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Jüdische Presse · 1935-09-27 · 38 (27.9.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
21 (1935)
Issue
38 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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*fo SS Seite 5 JÜDISCHE PRESSE Oesterrslchlsche Jahresravu« 569S Von RomiiuRat Möfte Ldtftef Das Ätir Neige gehende Jahf jüdischer Eeitfechfiuflg brachte große Fortschritte in der Konsolidierung der innerpolitischen Verhältnisse. Wir Juden haben allen Grund» der österreichischen Staatsführung Anerkennung und Dank für ihre Tätigkeit au zollen und die weitere Entwicklung ih der bisherigen Linie zu er* hoffen und nach Kräften zu fördern. Nur das unentwegte Festhalten ah den von unseren unvergeßlichen Staatsmännern Seipel und Dollfuß gezeichneten Richtlinien hat es ermöglicht» unser Oesterreich vor dem, Nationalsozialismus, der nicht nur Feind des Judentums, sondern, wie sich besonders in letzterer Zeit zeigte, der Krebsschaden und Zerstörer jeder Kultur und Wirtschaft ist, zu verschonen. ״ Ein wichtiger Markstein auf dem ebenso schwierigen wie ehrenvollen Wege des Aufbaues des religiösen Ständestaates ist die mit 1. November 1934 erfolgte erstmalige Zusammensetzung der Gesetzgebenden Körperschaften. In diese Körperschaften (Staatsrat, Kulturrat, Wiener Bürgerschaft) Wurden auch Vertreter der jüdischen Religion berufen* Wenn auch die Personen solche sind, denen religiöser Lebenswandel fremd ist, ist dies dem Umstand zuzuschreiben, daß die Sonderstellung der jüdischen Orthodoxie den Behörden gegenüber noch keinen Ausdruck gefunden hat und die Zwangseinheitsgemeinde die Führung der Judenschaft areligiösen und religiös indifferenten Elementen überläßt. Die allgemeine wirtschaftliche De*pression, die auf Großmächten und Kleinstaaten, Sieger- Staaten und Besiegten, seit Jähren lastet, hat nirgends und auch nicht in Oesterreich Abklang in bedeutendem Maße gefunden, jedoch sind speziell bei uns Anzeichen einer Besserung sichtlich merkbar. Daß die religiösen Juden, denen die Sabbath- und anderen Religionsgesetze im Wirtschaftsleben!Hemmungen bereiten, be-. sonders die Krise zu spüren bekommen, ist eine bekannte Tatsache. Die ins Gigantische gestiegenen Ansprüche der Mittellosen und Mittelständler an die verschiedenen Wohlfahrtsanstalten geben ein anschauliches Bild von der traurigen Lage der Wiener Juden. Ein erfeuliches Moment ist die Belebung der Wirt- Schaft in Oesterreich durch den Aufschwung des F r e.m denverk.ehra, der der systematischen Propagandaarbeit der offiziellen Stellen zu danken . ist. Mit Freude konstatieren wir, daß auch unsere ausländischen Glaubensgenossen ein gut Teil dazu beigetragen haben. Daß auch die österreichische jüdische Kaufmannswelt vom Fremdenverkehr profitiert, ist selbstverständlich. Die Arbeitsschlacht, einzig in ihrer Art, hat dem Willen und der Tatkraft der Regierung die besten Früchte gebracht. Die von dem Zionistenführer Jabotinsky ׳geführten Dissidenten der Zionistischen Organisation haben in Wien den Gründungskongreß der sogenannten ״N. Z. O." abgehalten. Unsere Einstellung sowie die aller religiösen Juden gegen die ״alte“ und gegen die ״neue" Zionistische Organisation ist bekannt und in diesen Blättern, zur Genüge erörtert worden. Das positive reli- , giöse Judentum muß sich entschieden ablehnend verhalten, gleichgültig ob die Zionisten, wie die ״alten", links orientiert sind, oder, wie die ״neuen“, sich ultranationalistisch, gebärden. v Das Beth- Jakob- Schulwesen, welches bekanntlich seinen /Siegeszug über die ganze Welt von Wien aus genommen und für die jüdische Mädchenerziehung