Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 39 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 rückbar hohe Aufgabe, die Erfüllung der Thora nicht nur als Privatsache 2u betrachten» sondern sie auch im Hinblick auf die Gesamtheit sicherausteilen. " * ' Solange es eihe jüdische Justiz gab, die nach innen weitgehendste Vollziehüngsmächt besaß, war es der Vorzüglföhste > Beruf dieser Behörde, dem Arewusgeböte Geltuglg zu verschaffen. So wie jedes Gerichts- und Polizeiw^len eines jeden Staates die weitgehendste Befugnis» ja Pflicht hat, in das Einzelleben aller Bürger einzugreifen, um sie in den Schranken des Staatsgesetzes zu halten, so war es Pflicht der jüdischen Sicherheitsbehörden, die Üebertretung der Thoragesetze auch durch einzelne mit allen Mitteln zu verhüten und zu ahnden. -Und wie man im Eingreifen der Staatsmacht in das Leben der Einzelmenschen nicht eine mit den natürlichen Menschenrechten und mit der angeborenen Menschettfreiheit kollidierenden GeWaltsmißbrauch, sondern einen notwendigen Regulator menschlichen. Zusammenlebens Sieht, so mußte das Ein- Schreiten jüdischer Staatsbehörden, das in prophylaktischer oder therapeutischer, also in Vorbeugender oder einen verletzten Rechtszustand wiederherstellender Weise geschehen war, gutgeheißen und in Ansehung des hehren Zieles freudig begrüßt werden. Denn nur so konnte der von G-tt uns auf erlegten solidarischen Verbundenheit Genüge geleistet werden.( ' Als uns aber im Jahrhundert der falsch verstandenen ״Aufklärung“ im Namen des schiefen Be* griffes von menschlicher ״Freiheit“, im Zeichen der Trennung von ״Staat und Kirche“, die Möglichkeit der Durchführung des Arewusgedankens genommen wurde, da'erhob die R e f o r m ihr Medusenhaupt. Umsonst waren alle Anstrengungen der Großen Israels im aufreibenden und unentwegten Kampfe gegen den Abfall. Vergeblich trafen sie — die Reform — die schweren, tödlichen Axthiebe seitens der G-tt treugebliebenen ragenden Rabbiner: gleich der Hydra wuchsen auch der Reform an Stelle des einen abgehauenen Kopfes neun andere. Jahrzehnte vergingen so im fruchtlosen, alle besseren Kräfte absorbierenden Kampf. Hunderttauseiide unserer Brüder und Schwestern fielen dem Moloch Reform zum Opfer. Da sahen es unsere verzweifelten Führer ein, daß wir einerseits kein Arewus mehr haben mit dem vom Taumel des Abfalles ergriffenen Teil der Juden und daß andererseits hingegen die Solidaritätspflicht dem treuen Reste des Judentums gegenüber, angesichts der drohenden Gefahr, ins Riesenhbfte angewachsen war. Und sie sprachen mit blutendem Herzen, aber mit klarem Geiste die T r e n n u n gf aus, deren Unvermeidlichkeit sie mit folgendem. Gleichnis ' plausibel machten: . Einst erkrankte eine Königstochter an einer sehr gefährlichen und infektiösen Krankheit. Nach mehreren ergebnislosen Versuchen der behandelnden Aerztekäpäzitäten hielten sie ein Konsilium ab, in dessen Verlauf sie beschlossen, die Patientin ihrem nicht zu änderndem Schicksale zu überlassen und daS ganze Augenmerk auf die Isolierung der Kranken von den Gesunden zu konzentrieren. Um jedem Versuche der teilnahmsvollen Familienmitglieder, ins Krankenzimmer einzudringen, die Spitze abzuibrechen, postierten sich die Aerzte mit!Schwertern im Vorzimmer. Und auf die erstaunte Frage der erschrockenen Besucher, warum die Aerzte, anstatt um die Kranke sich zu bemühen, mit aus den Scheiden gerissenen Säbeln den Eingang verwehren, gaben sie die traurige Aufklärung, daß es für sie am Krankenlager nichts mehr zu tun gäbe und ihre Aufgabe sich nunmehr auf die Verhütung des Umsichgreifens der epidemischen Charakter tragenden Krankheit beschränke. Auch