Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 47 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nf. 47 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 Aus Erez Jisroel Poale Agudas Jisroel in Jerusalem. — Gemeinderatswählen in Tel-Aviv. — Agudistische Aussprachen. — Kommt der Legislativ Council? — Zertifikate für ortjiodoxe Juden aus MarmaroS. — Rabbinerberatungen. Die Poale Agudas Jisroel in Jerusalem, die sich zusehends gut. entwickelt, ist nun aus dem Stadium der organisatorischen Vorbereitung herausgewachsen und 2ur praktischen Arbeit übergegangen. Jüngst wurde die Grundlage für die Schaffung von Wirtschaftliehen Kooperativen, einer Handwerkerschule und einer Darlehenskasse geschaffen. Seit zwei Wochen beschäftigt sich bereits die Bevölkerung Von Tel-Aviv lebhaft mit den bevorstehenden Gemeinde wählen. Unter den Verschiedenen Parteien finden unausgesetzt Beratungen statt und allei’lei Voraussagen über das Wahlergebnis bilden das Tagesgespräch. Der bisherige Bürgermeister von Tel-Aviv, M. Dizengoff, der wegen einer Brüskierung durch die Palästina-Regierung erklärt hatte, in den Gemeinderat nicht mehr kandidieren zu wollen, soll angeblich — wie verlautet — diesen Entschluß über persönliche Intervention des High Commissioner zurückgezogen haben. Gelegentlich der jüngsten Sitzung dar Mitglieder der Expositur der Agudas-Jisroel-Weltorganis a t i o n erstatteten die Führer der Poale Agudas Jisroel in Jerusalem, die Herren Eisenberg und I. M. Kleinlehrer, einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der Jerusalemer Gruppe in den letzten Monaten und über das Arbeitsprogramm für die nächste Zeit. Die Vertreter der Poale Agudas Jisroel forderten insbesondere ein Einschreiten gegen die glaubenstreuen jüdischen Arbeitgeber, die noch nicht dazu gebracht werden konnten, orthodoxe Angestellte und Arbeiter zu beschäftigen. Einige Tage nach dieser Sitzung fand eine Vorsprache der Vertreter der Zeire Agudas Jisro.el in Tel-Aviv bei den Mitgliedern der Weltexpositur statt, die zu einer eingehenden Aussprache über alle agudistischen Probleme führte. Mit der Rückkehr des High Commissioner nach Palästina hat die Frage des Legislativ Council neuerdings Aktualität gewonnen. Klarheit darüber, was für Richtlinien Sir Wauchope aus London mitgebracht hat, besteht nicht, obwohl allem Anschein nach die Araber den Gesetzgebenden Rat bereits als beschlossene Tatsache ansehen. Vergangenen Mittwoch fand eine gemeinsame Beratung der Führer der Agudas Jisroel und der Führer der Zionistischen Organisation statt. Von den Zertifikaten, die die Regierung der Hitachduth Haikarim überlassen hat, wurden 150 für jüdische Familien aus der Gegend von Marmaros verwendet, die zum Teil auch schon im Lande eingelangt sind. Für die orthodoxe .Tudenheit bedeutet dieser Zustrom religiöser Elemente die Hoffnung, daß sich um sie herum neue religiöse Kreise bilden werden. Seitens der Agudas Jisroel werden Anstrengungen gemacht, diesen orthodoxen Juden aus Marmaroä die Ansiedlung in jeder Weise zu erleichtern. In diesem Zusammenhang fand auch eine Besprechung zwischen Rabbi Mosche Blau und dem Präsidenten der Bauernvereinigung, Smilansky, statt. Am Rosch Chodesch Kislew fand in Jerusalem eine große Beratung aller Rabbiner des Heiligen Landes statt, bei der über die erschütternde Lage auf religiösem Gebiet beraten und Wege zur Abhilfe gesucht wurden. An der Konferenz beteiligten sich auch als Vertreter der Aguda