Programm gewisser Mitglieder der Koalition abgeschwächt und durch die Formel des ״Numerus proportional!s“ ersetzt werden. Diese Formel zielt nicht auf den vollständigen Aus- Schluß der Juden aus der Wirtschaft und den freien Berufen ab, sieht aber ihre Zulassung ״entsprechend ihrem zahlenmäßigen Verhältnis zu der dem Blute nach runiänisehen Bevölkerung“ vor; das heißt, daß von hundert Angestellten einer Unternehmung *achtzig Rumänen sein müssen, während acht Ungarn, vier Deutsche, vier Juden und vier Angehörige anderer in Rumänien lebender Minderheiten sein können. Keineswegs ist aber andererseits ein Anspruch der Minderheiten auf proportionelle Vertretung in denjenigen Berufszweigen vorgesehen, in denen sie schwächer, als es ihrem 1Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht, vertreten sind. Da die Juden im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung fast durchwegs Städter sind und jüdische Bestrebungen zum Uebergang zur Land- Wirtschaft aus ״natioalen Gründen“ stets bekämpft wurden, würde auch die Einführung des sogenannten ״Nu* merus proportionalis“ zur wirtschaftlichen Vernichtung der rumänischen Judenheit führen. zu deuten, daß auch die italienische Judenheit es ignoriert?! Bei gesunder Ueberlegung müßte es sich um geregelte Fortsetzung der ersprießlichen Tätigkeit des Dr. Faitlovitch und seiner Komitees handeln. Wir erwarten von der ruhmreichen Kultur Italiens, daß sie das auf jüdischem Gebiet bei den Falaschas bereits Erreichte nicht vernichte, sondern die Tätigkeit, die der Negus mit Wohlwollen guthieß und schützte, in erhöhtem Maße fördere. Tagung des orthodoxen Zentralkomitees in Ungarn. Die orthodoxe Zentralkanzlei hat den orthodoxen Zentralausschuß nach Budapest einberufen, um in den laufenden Angelegenheiten sowie in den allgemeinen jüdischen Belangen der heutigen außergewöhnlichen Zeiten ihn um seine Ansicht zu befragen. Die Beratungen wurden vom Präsidenten Samuel Kahan-Frankl eröffnet. Anwesend waren Oberhausmitglied Adolf Frankl, der Ehrenpräsident der Landeskanzlei, und der Rechtskonsulent der Kanzlei, Dr. Emerich Reiner, ferner zahlreiche Mitglieder des Landes-Rabbinerkollegiums. Der geschäftsführende Präsident Ludwig Hartstein mußte wegen Unpäßlichkeit der Sitzung fernbleiben. Der Ausschuß beriet eingehend die schweren Probleme, die das Gesamtjudentum, die heimische jüdische Konfession und insbesondere die Orthodoxie in ihren Existenzinteressen berühren. Die Angelegenheit der neuen Statute n, 'die Krise der^e s c h i wo s, die gefährdete Existenz der Jugend, das künstlich angefachte Feuer des sinnlosen Hasses wurden von den Mitgliedern des Zentralkomitees in den Kreis ihrer Betrachtungen gezogen. Auch die schmerzlichen Ereignisse in Erez J i s r o e 1 und die Möglichkeiten zur Förderung der Palästina-Arbeit würden besprochen. Einzige Jüdisdie Handelssdiule kaufm. Wirtschaftsschule für Knaben und Mädchen, Abendkurse für Damen und Herren, Wien, II., Taborstraße 39. Aufnahme täglich 10—12 vp!il 3—5, Samstag geschlossen. Vorbemefkufig der Redaktion: Aus Jugoslawien werden wir um Veröffentliehung dieses Aufrufes gebeten. David Frankfurter hat bekanntlich den Schweizer Na2iführer Gustloff ermordet. — Wir können dem Ersuchen um Veröffentlichung nicht nachkommen, ohne nachdrücklich unsere seinerzeit schon kundgegebene Stellungnahme zu wiederholen: Die Ermordung Gustloffs dur־eh Davi,d Frankfurter war die Schreckenstat eines bis zur Ekstase Verzweifelten. Die Judenheitlehnt jeden Terror und jede Gewalt als Mittel im politisehen und Machtkampf ab. Mord ist eine jüdische Kampfmethode nicht.