die im vollen Bewußtsein ihrer überaus schweren Verantworaung verwurzelten großen jüdisehen Lehrer jener Sturm- und Drangperiode nahmen das Schwert der Trennung zur Hand, um die Verbreitung der blindwütigen Epidemie so weit als möglich zu verhindern. Von jetzt ab wurde die Arewuspflicht auf einen kleineren Kreis verdichtet. An Stelle der expansiven trat die intensive Solidarität. Die Arewuspflicht erlitt eine Einschränkung, die vielleicht auch in den elf Punkten oberhalb der Buchstaben mitsymbolisiert ist, mit denen uns das Arewus im Bundesschlußkapitel des letzten Wochenabschnittes vor Rosch-Haschono zum Gebote gemacht wurde. Man war von nun an nur noch JÜDISCH# PRESSE , ]betitrebt, die Einartigkeit und die Zusammengehörigkeil derjenigen zu erhalten ünd m stärken, diejenigen gdgen die schädlichen Einflüsse der antitili areligiöseh ÜM- und Außenwelt zu immunisieren, die spontan durch das Band’ religiöser Üeberzeugüttg und gemeinsamer Weltanschauung in eine geschlossene Gesamtheit zusammengefaßt wurden. So entstand die orthodoxe Organisation in Ungarn und in Deutschland, in deren Rahmen sich viele Hunderte Groß-, Mittel- und Kleingeüieittden eingliederten, die dadurch mächtige Bollwerke unver* fälschter, nicht etwa moderner, irtisfachistischer, bltitleerer, sondern von warmem Leben durchströmter, von kräftiger, lebensstrotzender Wirklichkeit pulgierender, alle Lebenserscheinungen bestimmender und regulierender Thora w’Awoda wurden. Die auf dem Systeme der orthodoxen, Organisation auf gebaute Gemeinde hat alle Unbilden der Zeiten, die Erschütterungen des Weltkrieges, die Umstürzeund Neugebilde der Nachkriegszeit über, sich ergehen lassen können und ist aus allen Anstürmen und Versuchungen unversehrt hervorgegangeri. Und gerade wir in Rumänien haben die günstigste, abCr gleichzeitig betrübende Gelegenheit, an der Folie, die die Zustände im Altreich bieten, zu erkennen und zu schätzen, welchen unvergänglichen Dienst Unsere heiligen Ahnen vor sechzig Jahren dem Bestände der Thora und der Erhaltung und Ermöglichung einwandfreien jüdischen Lebens erwiesen haben, als sie die g e 8;0 nderte, stramm selbständige, von jedem Schieben nach rechts und links überhobene orthodoxe Organisation schufen. Denn diese ist das jüdische Arewus, wie es unter den gegebenen Verhältnissen allein möglich und Wunder zu wirken imstande ist. Wer diese selbständige Organisation der Orthodoxie bekämpft oder, schwächt, der hat sich losgesagt vom jüdischen Arewusgedanken. Denn die •jüdische Geschichte der letzten hundert Jahre in allen Ländern der Diaspora, und in letzter Zeit die Zustände in Palästina, liefern den untrüglichen Beweis für diese Behauptung, so grotesk sie auch für den ersten Augenblick,, ganz besonders den schwärmerischen Anbetern der Einheitsschimäre, klingen mag. Diese Einheitsschimäre muß übrigens heute angesichts des Schisma in den auf dem Steckenpferd von der ״Einheit und Einheitlichkeit“ des Judentums gerittenen Zionismus schon, als ausgedroschene Phrase, als inhaltslose Floskel erkannt werden. Der Misrachi , ist .,dieser These, diesem zionistischen Dogma in leichtsinniger Weise auf den 1 •!vw. י w.‘- .׳; וLeiih ׳!gegangen י" י ־ und hat sich vori seiner Vergangenheit getrennt und einer ungewissen. Zukunft ,verschrieben, die, soweit sie Gedanken äiis eiiier Mischnah in Josua für ירם כפורים Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospatak. ״War der Hohepriester ein Gelehrter, so trug er die ganze Jom־Kippur-Nacht vor. Wo aber nicht, so. trugen andere Gelehrte in ׳seiner An- Wesenheit, vor. Ist er gewöhnt, in der Heiligen Schrift zu lesen, so liest er selbst, wenn nicht, wird ilun von anderen vorgelesen. Woraus pflegte man ihm vorzulesen? Aus den Büchern Ijob, Esra und Chronik.