Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 16 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 8c»t«t « - ־ . JCPtSOTE PBESSR ״Wttristdl• j rJWif hatenunsin tfeV vörigeil Ausgabemit de*־ zionistischen Kultusgemei n dem ehr heit i n Wien, die durch ihr Organ, ״Öle Stimtiie“, in der letzten Zelt die Brandfackel in den bisher sachlieh geführten Kampf um die Selbständigkeit der Wiener Orthodoxie geworfen hat, auseinandergesetzt. Zu dem erwarteten Erfolg eines Kampfes mit Brandfackeln gesellt sich als unbeabsichtigte Nebenerscheinung, daß durch die lodernden Flammen m manche Winkel hineingeleüchtet wird, die sonst im Dunkeln ihren Inhalt vermodern ließen. Es ist das Wesen politischer Parteien, daß sie sich den verschiedenen Konjunkturen anpassen, und das ist es, was die Massen der Menschen parteimüde gemacht hat. Solange die Demokratie sich in den Dahnen der Logik bewegt hat, war sie ein tragfähiges System. In dem Moment, in dem sie in Oesterreich angefangen hat, radikal zu werden, hat sie den Ast abgesägt, auf dem sie saß. Und Weil das Parteisystem sich konsequent zum Radikalismus entwickelt hat, hat es sich überlebt. . Wenn die Entwicklung heute im Staat und in der Gesellschaft zur Überparteilichen Gemeinschaft drängt, so ist das in letzter Konsequenz der religiöse Gedanke, der die Unterordnung aller unter eine nicht von Menschen gegebene und nicht mit menschlichen Maßen gemessene Idee fordert. Wir Juden waren und sind und bleiben bis ans Ende aller Zeiten ein religioses Element Und haben dort, wo wir vom religiösen Weg abgedrängt worden sind, den Boden für alle Zeiten verloren. Von dieser erhöhten Warte ans betrachtet, ist unser Kampf um die Selbständigkeit der Wiener Orthodoxie zu werten. Wir kämpfen für die religiöse Idee, die uns im Gefüge: der heutigen großen Zwangsgemeinde b edroht erscheint. Wir haben geschichtlich und praktisch bewiesen, daß der religiöse Gedanke, dort wo er dem Die Verräter und Abtrünnigen aus dem jüdischen Volke sind unerbärmlich zu vers stoßen, weil sie Peiniger sind des jüdischen Volkes und weil sie es G‘tt abspenstig machen. Mischne Thora, Hilchos Akum, 11. P, Einfluß religiös Indifferenter und religionsfeindlichcr Elemente ausgesetzt war, Schaden genommen hat und daß sich die Religion in Reinkultur nur dort erhalten hat, wo sie unbestritten das P r i m a t in jeder Hinsicht besaß. Wir haben weiters nachgewiesen, daß die derzeitige Kultusgemeindeleitung religiös 11 Hintere s s i e r t, wenn nicht zur Religion gegensätzlich eingestellt ist, und haben das Ganze auf die Formel gebracht, dio heute schon Gemeingut aller Juden ist: Den religiösen Juden eine religiöse Gemeinde! Wir haben im Gegensatz zu unseren Gegnern 11 i c 111 die geringsten politischen Aspirationen, sonst hätten wir die vielleicht populärere Parole ausgegeben: Die religiöse Gemeinde den religiösen Juden! Wir wollen aber niemanden beherrsehen, wir wollen niemanden bevormunden und lassen — yvolil gegen unsere höhere Ueberzeugung — jeden nach seiner Fasson selig werden. Wir verlangen aber dasselbe auch für uns. Was antworten die anderen darauf? ״Die Stimme“ des Kultusgemeindevorstandes läßt die Frago ertönen: ״Wer ist die Schiff sch ul?“ und antwortet darauf: ״Es sind 300 Menschen, mit einer Gesamtsteuerleistung von 17.000 Schilling.