Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 46 (29.11.1935)
- Date
- 1935-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jüdische presse Nr. 46 Von Vor (Diener KoltnaomehVe Reichlich läng' hat es gedauert, bis Herr Stricker, als Erster im zionistischen .Lager, die Sprache gefunden hat, um eine Lanze für seinen sonst gutgehaßten Gegner Dr. Löwenherz zu brechen. Was Herr Stricker an Weisheiten über den künftigen Amtsdirektor der Kultusgemeinde verzapft, ist eines Abc-Schützen des politischen Kampfes würdig, aber nicht eines alten Kombattanten, der doch wissen müßte, daß er mit keinem Wort die Argumente entkräftet hat, die gegen dieses System sprechen. Daß er sein Herz für Dr. Löwenherz entdeckt hat, soll, verläßlichen Mitteihingen nach, damit belohnt werden, daß Herr Stricker, trotzdem sein Anhang so sehr geschwunden ist, der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde als Vizepräsident auferlegt werden soll. Uns Ist die Sache ja höchst gleichgültig, denn wir haben unsere Rechnung bereits gelegt und werden, nachdem sie liquidiert sein wird, ja aus diesem Milieu, in das wir durch äußeren Zwang gestellt sind, so bald als möglich'scheiden. Aber die Welt mag es doch erfahren, wie zionistische Gemeindepolitik gemacht wird. Nachdem der Vizepräsident eine Zeitlang ,,mit blutigen Händen am Räderwerk der Gemeinde gestanden hatte" und sich erst vor ganz kurzer Zeit in seinen Zeitungen als die verkörperte Selbstlosigkeit den Wählern in Balkenlettern empfahl, soll er jetzt in reichliche Versorgung als Amtsdirektor geschickt werden. Damit aber nur die Nichtjüdischnationalen in Opposition bleiben sollen und nicht durch eine zionistische Gegnerschaft gestützt werden, wird dem Todfeind von gestern die Vizepräsidentschaft Übertragen. Hier wie dort ist die Qualifikation die gleiche. Herr Stricker, der Mann, von dem der Volkswitz behauptet, daß er in Verlegenheit käme, wenn er einmal in einen Tempel gehen müßte, da ihn noch kein Mensch mit Kopfbedeckung gesehen hat, der Marin, der in der herausforderndsten Weise öffentlich gegen, :die religiösen Vorschriften, vielleicht sogar unbewußt, verstößt, dieser Mann soll zum Vizepräsidenten der, religiösen Gemeinde der Juden berufen, werden. Es wäre ja wirklich zum Lachen, wenn es nicht gar so traurig wäre. Dieser Mann soll über die rel.igiösen Bedürfnisse der Wiener Juden entscheiden und Dr. Löwenherz soll diese Entscheidungen praktisch durchführen. Wer will, soll dabei mittun. Wir haben genug und wollen hinaus aus dieser stickigen Parteiluft, in der keine religiöse Pflanze mehr gedeihen kann. Wir werden in den Augen der anderen Konfessionen zur Farce und müßten uns an dieser Beleidigung des Judentums mitschuldig machen, wenn wir schwiegen. Jedes andere Glaubensbekenntnis fordert nicht nur von seinen Gemeindefunktionären, sondern auch von seinen weltlichen Repräsentanten ״einen religiös vorbildlichen Lebenswandel" und nur bei uns Juden soll es möglieh sein, daß öffentliche Uebertreter des Religionsgesetzes Gemeindefunktionäre und Repräsentanten sein sollen. Jeder Mensch, dem Religion noch irgend etwas ist, wird daher Verständnis haben für unsere Devise: ״Sondert euch ab aus der Mitte dieser Gemeinde!" (IV., 16, 21.) Besserung der Lage der jemenitischen Juden. Wie aus dem Jemen gemeldet wird, hat sich die Lage der Juden in diesem südarabischen Staat gebessert, seitdem der Imam J a h i a wegen Alters und Kränklichkeit die Regierung seinem Sohne übertragen hat, dessen energisches Regime sich auch gegen die Judenverfolgung richtet. Juden dürfen jetzt nach Palästina auswandern, wenn sie ein Zehntel ihres Besitzes dem Staate überlassen, jedoch hat sich die Zahl der Emigranten vermindert. Die griechischen Juden begrüßen den heimkehrenden König. } Zum Empfang des griechischen Königs, der am 25. November in Athen eintraf, haben sich Massendeputationen der jüdischen