‘‘ (I, 6.) Für Israel ist die Thora Wissenschaft die unversiegbare Quelle alles echten G-ttesdienens. Das Forschen in der Thora ist auch die Vorbedingung des heiligen Sühne- Werkes am Jom-Kippur. Mit dem Nachdenken über die höchsten Probleme des irdischen Daseins, über die die ewigen Daseinsziele des menschlichen Lebens auf Erden betreffenden halachischen Vorschriften der Thora, sollte der Hohepriester die Jom-Kippur-Nacht durchwachen. Der anbrechende Morgen' des Jom Kippur sollte den Hohepriester mit von den ewigen Wahrheiten der Thora erleuchtetem Geiste vorfinden. Nur einem derartig erleuchteten Geiste und Gemüte konnte das heilige Sühnewerk gelingen. Nur auf diese Art und Weise konnte der zum Hohepriester heiliger, g-tthuldigender Lebensform bestimmte Mensch vor der Gefahr geistigen und sittlichen Todesschlafes und unreinen Zustandes beschützt werden, ,בדי שלא יישן ויראה קרי 4 i ״Woraus las mjan ihm vor? Aus dem Buche Ijob.“ Dieses Buch lehrt, daß אדם לעמל יולד׳״ ״der Mensch zur Plage geboren sei“. Er ist die stete Zielscheibe mannigfaltigster Heimsuchungen und Prüfungen. Aber ״die Söhne des Flügels erbeben dennoch ihren Flug.“ G-tt verhängt Leiden und Schmerzen über seine Menschenkinder, damit diese sich inmitten und trotz aller Heimsuchungen siegreich bewähren, ihr Vertrauen auf G-tt nicht verlieren und sich nicht in der Verzweiflung Arme stürzen sollen. Und so lautet auch der Ausspruch der Weisen: ״Unser Lehrer Mosis zeigte das Buch Ijob den Aeltesten Israels; damit sie sehen und hören, daß jeglicher, der auf G-ttvertraut, eiue Hoffnung hat.“ (Jalkut Elieser.) Das Buch Ijob ruft Trost ünd Mut all den Enterbten des Glückes zu. Es zeigt, wie der Menschensohn durch das g-ttverhängte Leidensgeschick geläutert, in Tugend und Sittlichkeit befestigt, seinem irdisehen Lebensziele entgegenreift und am Ende von G-tt gesegnet wird. ״Und G-tt segnete das Ende Ijobs mehr als seinen Anfang, infolge seiner reuigen Rückkehr und seiner guten Handlungen, clie er vom Anfang her besaß,“ Das Buch Ijobs zeigt uns in bezug auf den einzelnen, wie ״ הזורעים 3דמעה בריגח יקטירוdiejenigen, die mit Tränen säen, mit Jauchzen ernten“. Wie der einzelne auf tränengetränktem Pfade seiner jubelnden Ernte, seinem herrlichen Endziele entgegenwallet. Diese Wahrheit aberwiderspiegelt auch der Jonv> Kippur mit seinen דו׳ ענייים) fünferlei Entbehrungen. In- Nr. 39 bereits Vergangenheit geworden, .ihm ungezählte Demütigungen, Zurücksetzungen und Gewissensqualen eingebracht hat. Heute muß der Misrachi beschämt und — wenn er Ehrlichkeit, Mannesmut und Ritterlichkeit in genügendem Maße besitzt —. zerknirscht bekennen uhd Öschamnu sprechen über die Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit, mit der er sich von den Lehren seiner Thorariesen, von den Traditionen seiner Gesinnungsgenossen ab- und der zionistischen ״Volkseinheit“ zugewendet hat. Oschamnu dafür, daß er, der Misrachi, die separate orthodoxe Organisation Verließ und bekämpfte, da doch der Zionismus selbst aus jedenfalls weltlichen Gründen, selbst gesteckter Ziele halber, die zum Idole erhobene ״Einheit“ ohne Bedenken zu sprengen wagte. Was aus men sch- ,liehen Erwägungen heraus zur Erreichung nationaler Wünsche erlaubt, jagebotenschien, das sollte nichtzur Sicherung, zur Stärkung, zur Hebung der g-ttgewolltenreligi Öseninteressen wenigstens mit ebensolcher Berechtigung und ebensolcher Energie unternommen werden dürfen? Wahrlich, wäre der Misrachi nicht vom Parteigeist so umnebelt, müßte er schon durch diese Erwägung allein das Arewusgefühl