“ Und es ist bezeichnend für diese Herren, daß sie selbst dort, wo dio Wahrheit ihnen keinen Abbruch täte, nicht imstande sind, die Wahrheit zu sprechen. Daß die Schiffschul nicht 300, sondern doppelt so viel Mitglieder hat, ist zahlenmäßig bewiesen. Und daß kaum ein Zehntel der ihr geistig zugehörenden Juden von ihr auch organisatorisch erfaßt sind, ist eine Tatsache, die einfach damit zu erklären ist, daß man bei den heutigen schweren Verhältnissen nur jedem Zehnten zumuten kann, sich der. mit der Zugehörigkeit zur Schiffschul verbundenen Doppelbesteuerung auszusetzen. Ob die Steuerleistung 17.000 Schilling oder mehr beträgt, ist uns unbekannt. Wir fragen aber: Mit welchem, Recht gibt die Kultusgemeinde einem Parteiorgan das Steuergeheimnis für die Partei- Agitation frei? Es wird darüber wohl noch an anderer Stelle zu sprechen sein. Wenn es — fragen wir — wirklich so ist, daß die Schiffschul so ״klein“ und ״belanglos“ ist, warum wehrt sich die Kultusgemeinde, die angeblich ״alle“ übrigen Juden Wiens hinter sich hat, so fanatisch gegen uns? .Wir würden eine so ״verschwindende Minorität“ glatt ziehen lassen. Die Antwort ist einfach: Die Herren wissen, daß (lie Statistik die gemeinste aller Lügen ist. Sie wissen, daß das, was moralisch am Wiener Judentum noch ins Gewicht fällt — die Orthodoxie : und die Essenz der Orthodoxie, die Schiffschul, ist. Und sie wissen, daß diese kleine Schiffschul in der ganzen Welt, von Palästina bis Amerika und von Rußland bis Frankreich, als die Repräsent an z des Wiener 10־ligiösen Judentums anerkannt ist. Daß die Schiff sehul ihre religiöse Aufgabe seit fast einem Jahrhundert in anerkannter Weise erfüllt, ist eine Tatsacho, die nicht einmal unsere Gegner zu leugnen versuchen. Daß unsere Gegner aber, als echte Konjunktur- Politiker, heute, da ira Staate die religiöse Idee sich machtvoll zur Geltung gebracht hat, auf einmal ״religiöses“ Wasser in ihren nationalen Wein gießen, das wird ihre Stellung in den Augen aller aufrechten Menschen nur noch mehr erschüttern. Wir haben nachgewiesen, wie fanatisch antireligiös die Jüdisehnationalen immer gewesen sind, und wollen heute den Herren nur noch einmal in Erinnerung bringen, wie sie ihren Geifer über uns ergossen haben, als der Wegbereiter des neuen Oesterreich, Bundeskanzler Dr. Seipel, den Kongreß der orthodoxen Juden begrüßte. Mit Ziffern und Zahlen mag die Entscheidung in diesem Kampf vielleicht hin au »geschoben werden, entschieden wird er, wenn nicht heute, so morgen, sachlich. Was sagen die Herren dazu, daß Schiffschul 7“ dies« angeblichen 3öö Schiffschul-Lcute außer ihrer Steuerlcisttmg von soundsoviel oder soundso wenigen tausend Schillingen ein Eigenbndget von 260.000 Schilling attfbringen, in dem der ßedarf der Institutionen der Sehiffsehui gar nicht berücksicht ist» und 28 qualifizierte Gemeinde* beamte beschäftigt» deren letzter es in religiöser und in reiigiös-wissenschaftlieber Beziehung mit manchem Prominenten der Kultusgemeinde auf nimmt. In ihren Leistungen ist die Schiffschul die zweitgrößte Kultusgemeinde in Oesterreich — leider ohne gesetzliche Anerkennung. Was wird sie erst 9 0 i n, nachdem sie Öffentlich-rechtliche Anerkennung erreicht haben wird? Es ist nicht unsere Sache, wie in der Wiener Kultusgemeinde gewirtsehaftet Wird. Wir wollen heraus aus dieser Gemeinde, weil sie uns geistig nicht zusagt. Wir haben uns auch, trotzdem es in diesem Kampf vom rein technischen Standpunkt vielleicht gut gewesen wäre, nie dazu hergegeben, die sogenannten moralischen Instanzen der Kultusgemeinde zu kritisieren, trotzdem diese sich durch ihr Verhalten ln diesem Kampf mit unauslöschlicher historischer Schuld belastet haben. Wir tun es auch nicht. Aber mit den untergeordneten Stellen werden wir uns befassen. In der letzten Zeit hat sich wieder ein Fall ergeben, der, wenn die Herren nur einen Funken von Verantwortlichkeitsgefühl besäßen, unmöglich gewesen wäre. Durch eine tragische Fügung des Schicksals wurden zwei wissenschaftlich hochqualifizierte Beamte der Kultusgemeinde ihrem Wirkungskreis entrissen. Lange wurde gehcimgehalten, wie diese Vakanzen besetzt werden sollen, und man wartete vergeblich auf eine öffentliche Ausschreibung der freien Stellen. Auf einmal verlautbart, daß ein zionistischer Parteimann, der Mandatar der Kultusgemeinde ist und als solcher angeblich selbstlos ״mit blutigen Fingern am Räderwerk der