Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 21 (1935)
- Issue
- 6 (8.2.1935)
- Date
- 1935-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2629891-2630587-2630593--4921-2637169- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 6 DleSchlfftchulgemelnde und Ihr« Gegner Die Bestrebungen der um die Adas Jisroel gruppierten Orthodoxen, ihre Selbständigkeit und ünabhängigkeit in einer orthodoxen Gemeinde zu erlangen^ haben auch im Anstande bei alten glaubens־ treuen Juden ein begeistertes Echo gefunden. Wir bringen heute den Auszug aus einem sehr umfangreichen Artikel eines ausländischen Freundes, der die Wiener Verhältnisse kennt: Schreiber dieser Zeileh, aus dem wechselvollen Spiele des Lebens ausgeschieden, beobachtet nur noch aus der Vogelschau heraus die Vorgänge, wie sie sich innerhalb der Wiener Kultusgemeinde abspielen. Als einen erlösenden Akt hat er den Schritt, zu welchem sich die Schiffschulgemeinde endlich aufgerafft hat, begrüßt. Fast Will es ihm erscheinen, als ob sie gar zu lange die unhaltbaren Zustände innerhalb der Kultusgemeinde in stiller Duldung ertragen habe. Während der vielen Jahrhunderte schwerster Bedrückung und Verfolgung vermochte das Judentum seinen einheitlich geschlossenen religiösen Charakter zu behaupten. Um auch dem Außenstehenden einen Begriff von der Tiefe des Risses, der sich nunmehr in dessen Mitte auftut, zu geben, genügt es, hier an eine Tatsache zu erinnern. Als nämlich in Preußen die hier in Betracht kommende Frage die gesetzgebenden Instanzen beschäftigte, erklärte damals der Führer der Orthodoxie, indem er G-tt als Zeugen für die Wahrheit der von ihm abgegebenen Erklärungen anrief, daß durch die Schuld des in der Kultusgemeinde herrschenden Unterrichtssystems! Können jüdische Menschen und Vereine über diese schwerwiegendsten aller Fragen so ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen? Wo ist denn die Quelle zu suchen, aus der sie den Mut schöpfen, der Schiffschul in den Arm zu fallen, die doch vor allem auf diesem Gebiete in der selbständigen Kultusgemeinde gründlichst Wandel schaffen wird?! Im Leben ist es ganz sonderbar eingerichtet: Diejenigen, welche selbst den Dingen keinen höheren Sinn abzugewinnen vermögen, sind auch nicht imstande, einen solchen bei ihren Gegnern zu entdecken. Statt Anerkennung für die ehrlichen Bestrebungen der Schiffschulkreise hat der Kultusvorstand einen Proteststurm entfesselt. Eines ist hiebei sicher, von einem guten Gewissen zeugt der Schritt gerade nicht. Auch scheint er das Kaliber der Instanzen weit zu unterschätzen, die zur Ent- Scheidung über die Sache berufen sind. Denn die werden sich jedenfalls nicht darauf beschränken, die Proteststimmen einfach mechanisch zu zählen, sondern werden sie auch jedenfalls auf ihr Gewicht hin prüfen. Nicht wenige, wenn auch nicht Großrabbiner, so doch immerhin große Rabbiner sind es, welche die Schiffschul für ihre Sache ins Treffen zu führen vermag. Vor allem wäre hier zu nennen die Persönlichkeit ihres gefeierten Begründers, des Rabbiners Salomon Spitzer s. Z. 1. und die der 400 Rabbiner, die seinerzeit in seinem Kampfe gegen die Kultusgemeinde sich ihm an die Seite gestellt haben. Richtig gewertet, bilden die von der Kultusgemeinde auf gebotenen Proteste nichts weiter als ein alles Bisherige überwiegendes Beweismaterial für den Tiefstand, den sie bei dem Rutsch auf der schiefen Ebene bereits erreicht hat. Die Schiffschulgemeinde aber soll es sich gesagt sein lassen, die ״Protest"provokationen, richtig gewertet, werden