Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 45 (22.11.1935)
- Date
- 1935-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nl.45 ‘ Ukdmtm PMmieit! Hie Verwaltung der ,)Jüdischen Presse*‘ wird auch heuer ׳ ihren treuen Lesern und neuen Abonnenten, die die Bezugsgebühr für das Jahr 1936 bis Ende Dezember d. J. bezahlen, wertv0iIe Bücherprämien widmen, die , sich gleichermaßen für Oes ohe n k z we c k e eignen sollen, wie sie eine Zier d e jedes Bücherschranks sein werden. Nur daß sich *heuer die Prämienaktion dadurch ein wenig verzögert, daß uns gerade das Beste für unsere Leser erst gut genug ist und wir unter den herrlichen und teuren Werken, die uns zur Verfügung stehen, nur sehr schwer eine Wahl treffen können. Wir werden das Vertrauen unserer Freunde auch heuer mehr als in vollem Maße zu rechtfertigen wissen und bitten daher nur noch um ein wenig Geduld. Die Ankündigung der Prämien wird nächste oder übernächste Woche erfolgen. Bis dahin sind Einzelanfragen zwecklos. HAUPTGESCHÄFTSSTELLE ״JÜDISCHE PRESSE“ ein gesuchtes Aerztezentr.um für den ganzen Orient geworden ist, ״Palestine, Post" behauptet, es seien durch den High Commissioner die Quoten für die nächsten fünf Jahre bereits festgelegt worden. Diese Meldung steht allerdings im Widerspruch zu dem klaren Wortlaut des Gesetzes, welches die Festlegung der Zulassungsbegrenzungen von Jahr zu Jahr vorsieht. » Menachem Glikman-Porusch. * Die Verteilung der 1000 Vorschuß-Zertifikate, Die 1000 Einwanderungszertifikate, die die Exekutive der Jewish Agency von der Palästina-Regierung für Rechnung der noch nicht fertiggestelltbn Schedule für das Habljahr Oktober 1935 bis März 1936 erhalten hat, wurden wie folgt verteilt: 200 Zertifikate an von Industriellen namentlich angeforderte Fachleute; 100 Zertifikate an nicht namentlich angeforderte Fachleute; 200 Zertifikate an nichtqualifizierte Arbeiter. Die restliehen 500 Zertifiate sind, wie bereits gemeldet, für deutsche Chaluzim, die ihre Hachscharah in Deutschland oder im Ausland durchgemacht haben, bestimmt, 50 von ihnen für deutsch-jüdische Fachleute. * iNeu'c Vorschriften für die Einwanderer der Kapitalistenkategorie. Juden, die als Touristen nach Palästina gekommen sind und sich um die, Bewilligung der dauernden Niederlassung als Einwanderer der Kapitalistenkategorie, für die ein Mindestkapital von 1000 Pfund vorgeschrieben ist, bewerben, werden in Zukunft in ihre Herkunftsländer zurückkehren und sich dort.'das Ein- Wanderungsvisum beschaffen müssen, falls sie nicht den Besitz des erforderlichen Kapitals in Palästina selbst einwandfrei nachweisen können. Auf Juden aus Deutschland und der Türkei findet diese Vorschrift keine Anwendung. * ‘ High Commissioner Sir Artur Wauchope in Jerusalem eingetroffen. Der High Commissioner General Sir Artur Grenfell Wauchope ist am 13. November im Flugzeug in Palästina eingetroffen. Von dem halbtägigen Proteststreik, den der arabische J u g e n d v e r b an d Palästinas entgegen den Beschlüssen der arabischen Parteiführer für den Tag der. Ankunft des High Commissioner proklamiert hatte, war in Jerusalem sehr wenig zu merken. Stärker in Erscheinung trat der Streik in Jaffa und Nablus. Die hebräischen Tageszeitungen widmen dem High Commissioner anläßlich seiner Rückkehr Begrüßungsartikel und geben der Hoffnung Ausdruck, daß es nicht zu der geplanten Einsetzung des Legis- 1 ative Couneil kommen werde. Die in englischer I FEUILLETON ,_■ Eine Erinnerung aus trüben Tagen in trüben Tagen i In dem Augenblick, da die Durchführungs- Verordnung zu den Nürnberger Gesetzen erscheint, die den deutschen Juden die Ehre rauben und ihre Existenzmöglichkeit auf ein Minimum herabsetzen, : welches übrigens, wie verschiedene Meldungen wissen wollen, in Bälde zu Null