Gemeinde steht“, berufen werden soll. Für uns wäro dies an sieh belanglos, wenn dieser Herr nicht zum Hohn auf die jüdische Religion sein Geschäft im Herzen des jüdischen Viertels in Wien am Schabbos offenhalten würde. Derselbe Herr war schon einmal als Religionsinspektor in Aussicht genommen und iitt HUntste* edrfäd: Die beredtesten Beweise der ernsten Ueberz e u gu n g seitens der orthodoxen Juden für die Unerläßlichkeit der Separation sind die u n g eheuren Opfer, die der orthodoxe Jude für seine Gesinnung־ tagtäglich bringt. Auf dem Altäre dieser religiösen Ueberzeugung opfert er wöchentlich den siebenten Teil seines Erwerbes, seine Bequemlichkeit, seine Gesundheit, indem er auf wochenlangen Touren mit trockener, einförmiger, sozusagen Gefangenenkost sich begnügt, während die der Neologie angehörenden Juden keinen Sabbat und keine Speisegesetze berücksichtigen und anerkennen. Auf die Einwendung der jüdischen Deputierten, daß nur die Minorität der Juden Großrumäniens orthodoxer Auffassung seien, habe ich nur zu erwidern, daß ich als guter Christ es vor meinem Gewissen nicht verantworten kamt, in Glaubeussachen eine noch so kleine Minderheit majorisieren zu lassen, Majoritätsbeschlüsse und Mehrheitswillen haben nur dort Sinn und Berechtigung, wo der Wahlkörper auf einem vom Sachsei den Mut zu Ostern S 9.80 — S 12.50 Prima Haarfilz S16.-, 20.- Nutria S 26.— Borsalino, Antica Casa S 32.— Hückel Velours S 26.—, Extra S 36.— Wien II, Taborslr. 39 ספרים, טלתים, פווזות! תפילין ובל דבר שבקדושה beziehen Sie nur durch die älteste hebräische Buchhandlung Jos. Schlesinger Wien I, Seitenstettengasse 5 Größtes Lager in neuhebräischer und jüdischer Literatur nur unter dem Druck der Öffentlichen Meinung wurde von der Berufung abgesehen. Dieser Einzelfall interessiert uns nur vom allgemeinen Standpunkt und er zeigt deutlich, wohin die derzeitige Kultusgemcindeleitung tendiert. Kein sachliebes und kein moralisches, sondern nur das parteii s c h e Interesse ist ausschlaggebend. Und in diesem Kampf gegen die Parteigemcinde weiß sich die Orthodoxie einig mit der überwiegenden Mehrheit der Wiener Judenheit, die dieses Parteiinstrument im parteilosen Staat ablehnt. Die Entwicklung ist unaufhaltsam. Die Herren mögen so weitertun; je engstirniger ihre Parteiherrschaft wird, desto rascher wird sie uns dazu verhelfen, daß wir aus der Parteigemcinde zur unabhit;11 gi ge n religiösen Gemeinde kommen. I' ־״ ‘ ־ ־ Von Moses bis Moses, Im Verlag von Joel Sänger, Frankfurt am Main (Herderstraße 30), erscheint zum 14. Nissan, dem Geburtstag des Rambam, unter dem Titel ״Von Moses bis Moses — Lehen und Wirken des Mosche ben Maimou“ ein Werk aus der Feder von S. Schachnowitz, Das Buch wird gut ausgestattet und in Ganzleinen gebunden sein. Preis R-M. 1,50, Separation Her Orthodoxie wird in allen Landern eMlicht ®erden mossen! Im Jahre 1929 wurde in Rumänien ein Kultus gesetz für die jüdische Konfession geschaffen, dem ein erbitterter innerjüdischer Kampf vorausging. Alle Matschen und Terrormethoden der Zionisten halfen nichts, der rumänische Kultusminister Aurel VI ad verteidigte seine Vorlage, die den Orthodoxen die G r ün düng unabhängiger Gemeinden im ganzen Reiche ermöglicht, mit dem ganzen Einsatz seiner Person, und das Gesetz wurde denn auch, zur Befriedigung aller religiösen Kreise, vom Abgeordnetenhaus angenommen. In einer meisterhaften Rede setzte sich Minister Aurel Vlad gegen die Anpöbelungen der zionistischen Deputierten zur Wehr. Wir veröffentlichen einen Auszug aus dieser Rede, die auch in der ״Jüdischen Presse“ vom 9. August 1929 abgednickt war, wegen der Aktualität, die ihr bei den in Wien im Gange befindlichen Bestrebungen zukommt: . . ״Die jüdischen P.arlamentsvertreter werfen mir vor, daß ich .die Aenderung* ohne Befragung und Anhörung der kompetenten jüdischen Kreise eingebracht