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Jüdische Presse · 1934-05-04 · 17 (4.5.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
20 (1934)
Issue
17 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE m i׳r reich iffi Zeichen dieser Verfassung: glücklichen Zeiten entgegengehen, * ־ Äfft Morgen des 1. Mai fand in der Synagoge der Adas Jisroel (Sehiffsehul), die anläßlich des Verfassüngsfeiertäges Elaggensehmuck angelegt hatte, unter großer Beteiligung ein Festg-Ueädienst Statt Das Bethaus mt festlich beleuchtet und Öbdfkatttöf Braun verrichtete M überaus weihevoller Weise das Debet für das Wohl des Bundespräsidenten, des Bundeskanalere und der übrigen Mitglieder der Regierung. Die Gemeinde sprach sodann die vom ehrwürdigen Oberrabbiner der Adas Jisroei für diesen Anlaß bestimmten Psalmen. # Anläßlich des Staatsfeiertages am 1. Mai hat der Vorstand der österreichischen Landesorganisation der Agudas Jisroel an Bundeskanzler Dr. Dollfuß folgendes Schreiben gerichtet: Euer Exzellenz! Mit dem ganzen österreichischen Volke feiert am 1. Mal auch das religiöse Judentum die Gesetzwerdung der neuen Verfassung, die den Schlußstein hinter die Entwicklung der letzten zwei Jahre setzt, Welche unter der autoritären Führung Ihrer höhen Bundesregierung dem Wiederaufbau Oesterreichs gewidmet waren. Wir begrüßen mit aufrichtiger Genugtuung und Freude den religiösen Geist, von dem nunmehr das ganze StaatsgefUge getragen sein soll und der allein in der Lage ist, jene wirkliche Befriedung herbeizuf Uhren, die von jedem Orthodoxie und Die Diskussion über das Thema ״Kultusgemeinde und Orthodoxie“, die bis auf einige parteimäßige Entgleisungen anfangs noch sachlich war, ist aus den Ufern getreten. Nur verbohrte Parteidogmatiker, ule die Herren der ״Stimme“ und der ״Neuen Welt“, können angesichts der Veröffentlichungen der ״Reichspost“ vom 29. April noch einen Zusammenhang zwischen diesen Mitteilungen und der Orthodoxie suchen und sogar finden. . Aber diese Ablenkungsmanöver der zionistischen Blätter, die vom Thema weg zum kleinlichen Parteigezänke führen, sind diesmal verfehlt und wir brauchen daher auf sie auch gar nicht einzugehen. Hier handelt es sich nicht um persönliche und nicht um materielle Unterschiede, sondern um Gegensätze, die aus einer Verschiedenheit der Lebensauf fass u n g resultieren, die nicht mehr zu Uberbrücken ist. Wir stehen für das Individuum genau so wie für die Gemeinschaft auf dem Boden des G-ttesgesetzes. Wir haben das Gesetz am Sinai empfangen und haben es für eine und b i s zu einer endlichen Lösung der Judenfrage rein zu erhalten. Wir können dieses Gesetz durch Menschemverk ebensowenig ergänzen, wie wir von diesem Gesetz Konzessionen machen können. Unsere Gegner, die auf dem Boden der materialistischen Lebensanschauung. stehen, . haben persönlich den Boden dieses Gesetzes längst verlassen und sind nur noch unterschiedlicher Auffassung bezüglich der Geltung dieser Gesetze für die Gesamtheit. Der Gegensatz zwischen uns und Ihnen ist von so gewaltiger Dimension, daß er mit einem dbgnautischen Unterschied, wie er bei irgendeiner anderen Konfession besteht, fast nicht mehr zu vergleichen ist. Wären Unsere Gegner auf dem Boden des Religionsgesetzes wenigstens in der Theorie geblieben, dann wären die Differenzen noch in eigenem Rahmen auszutragen gewesen, da s i e aber diesen Boden verlassen haben und ihre Rechte nicht aus dem Religionsgesetze ableiten, sondern aus den Rechtsquellen des Staates,• so ist esnurselbstverständlich, daß der Kampf