Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 20 (1934)
- Issue
- 14 (13.4.1934)
- Date
- 1934-04-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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TüOtSCMK PRESSE mu mmu Wem ZU. Wir wollet! nicht mehf das Lös unseres heiliget! Lahdes allein det Hand deref überlassen, die das Land entweihet!. . Agttdas Jiäföel bfellegt nun die heilige Pflicht, die Hasäeh zu sammeln und zü eltief fruchtbaren, positiven Aufbauarbeit» zum Kampfe gegen die Entweihung des heiligen Bodens, zu führen. Jetzt, wo das thoraentfremdete, hur-üatiofi&le Judentum damiederilegt, zersplittert und zerklüftet in tausend feile, daß fast einer nicht mehr die Sprache und Oedanken des anderen?ersteht, jetzt ist die Zeit gekommen für Agudas Jisroel, ihr Banner zu er* * heben, das Banner der Th0ra. Kur wenn wir im Geiste der f hof a handeln, kann es möglich werden, das Volk J i s r 0 e 1 in E r e z J i s r 0 e 1 zu einer Einheit werden zu lassen. Wir wollen das Land unserer Ahnen und unserer Thora mit jugendlicher Kraft aufbauen, mit Liebe und nie versiegender Begeisterung. J. che. Aus Erez Jisroel. Das Verhältnis Zwischen *den revisionis t i־* sehen und den’ in der ״Histadruth" organisierten sozialistischen Zionisten wird von Tag 2u Tag gespannter. Es kommt im ganzen Lande fast all* täglich zu Zusammenstößen, die oft mit Verletzten auf beiden Seiten enden. Die Zeitungen der beiden Gruppen führen einen scharfen Kampf gegeneinander und bezeichnen sich gegenseitig als ״Mörder", ״Provokateure" und;;ähnliches. Die Revisionisten haben beschlossen, ausjlem ״Waad 1 eumi", der zionistischen Judenstaats- Organisation, auszutreten, weil ihr Ultimatum, in dem sie sich Über die ״Histadruth" beschwerten, unbehandelt und unbeantwortet blieb. Bemerkt muß hiebei werden, daß der Führer der Revisionisten, Jabotinsky, einen unerhört scharfen Kampf gegen die Agudas Jisroel führte, als diese aus religiösen Gründen es ablehnte, dem nichtreligiösen ״Waad leumi" beizutreten. Jetzt sind die Revisionisten selbst aus dieser Körperschaft ausgetreten, aus Gründen, die jedenfalls gegenüber den religiösen Prinzipien der Aguda, als kleinlich bezeichnet werden müssen. * Die Hafenanlagen in Haifa und Jaffa erweisen sich dem immer mehr steigenden Verkehr nicht gewachsen. Im Monat Dezember sind 597 Schiffe mehr ein- Bei Verstopfung nimm DARMOL getroffen, als im gleichen Monat des Vorjahres. Viele eintreffende Schiffe müssen eine Zeitlang warten, bis sie Platz im Hafen bekommen. Es erweist sich, daß der Verkehr eine Entwicklung genommen hat, die auch von den größten Optimisten nicht erwartet worden ist. Die Aguda-Zentrale in Jerusalem steht in Unterhandlungen mit der Leitung dos Hilfsfonds für deutsche Juden, bezüglich einer Zusammenarbeit für die orthodoxen Einwanderer aus Deutschland. Es wird erwartet, daß entsprechende Mittel für den Bau von Unterkunftstätten für orthodoxe Aulim aus Deutschland von dem Hilfsfonds zur Verfügung gestellt werden. * . 28 jüdische Arbeiter wurden am 3. April in K.far Saba von der Polizei verhaftet, als sie vor jüdisehen Orangenplantagen, in denen arabische Arbeiter beschäftigt werden, Posten standen. Die Plantagenbesitzer erklären, sie seien gezwuhgen, arabisehe Arbeiter zu beschäftigen, weil ihnen nicht geftug jüdische Arbeiterhände zur Verfügung stehen. Die Ver* hafteten gehören sämtlichen Arbeiterorganisationen — den verschiedenen zionistischen Gruppen und der Poale Agudas Jisroel ~ an, (JPA.) Am 6. April beganhin Jerusalem dieArabische A u s s t e 11 u n g, an der sich alle arabischen Länder be* teiligen. ‘ Am 3. Nissan traf in Erez Jisroel der neubenannte Lloyd-Dampfer ״ J er ttä ad e m׳* erstmalig ein. Aus diesem Anlaß veranstaltete der ״Lloyd Triestino“ eine Feierlichkeit, an der sich Vertreter aller jüdischen