Rabbi Mosche Blau und Rabbi Sienkewitsch. Oberrabbiner Duschinsky und der Gerrer Rebbe hatten der Konferenz Botschaften überbringen lassen. Menachem!Glikman-iPorusch. |l=־Lvos Woclic «1 Ugggj X u Wocl» c Jßim\ Der österreichische Minister für soziale Ver- ■waltung, Professor Dr. D obr et sb er g er, erklärte einer Abordnung des'Verbandes der jüdischen Aerzte: ,Jch bin kein Antisemit, Sie können es mir glauben. Wer eines Menschen Antlitz trägt, gilt mir gleich. Ich urteile nur nach dem inneren Wert, nach Moral und Tüchtigkeit.“ Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat der Verband der jü dis c he n Landwirte P aläs t in as beschlossen, bei Rechowot eine neue Kolonie zu gründen, wo 150 Familien angesiedelt werden sollen. Die Zahl der im Oktober 1935 nach Palästina eingewanderten Juden wird amtlich mit 5631 angegeben. Von den Einwanderern gehörten 399 der Kategorie A, für die ein Vorzeigegeld von 1000 Pfund vorgeschrieben ist, an. Die Nettozunahme der jüdischen Bevölkerung im Monat Oktober betrug 7397 Personen. Im Monat Oktober hat die Palästina-Regierung 40 jüdischen Aerzten und einem arabischen Arzt die Erlaubnis zur Ausübung der Praxis erteilt. Ferner wurden zur Praxis zugelassen acht jüdische Apotheker, sieben jüdische Zahnärzte sowie zwei jüdische und eine arabische Hebamme. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, sind im Monat Oktober durch die American Palest ine Corporation allein 586.000 Pfund nach Palästina gebracht worden. Der Kapitalszustrom in diesem Monat wird insgesamt auf eine Million Pfund geschätzt. Dem amtlichen Finanzbericht zufolge, betrugen die Einnahmen der Palästina - Regie rung vom 1. April bis 30, September 1935 2,968.612 Pfund. In demselben Zeitraum des vergangenen Jahres hat die Palästina-Regierung 2,406:206 Pfund eingenommen. In Warschau verstarb die 1814 geborene, somit 121 Jahre alte Frau Heni Mirjam Szwycka. Sie lebte in Armut bei ihrer 75jährigen Tochter, einer Gefliigelhändlerin, die ihr jüngstes Kind war, und war bis in die letzten Tage rüstig, Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, sind im Laufe des Monats November etwa 4500 Juden nach P alästina eingewandert. Die amtlichen Ein- I wanderungszahlen werden erst zu einem späteren Zeitj punkt veröffentlicht. j Infolge einer Unwetterkatastrophe wurden die 1 tiefergelegenen Teile von Tel-Aviv unter Wasser gej setzt. Menschenleben waren nicht gefährdet, H. Grün, H., Taborstraße 8 b, Telephon R-42-3-66, ן Atelier für feine Herrengarderobe. E Beratungen mit den agudistischen Jugendgruppen in der Provinz Um die Arbeiten der agudistischen Jugendgruppen in Oesterreich zu intensivieren und den persönlichen Kontakt der Leitung des Landesverbandes mit den Vorständen der Jugendgruppen herzusteilen, hat der Landesverband beschlossen, einige seiner prominentesten Mitglieder zur Abhaltung von Konferenzen in die Provinz zu entsenden. So fanden vor wenigen Tagen Beratungen mit den Gruppen in Baden,■ Wiener Neustadt uns Mattersburg statt. Die Besprechungen gaben die Möglichkeit, die von den Jugendgruppen geleistete Arbeit genau kennenzulernen und Anregungen für die weitere Tätigkeit zu geben. Es ist erstaunlich, welche Leistungen die Gruppen, von (denen wir in erster Linie die M a t- י tersburger Gruppe hervorheben wollen, die zu den jüngsten Gruppen zählt und der es in der kurzen Zeit ihres Bestandes gelungen ist, die orthodoxe Jugend in Mattersburg für Agudas Jisroel zu gewinnen und zu einer festgefügten Einheit zusammenzuschließen, aufzuweisen haben. Die Leitung der Jugendgruppe in Matter!.