Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 38 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JüDTSCHEPRESSE Nr.• 38 ״Hier bin ich“ *אש השנה״•. An der Pforte einer der gleißendsten und Stolzesten Kulturstätten der Menschheit, an der Pforte Roms, erblickte einst mitten unter den Aermsten einer unserer Großen den Propheten Elia. Er fragte ihn, wann der Erlöser käme. ״Heut e, wenn ihr auf meine Stimme höret“, war die Antwort. Nur allzuleicht überhört man im brausenden Wogen unserer Kultur die Stimme des Allmächtigen. Doch in den Tagen, da so viele Schlacken von uns fallen, da im jugendlichen Ungestüm der Hingabe so heiße Sehnsucht der Hingabe das Herz durchglutet, da möchte man so gerne diese Stimme hören. Begnadete vernehmen sie. Was aber ist ihre Antwort? Es kommt so vieles darauf an. Finden wir das richtige Wort, so sind wir erlöst. Da ringt es und kämpft es in unserem Innern, da drängt sich Gedanke und ׳Ausdruck. Doch es ist ja nicht das erste Mal, daß die Stimme der Ewigkeit Menschen ruft. Sie rief unsere Ahnen. Kann es eine bessere Erwiderung geben als die, welche diese Menschen fanden und gaben? Die Stimme erging an Abraham, er sagte :hier bim ich, die Stimme erging an Jakob, er sagte: hier bin ich, die Stimme erging an Moses, er, sagte: hier bin ich! . Abrahäm wurde zum Opfer gerufen, Jakob zum Leben, Moses zur Liebe. Es kann im Laufe der geschichtlichen Entfaltung sein, daß der Allmächtige, sein Wort und sein Wille von einem Opfer spricht, Opfer bis zur vollendeten Selbstentäußerung. Nicht seinetwillen, sondern unseretwillen. Denn mit jeder Regung der Opferbereitschaft wird der einzelne Mensch, wird Israel größer. Immer aber bleibt das gewaltigste Opfer die Hingabe des Kindes, seine Weise für Schöpfer und Thora. Derjenige ist ganz vom Zauber des Rosch Haschono um-! fangen, der, wenn des Schofars Ton die Rinde seines Herzens sprengt, jauchzend sagt: Hier bin ich, hier bin ich mit ineinem Kinde! Glück, unbeschreibliches Glück, wenn in diesem Augenblick, wie einst Isak und Abraham, Kind und Vater, Tochter und Mutter, auf einen Ton gestimmt sind. In Leiden und Freuden hatte einst tausendfältig das Leben zu Jakob gesprochen. Die Stunde auch kam, da er bangte in der Sorge; wie er sein Kind, den Liebling seiner Seele, im fremden Lande wiederfinden würde. Der Allmächtige rief ihn. Er sagte, hier bin , ich, doch die Sorge wich nicht von ihm; Da sagte die Stimme der Ewigkeit: fürchte dich nicht! ׳. Gespenstergleich schleicht die Furcht vor dem Leben an so manches Gemüt. Sie zu überwinden ist der edelste Stolz des Menschen, sich von ihrer Umklammerung,zu 'befreien, ist Daseinskunst. Der Weg? Er ist das Bewußtsein, daß dem ״hier bin ich“ des sterblichen Menschen stets und immer ein Widerhall wird in dem ״ich bin bei Dir“ des ewigen Schöpfers, also wie es Jakob hörte und erfuhr. Das Gewaltigste Kopeczinzer Rebbe erkrankt Nach T&edaktionsschluß erfahren wir, daß der Kopeczinzer ]Rebbe, Großrabb. J. M. Heschel שליט׳א, schwer erkrankt ist. Mit all seinen vielen Chassidim und Freunden beten auch wir zu Haschern um eine רפואה שלימה für,den greisen Zaddik. Sein Name,lautet: יצחק מאיר בן לאה רחל. aber •ist, wenn die Stirn!»© des Allmächtigen ruft» mt daß Wir anderen hellen, uns ruft zur Diebe für sein Volk, uns ruft zur Mitarbeit, an der Erlösung. Dieser Ruf erging an Möses und er sprach schlicht und ergeben : hier bin ich! Es vergeht nicht eine Minute in unseren Tagen auf der Erde, in der diese Weisung nicht an uns erginge. Es ist schwer, um Menschen zu Werben und sich nicht beirren zu lassen durch irgendwelche Enttäuschungen. Je spröder ein Herz, desto edler der Sieg* wenn es überwunden. Mehr als je bedarf die jüdische Seele des Mitfühlens, der Gewißheit, daß andere mit uns hoffen, für uns denken, uns lieben und betreuen. An dem Tage, an dem der Weltenlenker dem Geschick des Einzelnen urtd der Gesamtheiten Riehtung, Ziel und Erfüllung gibt, baut er neue Gestaltungen, neue Welten auf dem Grund der; Liebe, die Menschen mit Menschen einen. Er ruft ׳uns zu Helfern. Wir wollen urts nicht versagen und allen Leidenden im Namen des Ewigen künden :hier bin ich! P. K. Wehn Haueher der Ver* fäfbung der Zähne vorbeugen wollen, dann hilft nur die regelmäßige, täg* liehe Pflege mit ODÖL*2ahnpasta. Kleine Tube S 90.