auf dem Boden der Staatsgesetze ausgetragen werden muß. Die Schuld daran trifft diejenigen, die den 1ms gezogenen gutgesinnten Bürger dieses Stauten aus ganzem Hetzen ersehnt wild. Wir dürfen buffen und wünschen, daß im neuen Staate auch die Bedürfnisse Und Interessen der Judenheit Schütz und Verständnis finden werden und wir beten zum Allmächtigen, daß es Ihrer hohen Bundesregierung gelingen möge, das begonnene AttlbattWerk glücklich zu vollenden. , tn diesem sinne drücken wir der hohen Bundesregierung ans Anlaß des morgigen Staatsfeiertages den Ausdruck unserer Treue und Ergebenheit aus und wünschen Ihnen, hochverehrter Herr Bundeskanzler, und den übrigen Mitgliedern der Regierung, für Ihren ferneren zielbewußten Arheltsweg vollen Erfolg. * Der Vorstand und das Rabbinat der Adas Jisroel-Schi ff schul haben an Bundeskanzler Dr. Dollfuß folgendes geschrieben: Eure Exzellenz! In Unserer altehrwürdigen Synagoge hat unsere gtaubenstreue Gemeinde sich vereinigt, um in inbrünstigern Gebete dem Herrn der Heerscharen dafür zu danken, daß er Eurer Exzellenz und der Hoben Regierung die Kraft und Einsicht verliehen hat, das große Werk, die neue Verfassung, zu vollenden, damit sie die Grundläge für den Neuaufbau und die glückliche Entfaltung der Kräfte unseres lieben Oesterreich sei. Möge der Segen des Allmächtigen auf Eurer Exzellenz ruhen, damit es Ihnen gelinge, die Wohlfahrt und das Gedeihen unseres Vaterlandes mächtig zu fördern, daß alle seine Söhne ln brüderlicher Liebe und in Frieden zusammenarbeiten, zum Heile und zum Glücke unserer teuren Heimat. Kultusgemeinde. Rahmen überschritten haben und die heute in etwas überholter Manier von ״Messirah“ sprechen. Und daß die jüdischen Nationalisten den Boden des jüdischen Reügionsgesetzes verlassen haben und auf die Säkularisierung des jüdischen Volkes hinarbeiten, ist durch ihre Theorie und Praxis hinlänglich bewiesen. Daß sie das in ihren Parteiinstitutionen tun und fördern, ist, insofern eine Partei einen geschlossenen Körper bildet, ihre Sache, die zu fördern oder zu bekämpfen von der Einstellung des einzelnen abhängt. Daß die Zionisten aber die jüdische Gemeinde, gegen ihre moralische und gesetzliche Bestimmung, parteimäßig vergewaltigen, dagegen aufzutreten ist unsere Sache! Wir haben das Gesetz über die Aufgaben der Gemeinden bereits einmal zitiert. Das Gesetz ist so klar, daß es eine Mißdeutung nicht zuläßt. Die Kultusgemeinde hat für die religiösen Bedürfnisse — und nur für diese — zu sorgen und die notwendigen Institutionen zu erhalten. Was hat sie in Wirklichkeit getan? War es schon ein Absurdum, eine religiöse Institution, die also sozusagen vom Hause aus einer Idee, die unveränderlich ist, zu dienen hat, Liberalen und Reformern auszuliefern, so konnte man damals in der liberalen Aera noch der Meinung sein, daß der Liberalismus eine Synthese zwisehen Religion und sich selbst finden wird. Tatsache ist, daß׳ der religiöse Indifferentismus der damaligen Machthaber der Kultusgemeinde dazu führte, daß die Orthodoxie sich selbst die Institutionen schuf, die zur Befriedigung des religiösen Lebens notwendig waren, und daß die Kultusgemeinde erst 20 Jahre später als die Adas Jisroel sich eine Schechita beigegeben hat. Sie hätte vielleicht noch heute kein rituelles Bad, wenn die in der Adas Jisroel vereinigten glaubenstreuen Juden Wiens zehn Jahre vor dem Krieg nicht darangegangen wären, sich ein solches zu bauen. Kein Mensch hatte sich je darum gekümmert, daß den Schulkindern die Heiligung des Sabbaths in der Schule