Ersprießliches geleistet hat, betrauert, ebenso wie die dn Wien befindliche allweltliche K׳e r e n - H a t h o r ä- Zentrale, den allzu frühen Tod des hervorragenden Schöpfers und Leiters dieser Organisationen, Doktor Deutschländer s. Z. 1.» der sein ganzes Leben und seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der heiligen Sache gestellt hat. Es Wird unsere Aufgabe sein, durch weitmöglichste ideelle und materielle Förderung die Erhaltung und den Ausbau des von Dr. Deutschiänder geschaffenen Er- Ziehungswerkes zu sichern. Die Agudas Jisroel in Oesterreich mit all ihren Zweiginstitutionen entfaltete eine sehr segefis- und erfolgreiche Tätigkeit. Speziell verdient die Aguda-Jugendgruppe besondere Hervorhebung, die für. Limud-Hathora Unendlich viel leistet. Die orthodoxe Schiffschui*Gemeinde hat ihre Institutionen für Thora, Awoda und Gemilas- Chaßodim auf dem bestandenen Niveau erhalten und in mancher Hinsicht erweitert. Das wichtigste Ereignis für die österreichische orthodoxo Judenschaft ist die_ im November 1934 ergriffene Initative für die Autonomie. Die orthodoxen Juden haben den religiösen Staatsgedanken freudigst begrüßt und in folgerichtiger Konsequenz ihrer positiven religiösen Einstellung die Gründung einer selbständi gen orthodox - jüdischen Religionsgemeinde in die Wege geleitet und ein diesbezügliches . Ansuchen an die Regierung gestellt. Wir erfüllen damit das Vermächtnis unserer großen Thorafürsten, die uns diesen Weg vorgezeichnet haben. Wenn wir bis dahin trotz des Vorbildes in fast allen anderen Ländern diesbezüglich nichts unternommen und erreicht hatten, war dies nur auf die liberalistische Staatsführung zurückzuführen. Daß die jüdischnationale Führung der Israelitischen K u 11 u s g e m e i n d e gegen unsere Be- Strebungen sich stemmt, ist sehr1 bedauerlich, zumal dieser Widerstand in persönlichen oder politischen Beweggründen zu suchen ist. Die Zionisten haben aus dieser Frage, die für uns Gewissensfreiheit oder Gewissensnot bedeutet, eine parteipolitische Prestigefrage gemacht. Mit großer Genugtuung konstatieren wir, daß diese Bewegung ■dem orthodoxen Leben in Wien neue Impulse gegeben und dem Kreise der Schiffschul-Gemeinde viele neue Freunde zugeführt hat. Allen, die’ unermüdlich 'mitarbeiten, gebührt herzlichster Dank. Mit Befriedigung konnten wir feststellen, daß bei den zuständigen Regierungsfaktoren unsere Belange mit wohlwollendem Verständnis behandelt werden. Wir geben uns der sicheren Hoffnung hin, daß die Re-, gierung, die Berechtigung unserer Forderung einsehend,' uns auch das Recht schaffen wird, in einer selbständigen Gemeinde der Religiösen für die Erhaltung unserer heUigen Lehre wirken zu können. Die loyale Prüfung unserer Forderung wird sicherlichfdazu führen, dem unmöglichen Zustand ein Ende zu machen, daß Menschen, die in der Religion leben, in Fragen der Religion dem Diktat und der Willkür areligiöser oder religiös indifferenter Elemente unterworfen sind. Palestine Shipping Co., Haifa Die angenehmste TTeberfahrt nach .Palästina mit Einklassen-Luxusdampfer Tel-Aviv Rituelle Küche unter Aufsicht des Rabbinats Haifa. Nächste Abfahrten: 11. und 25. Oktober von Triest. Generalvertretung: Reisebüro ״ÜN1VERSAL“, I., Kärntnerring 3 keine SchandeJ Sein Ehrgeig lag nicht auf diesem Gebiet. Diesmal aber hätte er nicht zurückweichen dürfen! Und wenn er unterlegen wäre — und er wäre es bestimmt —, dann wäre er mekadeschHaschem gewesen, wie Rabbi Amnon dem bösen Fürsten gegenüber. Ging es doch um die Ehre G-tt'es, wo Leibes und Lebens nicht zu achten, einem Jisroel höchstes Gebot bedeutet. Das marterreiche Heldentum eines Rabbi Amnon durfte sich nicht darin erschöpfen, eine traurigrührende Geschichte darzustellen; sein wahrer Sinn besteht vielmehr darin, als Beispiel und Vorbild zu dienen. Und dabei ist Janek gär kein Fürst, sondern ein plumper, dummer Lümmel, und der Chiliul Haschern darum doppelt so schwer. ״He, Jo ssel e!