Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 19 (17.5.1935)
- Date
- 1935-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 JtSDßCBE PBK9SE Seite 3 Plagiat, Schund und Fälschung Das Urteil im Berner Prozeß tim die ״Protokolle de!» Weisen von Zion״ Nach vierzehntägiger Dauer ist in Sern am Dienstag der Sensationsprozeß zu Ende gegangen, den der Israelitische Gemeindebund gegen dip Verbreiter des antisemitischen Machwerks ״Prot 0kolle der Weisen von Zion“ angestrengt hatte. Wenn es für jeden einsichtigen Menschen auch vom ersten Tage an klar war, daß das Gericht nur zu dem Beschluß kommen kann, daß die Protokolle eine von niederen Haßinstinkten erzeugte Fälschung sind, so verdient doch der Schweizer isr. Gemeindebund Dank für seine Initiative, der nun diese gerichtsnotorische Fesstellung zu verdanken ist. Viel Unglück haben die ״Protokolle“ über uns Juden schon gebracht. Jetzt sind sie in sich selbst zusammengebrochen, ihre Verbreiter und Verfechter vor aller Welt entlarvt. Wird nun aber dieses Urteil die Augen der tausenden Haßgeblendeten zu öffnen vermögen? Wir machen uns nicht allzu viel Hoffnung. In Deutschland ist erst dieser Tage eine Neuausgabe der ״Protokolle“ herausgebracht worden, die, das Berner Urteil vorwegnehmend, auf neuer Grundlage blindwütig gegen das jüdische Volk predigt. Daß die ״Protokolle“ eine Fälschung sind, braucht oder kann nicht ׳bewiesen werden. Der Einsichtige braucht den Beweis nicht, der Haßerfüllte kann ihn nicht brauchen. Er wird den Beweis selbst immer erst ׳bewiesen sehen wollen ... Aus dem Urteil und seiner Begründung In dem auch in den Tageszeitungen veröffentlichtem I der Echtheitsbeweis für die ״Protokolle", den die Ange- Urteil, das den Angeklagten eine Buße und die Tragung klagten geführt haben, völlig mißglückt ist und der Prozeßkosten auf erlegt, wird einleitend erklärt, daß | in sich zusammenfällt. Dann heißt es weiter: Bewiesen ist einzig, daß die Protokolle vom ״Dialogue aux enfers“ zum größten Teil abgeschrieben worden sind. Sie sind ein Plagiat, das war schon seit 1921 bekannt. Es ist bis zum höchsten Grad wahrscheinlich, daß Batschkowsky der Kopist war. Die Herausgeber wußten davon. Bis und mit der 15. Auflage der Protokolle wurde Joly totgeschwiegen; er wäre auch weiter totgeschwiegen worden, wenn der Berner Prozeß nicht dazwischen gekommen wäre. Die Befürworter der Echtheit müssen nun Joly auch anerkennen. Die Behauptung, daß die Protokolle am Bnei-Brith-Kongreß in Basel beschlossen wurden, ist nicht gelungen. Ich stelle somit fest, '־ daß ein Beweis für die Echtheit der Protokolle nicht erbracht ist. Sie fallen ebenso wie die eingeklagten Schriften unter den Begriff des Artikels 14 des beraischen Schundliteratur- Gesetzes, denn sie haben eine verrohende und unmoralische Wirkung und sind geeignet, zu Verbrechen anzureizen. Die Protokolle sind sowohl gefälscht wie Plagiat. Ich bin überzeugt, daß sie Schundliteratur und mehr als das, Unsinn sind. Der Verlauf der Verhandlung — Die Gutachten Die Verhandlungen in dem großen Berner Prozeß um die Echtheit der ״Protokolle der Weisen von Zion", der bereits im Herbst 1934 die Aufmerksamkeit der gesamten Kulturwelt erregt hatte, begannen am 29. April, morgens 9 Uhr, vor dem Richteramt V, das Gerichts- Präsident W. Meyer innehat. Der Zuschauerraum war dicht besetzt. Im Mittelpunkt des Interesses stand das erste Auftreten des Gutachters der nationalsozialistischen Angeklagten, Ulrich Fleischhauer aus ׳Erfurt, der eine der führenden Persönlichkeiten