Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 20 (1934)
- Issue
- 19 (18.5.1934)
- Date
- 1934-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 «eite 4 JÜDISCHE PRESSE Einheit der Gemeinde oder Frieden in der Judenschaft. Wenn m diesem Spätsommer die Schofaftöne uns wecken werden, wird das siebzigste Jäftr zu finde gehen, Seit tit&Syttagoge in der Ütoß eh S e h i f f g a s s e feftiggeätellt üttd eingeweiht wurde. Sechzehn Jahre vorher hatte eine, ganz kleine Schar tapfefnr und opferbereiter Männer Sich zusammengesehlossen, um dem Von den Vätern ererbten giaubenstreuen Judentum eine pflege- Stätte zu schaffen, fim bescheidener Raum war zur Betstube, ein bescheidenes Blätzchen dem Thorastudium be- Stimmt. Alles, was das jüdische Haus, das jüdische Leben benötigte, wurde für alle, die danach verlangten, besorgt. Bald aber waren die Räume der Ankerschul zu enge und man ging daran, ein Bethaus, das den;Bedürfnissen entsprechen sollte, zu bauen. Mit Begeisterung ging matt daran. Hart waren die Kämpfe, groß war die Sorge, unendlich die Plage. Doch größer und mächtiger war die Begeisterung und Opferfreudigkeit. Und als das Haus fertig dastand, erfüllte die fromme Schar der Kämpfer die heiligste Freude und die frohe Erwartung der endlichen sieghaften Entwicklung des Gedankens der altererbten, unsterblichen Thoratreue. Wird die Erinnerung an diesen Freudentag festlich begangen werden? In unseren Kreisen werden keine Jubiläen gefeiert, Sagt man gewöhnlich. In religiösen Dingen kann man niemals mit einem Erfolg zufrieden sein; die Ziele liegen immer weiter, immer vorwärts; man muß immer weiter, immer höher streben. Es kommt auch vor, daß man an dem Erreichten manches auszusetzen und manches zu bemängeln hat. Es wäre aber doch gut, manchen Gedenktag zu feiern, um den historischen Sinn zu beleben. Die Geschichte soll uns lehren, das V e r g a nge ne richtig zu erkennen, damit wir die Gegenwart begreifen, um die Zukunft vorzubereiten. Wenn wir an die Fertigstellung der Schiffschul uns erinnern, müssen wir auch der Kämpfe gedenken, die ihr vorangegangen sind, und daraus unsere Lehren und Schlüsse für die Gegenwart ziehen und unser Verhalten danach einrichten. mobilisiert Paragraphenreiter und schwingt die HungerpeilschederSubvontion. Wie schwer erwirbt man die Bewilligung zur Errichtung einer — Stätte für den ״ungeregelten״ G-ttesdiettst, einer chassldischen Minjattgelegenheit. Eine Talmud-Thora-Anstalt, die Bildungs* Stätte im Sinne unserer alten Thora, muß vor allem der Kritik des Sprachmeisters standhalten. Die Reform hat sich eben reformiert. Die Assimilation der Form hat der Assimilation des Denkens Platz gemacht. Statt ״Zeitgeist״ und ״modernem Denken" muß oder soll nun ״V 01 k 8 b e w u ß t s e i n“ und ״N a t i o n" an die Stelle von Thora und Religion treten. Einen Widerspruch dagegen soll es nicht geben. Man muß sich ruhig und demütig gleichschalten lassen. Die Zeit ist hart und die Juden müssen einig dastehen den Gefahren gegenüber, von denen sie von außen!bedroht werden! Darum muß die ׳״Einheit" der Gemeinde heiliggehalten und gewahrt werden. Ja, was ist denn ״Einheit" der Gemeinde? Existiert eine solche? Das Reformjudentum ist von dem altererbten Judentum durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt; wohl mögen beide gleichmäßig an dem alten Sittengesetz und* an der Ethik des Judentums festhalten; doch was die einen als Ergebnis der völkischen Entwicklung, als Erzeugnis der Volksseele bezeichnen, vorehren die anderen als den Ausfluß der g-ttlichen Offenbarung. Wenn für die einen der Volksgeist in stetiger Entwicklung das Gesetz den Bedürfnissen der Zeit anpassen soll, beugen die anderen sich in ehrfürchtiger Demut vor dem unsterblichen g-ttllchen