Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 38 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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•mi JÜÖlSCHtJ KRISSSSä Seite § Rückschau und Ausblick Hygiene des Denkens Von Meif ben Ja&kow. Wer heute sich bemühen wollte» ׳die Notwendig-' keit körperlicher Hygiene nachzuweisen, würde sich genau so lächerlich machen, wie jemand, der dies vor fünfhundert *fahren versucht hätte!, nur mit dem Unterschiede!, daß der erstere mit Recht deswegen verlacht würde, weil er Selbstverständliches erst zur Diskussion stellt und nachzuweisen sich bemüht» Während der letztere seine Lächerlichkeit lediglich der Verständnislosigkeit seiner Zeitgenossen verdankt. Aehnlich wie diesem letzteren würde es heute bestimmt jedem ergehen, der dieMygienedesÖeisteslebens in der. modernen Kultur weit postulieren Wollte, der mit der Behauptung auftreten würde, daß es ebenso wie in der Körperwelt auch in der Geistes weit schädliehe Bakterien gäbe, vor denen der Organismus geschützt werden müsse» wenn er nicht der Gefahr schwerster Erkrankung ausgesetzt sein soll, und der daraufhin die Forderung an die Menschen stellen würde, bei der Auf' nähme der Geistesnahrung behutsam zu sein und nicht aller• aufs Geratewohl zu genießen und zu verdauen, was ihnen in die Hände kommt oder sie interessiert, sondern mit skrupulöser Genauigkeit die Reinlichkeit und die Zuträglichkeit des zu Genießenden vorher genau zu prüfen. Er würde sich heute, wie gesagt, in der modernen Kulturwelt ebenso lächerlich machen, wie jemand, der vor fünfhundert Jahren diese Forderungen für die körperliche Nahrung des Menschen erhoben hätte. Die Hoffnung aber und Gewißheit besitzen wir, daß der Zeitpunkt kommen wird, wo man auch diese Forderung als eine längst bekannte und anerkannte ^Selbstverständlichkeit behandeln und deren, weil selbstverständlich, überflüssige Betonung belächeln wird. Die Kultur des modernen Abendlandes steht der GeiBteshygiene indifferent gegenüber, weil der Glaube an die Realität des Geistes noch nicht voll durchgegriffen hat. Nur dort, wo die durch Pornographie und Verbrecherüteratur in der Jugend entstandenen Schäden Schon in die Sphäre materiellen Lebens greifen, ergreift die Gesellschaft Abwehrmaßnahmen — sonst schweigt sie. Und doch lehrt schon eine oberflächliche Betrachtung, daß der geistige Organismus des Menschen durch die Aufnahme schädlicher Fremdstoffe in seiner Lebensfähigkeit viel mehr :gefährdet ist, als der körperliche unter!gleichen Umständen. (Während man beim Körper voraussetzten darf, Idaß er ״laus eigenem“ '׳die!Spreu vom Weizen scheidet und die schädlichen Fremdstoffe, solange sie ihm nicht in zu großer Menge zugeführt werden, restlos wieder ausscheidet, ist dies beim Geiste durchaus nicht der Fall. Was einmal in den Bereich des Denkens gelangt ist, kann von dem betreffenden Individuum nie und nimmer wieder ausgedchiedten werden. Ein rpstloses Vergessen gibt es nicht! Es kann in1 die 'Sphäre des Unterbewußtseins hinabsinken, aber es arbeitet — bemerkt oder unbemerkt — an der Gestaltung der geistigen Personlichkeit bestimmend mit bis zum Lebensende, immer bereit, in einem schwachen Augenblicke hervorzubrechen, den Willen der Persönlichkeit an sich zu reißen, ihr Handeln und damit ihr Schicksal zu bestimmen. Der einmal empfundene unsittliche Gedanke ist und bleibt ein gefährlicher Ballast, der zeitweise durch gegenteilige Eindrücke paralysiert, aber niemals beseitigt werden kann, immer auf dem Sprunge, die moralische Persönlichkeit seines Trägers zu zerstören. So klar ist die hier drohende Gefahr, daß unsere Weisen sagen הקורא בספרים החיצונים