ermöglicht werde, bis nicht die Adas Jisroel bei den Schulbehörden intervenierte. Erst dem ״Schomre Schabbos“ mußte es Vorbehalten bleiben, eine Reihe von Errungenschaften zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse der jüdischen Angestellten und Arbeiter zu erzielen, fihf die Zu sorgen Pflicht der Knlfusgemeinde gewesen wate. ... # aber der Indifferentismus der Liberalen der initiative der religiösen Juden im grüßen und ganzen iöefif Benin ließ, ist es, seitdem die Jüdisch-Nation a 1 e n in die Gemeindestuben kamen, gründlich anders geworden. Die nationalen sturmer bet uns Juden geben, «ie bei ätten anderen Völkern, aufs Ganze. Ihnen genügt es nicht, selbst nach ihrer Fassen unselig zu werden, sie legen Gewicht darauf, alles gleichzuschalten, was bei Juden allerdings seine Schwierigkeiten hat, , Die Herren hatten nach der Baifour-Deklaration, als ja Ihr Weizen Mühte, Natiottalräte in aller Herren Ländern konstituiert, die die freigewählten Vertreter und Repräsentanten der jüdischen Nation sein sollten. Ohne daß damals die Dinge so klar lagen wie heute, lehnten die jüdischen Massen diese Art der Vertretungen ab, und so kamen die Herren auf die alte Idee, durch die ״Eroberung der Gemeinden“ die Führung an sich zu bringen. Aber auch hier sollen und werden die Herren zu fühlen bekommen, daß Gesetz und Logik gegen ihre nationalen Experimente und für die ewig religiösen Wahrheiten stehen. Das Gesetz fordert, daß die Gemeinde religiös sei. Und die Logik fordert, daß eine religiöse Institution von religiösen Menschen verwaltet werde. Zu deu Fundamenten der jüdischen Religion gehören, wie bei jeder anderen Religion, außer dem Glauben selbst, die Sitten- und Feiertagsruhegesetze und dazu bei uns Juden noch die Speisegesetze. Wir fragen, um den Inhalt unseres Kampfes auf eine Formel zu bringen, die jedem zugänglich ist, und ohne irgendeine persöniiehe Note: Wieviele von den Vorstehern der Kultusgemeinde und deren’führenden Beamten (mit Ausnahme derjenigen, deren Pensionierung unter dem Drucke unserer Angriffe unterbleiben soll) halten die Speisegesetze? Wie vielehaltensichandieSabbath-undF eiertagsruhegesetze und schließlich — auch das möge einmal offen gesagt sein — w i e viele leben ineinerdemjüdischenReligionsgestze entsprechenden Ehe? Das sind die Fragen, und alles übrige sind Ablenkungsmanöver, Leider Fragen, auf die man die Antwort nicht erst abzuwarten braucht. Und wenn daher die ״Stimme“ in ihrer Nummer vom l.,Mai die Behauptung auf stellt, die Aguda hätte nur ״einen“ Tempel und die Kultusgemeinde soundsoviele, so haben wir darauf nur zu erwidern, daß die Aguda nicht einmal einen Tempel hat, sondern die orthodoxen Tempel und Bethäuser Wiens haben die Aguda, zu deren Aufgabenkreis es bekanntlich keinesfalls gehört, Tempel zu errichten. Und wemi die ״Stimme“ die älteste und größte Schul der Wiener Orthodoxie, die Schiffschul, meinen sollte, so stellen wir fest, daß in 'dieser einen Schul täglich mehr Teilnehmer zum G-ttesdienste erscheinen, als in allen Gemeindetempeln, in denen b ezahlte Leute das Minjan bilden, die ganze Woche, mit Ausnahme des Sabbaths, zusammengenommen. Also die Demokratie der Hände durch die Demokratie der Ziegelsteine zu ergänzen, ist ein schwacher Ausweg. Was die Unverfrorenheit der ״Stimme“ anbelangt, die die Person des Bundeskanzlers und das erzbischöfliche Ordinariat in die Debatte einbezieht, um uns dort zu diskreditieren, ist die Sache viel zu durchsichtig, um nicht’ von jedem denkenden Menschen als bewußtes tendenziöses