des internationalen Antisemitismus und Leiter des antisemitischen U. Bodung- Verlages ist. Das Gutachten des Prof. Baumgarten Der vom Isr. Gemeindebund gestellte Gutachter, Universitätsprofessor Dr. Baumgärten -Basel, führte u. a. aus: Der erste Eindruck, den man beim Lesen der ״Protokolle" gewinnt, ist, daß es sich um ein phantastischesGebilde handelt, über das die Geschichte nichts zu belichten weiß. Die ״Protokolle" sind nichts als eine Fälschung. Diese Fälschung bezweckt, die Juden in den wüstesten' Farben zu schildern. Eine solche Fälschung kann nur das Machwerk eines Antisemiten des 33. Hochgrades sein und nicht eines ״Repräsentanten Zions des 33. Grades", wie die gefälschten ״Protokolle" unterschrieben sind. Die ״Protokolle" erschienen zuerst in dem Blatt der berüchtigten russischen Reaktionäre, ״Die Schwarzen Hundert", der ״Snamja". In der Geschichte der Fälschung der ״Protokolle" spielt der notorische Fälscher Ratschkowsky eine große Rolle, Hauptmitarbeiter Ratschkowsky war der Fälscher Golowinsky. Alle Genannten sind hervorragende Agenten der russischen Geheimpolizei des Zarenreiches gewesen, denen für ihre Zwecke alle Mittel recht waren. Nach einer Charakterisierung des Inhalts der ״Protokolle“, in denen den Juden ״Weltregierungspläne" vorgeworfen werden, welche durch ״Gewalt, Täuschung, Mord" erreicht werden sollen, wendet sich der Sachverständige der Frage nach der Wahrheit der ״Protokolle" zu. Es besteht auch nicht der geringste Anhaltspunkt dafür, daß die Teilnehmer am 1. Zionistenkongreß, der 189,7 in Basel stattfand, irgend welche andere Sitzungen abhielten, als die öffentlichen, deren Protokolle jedermann zugänglich sind. Die Behauptung, daß der jüdische Schriftsteiler Asher Ginzberg (Achad Haam) der Verfasser der ״Protokolle" sei, wurde zuerst von Frau L. Fry im Jahre 1921 aufgestellt. Der Deutsche Graf Reventlow, der sich diese Behauptung zu eigen machte, hat in einem von Ginzberg gegen ihn angestrengten Prozeß die Erklärung abgegeben, er bedauere seine Behauptung, die er njcht aufrechterhalten könne. 1 Die ״Protokolle“ sind seit vielen Jahren bekannt und kein Historiker von Rang hat von ihnen Notiz genommen. Das Urteil der Wissenschaft wird be¬ / ( )sagt Dir ntchts Aeue.s׳ / ' '//\ > / Erkenn-xeichnei die ( N \ J seitJk/irzehnton V rr7 ( I <Jerh0p Erzeugnisse Jfackpulverd/kniflirvxucker ßacköle+Bachmischung stätigt durch die gewöhnliche Lebenserfahrung und den gesunden Menschenverstand. Die ״Protokolle" wurden von vomeherein als historische Fälschung konzipiert. Die ״Protokolle" sind aber nicht nur eine Fälschung, sondern sie sind auch ,ein Plagiat.• Sie sind zu erheblichen Teilen -fast wörtlich abgeschrieben aus dem 1865 erschienenen Buche: ״Dialogues aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu" von dem französischen nichtjüdischen Advokaten Maurice Joly. Joly hatte sein Buch als Satire auf die Regierung Napoleon HI. gedacht. ... und des Antisemiten Fleischhauer Der antisemitische Gutachter Fleischhauer, der 4 Tage für sein Referat brauchte, wandte sich einer Reihe von Einzelheiten und Zitaten zu, die mehr oder minder die geheimen Umtriebe des Judentums zur Erlangung der Weltherrschaft beweisen sollten. Fleischhauer kommt schließlich auf den ־ Lieblingsplan des Erfurter Kreises ausführlich zu sprechen, die Insel Madagaskar als Judenland anzukaufen. Dieser Plan wurde zum erstenmal von dem holländischen Antisemiten Winghene in einem im U. Bodung-Verlag in Erfurt erschienenen Buche ״Vollzionismus" ausführlich