Wort der Thora. Dieser in der Weltanschauung begründete Gegensatz kann durch Opportunität nicht ausgeglichen werden. Souveränität des menschlichen Volksg e i s t e s, die unerschütterliche Gültigkeit des e w igen Thora Wortes sind zwei Gedanken, die in einem Hirn nicht Platz haben. Es sind zwei Bettefriifiigsiäliigsteä Mtklhim M« Redler, Wien I, SdtoMenriYig 35 Telephon A-12-9-78. Gesamtausstattungen von der billigsten bis zur feinsten Ausführung, üebemahme sämtlicher Adaptierungen. Eigenes Zahlungasystem. Samstag geschlossen. ״Schomrä״-Mitglied. griffe, die niemals eine Einheit werden können, auch nicht durch einen Mehrheitsbeschluß. In Fragen der Weltanschauung, in Sachen des Gefühles wird niemals die Zahl entscheiden. Auch die kleinste Minderheit hat das Recht und die Pflicht, für ihre Weltanschauung einzutreten. Die Forderung nach Einordnung unter den Mehrheltswillen ist Herrschsucht, ist Vergewaltigung — keine Einheit. Die altgläubige Judenschaft wird daher unbedingt unablässig, unermüdlich, unerschrocken nach der vollständigen Selbständigkeit und Unabhängigkeit für die Besorgung aller ihrer religiösen Angelegenheiten und Belange einstehen bis zum endgültigen, unzweifelhaften Erfolg. Ob dieser nun in getrennten Gemeinden oder in einer geeinten Körperschaft erreicht werden kann, liegt nur an der Einsicht und an dem Billigkeitsgefühle derer, die sich Mehrheit nennen. Nicht derjenige ist der Friedensstörer, der um sein Recht kämpft, der gegen die Vergewaltigung seines Gewissens sich verteidigt. Und der ist der richtige Förderer des Friedens und des einträchtigen Zusammenarbeiten wahrhaftig nicht, der die stumme Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit verlangt. Soll ein friedliches Zusammenleben möglich und dauernd gemacht werden, müssen die Reibungsflächen verkleinert werden, indem man Streitfragen und Differenzpunkte möglichst ausschaltet. Nicht das Phantom einer Einheit der Gemeinde, der Frieden und die Eintracht der Judenschaft muß das Ziel sein. Ibri. Zwei Fragen» Von Cli. J. Elß, Zürich. Die Zeiten, in welche diese Kämpfe fielen, waren erfüllt von der Begeisterung für Gedankenfreiheit. Der politische Liberalismus, der die Herrschaft anzutreten sich anschickte, wurde als Kind der neuen Weltanschauung begrüßt, der der Welt ein neues Glück, neue Ideale bringen sollte. Freies Denken, freie Bewegung sollte die Mensch- ■ heit von dem Druck, der Jahrhunderte hindurch auf ihr!gelastet hatte, befreien. Manche meinten, man müsse auch, was Jahrtausende hindurch den Menschen heilig war, ohne weitere Rücksicht als altes Gerümpel verschwinden lassen. Alles Alte sollte dem Zeitgeist weichen. Die Reform des Judentums, die sich auf Mendelssohn zurückleitete, nannte sich liberal und stürmte, kühn gemacht, gegen das Bollwerk der alten Thoratreue, deren Innigkeit durch Formen Schönheit ersetzt werden sollte. Wie durfte da geduldet werden, daß dem alten, reaktionären, orthodoxen Judentum eine neue Zitadelle erstehe! Eine Ahnung von der Heftigkeit des Kampfes bekommen wir, wenn wir den autoritativen Wortführer der Wiener Reform hören. Auf die Frage: ״Soli mit Zustimmung der Gemeinde dem ungeregelten G-ttesdienst in der Hauptstadt des Reiches eine Stätte erbaut werden?" antwortete er ״im Namen der Toten, im Namen der Lebenden, im Namen der kommenden Generation“ mit einem fanatischen N ein! Hören wir seine Begründung: ״Alle Israeliten, die in der Stadt wohnen, lassen ihre Kinder nach der modernen Zeit erziehen; Sprachmeister bilden deren Zungen, daß sie nicht verderbt wie unsere Vorfahren reden; Musik und Zeichenlehrer veredeln deren Geschmack, entwickeln Formen und Schönheitssinn; Tanzmeister lehren sie, wie sie stehen, wie sie sich halten und bewegen sollen ... Zu