in einem verborgenen Winkel des Herzens sich regen fühlen, das ihn dazu antriebe, das einst gewaltsam zerrissene, um die ganze thoratreue Judenhqit sich schlingende Band jüdischer Solidarität wieder zu verknüpfen. Vielleicht erwacht in ihm das Bewußtsein dieser, die Grundlage der Thora und des Judentums bildenden Arewuspflicht im Neuen Jahre? Wir stehen auf unserem Platze und warten, wie es in dem Verse heißt, der uns das Arewus gebietet: ״Das Verborgene -ist;G-ttes, das Offenbare aberuns. und unseren Kindern, um die Worte der Thora'zu erfüllen“ ... mitten körperlicher Kasteiungen gelangen wir zum ז Neilah-Abend, von dem ■gesagt werden kann: הי׳ לעת ערב יהי'אור ».Und zur Abendzeit wird Licht sein!“ Wir werden das G-tteshaus, in dem wir den ganzen Tag verbracht haben, mit dem jubelnden Bewußtsein verlassen, daß uns das g-ttliche Licht der Slichoh und Kaporoh, der Verzeihung und Versöhnung, zuteil geworden ist. Und so künden uns beide: das Buch Ijob und der Jom-Kippur mit seinen fünferlei Entbehrungen, wie der Mensch nur durch das Leidensgeschick geläutert seinem von G-tt gesetzten Ziele entgegengeht... ״Und auch aus ’dem Buche Esra und der Chronik wurde dem Hohepriester vorg e 1 e s e n.“ G-tt errichtete in seiner unendlichen Gnade ein Volk als Denkmal in der Mitte der Menschheit, damit dasselbe mit seinem Dasein die ewige Aufgabe des Mensehen auf Erden verkünden soll. Israel ist dieses ewige Volksdenkmal der Weltgeschichte. ״Dieses Volk habe ich mir gebildet, damit es meinen Ruhm verkünden soll.“ Israel kündet mit seinem von G-tt getragenen Geschicke und mit seiner g-tthuldigenden Lebensweise, wie der Menschensohn zum hohepriesterlichen Dienste G-ttes hestimmt sei, und wie der Mensch mit schmerzensreichen Prüfungen für diese Aufgabe erzogen wird. Israels wechselreiches Geschick,י wie es bald auf des Lebens Höhen einherschreitet und bald wieder in den finsteren Tälern der Betrübnis dahinsiecht; wie es bald im Sklavenhause schmachtet und bald wieder im Sonnenscheine der Freiheit froh und heiter fortschreitet — dokumentiert aufs schlagendste diese g-ttliche Erziehungsmethode. Die G eschichtsbücher des jüdischen Volkes dokumentieren auf überall vernehmbare Weise, wie Israel nach jegliehem Abfalle von seine ewigen Aufgabe: ממלכת כהנים, ein priesterliches Reich G-ttes zu sein, mit harten Geschickes- Schlägen heimgesucht worden ist, um hiedurch geläutert zu G-tt zurückgeführt zu werden. Das Buch Esra wieder erzählt uns, wie nach dem infolge des Abfalles von G-tt und Seinem ewigen Gesetze erfolgten Zusammenbruche des jüdischen Staates, Israel im babylonischen Exil geläutert durch Esra nach Erez Jisroel heimgeführt und zu neuem Leben erweckt worden war. Also steht nun, Israel als leuchtendes Beispiel da, wie der Mensch sich aus dunkler Leidensnacht zu neuem Lichte emporringen, aus sittlicher Gesunkenheit zur sittlichen Läuterung und Verjüngung emporheben kann. Und Israels weltgeschichtliche Aufgabe, der Menschheit die Möglichkeit und die Pflicht der immer sich wiederholenden geistlichen und sittlichen Regeneration zu künden, spiegelt sich auch im Jom-Kippur. Ist doch der Jom-Kippur selber ein Erinnerungsfest, welches uns daran mahnt, wie nach jenem Egel-Falle Israel sich aufs neue verjüngte, so daß G-tt unserem Lehrer Mosis das וסלחת* כדדריף ,.Und ich *verzeihe, wie du gesprochen“ zurufen konnte, Der Jom-Kippur bleibt ewiges Symbol dafür, daß ״zur Abendzeit wieder Licht sein wird“. Wie auch Israel an allen Abenden seiner geschiehtliehen Niedergänge, Qesunkenheiten sich immer wieder und wieder das g-ttliche Licht; geistiger und sittlicher Läuterung und Erhebung erringen konnte ...