- bürg ist äußerst agil und führt alle Aguda-Aktionen ln einer Weise durch, die wir den!Schwestergruppen zur Franzbranntwein w_ ALPA zu Massagen und Einrei bungen des Körpers Nachahmung empfehlen können. Auch m Baden und in Wiener Neustadt wurden die Erwartungen, die wir an die Besprechungen geknüpft haben, weit Ubertroffen und auch in diesen Orten wird in nächster Zeit rege Propagandatätigkeit und Organisationsarbeit entfaltet werden. Sowohl in Wiener Neustadt als auch ifc Baden stehen junge Leute an der Spitze, die bedeutendes Verständnis für die Ideen der Aguda haben und ihre wertvollen Kräfte in den Dienst unserer heiligen Aufgäbe stellen. In nächster Zeit sollen überall Propaganäa-Ver- Sammlungen stattfinden, um weitete Kreise zu gewinnen. Der erfreuliche Erfolg dieser persönlichen Fünlungnahme veranlaßte die Leitung des Landesverbandes, in nächster Zeit auch die anderen Gruppen zu besuchen, um vorerst Besprechungen zu pflegen und dann rege propagandistische Arbeit zu entfalten. In den nächsten Monaten soll dann der De!egierten tag stattfinden, um gemeinsam die Pläne für die Tätigkeit in den nächsten Jahren auszuarbeiten. B. S. W. Prüfungen an der Wiener Beth-Jakob-Schule. Am letzten Schabbos fand in der Beth-Jakob-Schule (Obere Donaustraße 12) die erste Prüfung der Schülerinnen in diesem Schuljahre statt. Die Herren, die vom Vorstande mit der Prüfung beauftragt waren, konnten sich von den schönen Erfolgen, die dank der vorzüglichen Leitung der Lehrkräfte erzielt wurden, überzeugen. Die Schülerinnen aller vier Klassen beherrschten den durchgenommenen Lehrstoff ausgezeichnet. Der besonders gute Erfolg der Prüfung hat den Vorstand veranlaßt, die Prüfungen regelmäßig jeden zweiten Schabbos abzuhalten. Agudas-Jisroel-Mädchengrappe Wien. Der allwöchentliche Sidra-Vortrag findet um 1/2H Uhr vormittags in der ״Wienea" statt. Trauersitzung nach Reb Mosche Felsenburg s. Z. 1. Am Sonntag, den 8. Dezember, um 5 Uhr nachmittags, findet im Sitzungssaale der Agudas Jisroel, II., Leopoldsgasse 16 (Eingang Malzgasse 12 a), eine Trau er.Sitzung nach dem Präsidenten des ״Schomre Schabbos" und Vorstandsmitglied der ״Agudas Jisroel", Mosche Felsen.bürg s. Z. 1., veranstaltet vom Vorstand der Agudas Jisroel und dem Vorstand der ״Schomre Schabbos“, statt, zu welcher die Herren Vorstandsmitglieder auch auf diesem Wege eingeladen werden. Präsidium der ״Agudas Jisroel". Präsidium des ״Schomre Schabbos ‘. Jüdische fkiiüet Nachstehend veröffentlichen wir aus dem neuen Werk des Vortrupp - Verlags ״Jüdische Mütter“ von Egon Jacobsohn (Preis kart. RM 2.80, geb. 3.60) im Vorabdruck nachstehendes interessante Kapitel. Wie uns der Verlag mitteilt, gelangt das Buch an Vorbesteller noch vor Chanukah zur Auslieferung.; Die jüdische Mutterschaft ist kein Selbstzweck, darum ist sie niemals zum Mysterium überhoben, zum Kult übersteigert worden. Mutter werden, Kinder zur Welt bringen kann jedes Tier; die jüdische Mutterschaft ist verbindlich, nicht das Kind ist ihr Ziel, sondern das jüdische Kind, die Jüdischkeit der Kinder. Der Sinn der jüdischen Mutterschaft geht zugrunde, wenn die Jüdischkeit des Kindes in Frage gestellt ist. Zur Makkabäer-Zeit läßt Antiochus Epiphanes sieben Brüder und ihre Mutter festnehmen und foltern, um sie zur Uebertretung des jüdischen Gesetzes zu zwingen. Die Söhne ziehen den Tod dem