־1■־ Große Tube S 1 •40 /\n unsere!Leser unc! Freun Mil der heutigen Ausgabe nullendel: die .Arbeitsgemeinschafl der .Jüdischen Presse‘‘, ihr drit tes Arbeit sjuhr. Wenn dies auch, kein Anhiß ist, ein .Jubiläum“ ׳/u feiern, so darf doch mit einigen kurzen Worten Rückblick gehalten werden. Es muß gesagt werden: Die Arbeitsgejneinschafl hat das für die'ersten ׳drei1 Jahre sich norgesteckle Ziel nicht erreicht, trotz größerem Aufwand an Mühe und Arbeit, als präliminiert mar. Die jüdischorthodoxe Oeffentliclikeil hat ihrer Zeitung nicht d. a s Interesse entgegengebrach(:, das non der Arbeitsgemeinschaft erwartet wurde. Ebenso haben die jüdisch-orthodoxen'.Körperschaften und die Führer der Orthodoxie, abgesehen oon einigen Ausnahmen in Wien, ihre Pflicht der orthodoxen Presse gegenüber nicht erfüllt. Protz dieser und noch anderer hindernder Umstünde ist die Jüdische Presse“, die heuer ihr zwanzigjähriges Bestandsjubiläum feierte, in diesen drei Jahren ausnahmslos pünktlich jede Woche in die Hände der Leser gelangt. Es ist sogar gelungen, das Blatt, wenn auch ■ in bescheidenem Maße, auszubauen. Die ..Jüdische Presse“ ist nicht ein Erzeugnis der Tagestiteratur, wie andere Zeitungen, die, man je .nach Interesse liest und bezieht. Die ״Jüdische Presse“ ist vielmehr das Blatt des orthodoxen Juden, das er lesen und beziehen muß, will er seine Pflichten dem orthodoxen Judentum gegenüber erfüllen. Die Orthodoxie braucht heule mehr denn je ein entsprechendes eigenes Organ, weit der Presse heute besondere Bedeutung zukommt. Es liegt, außer or t ho d o x - j ii d i s c h e n O e f f e n 11 i c h k e i t. d u r c 11 t a t k r ä f t i g e F ö r d e r ung d i e G ru ndl a ge n zu schaffen.au f de ne n das ge s t e c k t e Z i e ׳/ e r v e i c h t werden kan n.. Wir appellieren in schwerer S t u nd e a n unsere Ges i n n u n g אgenossen ס o n.rijih ■u,n d f e r n, u ns helfend zur S e i t e zu s t e h en. - v ■■ÄJjo.n,n.Je r l^xl.fe ...JüdischePresse 7 : Die Arbeitsgemeinschaft. Meint ■Kaff I FEUILLETON ■ WtmM Zauke# Von Emantie t Geldwerth ,,Und nun, Kinder, werde ich euch die Geschichte vom U'nsane Taukef erzählen.“ Die Kinder, die in dem dämmerigen Halbdunhel, zu dem der trübe Herbsttag in der engen Chederstube herabsank, müde und stumpf dagesessen waren, horchten auf. Eine Geschichte! Sie wurden lebhaft und rückten näher heran; ihre Augen hingen an den Läppen des Rebbexi, ,Jn der Stadt Mainz lebte einst ein Heiliger, Rabbi Am non. Fromm und gelehrt, weise und reich, war er nicht nur von den Juden geehrt und geliebt, sondem auch vom dortigen Fürsten sehr geachtet und geschätzt. So sehr, daß dieser ihn gerne als ersten seiner Beamten und Ratgeber gesehen hätte. Mehr als einmal hatte er dem Rabbi den Antrag gestellt, seinen Glauben gegen die hohe Ehre, die er ihm zugedacht, zu tauschen. Aber Rabbi Amnon war immer ausgewichen und hatte mit keinem Wort seinen Willen kundgetan. Einmal jedoch drang der Fürst so heftig und unerbittlich in ihn, bis er sich, um Zeit zu gewinnen, drei Tage Bedenkfr ist. gewähren ließ. Als diese verstnehen war und Rabbi Amnon nicht erschien, sandte der Fürst nach ihm. Doch jener weigerte sich, dem Ruf zu folgen. Dem nächsten Böten eröffnete er, daß er mit dem Fürsten, der ihn mit seinem G-tt entzweien wollte, nichts mehr zu tun haben möchte. Da ließ ihn der Gewaltige in Ketten vor sich bringen. Finster und drohend fragte er ihn, ob er sich’s schon überlegt hätte. Fest und stolz erwiderte der Rabbi, daß da nichts zu überlegen wäre; zwischen G-tt und der ganzen Welt wählte er freudig den Schöpfer und nicht das Werk. Streng fuhr ihn der andere an, warum er sich dann Bedenkzeit erbeten hätte. Da senkte Rabbi Amnon schmerzvoll das Haupt und unter Tränen sprach er: ,Ich weiß, daß ich damit schwer gefehlt und gesündigt habe. Ich war einen Augenblick lang schwach und habe gezögert. Wer aber in Glaubenssachen nur zögert, hat g eleu gn e t und ist verdammt. Ich will sühnen!, Wenn du, o Fürst, mich strafen willst, so laß7 mich selbst f.nein Urteil sprechen: die Z u n g e, die gelästert, soll es büßen!