habe. Das . ist aber ein Irrtum oder, .eine Irreführung, denn ich habe auf Grund des von Enqueten überkommenen Materials mir mein Urteil gebildet und daher erst nach Anhörung und Ueberprüfung der verschiedenen Meinungen entschieden. Die Behauptung, daß auf dem ganzen Erdenrund außer Ungarn keine Zweiteilung der Gemeinden bestehe, ist auch keine hundertprozentige Wahrheit, denn auch in Deutschland besteht schon seit dem Jahre 1876 ein Austritts gesetz, das mit der Schimäre der Einheitsgemeinde aufgeräumt hat. Die Richtigkeit eines Gesetzes besteht. durchaus nicht in der großen Anzahl der Analogone, ich hätte diesen Paragraphen kraft der ihm innewohnenden Wahrheit auch dann geschaffen, wenn ich nicht aus dem ungarischen und deutschen Muster die Richtigkeit meiner Auffassung und die segensreiche Auswirkung eines solchen Gesetzes in der Praxis erfahren hätte. Was nun die in allen Reden der jüdischen Abgeordneten und Senatoren stereotyp wiederkehrende Be-; hauptung beti’effe, daß es innerhalb des Judentums keine dogmatischen Differenzen gebe, bin ich im Verlaufe meiner, dieser Frage geopferten Vorstudien zu einer gegenteiligen Ueberzeugung gelangt. Ich wage es zu behaupten und kann es beweisen, daß zwischen der griechisch-orientalischen und der katholischen Kirche noch lange keine solch tiefeinschneidenden Unterschiede bestehen wie zwischen neologcn und orthodoxen Juden. Unverbrüchliche Anerkennung der G-ttiichkeit von Bibel und Tradition auf orthodoxer Seite und die Leugnung derselben auf neologer Seite. Was dem einen Teile Heiligtum, ist dem anderen Torheit, was dem einen Fortschritt, ist dem anderen Verbrechen. Gibt es einen klaffenderen Gegensatz auf Erden? Rabbiner, Kanzel, Liturgie und Schule des einen Teiles bedeuten für den anderen den schrecklichsten Gewissenszwang. Boden steht, gemeinsame religiöse Ueberzeugung hat. Kann denn etwa ein religiöser Abfall aufhören, Abfall zu sein, weil eine Majorität ihn übt? Darf denn eine an Bibel und Tradition in unverfälschter Weise sich klammemde Minderheit der Willkür und der Laune einer Majorität preisgegeben werden, die sich über Fundamentalgesetze der Religion ,hinw e g s e t z t, weil sie eine anti- oder areligiöse Weltanschauung hat? Ich habe die Erfahrung, daß die staatlich aufgezwungenen einheitlichen Organisationen ein D a n a e 1־- geschenk sind, denn innerhalb dieser herrschen ständig Zwiespalt und Hader in den Gemeinden, Familien und Häusern und es lasse sich voraussehen, daß in allen Ländern, in denen es noch nicht die Möglichkeit der Trennung gibt, früher oder später diese Möglichkeit werde geben müssen. Und wenn die jüdischen Parlamentarier mir den Vorwurf machen, daß ich durch die Einbringung dieses Austrittsparagraphen die jüdische Konfession bei eid •i g t hätte, weil ich ihn gegen den ״Willen der Interessenten" eingebracht habe, so antworte ich ihnen, daß sie die Beleidiger ihrer Konfession sind, denn s i e erniedrigen sie ja durch die Annahme, daß sämtliche Religionsgenossenschaften ohne Ktaatszwangauf eigenen Füßen, auf Grund ihrer religiösen Ueberzeugung, bestehen könnten, nur die Juden, das Volk der Bibel, das auserwählte Volk, können des staatlichen Zwanges nicht ent1־aten; die Juden allein könnten die Freiheit der Ueberzeugung nicht ertragen, ihre Religion bräche zusammen, wenn sie nicht mit dem eisernen Reifen der Staatsgewalt künstlich zusammengeschweißt würde?! Ich als Kultusminister und Verehrer des jüdischen Glaubens muß diesen und seine Bekenner von meinem verantwortungsvollen Sitze gegen die bloßstellende Supponierung seitens der jüdischen Abgeordneten in Schutz nehmen, und ich bin dessen gewiß, daß die Zukunft mir r e c h t g e b e n wird und daß mein Name im Zusarnmenhange mit diesem Trennungsgesetz, das überhaupt keine Trennung anordnet, sondern eine solche nur ermöglicht, .gesegnet werden wird.“