Verrat vor. Als sechs Brüder vor den Augen der Mutter hingerichtet sind, läßt der König die Frau kommen und legt ihr nahe, den Jüngsten um der Erhaltung des jungen und ihres Lebens willen zur Uebertretung zu überreden. Die Mutter sagt ja und — lacht. י Die Haltung dieser Frau ist von Anfang an bestürzend und monumental. Neben der Mütterlichkeit, wie unser Spätlingsgeschlecht sie sich vorträumt, nimmt sie sich aus wie Erz neben Wachs. Diese Mutter sieht an einem Tage ihre Söhne einen nach dem andern in der Folter sterben und bis ans Ende hart, fest, treu bleiben, sieht das mit Geduld und mit Vertrauen auf G-tt und mit solchem Mut, daß sie die Söhne noch zu trösten vermag. Selbst der Chronist solchen Heldentums kommt mit seinen Vorstellungen von Mutter tum ihr nicht bei und sagt, sie faßte sich ״ein männlich Herz“, doch die nächsten zweitausend Jahre sollten in Kreuzzügen und Pogromen, in Spanien und der Ukraine, in Marokko und Jemen noch mehr jüdische Mütter mit dermaßen ״männlichen“ Herzen sehen. Die Mutter der sieben Söhne hat nichts Männliches, sie hat sich ein Herz gefaßt, sie hat all ihre Jüdischkeit bis ins Gigantische gesteigert, ihre Söhne getröstet und den fremden Köng verächtlich geschmäht, nicht wutrasend, nicht schmerzbrüllend, sondern klar, fest, in ihrer Sprache, und als Antiochus sie bittet, den Jüngsten zum Leben zu bereden, da lacht sie, nimmt den Knaben beiseite und beredet ihn — zu sterben, gern zu sterben, treu zu sterben. In ihrem Lachen ist Saras schmerzliche Ironie, Rebekkas sorghafte List, Leas stumme Demut, Rachels sterbende Verzweiflung, es ist die hochmütigste und hochgemuteste, tollkühnste und resignierteste Mütterlichkeit: sie verzichtet zum siebentenmal auf das Kind, dessen Jüdischkeit sonst verraten würde. Jüdisch oder tot! Die legitimere, unblutige, idyllische Mütterlichkeit der biblischen Hanna ist von gleichem Wesen, nur nicht in dem tragischen Konflikt auf Tod und Leben, sie ist aufs Leben gestellt. Auch Hanna ist eine der großen Unfruchtbaren, und sie ist von solcher Verschlossenheit, daß sie stumm ist im Heiligtum. Sie betet und tut ihr Gelübde so verschlossen, daß der Priester sie für trunken hält. Er stellt sie zur Rede, und sie antwortet, zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit, die nur eine Geschichte der fruchtbaren Mütter sein kann, die ewigen Worte aller fraulichen Unfruchtbarkeit: Ich bin ein bedrückt Weib, ich habe mein Herz vor Ihm ausgeschüttet. Sie hat damit in Gebet und Gelübde all ihre Verschlossenheit ausgeschüttet, Sie wird ein Kind gebären und es G-tt weihen. Sie wird den Samuel neun Monate tragen, in Schmerzen gebären, säugen und entwöhnen und für all sein Leben G-tt anheimgeben. Die jüdische Mutter wird ein Kind haben und nichts von ihm ״haben“, ״Geboren soll werden zu G-ttes Ehren!“ Und tausend Jahre später wird eine jüdische Mutter ihrem Mann den Tod ihrer Söhne so erklären, als wären Kinder eine kostbare Gabe, die ihnen nur geliehen ist; und muß man Geliehenes nicht klaglos zurückgeben? * Der Liebe bis zur Verzichtkraft einer jüdischen Mutter kann nur die Innigkeit bis zur Verzichtkraft der Selbstaufgabe des jüdischen Kindes entsprechen. Wie die jüdische Mutter von ihrem Kind nichts für sich will, so will das jüdische Kind alles für die Mutter. Das Gebot, die Mutter zu ehren, ist nur die Grundlage, die Forderung des Mindesten. Die Mutter des Rabbi Tarfon machte auf ihrem Hof einmal einen Spaziergang mit ihrem