אין לו חלק לעולם הבא Sie haben damit ausgesprochen, daß die bloße Kenntnisnähme von fremden unjüdischen Lebensanschauungen genügt, einer jüdischen Persönlichkeit so viele Krankheilskeime einzupflanzen, daß ihre Wurzel zerstört und ihr Zusammenhang mit dem Volkskörper ganz gelöst wird, daß sie als moralische Persönlichkeit im Sinne des Judentums zu existieren auf gehört hat. Das bloße Eindringen eines judentumfremden Gedankens stellt eine schwere Infizierung des betroffenen Individuums dar, vor der es sich im höchsteigenen Interesse zu hüten hat, eine Infizierung, die, gefährlicher als jede körperliche, niemals rest- und spurlos beseitigt werden kann. Und wenn die Seuchen, die die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten heimsuchten, die Menschen in körperlichen Belangen zu immer größerer Behutsamkeit und damit zur körperlichen Hygiene erzogen, so werden die moralischen Nöte, in welchen sich die heutige Menschheit befindet und die sich als bei weitem gefährlieber und katastrophaler als jene darstellen, uns zwingen, von nun an auch in geistigen Belangen Behütsamkeit und Skrupelhaftigkeit walten zu lassen. Es wird und muß sich früher oder später an die Seite der Hygiene des Körpers die Hygiene des Geistes, der Seele, des Denkens stellen! Es ist altjüdischer guter Brauch, au jeder Zeiten* wende Rücksehau und Ausblick tu halten. Der einzelne auf sein eigenes Tun, die Gesamtheit auf ihr gemeinsames Schaffen. Keine andere Zeitenwende eignet sieh dafür so sehr als die Jahreswende, an der der Mensch den Blick nach rückwärts schweifen läßt* um sich selbst zu erforschen und um Schlüsse zu ziehen für die nächste Zukunft. Und auch wir wollen diesem guten alten Brauch entsprechen und. uns ein wenig dessen inne werden, was die jüngste Vergangenheit gebracht und wie die Zukunft sich gestalten soll. Der Kampf der Wiener Orthodoxie um ihre Unabhängigkeit ist zeitweise afehr stürmisch gewesen, und wenn die Wellen besonders hoch gingen, so war es nicht leicht, dabei sachlich zu bleiben. Aber heute, wo wir die Dinge zeitlos von höherer Warte aus betrachten, dürfen wir wohl den Kampf in seiner Gänze überschauend als den Kampf der alten Wahrheit gegen den wandelbaren Zeitgeist umschreiben. Was anderes Wäre es denn, wenn wir die Ent- Wicklung betrachten und sehen, daß seit der Reform, die den ersten!organisierten Versuch JdarSteUt, djas G-ttesgesetz im Judentum zu entthronen, immer wieder von neuem. die Kampfparole lautet: ״Hie Unveräußerliches G-ttesigesetz — dort wandelbarer Zeitgeist!“ Die Reform ist heute nicht mehr der schwere Gegner von ehedem. Sie hat sich ihre Hörner bei den Feinden unseres Volkes äbgeä.toßen und islt heute zufrieden damit, ihren Kreis, der mit Thora u’Messorah gebrochen hat, zu repräsentieren. Für Erobeningsgelüste hat sie wenig übrig, weü ihr Bezirk im Innern abgegrenzt ist. Den Wind aus den Segeln hat ihr sicher in erster Reihe der neue jüdische Nationalismus genommen, der alle ״Vorteile“ der Reform, die ja in der Lossagung yon d en religiösen Bindungen besteht, wohlfeil Ubernommen hat und der dazu noch das stolze ״Bekenntnis zum Judentum“ im Munde führt, ohne für diesen Ehrentitel hohe Taxen zu verlangen. Daß er selbst aber zeit- ■ geboren und auch zeitverioren ist» das ist heute naejh seinen unzähligen Abspaltungen keine Theorie mehr, sondern eine Binsenwahrheit, die nicht mehr bewiesen werden braucht. Wenn aber trotzdem dieser Nationalismus das historische Vermächtnis seines ersten Führers ״Erobert die Kultusgemeinden“ zu verwirklichen sucht, dann ist das ein Versuch, der seinen Mißerfolg im eigenen Schoße trägt und nur dazu taugen kann, zeitweise ein