werden soll, ist es nicht unangebracht, in der daran anklingenden Wiener Lokalchronik zu blättern. Es sind noch nicht hundert Jahre her, daß nachfolgende Skizze in Oettingers ״Sharivari" (Leipzig 1842— 1851) ein damaliges und nunmehr auch heutiges Judenschicksal schilderte. Vor dem Lazzenhof in der Wiener Judengasse befindet sich seit heute früh eine große Tafel, auf der mit großen Lettern gesclmeben steht: ״Hier ist das Handeln oder Schachern} sowie auch das Herumstehen auf das strengste verboten!!!" Ein Jude sieht mit trüben Augen zur Tafel hinauf, hängt seufzend sein Bündel auf die Schultern und schleicht traurig davon. Er hat sich die müden Beine wundgelaufen und hat ein altes, zernssenes Stück Gewand um schwer erworbenes Geld erhandelt; er hat dabei Schimpf und Schande ohne Mwn'en erduldet, um der Not und dem Elend zu entgehen und wollte nun ״die Ware" für den Profit einiger Groschen verkaufen. Aber es steht da eine Tafel und neben der Tafel ein Polizeischerge. Und auf der Tafel ist geschrieben: ״H er umst eh en verbot en!" Der Jude denkt, er müsse leben und um zu leben müsse er handeln und dabei Schande und Spott erdulden. Denn auf dieser schönen Welt, wo das Leben und somit das bürgerliche Gewerbe allen zu gleichen Teilen gehören sollte, ist er nur ein Jude. Aber heute war ihm bloß Schande und Spott zuteil geworden und kein Geschäft war ihm geglückt. Der Lazzenhof war seine Hoffnung gewesen; dort in den dunklen Winkelgewölben hatte er immer verkauft, was er zu verkaufen gehabt, dort hatte er das verd!ient, womit er sein und der Seinigen kümmerliches Dasein gefristet. Und nun?! Der Jude kommt spät nachts nach Hause, wirft das Bündel vom Bücken und schweigt. Sein krankes, hungriges Weib sieht die trüben Mienen mit großer Bekümmernis und stöhnt in wortloser Qual. Die vielen Sprache erscheinende '״Palestine Post" kennzeichnet den arabischen Proteststreik als einen persönlichen Affront gegen den High Commissioner. Die Leiden der ״Illegalen“. Gegenwärtig befinden sich zwölf jüdische illegale Einwanderer schon den fünften Tag im Hungerstreik, weil sie trotz Verbüßung der Strafe aus dem Gefängnis nicht entlassen wurden. Acht von ihnen können deshalb nicht freigelassen werden, weil sich bisher niemand gefunden hat, der für sie die vorgeschriebene Bürgschaft hinterlegt. Drei aus Deutschland geflüchtete Juden, die keine Einwanderungszertifikate hatten, sprangen vor der Lan- * düng des Schiffes ins Wasser und schwammen vier Stunden lang zum Hafen von Akko. Dort irrten sie drei Tage herum, bis sie von der Polizei angehalten und ins Gefängnis eingeliefert wurden. Ü־ Die Sanktionen gegen Italien und der Zitrusexport Palästinas. Der Präsident der arabischen Handelskammer von Jaffa erklärte einem Vertreter der Tageszeitung ״Al Dschamea al Islamia", die arabischen Pflanzer seien davon überzeugt, daß die Sanktionen der Völkerbundstaaten gegen Italien, die ein Einfuhrverbot für italienische Waren vorsehen, sich auf die Ausfuhr von Zitrusfrüchten aus Palästina in diese Länder günstig auswirken werden. Man rechne in den Kreisen der Pflanzer mit einer starken Steigerung der Ausfuhr nach dem europäischen Kontinent und in noch stärkerem Maße nach England. Der Großmufti von Jerusalem versucht, das arabischjüdische Verhältnis zu verschärfen. Die jüdischen Institutionen haben bei der Palästina-Regierung Einspruch gegen gewisse Anordnungen des Großmufti erhoben, in denen sie eine Verletzung des von einer ־Völkerbundkommission 1930 festgelegten Status quo in dep religiösen Besitzverhältnissen erblicken. So hat zum Beispiel der Mufti angeordnet, daß aus dem .Vorraum beim Rachel grab die Bänke ־ entfernt werden. Er hat diese Änordnung: damit begründet, ׳daß auch der Vorraum des Rachelgrabes als mohammedanische