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Jüdische Presse · 1935-04-17 · 16 (17.4.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
21 (1935)
Issue
16 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr, 16 JÜDISCHE PRESSE Seite | Ein neuer Frühling Von Dbeffät Df, juf. und phil, Friedrich Karl Piek* Frag AJs ich im Jahre 1929 diesen Blättern meinen Pessach-Artikel übergab, da war der politische Horizont noch klar und ungetrübt. Ich konnte damals unter den vielen Wanderungen, die dem jüdischen Volke vom historisehen Schicksal auferlegt worden waren, als letzte die Palästina-Bewe gung anführen. Die hoffnungsfreudige Stimmung, die ihn durchwehte, War nur von der Sorge bedrückt, ob Kraft und guter Wille in genügendem Maße vorhanden wären, jene Einheit und Eintracht zu erhalten, die allein imstande sind, eine Gemeinschaft über .alle Fährlichkeiten hinaus für alle ZukUnft zu bewahren. ׳ ‘ Wie ganz anders aber sah es bereits fünf Jahre später, 1934, damit aus! Schon spiegelten sich die E r e i gnisse im Nachbarreiche in dem sorglichen Bangen um die neue Emigrationsbewegung. Die damaligen ״Gedanken zum Pessachfeste“ — wenn sie auch durch allgemeine Betrachtungen über die Anpassung, über Assimilation und Mimikry, den Tagesereignissen aus dem Wege gingen — waren ganz merklich von den ersten traurigen Nachrichten beschattet; aber noch waren in jenen Tagen, wohl infolge des zu kurzen zeitlichen Ab- Standes, die Folgen und Auswirkungen von alledem noch nicht so eindringlich zum Bewußtsein gekommen, um die ganze Tragweite der Ereignisse erkennen zu lassen. Und nun haben wir wiederum ein weiteres Jahr hinter uns. Wieder zieht ein Frühling ins Land und mit ihm das Fest, das der Freude über die vor Jahrtausenden erfolgte und doch noch immer lebendig in den Herzen weiterwirkende Errettung eines Volkes aus Not und Kechtschaft gewidmet ist. Dieses abgelaufene Jahr aber hat uns gelehrt, daß die Rabbi I. S. S e w i n veröffentlicht in der. palästinensischen Presse seine persönliehen Erfahrungen über die derzeitige Lage des religiösen Judentums in Sowjetrußland. Er schildert die Verhältnise trocken, ohne jeder Uebertreibung, aber die Schilderung wird doch nicht verfehlen, bei jedem Leser die tiefste Erschütterung auszulösen. Möge diese Schilderung uns ein Appell sein, unseren unglücklichen Brüdern in ihrer schweren seelischen und materiellen Not beizustehen. Wir bringen im folgenden einen Auszug des Artikels zum Abdruck: Seitdem Sowjetrußland M i t g 1 i e d d e s Völkerbundes ist, wird allgemein erwartet, daß die Sowjetregierung ihre Einstellung den Bürgern und den Juden gegenüber ändern wird. Verschiedene Maßnahmen der Regierung scheinen diese Erwartung zu bestätigen, andere Verordnungen stehen allerdings wieder im Gegensatz zu diesen Hoffnungen. In der jüdischen Presse tauchen immer wieder Sensationsmeldungen auf, daß die r e 1 igiöse Freiheit in Rußland wieder hergestellt werden soll, daß der Präsident der Vereinigten Staaten, R o 0 s e v e 11, mit dem Sowjetvertreter L i tw i n o w diesbezügliche Verhandlungen führe, und ähnliche Nachrichten mehr. Solche Meldungen haben sich bisher immer als Bluff herausgestellt und ich glaube, daß wir für die nächste Zukunft damit zufrieden sein könnten, wenn die Sowjetregierung den religiösen Juden die Möglichkeit geben würde, die elementarsten religiösen Pflichten zu erfüllen. Es ist unmög 1 ich, die Kinder jüdisch zu erziehen. Das Gesetz verbietet den religiösen Unterrieht und setzt empfindliche Strafen für Eltern und ans diesen Zügen einer stolzen Sicherheit und Strenge gewichen und daß diese Stimme zu befehlen gewohnt war. Ja, es war ein wirklicher' N ag gid! ״Ich bin glücklich, Euch in meinem Hause begrüßen zu dürfen.. Bitte, nehmt Platz!