widerspruchsvolles System zu errichten, das nie religiös produktiv werden, aber schon in der kurzen Dauer seines Bestandes ungeahnte Zerstörungen vollbringen kann. Mag sein, daß das ihr Führer geahnt hat, wenn er sie 4zur Eroberung aufgefordert hat, denn ״erobern“ kann man nur fremdes und nicht eigenes Land. Und weil ihnen die Gemeinde, die uns heiliger, religiöser Besitz ist, nur Rahmen für weit tiefer liegende politische Ambitionen sein kann, wehren wir uns verzweifelt gegen die jüdisch nationalen Eroberung»- gelüste und wollen ihnen, wenn nicht anders möglich, die Gemeinde, in der sie Fuß gefaßt haben, Überlassen, um uns ein eigenes Haus klein, aber rein so zu gestatten, wie es uns heiliges Vermächtnis unserer Führer ist, die ein jahrtausendealtes Primat auf die Führung im Judentum haben und die nicht in vierzig Jahren ihr jüdisches Weltbild gestalteten. Wir sind gewohnt, über den engen Rahmen weniger Jahrzehnte hinaus zu sehen und zu denken. Wir verfolgen mit Ruhe die Entwicklung, die bei den Jüdischnationalen immer mehr Zersplitterung, bei uns immer mehr Saramlung zeigt. Und wir erwarten das Urteil der Geschichte mit G-ttvertr(auen, weil es nicht anders lauten kann, als das Urteil des weisen Königs, das dazu geführt hat, daß die wahre Mutter zu ihrem Kinde heimfand Und wir schließlich mit ihr ausrufen werden: לא, כי כנד חמת ובני דהי In unserem Lager liegt die Zukunft des jüdischen Volkes . . . Garantierl־ Kunerol ist vollständig reines Fett aus Kokosnüssen, es ist nahrhaft, leicht verdaulich, unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milchuhd Fleischspeisen für den Festtagstisch verwendet werden. Das Verschluß- Siegel der Packung gibt Ihnen die Gewißheit, daß Kunerol unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wird. fflM Da s 100% reine Kokosnu ßfett Nur echt in Originalpackung i Aus dmütku desCke^eaChoimyv In diese Tage fällt die zweite Jahrzeit nach einem der Größten in Jisroel, dem Chofez Chajim s. Z. 1. Wir bringen im nachfolgenden einige Begebenheiten aus seinem Leben, die mit seltener eindringlicher Klarheit das Wesen dieses wahrhaftigen Zaddik zeichnen. Es war, als dem Chofez Chajim ein Sohn durch den Tod entrissen wurde. Eine hellstrahlende Leuchte der Thora war mit diesem jungen Menschen, Rabbi Awröhom, der im Alter von etlichen zwanzig Jahren nach ־kurzer Krankheit starb, erloschen. Fast noch ein halbes Kind, hatte er bereits tiefe Thoraworte geprägt (der Chofez Chajim bringt einiges davon in seinem Werke ״!Akute HalochausCf in der Hakdomoh), XJnd dieses geliebte Kind mußte der große Zaddik plötzlich in die Erde betten. Es schien finster geworden um die Seele des Vaters in dem ungeheuren Schmerze. Als der Chofez Chajim nach der Lewajoh, die das ganze Städtchen zu Zeugen hatte, vom . Friedhof kam, da bat er die tausende Juden, sich noch eine Weile zu versammeln> er wolle einen Hesped auf sein Kind halten. Die Menge folgte in stummer Ergriffenheit den kurzen Worten des Zaddik, der. da sprach, wiewohl noch kein Vater am Grabe seines Sohnes gesprochen. Er hub an: ,An den Zeiten der Pogrome, als Zehntausende wnserer Besten und Edelsten zu Opfern auf dem Altar der wahren Jüdischkeit wurden, da die Flammen der Scheiterי häufen blutig über die Welt leuchteten und der Rauch Lebendverbrannter klagend mm Himmel stieg — damale war eine Mutter, deren einziger, behüteter Sohn als Erster unter den Todesstreichen entfesselter Mordbrenner fiel. Da stand die Mutter m seiner Bahre, ein zerbrochenes, vernichtetes Weib, ihre Augen waren weit auf gerissen in dem furchtbaren Schmerze, aber keine Träne fiel aus ihnen, kein Klagen entwand sich der zerquälten Mutterbrust, nur die Hand hob sie mm Himmel und sprach: ״Herr der Welt! Ein Herz habe ich nur und meine Liebe mußte ich teilen — eine Hälfte zu Dir und eine Hälfte zu meinem Kinde. Nun, da Du das Kind zu Dir genommen, gehört mein ganzes Herz — das liebende Mutterherz — allein Deinem Dienste . . .!