geheiligte Stätte zu gelten habe, weil einst dort eine Moschee 1stand.. Ferner hat der Mufti in einem Hause in der ׳ Nähe der Klagemauer eine Schule .eröffnen lassen. Die jüdischen Beter werden durch die lärmenden Kinder in ihrer Andacht empfindlich gestört. Im Zusammenhang' mit diesen Vorstößen des Mufti wird auch bekannt, daß er vor kurzem bei einer Besprechung mit dem Stellvertreter des High Comhungrigen Kinder stürzen sich auf das Bündel und suchen darin nach Brot. Der Vater hat aber nichts gebracht und die Kinder haben nichts zu schlucken als Tränen, bis der Schlaf sie übermannt. Der Jude aber kann nicht schlafen. Er wälzt sich ivie im Eieber auf seinem harten Lager. In die lautlose Stille hinein, die nur durch den schweren Atem des Weibes unterbrochen wird,, betet er: ״G elobt sei der Name des Ewig en! Es kommt schweres Leid über mein Haupt. Im Lazzenhof haben sie hingehängt eine große Tafel und auf der Tafel steht geschrieben, daß man nicht dort handeln soll. Handeln und verdienen muß aber der Jude. Denn was soll er anders tun, wenn er nicht verhungern will? I c h ab e r werde verhungern und mit mir werden verhungern Weib und Kind, denn im Lazzenhof ist uns das ,Stehen‘ verboten. Der Name des Ewigen sei gelobt! Er ist es, der uns aus Mizrajim geführt; wen er segnet, der ist gesegnet, und wem er flucht, der ist verflucht!" Und immer tiefer gräbt sich in das Herz des Juden das Gefühl der Hoffnungslosigkeit; und bei aller Hoffnungslosigkeitt bei all der verzehrenden Pein, muß er den Mutz um Leben behalten! Denn er lebt ja n u r für das Leben! Es ist das Einzige, was er neben seinem Elend hat. Es ist ein feiges Leben, ein Leben voll Schwäche, Demütigung und Entsagung — ab e r ein L e b en! Am nächsten Morgen jedoch erkennt er, daß das Leben so schxcer geworden, daß er es kaum ertragen kann. Qualvoll und drückend ist die Armut; doppelt qualvoll und drückend aber ist sie für den Juden, der taglieh die Bagatelle von vier Gulden Silbermünze zahlen muß, um sich und den Seinigen das Becht und die Duldüng zu, erkaufen, innerhalb der Stadtgrenze auf hartem Stroh schlafen zu dürfen. Niin schleppen sich Weib und Kind bettelnd in das ferne Dorf, woher sie gekommen, weil der Hunger so wehe tat. Und der alte Jude wandert täglich vor die Stadt hinaus; denn hier ist es auch dem Juden gestattet, zu atmen, Im ärmlichen Wirtshaus ״Zum Behbock" streckt er seine müden, abgemagerten Glieder auf ein dürftiges Lager, das er bei Morgengrauen schon verläßt. Er wäscht sich und, betet, betet mit , verzweiflungsvoller Inbrunst in der Sprache seines G-ttes und seiner Väter, und freudloser Trost senkt sich in sein bekümmertes Herz, Denn Königreiche kamen und gingen, Beligionen entstanden und verschwanden, nur das Wort G-ttes ging mitten durch flammende Scheiterhäufen, Inquisitionsgerichte und Polizei, mitten durch emanzipationssüchtige Neuerungexi und 1Zensur unversehrt hindurch, Und er, der arme, alte Bündeljude, hält daran mit eisernem Glauben, Darum geben ihm diese Worte missioner, dem Chefsfckretär der Palästina-Regierung, Johti Hathorne Hall, wieder von der angeblichen Furcht der mohammedanischen .Kreise gesprochen hat, •die Juden könnten. sich der auf dem Plat2e des ehemaligen Tempels errichteten Omar-Moschee bemächtigen, ln dieser Ünterredung brachte, der Mufti diese Befürchtungeh erstaunlicherweise mit dem Bau der neuen Wasserleitung für Jerusalem in Zusammenhang. Wenn Jerusalem mit Wasser versorgt seih werde, meinte der Mufti, dann würden hünderttausende Juden nach Jerusalem hemmen und das wäre eine erliste Gefahr für die Erhaltung der Omar-Moschee. Als der Mufti über das ״Attentat" des Gerer Rebbe auf die Höhle Machpela in Hebron Klage führte, bemerkte Chefsekretär Hall, bei einer Inspektionsreise durch das Land