Gruppen des Landes beteiligten. Es wurde am Schiff ein Nachtmahl gegeben — für die religiösen Juden koscher — bei dem namens der Zionistischen ״Jewish Agency" Grünbaum, namens der Agudas Jisroel Rabbi Horowitz und ein Vertreter der arabischen Presse Ansprachen hielten. Das Schiff ist erstklassig eingerichtet. Es fehlt auch in der dritten Klasse nicht» an der bestmöglichen Bequemlichkeit. ■ . * Nach Meldungen der arabischen Presse hat eine jüdische Gruppe den gesamten Gutsbesitz B e t e i c a im Norddistrikt Palästinas im Umfang von etwa 70.000 Dunam Boden um den Preis von 160.000 Pfund von den bisherigen syrisch-arabischen Eigentümern angekauft. ü! Die Fabrik ״Schemen"‘ -in״Haifa exportierte im Monat März 1934 Olivenöl und Feinseifen nach China, Indien, Aden, Portugiesisch-Indien, Australien, Haiti, Estland und Finnland. .י..-. * Laut amtlichem Bericht beläuft sich der Geldumlauf in Palästina jetzt auf 3,634.664 Pfund. Der gesteigerte Geldumlauf ist eine Folge des jüdischen Kapitalszuflusses und der gesteigerten wirtschaftlichen Tätigkeit im Lande. Jeruschalmi. ]Rabbi M. Ch. Lau — Oberrabbiner von Piotrkow. . Eine Abordnung, bestehend aus den angesehensten Balebatim der Piotrkower Kehilah, überreichte dem gegenwärtig in Krakau weilenden Preäover Raw, Rabbi Mosche Chaim Lau, den mit zweitausend Unter- Schriften versehenen Rabbonusbrief. Rabbi Lau hatte vor einigen Wochen in Piotrkow einen Gastvortrag gehalten, der in der Stadt einen tiefen Eindruck hinterließ. Der neue Piotrkower Raw ist ein Verwandter des verewigten Rabbi Meir Schapira s. Z. 1., des früheren Piotrkower Raws, und war ein inniger Freund desselben. Für Emigranten! Gutgehendes Fabriksgeschäft der pharmazeutisehen und kosmetischen Branche (Doktorfirma) in reizend gelegener Gebirgsgrenzstadt der Ö. S. R. ist nebst vülenartigem Landhaus mit Hinterhaus, großem Garten und Garage, sowie sofort beziehbarer parkettierter 5-Zimmer־Wohnung zu verkaufen. Erforderlich sind KÖ 400.000, die auch in Reichsmark in Deutschland bezahlt werden können. Reflektant möchte tüchtiger Kaufmann sein, Branchekenntnisse nicht erforderlich. Angebote an Firma DDr. DRAWE & WOLFF, Neustadt a. ä. T., C. S. R. \M^s 38 *י Woclie ÜSu -r tfngedchtet der ErkläfvMgm des 40ütsehen Reichswirtschaftsministers md ׳ Reichskanzlers, daß stömnßi Mmgnfß H die Wirtschaft zü tintöf bleiben MbM) wird von führenden Nationalsozialisten in Franken, Rheinland und anderen deutschen Provinzen öffentlich ß o y k 011 p r 6 p a ga n d a gegen die Juden betrieben. — Das Gericht in S äloniki verurteilte vier Studenten zu Gefängnisstrafen von einem bis zwölf Monaten wegen aniis em itis eher Ausschreitungen. 100 Nochschüler, die sich an antisemitischen Manifestationen der B. E. B. beteiligten, wurden relggiert. — 486 Aerzte, unter ihnen 11 Frauen, und 11 Dentisten, wurden zur Ausübung der Praxis in Erez Jisroel neu zugelassen. Es handelt sich in der Mehrzahl um deutsche Einwanderer. Die letzte Registernummer der zugelassenen Aerzte ist nunmehr 1568, die der Dentisten 483. —- In Kettwig v. d. Brücke (Rheinland) wurden auf dem jüdischen Friedhof SO Grabsteine u mgestürzt. Trotz der vom Vorstand der jüdischen Gemeinde ausgesetzten Belohnung konnte man der Täter noch nicht habhaft werden. . . — Das jüdische Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten; Samuel Dickst ein, auf dessen Antrag die Parlamentskommission Zur Untersuchitng der n at io n als o zitalis tischen Umtriebe gebildet wurde, teilte mit, daß er sich zu seinem Schutze eine Leibwache halten muß, xoeil er von den Nazis bedroht werde. — lieber Antrag der ״Vertretung der u na bhängigen jüdis chen Orthodoxie I> ent schlandste hat das preußische Justizministerium eine Verfügung ergehen lassen, nach der von den jüdischen Gemeihden zur Verfügung gestellte M azzoth den