Bevölkerung aus verschiedenen Gemeinden nach Athen begeben. Die jüdische Abordnung aus!Saloniki, der Stadt mit der stärksten jüdischen Bevölkerung in Griechenland, umfaßte etwa 1000 Personen. Die Gesamtjudenheit Griechenlands war bei dem Empfang des Königs durch eine Delegation repräsentiert, die unter der Führung des Oberrabbiners Dr. Zwi Koretz stand und der der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Saloniki, die Mitglieder des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Athen und die jüdischen Abgeordneten des griechischen Parlaments angehörten. Berufung eines weiteren דיין in das נ־ת דק der Adas Jisroel-Schiffschul Wie authentisch mitgeteilt wird, hat der Vorstand der Adas Jisroel (Schiffschul) Jm Einvernehmen mit dem Rabblnat den einhelligen Beschluß gefaßt, noch einen ריין in das בית רין zu berufen und ohne Verzug nach einer geeigneten Persönlichkeit für dieses verantwortungsvolle Amt Umschau zu halten. Es ist sehr erfreulich, daß gerade jetzt, in der Zeit der großen, geistigen Not, die Adas Jisroel sich in aufsteigender Richtung befindet. Das Bedürfnis nach תורה- Belehrung und מופר nimmt immer zu. So wurde in dieser Woche wieder ein שיעור für junge בעלי בתים eröffnet. Die Erweiterung der ,קהלד stellt immer größere Ansprüche an die הוראת. Diesen Umständen muß Rechnung getragen werden. Vereinbarung zwischen Aguda und jewish Agency?׳ Die zionistische Falcor meldet aus Jerusalem: Am 20. November fand eine gemeinsame Sitzung von Vertretern der Jewish Agency, des zionistischen Waad 1 eumi und der Agudas Jisroel statt, deren Tagesordnung die Schaffung einer gemeinsamen Front in politisehen Fragen war. Es soll zu einer Vereinbarung gekommen sein, nach der künftighin in politischen Fragen, die den gesamten Jischuw betreffen, nach außen hin gemeinsam vorgegangen werden soll. Um den Legislative Council. Die arabische Presse behauptet wiederum, daß die Vorarbeiten zur Proklamierung des Legislative Council Ende November abgeschlossen sein werden; der High Commissioner beabsichtige, in Konferenzen mit jüdischen und arabischen Führern die Frage des Legislative Council anzuschneiden, um dann das Gesetz über den Council in der ״Palestine Gazette" zu veröffentlichen. Wie der J. T. A. mitgeteilt wird, finden gegenwärtig zwischen der Jewish Agency und der Agudas Jisroel Verhandlungen über Bildung einer jüdischen Einheitsfront in der Frage des Legislative Council statt. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope ist plötzlich erkrankt und liegt mit hohem Fieber zu Bett. Doch glauben die Aerzte, daß er in der nächsten Woche wieder die Amtsgeschäfte wird ausüben können. Nachspiel zum Mord an den jüdischen Polizisten Bosenfeld Bei der Stellung der Räuberbande, die den Mord an dem jüdischen Polizeisergeanten Mosche Rosenfeld auf dem Gewissen hat, kam es in J e n i n zu einem regelrechten Feuergefecht zwischen der Polizei und den Banditen, wobei fünf Banditen und ein Polizist getötet wurden. Unter den! Toten befindet sich auch der Vorsitzende des mohammedanischen Jugendverbandes Scheikh Ahmed el Zaid. Während de'r Polizeibericht von Banditen spricht, behauptet die arabische Presse, daß es sich um eine politische Terroristengruppe handle. Die arabischen Blätter feiern die Toten als Opfer des Mandatsystems, das die Araber zwinge, als Räuber politisch zu kämpfen. Ein Schwerverwundeter erklärte! arabischen Berichterstattern, daß die Guppe nur Moslems; als Mitglieder aufgenommen und die Absicht gehabt habe, unter Führung des gleichfalls erschossenen Scheikhs Izz el Din el Quassam planmäßig führende Juden und! Engländer im Interesse des Vaterlandes zu ermorden. Anläßlich der Beerdigung von drei der getöteten Araber j überfiel eine etwa tausendköpfige Menge, die an der Beisetzung teilgenommen hatte, die Hauptstation der Polizei in Haifa, zertrümmerte sämtliche Fenster und verwundete mehrere Polizisten, zwei