“ Groß, und breit stand drüben Janek, in der erhobenen Rechten das Chumesch. Ja, nicht umsonst hatten die Jungen des Ortes vor ihm Angst, denn alles an ihm war Kraft, Und Jossele war klein und der Schwächsten einer; nie nach hatte er es so gefühlt wie jetzt. Und doch kam es befehlend und drohend von seinen Lippen: ״Gib her!“ Der andere staunte: ״Willst? Da, nim m!“ Jossele trat näher und griff nach dem hingehaltenen Chumesch. Doch Janek reißt es zurück. Da springt das Kind ihn an, kämpft mit Händen, und Füßen, in wilder, besinnungsloser Wut die letzte Kraft in sich anspannend. Bis unter einem furchtbaren Faustschlag ein Blutstrahl aus seinem Munde sioh ergießt und es ohnmächtig zusammensinkt, das Chumesch, das der fluchtende Gegner ihm überläßt, krampfhaft umarmend... Am Rosch-Haschon.oh bat Jossele, den die Aerzte auf gegeben hatten, man möchte ihn in die Schul bringen. Dort saß er stumm und unbeweglich, die glühenden Augen in weite Ferne gerichtet. Er hatte nicht einmal die Kraft, mitzubeten. Erst als alle sich erhoben, um das U'nsane Taukef zu sprechen! bat er den Vater, ihn auf den Arm zu nehmen und ihm den Text vorzusagen, denn er war nicht imstande, selbst zu lesen, Ringsum viele Männer in weißen Talessim und mit ekstatischen Bewegungen, Stimmengewirr und Weinen, da ■gerungene Hände, dort ein Klageruf ,und über allem — furchtba r er Ernst. Das kleine, kranke Körperchen Josseles durchlief ein Zittern. Es war nicht Angst, es waren Schauer der Hingabe, die es durchrieselten, Seligkeit der Erwartung; gewaltiges, süßes Sehnen war in ihm auf gestiegen, ein verzehrendes, wonniges Verlangen nach dem, was unsichtbar zwar, aber greifbar nahe da zu schweben schien. Doch sieh! An der Ostwand waren die zahlreichen Lichter zu einem einzigen, großen verschmolzen, das wuchs und wuchs und zu blendender Helligkeit ward und in reicher, prächtiger Fülle in den Raum strömte. Und die Mauern ringsum waren ins Endlose gewichen; unübersehbare Vf e i'-t e erstreckte sich vor Josseles trunkenen Augen. Und die vielen Gestalten, das waren gar nicht die Männer seines Heimatortes, sondem strahlende, herrliche Engel, und auch das eintönige Gemurmel hatte sich in berauschendhimmlische Weisen gewandelt. Doch, plötzlich zerreißt markerschütternd und bluterstarrend ein schrecklicher S cho f arton die Luft. Tot fallen buntgefiederte Vögel herab, die Musik erstirbt und die Engel bedecken traurig ihr Antlitz. Und mitten‘' im Licht ragt groß und dunkel ein Schatten auf. Der trägt auf dem Haupt eine Kr 0 ne und schwing t irgend etwas in seiner erhobenen Rechten. ״Das muß ein Fürst sein“, denkt Jossele, ״und was er in der Hand hält, ist sein Zepter.“ Doch nein, es ist ein Chumesch und er selbst trägt J an eh.8 Züge im Gesicht, Und eine zarte, halle Kinderstimme ruft :über den ganzen, weiten Plan vernehmbar: ״Gib her!“ Jossele erkennt die Stimme, es ist seine ei g en e. Und nun eine andere, die wie die seines Vaters klingt: ״Jossele, Jossele, mein Kind!" Er blickt auf! W er isi's, der ihn "in seinen Armen hält, und wessen sind die traurigen Augen über ihm, aus denen zwei schwere Tränen auf ihn herab/allenf ,Mabbi Amnon ist*s!‘< jubelt es in ihmauf,. ,Mab. bi AmneniAfs, der nach mir rie.f und mioh in 8einen 4 rmenwdegt, U'nsane Taukef keduschas hajaum, ki hu nauro we'ojaum , , “ Und weinend drückt ein Vater sein to tes Kind ans Herz . . . ' KAFFEE 15 ,!'