schließlich und lediglich zugunsten der selbstbewußten Orthodoxie in die Waagschale fallen. Sp e c t a t o r. Ni'lraer Raw auf dem Wege nadi Erez 11'sroel der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Neologie, wie er das heutige Judentum spaltet, einen viel tieferen Riß bedeute, als derjenige, wie ihn auf dem Boden des Christentums Katholizismus und Protestantismus darstellen. Bei noch so bescheidener Einschätzung der religiösmoralischen Kräfte, die bei dem zeitgenössischen Wiener Judentum am Werke sind, hatten wir uns den Verlauf der von der Schiffschulgemeinde unternommenen Aktion doch ganz anders vorgestellt. Was ist denn eigentlich geschehen? Die Schiffschulgemeinde hat wegen der unhaltbar gewordenen religiösen Lage in der Kultusgemeinde die zuständige Behörde angerufen, um durch Gründung einer unabhängigen selbständigen Religionsgemeinde der Thoratreuen den Bestand des religiösen Judentums in Wien zu sichern und zu festigen. Was geschah nun angesichts dessen auf Seite der die Kultusgemeinde derzeit beherrschenden Jüdischnationalen? In der großen Verlegenheit, in der man sich befand, machte man zuerst einige Großrabbiner mobil, deren Größe dem Kultusvorstand so imponierte, daß er von ihrem Dasein erst Kenntnis erhielt, als der Kultusvorstand sie zu Scharfmachereien heranziehen wollte. Damit noch nicht genug — man berief auch eine Anzahl sonst im Schatten der Verborgenheit blühender B e th aus v e r e in e und ihre Rabbiner zu. einer ״Protestkundgebung“ auf den Plan. Unseres Erachtens ein durch •und durch verfehltes Beginnen. Denn eines ist hiebei zur vollen Gewißheit geworden: das gepeinigte Gewissen, von dem man sich geplagt weiß! Wir kannten diese Herren Rabbiner der Bethausvereine bisher nur als Männer, die gehörig ihren Kultusdienst verrichteten; In allen das Judentum noch so tief bewegenden Fragen wurde ihre Stimme nicht gehört. Aber da konnten sie es sich nicht versagen, aus ihrer Reserve herauszutreten und vom Kultus- Vorstände verlangte ״Proteste" gegen die Schiffschul־ gemeinde zu unterschreiben. Wir hätten in Anbetracht ־ des Schwergewichts vieler Fragen, von deren Erörterung vorläufig Abstand genommen werden soll, eine andere Haltung erwartet. Eine Frage wollen wir aufwerfen: Ist denn die Kraft des guten, ehrlichen Gewissens in unserer Mitte schon ganz und gar erstorben? Lege sich doch jeder einmal die einfache Frage vor: Wieviel der uns teuren Seelen aus einer jeden unserer jüdischen Familien haben wir dem Moloch des Abfalls opfern müssen, einzig Wie die ״Jüdische Presse“ bereits gemeldet hat, hat Se. Ehrw. Herr Oberrabbiner S. D. Ungar, Nitra, Mitglied des Präsidiums der tschechoslowakischen Landesorganisation der Agudas Jisroel, am Mittwoch, den 6. d. M., von Triest aus die Reise nach Erez Jisroel an getreten, wo er etwa vier Wochen verbleiben wird. I» seiner Begleitung befinden sich die Herren Generalsekretär Jacob Joel Braun, Bratislava, M. Weißmandl, Trnava, Franz Fischhof, Prag, Lefkovitsch, Bratislava, Redlinger, Bratislava, Jenö Bernfeld, Topolßany-Wien, und Kali sch, Galanta (der eine Erez-Jisroel-Reise bei der Verlosung der Sekundenverkaufs־ aktion gewonnen hat). Am Wiener Südbahnhof fand sich Dienstag abends eine zahlreiche Schar von Freunden und Verehrern dse Nitra er Raws ein, die ihm einen begeisterten Abschied bereiteten. Auf seiner Fahrt ins Heilige Land begleiten den Nitraer Raw die innigen Wünsche seiner ungezählten Verehrer und Talmidim, die seiner Rückkehr in Ehrfurcht harren. Ihnen gesellt sich die ״Jüdische Presse“ hinzu, mit dem Segensruf: צאתך לשלום, בואך לשלום! Nitraer Raw hatte die Freundlichkeit, in Wien knapp vor seiner Abreise unseren Mitarbeiter zu empfangen: ן bestärkt uns in der Hoffnung, daß er, soweit sich ihm die Gelegenheit hiezu bieten wird, tatkräftig im Sinne einer raschen und klaren Lösung all dieser Probleme eingreifen wird. Es wird sich wohl vornehmlich auch darum handeln, jenen Bestrebungen entgegenzutreten, die ein bestimmtes Erziehungs- System nach Erez Jisroel verpflanzen wollen, obwohl dieses von vornherein von seinem Schöpfer nur für einen bestimmten Kreis und unter bestimmten historischen Entwicklungsvoraussetzungen gedacht war, für Erez Jisroel aber ganz und gar nicht in Betracht kommen kann. Auf die Frage, welche Stellung er zu den Be- Strebungen der Wiener Orthodoxie einnehme, die Bewilligung zur Gründung einer unabhängigen orthodoxen Gemeinde zu erwirken, antwortete Nitraer Raw: Ist es noch nötig, Sie meiner Sympathie und Genugtuung über diese Bestrebungen zu versichern? Ich sehe in der Schaffung einer selbständigen orthodoxen Gemeinde die einzige Möglichkeit, die religöse Zukunft der orthodoxen Judenheit in Wien zu gewährleisten, und die Schritte der Adas Jisroel begleite ich mit dem sehnlichen Wunsche, daß sie sehr bald die erfolgreichen Früchte zeitigen. Nitraer Raw bat noch zum Schluß, im Wege der ״Jüdischen Presse“ allen seinen Freunden und Talmidim seine herzlichen Grüße und Wünsche vor Antritt der Reise nach Erez Jisroel zu bestellen. Wollen wir alle zu Haschern beten, daß er sehr bald durch den Goel Zedek das jüdische Volk heimführe in das geheiligte Land seiner Väter. אמן. T. Von einem Kreis von Talmidim und •sonstigen Freunden umgeben, empfängt mich der Nitraer Raw. Die leuchtenden Augen verraten, daß er den Zweck meines Besuches erkennt. Doch nicht als ״Interviewer“ will er mit mir sprechen, klar und eindeutig wie immer richtet er seine Worte gleichermaßen an mich, wie an die übrigen Anwesenden. Etwas zögernd beginnt die Unterhaltung, die schließlich immer impulsiver wird. Man fühlt es: In jedem Wort, das Nitraer Raw spricht, liegt Verinnerlichung. Aus tiefster Seele kommen die Abschiedsgrüße, die er dem Interviewer zur Weitergabe an die Leser übermittelt. Es war mir seit vielen Jahren, erklärt Nitraer Raw, ein sehnlicher Wunsch, das heilige Land einmal mit eigenen Augen sehen und erleben zu dürfen. Endlich kann ich m. G. H. diesen Herzenswunsch in Erfüllung gehen lassen. Dies ist der Sinn meiner Reise, mit der ein anderer Zweck von vornherein nicht verbunden ist. Die Unterhaltung wendet sich den verschiedenen Problemen in und um Erez Jisroel, die die orthodoxe Judenheit der ganzen Welt bewegen, zu. Und hier muß gesagt werden: Es sind eine Reihe brennender Fragen einer Klärung ־zuzuführeri. ^Da' ist vor allem die Frage eines orthodoxen Erziehungswerkes, über dessen Grundlinien und Führung genaue Richtlinien geschaffen werden müssen. Agudas Jisroel hat die Aufgabe, einen engen Zusammenschluß aller Charedim im heiligen Lande herbeizuführen, um diese selbst zu stärken und um darüber hinaus den neuankommenden orthodoxen Olim die Voraussetzungen zu geben, in unerschütterlicher Treue an unserer Ueberlieferung kompromißlos festhalten zu können. Die eingehende Unterredung mit Nitraer Raw I FEUILLETON ■ dee duBueet Hktggid. Wie er lebte und lehrte. Ein Mann kam einmal an einen Schießstand. Dort stand ein Kunstschütze mit Pfeil und Bogen, und ihm gegenüber lag eine lange Wand mit Zielscheiben. Das waren .große schwarz-weiße Kreise, und in der Mitte jedes Kreises stak ein Pfeil . ־. . Der Kunstschütze hatte jedesmal ins ׳Schwarze getroffen! Erstaunt fragte der Mann den Schützen, ob er denn eine solche Fertigkeit besäße, daß ׳er niemals das Schwarze fehle. Und der ״!Kunstschütze“ antwortete: ״Die Sache ist ganz einfach. Erst schieße ich den Pfeil ab, dann gehe ich hin und male die Scheibe herum. So steckt mein Pfeil immer im Schwarzen . . .