davon schwer. Einige Zeit darauf erfolgte ein zweiter Angriff auf die Polizei an der Eisenbahnstation. Die Fensterscheiben einer jüdischen Glasfabrik wurden eingeworfen und verschiedene jüdische Autos beschädigt. Dahei wurde ein Autoinsasse schwer verletzt. Unangenehme Kopfschmerzen können durch einfaches Bestreichen von Schläfen und Stirn mit Alpa- Franzbranntwein gelindert werden. Einreibungen mit Alpa lindern auch rheumatische Schmerzen und erfrischen hei Ermüdung. Einige Tropfen Alpa in ein Glas Wasser und Sie haben ein gutes Mundwasser. Ruhe in Polen. Gegen Wochenende trat in Polen eine Ruhepause in der Serie der judenfeindlichen Ausschreitungen ein. Am 21. November Würdeh in Warschau noch jüdische Passanten in den Straßen belästigt. Es ereigneten sich Vorfälle, die an die Zustände in Hitler-Deutschland erinnem. Ein christlicher Student, der sich in Gesellschaft eines jüdischen und ein jüdischer junger Mann, der sich in Begleitung eines christlichen Mädchens befand, wurden mißhandelt. Das christliche Mädchen mußte Versprechen, sich nie wieder in Gesellschaft eines Juden sehen zu lassen. Die Zentrale der nationalsozialistischen Partei in Lodz wurde polizeilich geschlossen. Die polnische öffentliehe Meinung ist durch die judenfeindlichen Ausschrei־ tUngen stark erregt. Die ״Gazeta Polska" kritisiert scharf die Urheber der Ausschreitungen und hebt hervor, daß es unbedingt notwendig sei, der Tätigkeit unverantwörtlicher Elemente, die dem traditionellen polnischen Geiste widerspricht, ein Ende zu machen. Polnischer Innenminister verspricht den Juden Schutz und Sicherheit. Die jüdischen Sejm-Abgeordneten und Senatoren in Polen wurden vom Innenminister Raczkiewicz empfangen, dem sie in einer längeren Konferenz die traurigen Folgen der in ganz Polen betriebenen antijüdischen Agitation schilderten. Die jüdischen Pariamentarier übergaben dem Minister reiches Material über die antijüdischen Exzesse und forderten die Herausgabe entsprechender Verordnungen, die den vollen Schutz von Leben, Gesundheit und Vermögen der jüdischen Bevölkerung in Polen garantieren. In seiner Antwort erklärte Innenminister Raczkiewicz, es seien bereits entsprechende Verordnungen über Schutz und Sicherheit für die Juden ergangen; die Regierung werde antijüdische Ausschreitungen nicht dulden. Polnische Regierung schreitet gegen Studenten- Exzedenten ein Eine Besprechung der Rektoren der vier Warschauer Hochschulen mit einem Vertreter des Kultusministeriums führte zu dem Beschluß, die infolge der judenfeindlichen Ausschreitungen der letzten Tage eingestellten Vorlesungen bis auf weiteres nicht wieder aufzunehmen. Der Vertreter des Ministeriums kündigte an, daß im Falle einer Wiederholung der Kundgebungen nach der Wiederau!‘- nähme der Vorlesungen die Hochschulen geschlossen würden, so daß sich alle Studenten hei einer Wiedereröffnung der Hochschulen ■ neu immatrikulieren lassen müßten. Historische Ausstellung anläßlich dar 300-Jahr- Feier der Amsterdamer aschkenasischen Gemeinde. In dem historischen Wag-Haus in Amsterdam fand anläßlich der 300-Jahr-Feier der Amsterdamer aschkenasischen Gemeinde die Eröffnung einer hiatorisehen Au sstellung des holländischen Judentums durch den Bürgermeister von Amsterdam, Dr. W. de Vlugt, statt. Nach einleitenden Worten des Präsidenten des Jüdischen Historischen Museums, Dr. D. E. Cohen, wies Bürgermeister Vlugt auf die große Rolle hin, die die Juden im wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lehen der Hauptstadt spielen. Die in dem prächtigen, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Wag-Haus untergebrachte Ausstellung ist mit großer ,Sorgfalt zusammengestellt und bietet einen erschöpfenden Ueberblick über die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Amsterdamer Judentums und sein religiöses Leben im Laufe von drei Jahrhunderten. Sehr bemerkenswert sind ‘die statistischen