“ ״Und ich bin glücklich, dich so zu sehen! Glücklieh deinetwegen und um der Notleidenden willen. Viele Brüder harren der Erlösung von Hunger, Krankheit und Kerker. Und da ist’s ein wahrer Segen, daß du so gesegnet bist.“ ״Ich werde spenden, Rabbi! Aber nicht mehr und nicht weniger als der Rosch-Hakohol. Ich glaube, es ist genug, wenn ich mich nach dem Ersten der Gemeinde richte.“ Der Sassower lächelte: ״Wozu die Vorbilder, Chajm? Einst, als du täglich ein Minjan speistest, hast du nur ein Zehntel deines Verdienstes für dich beansprucht. Ich will mit dir zufrieden ein, wenn du’s heute umgekehrt hältst.“ ״Was? Ein Zehntel meines Vermögens? Glaubt mir, wenn ich sage; ein Wasserträger hat’s leichter. Ich habe große Ausgaben, mein Haus, mein Gesinde.,. Nein, es war ja nur ein Scherz!“ ״Der Zehent entspricht bloß dem Gebot. Nicht mehr als Vorschrift ist er. Der dir das Glück beschert, hat’s befohlen. Du ,wirst doch nicht das eine von ihm emp״ fangen und das andere verschmähen! Oder hast du über die Gaben des Gebers vergessen, der da zu dir spricht: ״Erhärte nicht dein Herz und schließe deine Hand nicht deinen Armen und Bedürftigen! O.effne, öffne sie deinem Bruder!? Deinem Bruder, weil deines G-ttes Kind...“ ״Und wer hat mir geholfen, als ich Wasser in die Häuser der Baalebatim schleppte? Sie können wir’s noch heute nicht vergessen; ich bin ihnen für einen Rosch- Hakohol zu unwürdig, Ich gebe doch, Rabbi! Aber nicht eine Prutoh mehr als der' Rosch-Hakohol.“ Der Sassower sah ihn eine Weile groß an, Plötzlich faßte er ihn unsanft am Arm und führte ihn zum Fenster, ״Wen siehst du durch die Scheiben, Chajm?“, fragte der Rabbi, Leidenskette des jüdischen Geschichtsschicksals noch Immer nicht abgeschlossen ist. Hunderttäusende werden sich dem aus der Hagada;aufklingenden Jubel nur mit gemischten Gefühlen hin-!geben können, Tausende das Fest fern von der Stätte begehen, wo sie ihr eigentliches Heim gehabt, wo vielleicht ihre Wiege gestanden war. Für sie wird das ״Moror“ nicht nur eine Erinnerung an längstvergangene Zeiten bedeuten, die Bitternis wird ihnen das tägliche Brot sein. Sollen wir aber darum kleinmütigen Betrachtungen Raum geben? Nein, eben dieses Fest und sein Gegenstand, sie lehren ja gerade, daß selbst die ärgsten Zeiten nur Uebergang zu Besserem sind. Die Frühlingszeit, in die das Fest fällt, zeigt aufs deutlichste, wie immer wieder auch auf den heftigsten Regen — Sonnenschein folgt. Aber diese Binsen- Weisheit muß man unser Volk nicht erst lehren. Wie kein anderes, hat es die Hoffnungsfreudigkeit auf seine Fahne geschrieben, wie hätte es denn sonst all das fast Unausdenkbare überstehen und überwinden können, durch das es immer wieder zu neuem Licht hinausgeführt worden ist. So wollen wir hoffen, daß auch wieder ein neuer Frühling der Geister kommen wird, der all die Regenschauer der Gehässigkeit verscheuchen wird, so daß alle, die heute trauern, mit vollem Herzen und reiner Freude werden .einstimmen können in den Jubel über die Errettung aus dem Lande der Knechtschaft! Lehrer aus, die dieses Verbot nicht einhalten. Dabei wird dieses Gesetz in der Praxis von den lokalen Behörden noch strenger gehandhabt als es dem Sinne des Gesetzes entsprechen würde. Noch im Jahre 1923 war es erlaubt, jüdischen Kindern in' Gruppen von höchstens drei Schülern religiösen Privatunterricht zu geben. Heute wird j e d e r Religionsunterricht als Verbrechen gewertet. Die religiösen Juden wären schon glücklich, wenn der Privatunterricht erlaubt wäre. An allgemeine jüdischreligiöse Schulen wird ja überhaupt nicht mehr gedacht. Das ״Gesetz“ schreibt vor, daß Synagogen und Bethäuser von der Behörde nur dann gesperrt werden dürfen, wenn die jüdische Gemeinschaft dies fordert. (Wie solche jüdische ״Forderungen“ zustandekommen, kann man sich denken.) Wenn die lokale und die Kreisverwaltung, so heißt es im Gesetz, dieser. Forderung zustimmen, dann ist die Sy.