• Die Schüsse von Davos, die Tat David Frankfurters, haben in der ganzen Welt Widerhall gefunden. Sie haben sogar einen gewissen Erfolg gehabt: Die Schweiz hat sich intensiv gegen die nationalsozialistische Wühlarbeit auf ihrem traditionell liberalen Boden zur Wehr gesetzt und der nationalsozialistischen Propaganda ein Ende gemacht. Man mag sich zu David Frankfurters Tat stellen, wie man will, mag sie eine unüberlegte Verzweiflungstat nennen, die ״den Juden“ nun wieder einmal in den Augen derer, die so sehen wollen, zum Mörder stempelt, unbestritten steht fest, daß dieser junge jüdische Mensch nicht aus egoistischen, nicht aus geltungstrieblichen Gründen handelte, sondern im vollen Bewußtsein, eine Teils-Tat zu vollführen, im vollen Bewußtsein, auch die Konsequenzen auf sich nehmen zu müssen. David Frankfurter trägt diese Konsequenzen heute. Er sieht dem Verhandlungstage gefaßt entgegen. An uns Juden aber ist es, nun dafür Sorge zu tragen, daß Geldsummen für seine Verteidigung aufgebracht werden, uns überhaupt um seine derzeitigen und späteren Verhältnisse zu kümmern. Lesen wir politische Prozesse der Nazis, so sehen wir stets ungeheure Summen aufmarschieren, welche mitkämpfen für die Parteigenossen, die sich exponiert haben. Und wo bleiben wir? Wir rufen das gesamte Judentum auf für eine Sammelaktion zugunsten der Verteidigung und Sicherung des Juden David Frankfurter, der sein Leben einsetzte in dem Kampf mit jenen Mächten, die Hunderttausende von Juden entrechten, verbannen, an Leib und Leben schädigen. Wer möchte da Zurückbleiben? Sind wir!wirklich nicht mehr die Juden von einst, die Zusammenhalten, alle für einen, wo einer für alle stand? Es ist ein dringender Mahnruf! David Frankfurters Sache ist die Sache eines jeden von uns! Wir hoffen, daß unser Ruf nicht ungehört. verhallt! Die Hose als Politikum Der ״Fränkische Kurier" in Nürnberg teilt mit: Bei einer Eisenbahnfahrt hatte ein Mann Anstoß erregt. Fahrgäste hatten ihn für einen SA-Mann gehalten, weil er Schaftstiefel und eine dunkelbraune Hose trug. Als sich herausstellte, daß der Mann Jude war, kam es zu einer Klage. Es wurde festgestellt, daß die Hose, die früher hellbraun gewesen war, schon 1933 auf Verlangen des Kreisleiters dunkelbraun gefärbt wurde, daß sie aber dann durch den Gebrauch wieder heller geworden sei, so daß mindestens grobe Fahrlässigkeit vorliege. Der Angeklagte erhielt wegen groben Unfugs 6 Wochen Haft. Die Berufungsinstanz bestätigte das Urteil. So wird jetzt in Deutschland für den Humor gesorgt. Allerdings nur für die Nichtjuden. Die Juden aber haben nichts zu lachen. | Im Angesichte des Todes Von allen Völkern aüserwählt — so glauben wir — ist Jisroel. Auserwählt aus der Mitte Jisroels ist der Stamm L e v i. Die Auserwählten dieses heiligen Stammes aber sind die Kohanim. Nicht wie die geistigen und politischen Führer von Menschen bestimmt, sondern von G-tt zu ihrer erblichen Würde berufen, sind die Söhne Aharons Mittler zwischen G-tt und seinem Volke. Darum müssen auch diese Ausefwählten Jisroels seine Auserlesenen sein. Darum soll der Kohen — wie einst der die Opferhandlung vorriehmende Priester körperlich fehllos sein mußte — in 'seinem Alltag ohne Makel und Tadel dastehen. Darum die gebotene Vorsicht bei der Wahl seiner Gattin und 4*e befohlene Fernhaltung von Toten. Darum andererseits die Ehren, die dem Kohen gebühren. Und so ist auch das Gebot der Thora: ״Keiner (der Kohanim) soll an einer Leiche sich verunreinigen in seines Volkes Mitte“, selbst in Zeiten religiösen Tief- Standes streng beobachtet worden. Die Besonderheit seiner Aufgabe, die den Kohen über die Allgemeinheit hinaushob, ließ ihm diese Aufgabe als etwas Besonderes erscheinen. Die persönliche Verantwortung, die der Kohen als solcher