“ Das ist ein ״Moschei“, ein Gleichnis des ״Dubnoer Maggid" auf die Frage nach der Treffsicherheit aller seiner Erzählungen. Und es kennzeichnet wie kein anderes die Person dieses fast sagenhaften Gleichniserzählers, des Meisters der klassischen jüdischen Anekdote des vorigen Jahrhunderts. Wer war der ״Dubnoer Maggid“? Sein Leben wird so ungefähr um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zu setzen sein. Von seinem Leben ist wenig überliefert, •aber er lebt fort in den Predigten der jüdischen Erklärer des Gesetzes in der ganzen Welt, seine Gleichnisse sind ein ewiger Quell des Vergnügens für alle, die für ein feines ״Wörtchen", eine geistreiche Gesetzeserklärung Sinn haben. Er war ein sogenannter ״Darschan", ein Wander- Prediger, der von Ort zu Ort zog, seine mahnenden und originellen Reden in den Synagogen hielt und sein Publikum, das keine andere Unterhaltung kannte, dadurch trefflich •ergötzte. Unerschöpflich war er in der Erfindung von Gleichnissen. Diese Gleichnisse waren geeignet, die kniffligsten Fragen der Lehre mit einem Male zu klären, sie zu erhellen, und dabei waren sie doch so lustig und so aus dem Leben herausgegriffen, daß man an ihnen, auch losgelöst von ihrer eigentlichen Nutzanwendung, seine Freude haben konnte. Seine Methode war die gewöhnliche alte jüdische Lehrmethode. Es wurden Schwierigkeiten aus einer ׳Stelle der Schrift herausgesucht, die dann durch höchst feine und weltkluge Betrachtungen wieder auf־ gelöst wurden. Aber die Form dieser Auflösung war beson־ ders originell, denn sie geschah stets durch eine Erzäh־ Jung, die jedem vertändlich war. Einige seiner Gleichnisse werden sein Wesen veranschaulichen. Einmal kam der Dubnoer Maggid nach •Paris und hielt dort folgende Rede: ״Meine Herren! Ich habe einen Prozeß mit unserem lieben Herrg-tt, den möchte ich hier zur Ent- Scheidung bringen lassen. Ihr fragt, warum gerade hier? Warum machst du die weite Reise, kannst du das nicht in deiner Heimat auch erledigen? Darauf •aber antwortete ich: Bereits an allen Orten habe ich versucht, diesen Prozeß zum Austrag zu bringen, doch nirgends gelang es mir. Denn überall wurde ich abgewiesen, und die Leute sagten mir: G-'tt ist ein gar großer Herr, wir fürchten ihn zu ■ sehr; wie könnten wir eine Anklage gegen ihn entgegennehmen, wie einen Prozeß gegen ihn führen lassen? Aber das eine sagte man mir: Gehe nach Paris, dort •wirst du ankommen, dort — hat niemand Furcht vor G-tt!" Oder folgendes •schöne Geschichtchen, das zur Erklärung der Peßach-Hagadah vorgebracht wurde: In manchen Hagadoth findet man die Form: ״Dies ist das Brot des Elends“, in anderen die Form: ״W i e dies ist das Brot des Elends“. Welche Lesart ist richtig? Das mag folgendes Gleichnis erläutern: Ein armer Mann, der seine Familie nur mühsam ernähren konnte, hatte einmal Glück mit einem guten Geschäft. Er kam zu Vermögen und führte von nun an das Leben eines Reichen. Aber übermütig wurde er nicht. Jedesmal, wenn der Jahrestag seines Glückes kam, zog er seine alten, abgerissenen Kleider an, versammelte seine Familie um sich, erzählte die Geschichte seines Reichtums und ermahnte