-n.agoge.nverwaltung davon zu v e r s t ä n d i g e n, die innerhalb 14 Tagen bei den Zentralbehörden Berufung einiegen kann. Solange die Berufung nicht erledigt ist, hat der Status quo erhalten zu bleiben. Wie sieht es nun mit der Schließung der Synagogen in der Praxis aus? In unzähligen Orten sind Synagogen und Minjanim, entgegen den gesetzlichen Vorschriften, von den lokalen Behörden ohne vorherige Ankündigung einfach besetzt und geschlossen worden. In der Ukraine sind im Jahre 1934 sämtliche Synagogen gesperrt worden. Selbst in den großen Städten, wie Odessa, Kiew usw., sind Synagogen auf solche Weise gesperrt worden. Beschwerden an die Zentralbehörden blieben ausnahmslos unerledigt. In der Sowjetrepublik besteht in der Praxis ein Schächtverbot. Wenn dieses auch nicht gesetzlich verankert ist, so sind rituelle Schlachtungen tatsächlich nicht möglich, da die Schlachtungen im Schlachthaus ״Leute“, antwortete jener erstaunt. ״Viele Leute, den lahmen Chaskel, den blinden Noach, die tolle Brajne...“ ״Und nun?“ Der Rabbi hatte ihn in die Mitte des Saales geführt und zeigte auf einen der vielen Spiegel. ״Mich!... Mich und wieder mich. Tausendmal mich und sonst keinen...“ ״Und dock war's oorhin ebenso wie jetzt der Spiegel — Glas, auf das du den Blich gerichtet. Glas, das so zerbrechlich ist wie unser Dasein. Aber das erste Mal mar es reines Glas und du sahst dadurch die anderen, Diesmal war das Glas mit etwas Silber belegt und du honniest darin nur d i c h und wieder dich mahrnehmen, tausendfach dich und s o n s t n i e m a n d!...“ Der Rabbi schwieg, sein Auge ruhte auf Chajm, der geduckt und mit gesenktem Haupt vor ihm stand. War das noch Chajm Naggid? Nein, ein elender, jämmerlicher Mensch, ein armseliger Wasserträger inmitten all der Herrlichkeit und des blendenden Prunkes. Doch plötzlich riß es Reb Chajm hoch. Mit zitternden Händen packte er einen Stuhl und hieb wie besessen gegen die Spiegel los, daß sie krachend in zahllosen Scherben umherflogen. Maßlose Wut und wilder Haß, jäh aufgestiegen, machten sich explosiv Luft. ״Ich mag sie nicht! Ich will nicht immer bloß mich sehen. Ich will auch den lahmen Chaskel und die tolle Brajne und alle anderen sehen können...“ Er sank erschöpft in einen Stuhl; sein Atem ging schwer, Fieberschauer schüttelten ihn. Sein irrer Blick suchte den Sassower, der ruhig und unbewegt ihm zusah, ״Nehmt, Rabbi! Nicht ein Zehntel, nehmt alles! Ich mag’s nicht mehr, Schwach ist der Mensch und stark der Satan und nesenstark, wenn man in seine Schuld geraten, Denn Herr der irdischen Freuden und Güter ist der Böse und läßt sie sich mit Seele bar beיי ■zahlen,“ Vöf IftsHgftft Vifföfbufigin schützt ODOL-Zahnpasta Ihre Zähne, ÖDÖL- Zahnpasta reinigt gründlich, Ö DÖL- Zahnpasta macht Zähne wie Perlen! Kleine Tube S -.90 Große Tube S 1.40 stattfinden müssen, wo ein Schochet nicht zugelasseh wird. Den!Schächtern werden solch hohe ״Steuern“ auferlegt, daß es ihnen unmöglich ist, ihren Beruf weiter auszuüben. Sie müssen entweder auswandern oder einen anderen Beruf ergreifen. Auf diese Weise ist es. in sehr vielen Orten .auch unmöglich geworden,. Geflügel Schächten zu lassen. Einer der Grundpfeiler des jüdisch-religiösen Lebens ist Taharos Hamischpocho, die jüdischen Ehe- Vorschriften. Den jüdischen Frauen ist es unmöglich, diese Vorschriften einzuhalten, weil die Mi k wo aus fast überall zerstört wurden. Die Mikwoaus gingen einfach in den Besitz der lokalen Verwaltungen über, die die weitere Benützung derselben unmöglich machten. Von Privaten neu errichtete Mikwoaus wurden gesperrt, weil sie angeblich den ״hygienischen" Anforderungen widersprechen. In ganz Sowjetrußland gibt es nur noch einige Mikwoaus, während die meisten Orte diese Einrichtungen entbehren. Die verzweifelte Lage der religiösen Juden zu Pessach ist. unbeschreiblich. Es fehlt an