dem alten, ungeregelten G-ttesdienst gehört das alte Golus, das alte Ghetto, der alte Druck... die alte Erziehung, die alte Bildung." In der Gefolgschaft. dieses Führers waren die Machthaber der Wiener Judenschaft. Und trotzdem erstand die Schiffschul und wurde zum Kristallisationspunkt der glaubenstreuen Judenschaft in Wien. Ausgehend von ihr, und im Anschluß an sie entstanden allenthalben weitere Bethäuser, Zellen, die der Weiterentwicklung und Pflege des alten jüdischen Geistes begeistert und erfolgreich dienten. Die Fanfaren des Kampfes sind nun wieder laut. Das Geschlecht, das im Geiste ״der modernen Zeit“ vom Zeichenlehrer und Tanzmeister erzogen wurde, hat das Judentum verloren und damit auch das Interesse an dem schönen Kultus. Nichtsdestoweniger geht der Kampf gegen das unabhängige, altererbte Judentum weiter. Allerdings gibt es nicht nur Trompetenstöße und Trommelwirbel, man SpieiceM vcXl ywaLd! V VERWENDET EURE W - O T REFFER ANLEIHE FÖR EINE phOnix Die Vorgänge innerhalb der Wiener Judenheit der letzten Wochen haben nicht verfehlt, auch im Ausland in den jüdischen Kreisen großes Aufsehen zu erregen. Der bekannte Agudafiihrer Ch. J. E iß in Zürich, der Vorkämpfer für das unverfälschte, kompromißlose orthodoxe Judentum, nimmt in den nachfolgenden Ausführungen —• aus dem Hebräischen übersetzt — Stellung: Dank und Anerkennung verdient die Wiener Aguda-Jugend, die den Mut gefunden hat, offen und öffentlich für Ihre heilige Ueberzeugung einzutreten, für die Ueberzeugung der gesamten thoratreuen Judenheit, daß an der Spitze jüdischer Gemeinden kein Platz ist für Menschen, die unsere Religion und Tradition mit Füßen treten, während die jüdische Kehillo dazu bestimmt ist, für die relig i ö s e n Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen. Es kann nicht verwundern, daß die Zionisten, die den Boden unter ihren Füßen zu verlieren fühlen, nun über die orthodoxe Jugend herfallen, jene Zionisten, die durch ihre Machtmittel auf die Untergrabung religiosen Gedankenguts hinarbeiten. Ich möchte daher nur auf zwei besondere Fälle hinweisen: Im Jahre 5680 schrieb Jabotinsky, der damals, gemeinsam mit Prof. Weizmann, der zionistischen Exek U t i v e angehörte, Über die eingesessenen Juden des Heiligen Landes, über den ״Jischuw Hajoschon“, wörtlich: ״Welchen geistigen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sonstigen Kampf haben denn diese Kinder (!) Es ist natürlich, daß das Problem über das Wesen der jüdischen Gemeinde in einer Zeit, wie der gegenwärtigen, ׳erörtert werden׳ muß. Der Struktur- Wechsel im Bau des Staates, die neue Verfassung zwingen dazu, eine Besinnung über dieses Thema anzustellen. Ueber dsis, was die einzelnen Gruppen im Judentum wollen/ sollte man mit weniger Leidenschaft, aber mit um so mehr Wahrheitsliebe einmal ruhig sprechen. Agudas Jisroel, die Vertretung der unabhängigen Orthodoxie, hat über ihre Stellungnahme niemals einen Zweifel walten lassen. Die jüdische Gemeinde ist ׳geschaffen■ worden, um den Pflichten des religiösen Lebens eine staatlich geschützte Stätte zu bereiten, und diese Gemeinde hat in ihren Wirkungskreis selbstverständlich die soziale Tätigkeit stets mit einbezogen. Der Standpunkt der zionistischen Organisation war anfangs ebenfalls eindeutig klar; Schaffung der Volks ׳gemeinde, Zurückdrängung der religiösen Belange, Hervorheben der rein politischen Interessen. Wie sollte es auch anders sein? So wie die Agudas Jisroel sich bemüht, das von ihr vertretene Ideal in die Wirklichkeit umzusetzen, die ewig religiöse Wahrheit im Leben der Gemeinde zur Aus- Wirkung zu bringen, so will der Zionismus seiner Auffassung vom Wesen des Judentums den Sieg bereiten. Der Zionismus erstrebt die V e r w e 11lichung des Judentums. Hunderte von Stimmen prominenter Führer haben das verkündet und die große Encyclopedia Judaica bringt aus der Feder des Herausgebers, des anerkannt größten Theoretikers zionistischer Ideologie, eindeutig diese Zielsetzung des zionistischen Willens. Daß sie durch überhaupt mitgemacht? Wäre es nicht ־wohl am Platze , gewesen, noch vor den Auseinandersetzungen über da3 Frauen Wahlrecht, diese unfruchtbaren Eiemente (!) von jedem Einfluß auf die Errichtung des Nationalheims auszuschalten (!)