Auf- Stellungen über die Bevölkerungsbewegung;unter den Juden Amsterdams. Die Gemeinde ist von 10 Seelen im Jahre 1635 auf jetzt über 63.000 angewachsen. Bisher unveröffentlichte Zahlen illustrieren das rapide Anwachsen der Zahl der Mischehen (!): auf je 100 rein jüdische Ehen entfielen in den Jahren 1900 bis 1904 13, 1920 bis 1924 25 und 1930 bis 1934 4Q Mischehen. Kinderreichtum, aber auch Kindersterblichkeit sind hei der jüdischen Bevölkerung von Amsterdam zur Zeit geringer als bei der nichtjüdischen׳. I KLEINES FEUILLETON ■ Rabbim'sc/ie Geschichten Rabbi M eir SimcJio in DwinsJc zählte zu seinen Kunden,' die sich je am Donnerstag ihre Unterstützungsgelder für den Sabbat holten, eine arme Frau, deren Mann im Beshamidrasch den ganzen Tag lernte und deren Kinder in den Glieder gingen. An einem Freitag morgens stürzte die Rebbezin voller Erregung in das Lemzimmer des Gatten und klagte: ,Jäs ist die Gittel, der du gestern zwei Rubel gegeben hast, die mir heute früh auf dem Markte das Huhn aus der Hand weggekauft hat, da ich noch mit dem Bauer in Verhandlung stand. Ihr war der Preis nicht zu hoch.“ ,Jch wußte nicht“, erwiderte der Rabbi gutgelaunt, ״daß die arme Gittel auch ein Huhn zu Schabbos kauft, sie muß von nun ab einen Rubel mehr in der Woohe bekommen..." * Als Franz Josef, der besonders auch von den Juden geliebte Kaiser, einmal in Krakau war und seiner Gewohnheit gemäß auch der großen Synagoge einen Besuch abstattete, war das große Kaiserbild im Vorraum auf unerklärliche Art verschwunden. Geheime bübische Hand war offenbar im Spiel, um den Jaden Ungelegenheiten zu bereiten. Dar Kaiser kannte die Synagoge gut und die Lücke an der Wand fiel ihm sofort ins Auge, In seiner bekannten Leutseligkeit fragte er die jüdische Deputation nach dam Bilde. Die Harren waren in größte Verlegenheit geraten, allein der Oberrabbiner, Kabln Schimon Safer, rettete in seiner Geisteegegenwart die Situation mit einem klugen Worte: ״Eure Majestät“, sq sagte er, ״wissen, daß wir Juden täglich mit einem Symbol, Teßlin genannt, dem Kö71ig aller Könige im Himmel huldigen, Nur am 8 ab bat und an Feiertagen unterlassen wir es. Warum? Weil uns Gott an diesen Tagen so gegenwärtig ist, daß wir dieses äußeren Symbols entbehren können. Eure Majestät, ein■ Abglanz der himmlischen!dacht ist heute in unserer Nähe und wir dürfen uns seines Anblickes erfreuen. Ein Bild, auf Leinwand gemalt, wäre nur eine Abschwächung unserer iinmittelbaren Festes- Stimmung.“!1! Rabbi Na oh um in Grodno genoß die besondere Gunst des Gouverneurs: der sonst als wütender Judenfeind der Schrecken der Gemeinde war. Am Neujahrstage begab sich, wie üblich, eine jiidisohe Deputation, mit dem Rabbiner an der ßpitze, zum Gouverneur, um ihm die Grüße und Glückwünsche der Gemeinde zu überbringen. Als die anderen Herren gegangen waren, sprach der Gouverneur zum Rabbi: ״Ich weiß ja, was mir die Juden in ihrem Inneren wünschen, und wundere mich nicht über die anderen, die mit dem Munde segnen und im Herzen fluchen. Aber dir, Rabbi, hätte ich eine solche Heuchelei nicht zugetraut.“ ״Es ist uns allen heilig ernst um den ausgesprochenen Wunsch“, sagte der Rabbi- ,,Wir wünschen dir viel Glück zum neuen Jahre, Das heißt soviel: Du sollst in ein höheres Amt hinaufrüoken, in das des Generajgoyiverneurs oder eines Ministers und damit von Grodno weg nach Wilna oder Petersburg übersiedeln,“ Reb Eisele Oharif in Sfanim wurde von seiner Frau mit Vorwürfen überschüttet, daß er den ganzen Tag nur lerne, sich mit Gemeindeangelegenheiten abgebe und die ganze Sorge für Haus und Kinder ihr allein überlasse. ״Man nennt mich<(, lachte Rabbi Eisele, ,,den Gharif, das heißt einen scharfen Kopf, der in einer Minute erfasse, worüber andere sich wochenlang den Kopf zerbrechen. So geht es auch mit der Sorge, In einigen Minuten habe ich die Sorge, die dich die ganze Woche beschäftigt, ausgesorgt.“