propagiert. Fleischhauer meint, die Juden haben genug Geld, sich eine große Insel zu kaufen, z. B. Madagaskar. Dort könnten sie ungestört und ohne andere zu stören, leben׳. Der Gutachter wiederholt die hundertmal widerlegten Behauptungen von dem Manifest CrSmieux’, von den Zielen der Alliance Israeiite Universelle und ähnlichen antisemitischen Legenden. Er wiederholt, daß Joly nicht die Quelle der ״Protokolle“, sondern ein ״gleichberechtigter Vorläufer" sei. Die ״Protokolle", sagt Fleischhauer, sind echt, weil die Geschichte der letzten Jahrzehnte ihren Inhalt bestätigt hat. Der Experte der beklagten Partei, Fleischhauer, versuchte, weiter den Nachweis der semitischen Urheberschaft der ״Protokolle“ mit der Begründung zu erbringen, daß die ״Protokolle" aufbauende und destruktive Artikel enthielten. Ein antisemitischer A Fälscher würde sich auf die destruktiven Artikel beschränkt haben. Schriftsteller Loosl\ spricht . . . Nach Fleischhauer kam der gerichtlich bestellte Sachverständige C. A. Loosli, Schriftsteller in Bern-Bümpliz, zu Wort. Die vom Gerichtspräsidenten an ihn gerichteten Fragen verdichten sich auf folgende Hauptpunkte: 1. Sind die eingeklagten sogenannten ״Protokolle der Weisen von Zion“ echt, unecht oder gefälscht? 2. Bilden sie ein Plagiat, einen geistigen Diebstahl? 3. Fallen sie unter den Begriff der Schundliteratur? Der Sachverständige verneint kategorisch, daß die zionistischen Führer jemals das Bestreben hatten, irgendeine; revolutionäre oder sonstige politische Tätigkeit in den Ländern der jüdischen Diaspora zu entwickeln, und widerlegt die Behauptungen des judengegnerischen Schrifttums,, wonach die Verfasserschaft dpr ״Protokolle" auf den jüdischen Schriftsteller Achad Haam, seines wirkliehen Namens Ginzberg, zurückzuführen ist. Loosli unterzog die vieltägigen Ausführungen des Experten Fleischhauer einer gründlichen Prüfung und kam zu dem Schlüsse, es sei Fleischhauer nicht gelungen, den erbrachten Beweis, daß es sich bei den ״Protokollen" um eine antisemitische Fälschung handele, auch nur im geringsten zu erschüttern. Eingehend erörtert der Sachverständige die bekannten Divergenzen, welche zwischen den verschiedenen Ausgaben der ״Protokolle" bestehen. Das 1864 erschienene Buch des Nichtjuden Maurice Joly ״Dialogues aux Enfers entre Machiave et Montesquieu" bildet das wichtigste Beweisstück zur Beurteilung der eingangs erwähnten Hauptfrage nach der Fälschung der ״Protokolle", Die Frage, ob Beweise vorliegen, daß die ״ProtokoUe" aus politischen Motiven gefälscht wprden sind, muß bedingungslos bejaht werden, Loosli ging nun zur Beantwortung der Expertenfragen des Gerichtspräsidenten über. Die erste Frage ״Sind die ,Protokolle der Weisen von Zion‘ eine Fälschung?" beantwortete Loosli mit einem J a. Die Unechtheit der ״Protokolle*‘ ergibt sieh aus ihrer Form, aus ihrem Inhalt und aus ihrer Entstehungsgeschichte. Die zweite Frage: ״Sind die Protokolle ein Plagiat?" beantwortet Loosli ebenfalls mit einem J a. Die Fälscher haben sich nicht einmal die Mühe genommen, ihre Quellentexte auch nur formell dermaßen umzuschreiben, daß ihre Herkunft in vielen Fällen nicht ausdrücklich wörtlich nachgewiesen werden könnte, was namentlich bei ihrer Benützung der ״Dialogues" von Joly der Fall ist. Die dritte Frage ״Welches sind die Quellen der ,Protokolle', welches ihre Herkunft und Urheberschaft?