?" Solche Worte konnte Jabotinsky ungestraft aussprechen, keine Stimme erhob sich gegen die Forderung, den religiösen Juden, die die vorgeschriebene Haartracht tragen, das Wahlrecht zu entziehen und sie als ״Kinder" zu behandeln. Wehe aber uns, wenn wir verlangen, daß ausgesprochene ״Koffrim“ aus der Leitung einer ]üdisehen Kultusgemeinde ausscheiden, dann sind wir sofort — ״M o s s r i m"! Und noch eins: Orthodoxe Juden, die mit ״Messiras**- Nefesch für die Erhaltung des glaubenstreuen Judentums kämpfen, haben der ׳Mandatskommission des Völkerbundes das Ansuchen unterbreitet, eine öffentlich-rechtliehe Anerkennung der orthodoxen Gemeinden in Erez Jisroel herbeizuführen. In solch einer schweren Schicksalsfrage für die religiöse Judenheit konnte es Raw Kult, der ״Oberrabbiner“ von Erez Jisroel, nicht unterlassen, einen speziellen Delegierten, Raw Usiel, nach Genf zu entsenden, um die Gewährung der agudistisehen Forderung unter allen Umständen unmöglich z u machen, um die religiöse Judenheit unter allen Umständen unter die Peitsche des antireligiösen ״Waad Leumi“ zu zwingen. Wenn die Verteidigung der Rechte der orthodoxen Judenheit als ״Messirah“ bezeichnet wird, welche Wertung verdient dann dieses Vorgehen g e g e n sie? Der zionistische Blätterwald möge antworten! religiöse Zionisten nicht mit dieser Enseitigkeit und Eindeutigkeit erkannt und anerkannt wird, soll ohne weiteres zugegeben werden,. ändert aber nichts an der Tatsache. Das repräsentativste Organ der Zionisten ist gegenwärtig die ״Jüdische Rundschau“ in Berlin und sie bekennt sich in einer ihrer letzten Nummern wieder unzweideutig zur Volksgemeinde. Dort heißt es: ״Eine der Verfälschungen des echten Lebens, die sich im deutschen Judentum in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt haben und die eine jüdische Lebenswirklichkeit ihrer Inhalte berauben, war das Wort (?) von der ״Religionsgemeinde“. Wenn das liberale deutsche Judentum die Zusammenfassung der Juden in der Gemeinde, dem ehemaligen Träger aller jüdischen Lebensfunktionen, in Anlehnung an das Vorbild der christlichen Kirchen als R e 1 i g i o n sgemeinde bezeichnete und sich bemühte, aus dem Aufgabenkreis der Gemeinden all das auszuschließen, was diesen Begriff zu sprengen drohte, dann entstand ein Zwittergebilde, das in jeder Weise geeignet war, ein illusionäres Judentum in den Köpfen entstehen zu lassen. Die Religionsgemeinde war eben historisch gesehen unjüdisch (!) und konnte sich daher niemals als etwas Lebendiges ira Bewußtsein der deutschen Juden verankern. Heute ist man unter dem Druck äußerer Tat- Sachen auch in weiten Kreisen derer davon abgegangen, an diesem Begriff der Gemeinde festzuhalten, die ihn bisher mit besonderem Eifer verfochten haben. Man sieht, daß die Gemeinde zwangsläufig Aufgaben zu erfüllen hat, die beim besten Willen nicht mehr als religiös zu bezeichnen sind, und ist daher auch bereit, auf Uberholte (?) Begriffe zu verzichten. Dabei nähert man sich den Gedankengängen an, die von uns seit jeher vertreten worden sind; wir sahen in der jüdischen Gemeinde stets eine Volksgemeinde, die alle jüdischen Funktionen zu erfüllen hat, die überhaupt für die in ihr vereinigten Juden von Bedeutung sind. Volksgemeinde oder Religionsgemeinde?