Lügengewebe erkannt zu werden. Wir haben übrigens nie behauptet, die Mehrheit zu sein, sondern nur den Standpunkt vertreten, daß wir das wahre historische Judentum sind, das auf dem unveräußerlichen Boden der religiösen Tradition steht. Wir haben als solches den Kampf für die religiöse Erneuerung geführt und wrerden ihn unbeschadet dessen, wieviel ihrer Subventionisten die Kultusgemeinde, bzvv. Ihre zionistischen Usurpatoren nächste Woche in ihre Versammlung kommandieren w?erden, bis zum endlichen Erzählung von S. W i e z. (Fortsetzung) [42] Und wieder umarmten sich die beiden, stürmisch, leidenschaftlich, aber ohne Tränen. Wie zwei geängstigte Kinder hielten sie sich fest umschlungen, schauten sich gegenseitig in die verweinten Augen und schwiegen... ״Auch dein Bruder hat meines Vaters Schmerz Verstanden, sagtest du?" brach Gita zuerst das Schweigen. ׳״Ja, Liebe, er hat ihn verstanden und sich wie ein Wilder gebärdet, und ich, verzeihe, spottete seiner darob... Er schrie und tobte und lief wie ein Wahnsinniger daher, aber es nützte nichts.-“ ״Es nützte nichts", wiederholte Gita resigniert. ״Gibt es denn gar keine Rettung, Liebe?" ״Rettung? Schaue hin, aber nein, der Ausblick bleibt dir in erster Zeit verwehrt. Dort bei der hohen Mauer'hört die Welt, Leben und Hoffen, auf. Ein Mittel von hier loszukommen, gibt es — die Taufe. Denn als Laienschwestern müßten wir, sobald wir Christinnen sind, entlassen werden. Aber mir graut es vor diesem letzten Schritt.., Und je länger ich hier bin, je mehr ich das dumpfe Leben hier kennenlerne, um so größer das Grauen vor diesem Schrecklichen. Wir sind schwer betrogen, Liebe, um Glück, um Leben, um alles, auch um die Wahrheit... Und dann, wer bürgt uns, daß man uns nach der Taufe freigibt, daß man uns nicht auf Schritt und Tritt bewacht, verfolgt und unsere Rückkehr zum Väterglauben gewaltsam verhindert? Die Aebtissin ist eine würdige hochherzige Frau, aber streng und unerbittlich; die Oberin Magdalene eine ebenso herrschsUchtige wie ränkevolle Person; die Schwestern zum Teil blöde, willenlose Buß- und Betnonnen, zum Teil boshafte, intrigenhaft spionierende Klatschbasen. Und in solcher Luft soll man atmen, in solcher Umgebung aushalten nach einem Jugendleben, das so reich an Webe, an Glück war Und das wir nicht zu schätzen wußten! —י;-- Die Aebtissin ist mir wohlwollend gesinnt, aber Magdalene hat mich durch ihre Ränke heupheln gelehrt; vor den anderen hüte ich mich, meide sie wie die Pest. Ich muß Liebe und Treue zur Kirche heucheln, um mich einigermaßen hier frei bewegen zu können und vor den Intrigen der lieben Mitschwestern geschützt zu sein. Reif für die Taufe hält man mich noch nicht. Das ist mir so recht. Eine Hoffnung, eine unbestimmte, vielleicht auch unbegründete, läßt mich diesen Schritt noch so lange als irgend möglich hinausschieben..." ״So, Liebe", sagte Gita, nachdem sie Atem geholt und die Hand ihrer still zuhörenden Gefährtin in die ihrige genommen, ״so habe ich dich mit dem Leben hier vertraut gemacht, schon am ersten Abend. Und du wirst dich vorläufig darauf wohl oder übel einrichten, damit dir Pein und Enttäuschungen erspart bleiben . . . Was aber unser Verhältnis betrifft, so höre, es ist eine sonderbare, vielleicht glückliche Fügung, daß wir uns hier getroffen, da man sich sonst von derartiger Gemeinschaft nicht viel verspricht und die Judenmädchen, wie ich hier aus Aeußerungen Magdalenes entnehmen konnte, auf verschiedene Klöster verteilt. Daß du trotzdem hergekommen bist, das liegt wohl an unserer