!:mm!, wytyt't׳ ill HAG ECHTER GESUNDER BOHNENKAFFEE GARANTIERT COFFET1NFREI Tierschutzgesetz und Schechitah Das Bundeskanzleramt hat kürzlich dem Verband der österreichischen Tierschutzvereine den Entwurf eineä ״Gesetzes zum Schutze der Tiere gegen Quäl,erei" (Tierschutzgesetz) zur Stellungnahme übermittelt. Nach dem Gesetzentwurf begeht eine Tierquälerei, wer ein Tier absichtlich quält, mißhandelt, überanstrengt oder es an der notwendigen Wartung und Pflege des Tieres fehlen läßt, ferner wer ein Tier unsachgemäß tötet. Gegen diese Tierquälerei sollen sowohl Verwaltungsals auch Strafen im ordentlichen Gerichtsverfahren (Geld- und Arreststrafen) verhängt werden. In seiner Stellungnahme ersuchte nun der. Verband der Tierschutz ver eine u. a. auch um die Einschaltung des Satzes ״Unsachgemäß ist insbesondere jede Schlachtung eines warmblütigen Tieres, das nicht . vor Beginn der Blutentziehung völlig betäubt wurde". Dieser Vorschlag wäre gleichbedeutend mit einem vollständigen Schäch tverbpt, da bekanntlich eine. Betäubung vor dem Schächten religionsgesetzlich nicht zulässig ist. : i •יוון■״ : Der Landesvorstand der Agudas Jisroel hat sich bereits vor Jahren mit dieser Frage beschäftigt und eine Abordnung des Vorstandes der Agudas Jisroel wurde bereits im März 1927 vom verewigten Bundeskanzle r D r. Seipel empfangen, den die Abordnung von der Besorgnis der österreichischen Judenschaft in Kenntnis setzte, daß schächtgegnerische Bestrebungen im Ausland auf Oesterreich übergreifen könnten. Nach der damals ausgegebenen amtlichen Mitteilung über diese Vorsprache erklärte Bundeskanzler Seipel, ״daß ihm von derartigen Bestrebungen in Oesterreich nichts bekannt sei. Sicherlich werde von Staats wegen nichts unternommen werden, was der verfassungsmäßig gewährleisteten freien Religions- Übung widerspricht und außerdem einem von den Juden als biblisches. Gebot betrachteten Brauch den Makel der Grausamkeit aufdrücken würde. Er glaube ajber, daß auch in der Bevölkerung selbst, mindestens aber in der katholischen , Bevölkerung, nickt die Tendenz besteht, den Angehörigen: des jüdischen Glaubens das Schächten unmöglich zu machen.“ Wie die ״Jüdische Presse“ nun von maßgebenden, der Regierung nahestehenden Kreisen erfährt, gibt das Verlangen des Verbandes der Tierschutzvereine zu keinerlei Besorgnis Anlaß und es ist ausgeschlossen, daß die Bundesregierung ein Gesetz erlassen würde, welches die rituelle Schächtung unterbindet. Die Regierung steht diesbezüglich auf dem Standpunkt, der in der oben zitierten Erklärung des Bundeskanzlers Dr, Seipel festgehalten ist, Hitler braucht noch Judengesetze Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur aus maßgebenden Kreisen in Berlin erfährt, bereitet die nationalsozialistische Regierung neue Gose twz e vor, die auf eine weitere Isolierung der Juden und ihre wirtschaftliche Einschnürung abzielen. Das Vermögen der Juden soll ganz unter Kontvolle gestellt werden, Die Gesetze sehen vor: 1. Einsetzung eines Regierungskommissars zur Kontrolle und Mitverwaltung aller jetzt in jüdischen Händen befindlichen Wohn hä u se r und Grundstücke, 3, Verpflichtung der Banke n, den Behörden in jedem Fülle, wo ein jüdischer Depositeninhaber einen Betrag von 15(W) Mark aufwärts abhebt, Mitteilung zu machen. 8. Verbot au die jüdischen Aerzte» die noch eine Privatpraxis ausiiben dürfen, unverheiratete Arierinnen zu behandeln. 4, Den jüdischen Anwälten, die auf Grupd der Ausnahmeklausel des Arierparagraphen als ehemalige Frontkämpfer noch zur Praxis zugelassen sind, soll das Betreten der Gerichte überhaupt ver« boten werden.*

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