“ — So gerade spreche ich heute zu mir, sagte der Chofez Chajim: Da ich meine IAebe jetzt nicht mehr teilen kann zwischen G-tt und meinem Sohn, kommt nun ein n o ch größerer Chelek von ihr auf Haschem jisborach . . / i dem Städtchen bei Baranowitsch, wo die Wiege des Chofez Chajim stand, war ein alter Wasserträger, der bereits über neunzig Jahre alt und schon ziemlich gedächtnisschwach war. Die Kinder des Städtchens pflegten mit dem Alten ihren Schabernack zu treiben, was ihm manch bittere Pein verursachte. Er hatte die Gewohnheit, seine Wassereimer über Nacht in seinem Vorha/us stehend zu larssen. Wenn nun im Winter klirrender Frost herrschte, stahlen sich die Kinder durch die zerbrochene Türe des Vorhauses und füllten die leeren Eimer mit Wasser an, so daß der arme Alte, wenn er vor Tag zu seiner Arbeit aufstand, die Eimer voll hartgefrorenen Eises fand; er brauchte dann oft einen halben Tag, um das Eis mit seinen schwachen Kräften 1wieder herauszuhacken. Eines Morgens, sahen die Kinder, die sich schon auf das Schauspiel des verzweifelt rackernden Greises gefreut hatten, voll Verwunderung den alten Wasserträger frühmorgens mit leere n Eimern zum Brunnen gehen; dies wiederholte sich von da an jeden Tag, . Keiner der mutwilligen Knaben aber kam darauf, daß der kleine,’ damals sechsjährige Jisroel Meierl, der spätere Chofez Chajim, dem die Roheit seiner Kameraden im Herzen wehtat, in der Nacht, wenn die anderen Knaben bereits schliefen, in das Vorhaus des Alten schlich, und mit seinen Kinderhändchen die schwergefüllten Wassereimer wieder ausgoß und auf ihren Platz stellte. Erst viel später hat man im Städtchen von .diesem Tun erfahren. * Iw den Jom-Kippur-Nächten, wenn alle Glaubensbrüder י ermattet vom langen Beten das Bes hamidrosch verlassen hatten, um bis zu dem frühen Beginn des Tagesg-ttesdienstes ein wenig zu ruhen, da pflegte sich der Chofez Chajim, der gemeinsam mit den anderen Mispällelim weggegangen war, ganz leise wieder in die Schul׳ zurückzuschleichen. Traurig waren seine sonst so klaren, fröhlichen Augen in diesen Nächten, seine Stirne war mit breiten und tiefen Furchen durchpflügt. Nachdem en־ sich scharf umherspähend vergewissert hatte, daß kein Mensch außer ihm in dem heiligen Raum war, setzte er sich auf seinen Platz. Einmal war dem sonst so Wachsamen entgangen, daß ihm einer seiner Talmidim heimlich gefolgt war, Der Bochur versteckte sich in dem Keller unterhalb des Bes hamidrosch zwischen den für den Winter auf gestapelten Holzvorräten. Er wollte wissen, was der verehrte Reböe zu der späten Nachtstunde im Bes hamidrosch tue. Da hörte er, wie der Chofez Chajim für seine Person eine Rechnung aller Sünden des ganzen Jahres ablegte. Unter bitterem Weinen sprach der große Zaddik, was er von dem Tag nac,h dem letzten Jom Kippur bis zum heutigen Tag Unrechtes getan, er rechnete mit sich ab vor Haschem: Tag. um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, jeder Tat, jedes nach seiner Meinung übereilig gefällten Din, jeder kleinsten Kleinigkeit gedachte er. Als er unter tiefen Seufzern sein Widuj beendigt hatte, üämmerte bereits leise der Morgen vor den Fenstern des Res hamidrosch. Da schlich der Chofez Chajim still, mit zerfurchtem Angesichte hinaus, um erst als Letzter wiederzukommen, wenn die anderen bereits versammelt waren .. Aus dem Jiddischen von Othmar R, Schwarz,