trug, empfand er — zum Unterschied von den Pflichten, die er in seiner Eigenschaft als gewöhnlicher Jisroel hatte — nicht als persönliche Angelegenheit, sondern als eine der jüdischen Gesamtheit. Aus dem — vielleicht unbewußten — Gefühl heraus, daß es um den Adel des jüdischen Adels gehe, hat Aharons Geschlecht für seine ״Reinheit“ gesorgt. Und so sei denn angesichts der Tatsache, daß der Mann, den die Geburt zum Kohen und die bessere Wahl- Propaganda zum Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde bestellt hat, sich jüngst (anläßlich des Begräbnisses des verstorbenen Oberrabbiners) über Gebot und Herkommen hinweggesetzt, zu bedenken gegeben: Kann dieser Mann, der der ihm von G-tt selbst gestellten Aufgabe, als Vertreter und Anwalt des jüdischen Volkes zu wirken, die Erfüllung versagt, dieser Aufgabe, wenn sie nun von Menschen an ihn ergeht, gerecht werden? Ist ihm, der der ihm mit seiner Geburt zuteil gewordenen Verantwortung nicht gewachsen ist, ein bloß durch die Zufälle der Politik bedingtes Verantwortungsbewußtsein, zuzutrauen? Ist von ihm, der seinen eigenen ererbten Adel verletzt, Verständnis für den wahren, inneren Adel des Judentums zu erwarten? 1 ״Staub bist du und zu Staub kehrst du wieder!“ I ist des Schöpfers Spruch über die Hülle des Menschen. Wenn die Seele vom Körper sich trennt und der Geist, wie es seine Bestimmung ist, zu G-tt geeilt, soll auch der Körper seiner Bestimmung nicht vorenthalten bleiben, sondern der Erde zurückgegeben werden, soll er zu seinem Bildungselement heimkehren. Selbst eines Gehenkten Leichnam sollst du nicht übernachten lassen am Baume; begraben mußt du ihn am selben Tage“, befiehlt die Thora. In andere Auflösung den Menschenleib übergehen zu lassen, hieße den von G-tt gesetzten Kreislauf wirklich stören, den g-ttlichen Stempel, den jener getragen, auf unwürdige Weise auslöschen. So denkt das jüdische Gesetz darüber. Anders dachte wohl der vor kurzem verstorbene Vorsitzende des ״Zbntralvereines der Juden inDeutschland", der da geglaubt hat, sein Erscheinen vor dem g-ttlichen Richter durch die Einäscherung seiner Ueberreste im Krematorium Wilmersdorf vorbereiten zu müssen. Wie aber der Berliner Oberrabbiner Dr. Leo Baeck, also ein Exponent der jüdischen Religion, der bei dieser ״Weihe zelebrierte", darüber denkt, ist nicht ganz klar. Wenn er überhaupt denkt, was bei den Reformrabbinern nicht unbedingt der Fall zu sein braucht. * In dreifacher Beziehung hätte er sich geirrt, pflegte der Bal-Schem zu sagen. Die Bader hätte er wegen ihrer fortwährenden Beschäftigung in der Mikwoh für die personifizierte ״Reinheit“ gehalten, was, wie er sich überzeugte, nicht stimmte. Die Sforimhändler hätten seiner Meinung nach wegen der Möglichkeiten, die ihr Beruf ihnen böte, die fleißigsten Lemer sein müssen, was, wie er fesfcstellte!, keineswegs der Fall wäre. Die demutvollsten und bußfertigsten Menschen, hätte er endlieh geglaubt, wären die Totengräber, deren Sinn durch die fortwährende Nähe des Todes und den steten Anblick der Toten von der Vergänglichkeit allen Seins erfüllt sein müßte... Allein, er hätte nur rohe und g-ttlose Menschen unter ihnen gefunden. Beim Abschied von einem Toten müßten eigentlieh — so sollte man meinen — die, die noch ein Weilchen leben dürfen, sich Zurückhaltung auferlegen. In einem solchen Augenblick, wo jede Nichtigkeit als Sünde empfunden wird, wie darf man da eine Sündefüreine Nichtigkeit ansehen? Wie darf man dort, wo zwei ,Welten aneinandergrenzen, gerade die Religion, die sie miteinander versöhnt, verletzen? Allein, dies scheint ein Irrtum zu sein. Denn sonst müßten ja die Totengräber die demutvollsten und bußfertigsten Menschen sein...