gemeinsamen Gönnerin, die gerade dieses Kloster am meisten auszeichnet. Man will uns aber in der ersten Zeit, das merkte ich schon, voneinander fernhalten und ich werde noch mehr Frömmigkeit heucheln müssen, um in deiner Nähe bleiben zu können. Darum Vorsicht, Liebe! Kannst auf mich vertrauen, wir werden beisammen bleiben, gemeinsam den letzten Schritt tun, wenn’s nicht anders sein kann-" ״Nein!" brach Merelaika in Aufbäumung ihres ganzen früheren Stolzes und Trotzes hervor. Gita sah ihr offen ins Auge. ״Dann", sagte sie gedehnt, ״gemeinsam in den-" ״In den Tod", ergänzte Merelaika hastig. ״Ja", sagte Gita ruhig, ״in den Tod, wenn wir die Kraft dazu haben werden ..." ״Wir werden es, liebe Gita. Gab es doch auch jüdische Helden!-“ ״Ich weiß es nicht", sagte Gita, ״aber vielleicht gehen wir zusammen auch in die Freiheit zurück, wenn der G-tt unserer Väter, den ich hier anzubeten gelernt habe, sich unser annimmt . . . Aber nun ist es Zeit, ich muß dich noch vor dem ersten Läuten, das mit dem Morgengrauen beginnt, verlassen . . . E3 sind hier ■viel der lauernden jSpiopinnep, Also mag es genug sein für heute. Gehe zu Bett und ruhe aus, denn frische Kraft und klarer .Sinn tun hier not. — — — Leb* wohl, Liebe. — — — Wie heißt du doch eigentlich? — Magdalene spricht von einer Marianka.-" ״Ich heiße Mirjam!-" Noch einmal umarmten sich die beiden Mädchen unter Tränen. Dann legte Gita hastig die Kutte an, löschte das Licht und verschwand, nachdem sie vorsichtig von außen die Zimmertüre geschlossen, im tiefen Dunkel des langen, gewundenen Korridors. XXI. Als Merelaika am folgenden Morgen nach einem bleischweren, traumverworrenen Schlaf erwachte, waren die Fenstervorhänge zur Hälfte aufgezogen und das weiche Licht der Morgensonne drang voll und mild ins Zimmer. Sie fühlte sich etwas erquickt, erfrischt. Sie mußte lange nachdenken und all ihre Sinne zusammennehmen, um zu klarem Bewußtsein ihrer Lage zu gelangen. Und nun schien es ihr, als winke mit den goldenen Sonnenstrahlen, die von jeher eine mächtige Wirkung auf sie ausübten, etwas wie Hoffnungsschimmer . . . Sie dachte an ihre neue Freundin, an deren Mahnung und Trostworte. Die Tränen hatten gestern ihre Beklommenheit von ihrem Herzen gelöst, sie war ruhig und gefaßt. Nur ein brennender Schmerz in den Schläfen erinnerte sie nach heftig an die Strapazen, Aufregungen und tausend Aengste der letzten Tage. Sie lag noch im Bette, unentschlossen über ihr nächstes Beginnen, als die Türe aufging und sich eine schlanke, dürre Gestalt in weiter, schwarzer Ordenstracht schweigend ins Zimmer schob. Ohne sich zu regen, betrachtete Merelaika vom!Bett aus das hagere, spitze Gesicht, die abgehärmten Züge und die kleinen, rot-!umränderten und lauernden Augen der Fremden, in der sie ohne Mühe bald die von Gita so genau beschriebene Oberin Magdalene erkannte. Diese sah sich prüfend im Gemach um, nahm das Kruzifix, führte es, leise ein Gebet murmelnd, an den Mund und sagte dann mit einem Lächeln, in dem sich hinter erzwungener Liebe nur schlecht ein Anflug von Bosheit verbergen konnte: ״Nun, liebe Schwester, die ersten, für manche recht schweren Stunden des neuen, reinen Lebens gut überstanden?" ׳ Die Augen der Nonne wurden noch kleiner, ihr Mund weitete sich und ihre Wimpern zuckten, als müßte sie jeden Augenblick in ein schallendes, boshaftes Lachen ausbrechen. Merelaika graute es vor dieser Gestalt, aber sie dachte an die Worte der Freundin und hielt an sich. (Fortsetzung folgt.)

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