Sohn, und ihr Schuh hatte sich gelöst. Da legte Rabbi Tarfon seine Hände unter ihre Fußballen, und sie schritt auf ihnen einher, bis sie zu ihrem Diwan gelangte. Als er eines Tages erkrankt war und die Gelehrten ihn besuchten, da sprach sie: Betet für meinen Sohn Tarfon, er erweist mir Ehre in höherem Maße, als, mir gebührt. Da fragten sie, und sie erzählte ihnen die Geschichte. Sie aber antworteten: Wenn er noch hundert- und tausendmal mehr täte, reichte er noch nicht an die Ehrung heran, welche die Thora vorschreibt. Und fast zweitausend Jahre später kommt Rabbi S u n d e 1, der in Kurland zu Haus und arm war und seine Mutter wie eine Fürstin umdienerte, eines Abends spät heim und will sich schon schlafenlegen, da fällt ihm ein, daß ״er ja den ganzen Tag über keine Gelegenheit gehabt hat, der Mutter Liebe zu zeigen, und es heißt doch: Ehre deinen Vater und deine Mutter! Jetzt allerdings, nachts, ist es zu spät. Er kann ihr nichts mehr kochen, nicht mehr ihr Bett herrichten, sie schläft schon. Er sinnt und sinnt, wie er seiner Mutter Ehre antun könnte, und geht schließlieh hinaus auf die vom Herbstregen durchweichte Gasse, sucht Steine zusammen, häuft sie auf und reiht sie zu einem Pflastergang aneinander, der von seinem Häuschen - zum Bethaus führt. Damit die Mutter, wenn sie am anderen Morgen aufsteht, auf trockenem Wege ins Bethaus gehen kann. * G-tt zeigte Adam, so heißt es, die Menschengeschlechter, die nach ihm leben würden. Versuchen wir, mit seinem umfassenden Blick auch nur rückwärtszusehen, so zerfließen uns die Millionen jüdischer Mütterbilder in eins, und vor uns steht das einfache und in seiner Vielfalt doch klare Gesicht der jüdischen Mutter. Was tut es, daß die Lebensbedingungen verschiedener Zeitalter auch einzelne Züge unserer Mütter verschieden prägten, daß die eine einer Fürstin gleich unabsehbare Strecken südlichen Landes, daß sie Dienerinnen in Fülle zu lenken und zu betreuen hatte, und daß die andere in einem nördlieh kalten Nest auf dem Markt stand und Gurken verkaufte? Daß die eine aus Italien nach Konstantinopel zog und, im 16. Jahrhundert, ein Welthandelshaus begründete und die andere, aus einer deutschen Stadt vertrieben, in einer böhmischen hausieren mußte? Daß die eine sich schmückte und die andere ums nackte Brot zu kämpfen hatte? Daß die eine orientalische Schleier und die andere ein polnisch bäuerliches Kopftuch trug? Daß die eine in Freuden und Frieden, in Reichtum und Ehre, die andere in Trauer und Gehetztheit, in Armut und Verachtung Mutter sein durfte? Die wesentlichen Stationen ihres Lebens sind die gleichen, jede gebiert unter Qualen, jede erzieht in Furcht und Lust ihr Kind, und nur wo der Sinn der Er- Ziehung, die Jüdischkeit, abgezogen oder verloren ist, wächst eine Zwiespältigkeit oft schon zwischen den Generationen, zuweilen schon im Herzen der Mutter selbst, und trübt das ewige Bild. Ihre Mütterlichkeit selbst ist getrübt. Doch wenn die Not über uns kommt, ist die Mutter unser letzter Trost und Fürsprech vor G-tt. ״In diesem Augenblick — heißt es im Midrasch — springt unsere Mutter Rachel vor, sie tritt vor den Heiligen, gelobt sei er, und spricht: Herr der Welt! Vor Dir ist offenbar, daß Jakob mich mit übergroßer Liebe liebte und um meinetwillen meinem Vater sieben Jahre diente. Als diese‘sieben Jahre um waren und die Zeit gekommen war, für meinen Herrn die Hochzeit zu rüsten, da faßte mein Vater den Entschluß, an meiner Statt die Schwester meinem