‘ Der Fürst aber,, durch diese Worte in maßlose Wut versetzt, schreit, daß er gerade die Zunge schonen will, die Füße jedoch, die nicht gekommen, und die Hände, die sich nicht in neuem Glauben gefaltet, werde er bestrafen• Und so geschah es: Glied für Glied wurde dem Heiligen verstümmelt und immer wieder zum Abfall auf gefordert, harrte' er aus bei seinem G-tt, bis von ihm nichts blieb als ein letzter Hauch von Leben und der starke, unüberwindliche Glaube. Am R 0 s c h - H a s c h o n o h, wo der Herr die Herzen der Menschen prüft und wägt, bat Rabbi Amnon, man möchte ihn ins G-tteshaus tragen. Als der Chason beim Mussaph die Keduschoh sprechen will, unterbricht ihn der Sterbende: er will mit dem schwindenden Odem mekadesch Haschern sein, verröchelnd der hehren Majestät des Allmächtigen huldigen und im Tode noch bekennen, daß einzig .ist der G-tt Israels. Und so entströmt den bebenden Läppen das von der furchtbaren Herrlichkeit des Ewigen zeugende und vom heiligen Schauer des Tages erfüllte U’nsane Taukef. Und mit dem letzten Wort kehrt die Seele Rabbi Amnons heim, heimzu m all gütigen, allliebenden Vater. Seither wird immer am Rosch-Haschonoh, an derselben Stelle des Gebete, von den jüdischen Gemeinden der ganzen Welt der erschütternde Lobgesang angestimmt und alle, ob sie nun die Geschichte vom Rabbi ■ Amnon und seinem U'nsane Taukef kennen oder nicht, sind ergriffen und auf gewühlt von seiner Inbiunst und Weihe. . Und wenn ihr nun, Kinder, am nahenden hohen Feste zum U'nsane Taukef gelangt, so denkt an den Heiligen, sein Leiden und seinen Opfertod und betet, sein S’chus möge euch und Israel beistehen und beschützen.“ Die Kinder saßen mit großen verträumten Augen da und den meisten rollten Tränen über die Wangen. Erst als der Rebbe sich erhob und sie heimschickte, kam Bewegung in die Schar. Ganz allein ging der kleine Josseie seines Weges. Er war ein zartes und schmächtiges Kind, mit dunkel-leuchtenden Augen, die scheu und furchtsam in die Welt blickten. Diesmal aber waren sie von einem eigenartigen Fieberglanz; das Herz pochte gewaltig und das Blut kreiste rasch und heiß und aufregend in dem kleinen Körper. Wenn er es auch nicht klar gewußt, g eahnt hatte exJs, daß er große• Schuld auf sich geladen, als er vor ewigen Tagen auf dem Nachhausexoege sein C humes ch fallengelassen und J an ek, der Müllerjunge, es aufgehoben und behalten hatte, ohne daß er, Josseie, es energisch genug zurückgefordert hätte, seither, so oft er ihn erblickte, schwang Janek das Chumesch, höhnte xmd spottete, spie darauf und trat es mit de n Füßen. Josseie hatte ihn immer flehentlich und unter Tränen gebeten, ihm doch sein Eigentum nicht vorzuenthälten, hatte sich sogar erbötig gemacht, ihm, Janek, solange er es nur xvünsche, sein Frühstücksgeld abzuliefern — doch der andere hatte immer wieder keine andere Antwort gehabt, als: ״H oVs dir!“ Er aber war feig gewesen und hatte sich an den großen, starken Burschexi xiicht hex-angetraut xmd sich selbst damit vex'ti'östet: ״Einmal wex'de ich’s ihm schon exxtreißexi,“ Und das war Sünde, großet schmachvolle Sünde! Das war ihm jetzt, bei der Geschichte von Rabbi Amnon, in seiner ganzexi Schwere bewußt gewordexx. Wie hatte doch der Heilige gesagt? ״Zögern ixx Glaubexissachen heißt Leugxie %!“ Und er hatte gezögert! Er hatte sein schlechtes Gewissexi damit bex'uhigt, daß er die Pflichterfüllung aufgeschobexi. Nein, er hätte sich nicht mit Bitten und Angeboten begnügen dürfen; er hätte es versuchen sollexx, das heilige Chumesch dexx grobexi, starken Händexi Janeks mit Gewalt zu entwindexi, kämpfen hätte er müssen, kämpfen mit dem Einsatz der äußersten Kraft, Wenn es ihm für gewöhnlich im Spiel an Mut gebrach — das war