“ beantwortet Loosli so: Die Hauptquelle der ״Protokolle" sind die ״Dialogues aux Enfers entre Macchiavel et Montesquieu" von Maurice Joly. Nicht weniger als 170 Stellen sind daraus wortwörtlich abgeschrieben, mit der einzigen Aenderung, daß überall dort, wo es׳ für den besonderen Zweck notwendig war, die Juden an Stelle Napoleons IH. oder seiner Regierung unterschoben sind. Replik Prof. Baumgartens Am 6. Verhandlungstag im Berner Prozeß um die ״Protokolle“, Samstag, 4. Mai, ergriff der von der jüdisehen Seite gestellte Gutachter, Professor der Rechts;■ Philosophie an der Universität Basel, Dr. Baumgärten, das Wort, zu folgenden Ausführungen: Es gibt keine jüdische Geheimregierung. Wir alle spüren, daß in der Welt nicht alles in Ordnung ist. Aber alle Krisen dadurch zu erklären, daß dahinter eine ״jüdisehe Geheimregierung" stehe, sei der denkbar untauglichste Versuch, eine Lösung zu gewinnen. Wie bei allen üblen Erscheinungen des Mittelalters wolle man auch heute das Judentum für die Krisen dieser Zeit verantwörtlich machen. Aber die Judenverfolgungen, die wir erleben, helfen auch nicht um ein Jota über die Not hinweg. Das jüdische Volk soll diese abscheulichen ״Protokolle" fabriziert haben? Ich studiere die Kulturleistungen des jüdischen Volkes seit grauer Vorzeit. Ja, das jüdische Volk hat ״Protokolle“ hervorgebracht: die ״Bibel". Das Volk, das die Bibel geschaffen hat, kann nicht das Volk sein, das mit Theodor Fritschs ״Protokollen“ etwas zu tun hat. Fürsprecher Brunsdivig plädiert In üblicher Form stellt nun Fürsprecher Bruns c h v i g, Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Bern, die prozessual notwendigen Anträge und schildert sodann die Vorgeschichte des Straff alles. Er gibt einen Ueberblick über die gewaltige Verbreitung der ״Protokolle“. Uebersetzungen in Französisch, Englisch, Russisch, Polnisch, Rumänisch, Spanisch, Finnisch, Schwedisch, Neugriechisch, Serbisch, Arabisch und andere Sprachen seien erschienen. Während die deutschen Ausgaben den Juden den Vorwurf machen, gegen Deutschland ihre Geheimpläne ins Werk gesetzt zu haben, wird ihnen SACHSELS’s Modehut 1935 S 9.80 und 12.— Prima Haarfilz, federleicht, S 16.— u. 20.— Biber S 26,— Borsalino Antica Gasa S 32,— Wien II, Taborstr. 39 f t in französischen Ausgaben der Vorwurf nicht erspart, für Deutschland und gegen Frankreich ihre angeblichen geheimen Mittel eingesetzt zu haben. Die englischen ״Protokolle"-Herausgeber aber kreiden es den Juden an, daß sie an dem für England ungünstigen Verlauf der Seeschlacht am Skagerak schuld seien. Besondere Beachtung fand die Feststellung, daß schon im Herbst 1934 die ,Protokolle" in der Ausgabe von Alfred Rosenberg vom Reichserziehungsminister Rust als ״Unterrichtsgrundlage“ in die Schulen eingeführt seien. Fürsprecher Brunschvig schloß: Fälschung sind die ״Protokolle", Schundliteratur sind sie ebenf alls. Der Gutachter Fleischhauer ist ein Agitator. Die rohe Gewalt lehnt Fleischhauer ab. Wir kennen diese falsche Melodie, Wer den Juden ohne Aufhören und auf allen zugänglichen Wegen als die Bestie in Menschengestalt ausgibt, ist schuldig an dem Blut und an den Tränen, die eine Gewissenslosigkeit wie diese unvermeidbar zur Folge hat. Färbt jüdisches Blut das Pflaster, so werden wir wieder hören, das ist Schuld der Juden und nicht ihrer Mörder. Gegen Schlechtigkeit und Niedertracht werden wir ankämpfen bis zum letzten Blutstropfen. Das Urteil Nach weiteren Plädoyers und Schlußvorträgen aller Beteiligten fällte der Richter das eingangs zitierte Urteil. Schwuos soll (bald ׳kommen, Haben ׳Sie auch schon ״Oetker" besorgt? 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