sie, nicht stolz zu werden und G-tt für den Reichtum zu danken. Dann aber bedachte er Frau und Kinder mit kostbaren Gaben. So kam es, daß Frau und Kinder immer sehnsüchtig den Tag erwarteten, an dem der Vater mit den alten Kleidern auftauchte . . . Aber das Glück lächelte ihm nicht ewig! ׳Die Geschäfte gingen schlecht, das schöne Haus wurde verkauft, der Schmuck, den ■er sich angeschafft, die schönen Möbel ■— alles verschwand, und es blieb ihm nichts übrig, als seine alten Kleider herauszunehmen und sie wieder an־ zuziehen, So sahen ihn die Kinder und freuten sich bereits auf die schönen Geschenke. , Doch der Vater sprach; Heute freut ihr euch umsonst! Früher legte ich diese Kleider an, um euch zu zeigen, wie schlimm es früher mit mir bestellt war. Früher sprach ich: solch einen Kittel trug ich zu der und der Zeit. Jetzt aber spreche ich: diesen Kittel muß ich heute anziehen, denn es geht mir wieder schlecht . . .“ Dieselbe Bewandtnis, so schloß der Maggid, ׳hat es mit der doppelten Lesart der Hagadah: in guten Zeiten heißt es: Wie solches ist das Brot des ׳Elends, in schlimmen Zeiten aber sagen wir: Dieses äst das Brot des Elends . . . Eines seiner schönsten Gleichnisse ist dieses: Er wirft die Frage auf: Welchen Zweck hat es, daß der Mensch immer in die Ferne greift? •Sein Streben, das Unendliche zu erfassen, kann doch nie von Erfolg begleitet sein, wozu ist ihm dies •Streben so untilgbar ins Herz gepflanzt? Die Antwort •gibt folgende Erzählung: Ein reicher Mann hatte große Angst, daß sein Hab und Gut in stürmischen Kriegszeiten geraubt werden könne, und versteckte es daher an geheimen Stellen seines Hauses. Aber schneller, als er ■gedacht, starb er, und sein Sohn wußte nicht, wie er zu seinem Erbe kommen soüte. Als er traurig in seiner Stube •saß und seine paar letzten Taler zählte, fiel ihm ein Taler zu Boden und rollte fort. Er war und blieb verschwunden. Der Sohn konnte diesen Taler nicht entbehren und begann, eifrig nach ihm zu suchen. In diesem Eifer reißt er die Dielen des Bodens auf, und siehe da — unter den Dielen findet sich ein Topf voller Dukaten! Er sucht immer weiter; den Taler findet er zwar nicht, aber auf Schritt und Tritt neue ׳Schätze, die der Vater verborgen hatte. Der Taler blieb verloren, aber war die Mühe, ihn zu suchen, auch verloren? Gewiß nicht; denn durch diese Suche entdeckte er die reichsten Schätze. S o •geht es auch mit unserem Streben nach dem Unendlichen. Wird unser Ziel auch nicht erreicht, so finden wir doch auf dem Wege dahin alle die ־ungeheuren reichen׳ •Schätze, welche in Natur und Geisteswelt vergraben liegen ..." Die ׳Bibelstelle: ״G-tt schuf dich, daß du vergäßest, und du vergißt den G-tt, der dich geschaffen!“ erklärt er mit folgendem Gleichnis: Ein Mann stand einst vor Gericht unter einer falsehen Anklage. Alle Zeugen waren gegen ihn, und er wußte nicht mehr, •wie er sich retten sollte. Da ging er zu einem Weisen, und der gab ihm den Rat, sich zu stellen, als •sei er von Sinnen, dann werde er straffrei ausgehen. Das tat denn der Mann auch, und seine Absicht gelang. Als sich der Weise seinen Lohn holen wollte, schnitt er aber auch diesem Grimassen •und stellte sich verrückt. Der Weise aber sagte ihm: ״Bei mir verfängt das nicht, denn ich bin doch der, der dich diesen Ausweg gelehrt bat.“ So auch mit G-tt und den Menschen. Die Gabe, zu vergessen, ist eine Wohltat, die der Mensch aus der Hana der Vorsehung empfangen hat, und der Mensch •wendet jetzt diese Gabe gegen seinen Wohltäter an, indem er die Vorsehung vergißt.