der Möglichkeit, Mazzos zu backen und es gibt hunderttausende Juden, die eher verhungern, als Chomez zu essen. Wenn Juden sich zusammenschließen, um gemeinsam Mazzos zu backen, werden ihnen ״Steuern" auferlegt, die zu zahlen ihnen nicht möglich ist, auch wenn sie ihr ganzes Hab und Gut hergeben würden. In einzelnen Orten können die Juden im Geheimen Mazzos in kleinen Quantitäten herstellen. Nur die Moskauer Juden konnten sich im Vorjahre nach unzähligen Interventionen die Erlaubnis zum Mazzosbacken verschaffen, natürlich bei einer ziemliehen Besteuerung, die aber doch noch erträglich ist. In den Provinzstädten gibt es bis jetzt eine Erlaubnis zum Mazzosbacken nicht. Es fehlt an Gebetbüchern, selbst einfache jüdische Kalender gibt es nicht. Den Druckereien ist es verboten, Drucksorten herzustellen, die religiösen Zwecken dienen. Die alten Siddurim nützen sich ab und werden mit der Zeit zerrissen. Auch solche zerrissene Gebetbücher gibt es schon sehr wenig, neue Siddurim gibt es in ganz Sowjetrußland (nicht. Hunderttausende religiöse Juden haben ,kein Siddur, aus denen sie ihre Tefilos verrichten könnten. Wo hat es jemals in der Welt einen solchen Zustand gegeben? Der einfache Jude weiß nicht, wann Rosch-Chodesch und wann Jomtow ist. In den meisten Orten gibt es noch ״Gelehrte", die einen Luach selb3t herstellen. Es kommt auch vor, daß kleine jüdische Taschenkalender vom Ausland hereingeschmuggelt werden, die dann als kostbares Gut der jüdischen Gemeinschaft behandelt werden. Tat- Sache ist, daß in einem sibirischen Ort heuer Chanuka eine Woche früher gefeiert wurde. Was würde es der Regierung schaden, wenn sie die Einfuhr oder den Druck von Siddurim, Chumoschim, Luc haus u. dgl. erlauben würde? Menschenhandel — mit einem anderen Wort können die unerträglichen Vorschriften über die Ausreise aus 1Sowjetrußland nicht bezeichnet werden. Ausreiseerlaubnis erhält man nur dann, wenn man einen hohen Betrag in ausländischer Valuta als Auslöse erlegt, in einer Valuta, deren Besitz für sowjetrussische Bürger die schwersten Strafen zur Folge hat. Den religiösen Juden, Rabbinen, Schächtern usw. wurde das Bürgerrecht entzogen, warum verbietet man ihnen nun auch die Ausreise? Weder in der Geschichte, noch in der Gegenwart gibt es einen solchen Fall, daß man Menschen das Bürgerrecht entzieht und sie dennoch zwingt, innerhalb der Landesgrenzen zu verbleiben. Dies sind im allgemeinen, in kurzen Strichen gezeichnet, die gegenwärtigen Verhältnisse und die dringenden Forderungen des religiösen Judentums in Sowjetrußland. Jeder Kommentar würde den erschütternden Eindruck abschwächen, den dieser Bericht über die Tragik der religiösen Juden in Sowjetrußland auslösen muß. Alle Propheten haben Jisroel zur Eins kehr gemahnt und die Erlösung kann nur durch Tschuwoh erfolgen. Die Thora hat uns versichert, daß Jisroel am Ende seines Golus in bußfertiger Rückkehr erlöst werden wird. Mischne Thora, Hilchos Tschuwoh, K, P. ״Kalinindorf44 wird ״Kalininschtot“; Die Zeitung ״Emes“ teilt mit, daß der Hauptort des jüdischen autonomen Verwaltiungsrayons in der Ukraine, ״Kalinindorf", sich wirtschaftlich und kulturell so stark entwickelt hat, daß die Regierung den Ort demnächst in ״K a 1 i n i n s c h t o t" (!Stadt) umbenennen wird. Die alte!Synagoge des Ortes wird urngebaut ׳und in ein großes Kulturhaus umgewanjdedt, welches die Räume des Parteikomitees, die Bibliothek, •ein Theater, ein Kino usw. beherbergen wird. Der Ort ist fast ganz elektrifiziert, verfügt über eine •eigene Zeitung» den ״Kolwirt Emes", •besitzt eine zehnklassige Mittelschule und ein pädagogisches Technikum, w!elches auf dem Grundstück des alten Beth Midrasch neu erbaut wurde. Das Beth Midrasch -wurde während 4er Revolution!zerstört, Das religiöse Judentum in Sowjetrußland

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