hätten ihm die Scheichs der arabischen Ortschaften erklärt, sie seien davon überzeugt, daß die Heiligen Stätten im sicheren Schutz der Regierung stehen. Wenn sie Protest gegen die Gefährdung dieser Stätten erhoben hätten, so Sei dies nur auf Anordnung des Mufti von Hebron geschehen. Der Großmufti von Jerusalem mußte zugeben, daß der Mufti von Hebron hierbei seine, des Großmufti. Instruktionen befolgt hat. Auf die Bedenken des Großmufti bezüglich des Baues der Wasserleitung, ging Chefsekretär Hall nicht weiter ein. Jüdische Gemeinden Griechenlands auf den König vereidigt. Oberrabbiner Dr. Koretz, die Mitglieder aller Vorstände der jüdischen Gemeinden Griechenlands und die rabbinischen Funktionäre haben vor Gericht den Eid auf König Georg II. geleistet. Oberrabbiner Dr. Koretz und der Vorsitzende der Salonikier jüdischen Gemeinde, Löon Cattegno, wohnten der Heeresvereidigung bei, bei der auch die jüdischen Soldaten und die jüdischen Mitglieder des Salonikier Polizeikorps vereidigt wurden. . י Seit Menschciigcdenken wird Myrrhe-Extrakt gegen Lockerung der Zähne und Blutung des Zahnfleisches wirksam verwendet. Odol-Mundwasser enthält außer dem Odol-Antiseptikum den Myrrhe-Extrakt. in seiner verzweifelten Angst und in der bangen Sorge Stärke und Buhe. Nachdem er gebetet hat, ergreift er sein Bündel und will zur Stadt. Aber die polizeilichen Blauröcke an den schwarzgelben Schranken verweigern ihm heute den Passierschein, einen Passierschein, der nurfür einen Tag Aufenthalt gilt und den jeder Bettler bekommt, wenn er gerade kein Jude ist. Der Jude steht einen Augenblick lang wie vom Donner gerührt da, dann nimmt er mit einem langen, betrübten Blick Abschied von der ungastlichen Stadt und kehrt um. r :1•' Wenn er kein Jude wäre, wenn er sich nicht von der Vergeblichkeit jeder Bitte überzeugt hätte und nicht durch seine leidenreiche Existenz niedergedrückt wäre, so hätte er, innerlich empört, dem Blaurock ehrerbietigst gesagt: ״Dürfte ich wohl so frei sein, zu fragen, warum ich nicht im, die Stadt darf?" Der arme Jude aber hat es nicht gewagt, das Auge zum gnädigen Herrn Polizeimann zu, erheben; ergeben hatte er geschwiegen und nur einen leisen, tiefen Seufzer hätte jener, wenn ihm gute Ohren eigen wären, hören können. Nun wandert er müde und hungrig von Dorf zu Dorf, um das Geld für ein Nachtlager zu verdienen. Doch als er spät am Abend in den ״Behbock" kommt, wird er zur Tür hinaus gewiesen: der Gastwirt hat den polizeiliehen Befehl bekommen, keinem Juden Obdach zu, geben, weil sonst die Juden am nächsten Tag wieder Passierscheine in die Stadt verlangen. Da xoankt der Jude ixi die kaltef finstex'e Nacht hinaus und weint heiße Tränen des Schmerzes und des Leides: ״Sie haben uns verboten, im Lazzenhof zu stehen, sie haben uns verboten, die Stadt zu betreten, uxid jetzt versagexi sie xms auch das Nachtlagei'. Wir müssen herumiiren, xvie ein verlassexies Schiff auf weitem Meer, und umsonst flehen wir zum Heim der Welt, der verschlossen Mt sein gnadenreiches Ohr den Kindern Israels! Erfüllt ist, was der Exvige zu Moses gesprochen; Ich will meinen Zorn xvider euch richten, daß ihr geschlagen werdet von euren Feinden; eure Hasser werden an euch Gewalt ausüben und mein Wesen wird Ekel an euch haben." Stöhnend und jammernd, von Verzweiflung gepeitscht, irrt der Jude hemm, bis er endlich todesfhatt in einer Feldfurche zusammensinkt. Sein Kopf glüht, seine Gliedei' zittern vor Frost und schnell und drohend schlägt der Puls. Am nächten Morgen findet man ihn mit einem heftigen Nervenfieber, bexmßtlos und todkrank> auf. Er wird von barmherzigen Christen in eine Scheune getragen und nach einigen Tagen stirbt der Jude wie er gelebt hat — elend und verzweifelnd. Sein letzter Hauch ist ein Gebet und ein — Fluch...