darauf reflektierenden Gefangenen ausgefolgt werden sollen. — Am kommenden Montag xoird in Lodz die erste Hachschorohstätte für Mitglieder der agudistisehen Mädchenorganisation ״Bnos Agudas J is.ro e V‘, die nach Erez Jisroel emigrieren wollen, eröffnet. In dieser Hachschoroh sollen vorerst vierzig Mädchen beruflich ansgebildet werden. —- Die in Jerusalem stattgefundene Tagung des Zionistischen Aktionskomitees wurde am Donnerstag, den 5. April, beendet, ohne daß es zu einer Einigung der sich bekämpfenden zionistischen Gruppen gekommen wäre. ■— Nach einer Erklämng des spanischen Ministerpräsidenten Sennor Lerroux werden Ansuchen von sephar dis chen Juden ־— Abkömmlinge der im 15. Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Juden —, die sich um die spanische Bürgerschaft bewerben, dring-’ lieh behandelt werden. — Im ״B u n d jAi dis eher F ront Soldat e n“ in Wie n ist eine Spaltung eingetreten. Der frühere Führer desselben, Generalmajor Sommer, ist aus dem Bund ausgetreten und hat einen ״Bund legitim ist ischer jüdischer Frontkämpfer“ gegründet. — Der Beichsinnemninister der Hitler-Begiernng in Deutschland, Dr. Fri ck, weilte in Palästina. Die Polizei hatte einen speziellen Schutzdienst für ihn eingerichtet. H. Grün, .. II., Taborstraße 8 b, Tel. R-42-3-66, Atelier für feine Herrengarderobe. E Lockpreise für Auto-Fahrschüler. Die Anlockung von Schülern ״zu besonders billigen" Preisen ist irreführend und kann mangels genügender Fahrausbildung die öffentliche Sicherheit und das eigene Leben gefährden. Die Redaktion empfiehlt in diesem Sinne und nach Erkundigung die im behördlichen Sinne geführten und nicht nur für die Prüfung, sondern für die Fahr praxis lehrenden: Neudegger Fahrschulen, Wien, VIII., Neudeggergasse Nr. 18, Telephon B-46-5-72, und Inzersdorf (Niederösterreich). Auskünfte über die Güte der Schule werden in der Redaktion (Tel. A-46-0-15) bereitwilligst erteilt. E LebensveKicherun|Sj| ״PHONIX4‘ Gegründet Aus dem Jahresberichte 1932: , Versicherungsbestand. . .... . . .... . . . . . . . . . .' . , . . 2728 Mülionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen . , . ... . . ... 179 MiUionen Schilling, Garantiemittel ..... 527 Millionen Schilling Auszahlungen an die Versicherten . ... . . . . .׳...60 . ־ . . Millionen Schilling Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Cechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen, Jugoslavien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Tunis und Aegypten. Erzählung von S. W i e z. (Fortsetzung) [39] HiNTFR ' . XX. Die Sonne hatte sich bereits gesenkt, als Merelaika nach etwa zwölfstündiger ununterbrochener Fahrt aus dem scharfen Gerassel der Räder entnehmen konnte, daß sie sich nun auf einem Stadtpflaster bewegten. Sie hatte, nachdem ihr lautes Schreien und Hilferufen in der dumpfen Nacht verhallt war und alles Rütteln an den geschlossenen Türen versagt hatte, sich in eine Ecke zurückgezogen, wo sie während der ganzen Fahrt still,׳und in dumpfes Brüten versunken kauerte. Sie war unfähig, über den Zusammenhang der Dinge nachzudenken. Nur ein Gedanke marterte ihr Gehirn und machte ihre Glieder in machtlosem Zorn erbeben, der Gedanke, daß man sie wider ihren Willen so hinausführen konnte, daß man mit ihr, die von Freiheit und Selbstbestimmung schwärmte, ungestraft so verfahren durfte, und daß er, dem zu Liebe sie sich zur Flucht entschloß, sie so untätig, den Bauernfausten überlassen konnte. So hatte sie sich die Flucht in die Freiheit nicht vorgestellt. ... Zweimal ging während der Fahrt eine Luke an der Vorderseite auf, durch welche, wie durch unsichtbare Hand, Brot, Wein und Obst in den Wagen geschoben wurde, Merelaika ließ die Nahrung unbeachtet. Die ersten spärlichen Strahlen, die die Sonne durch die dichtvergitterten blinden Fensterchen in den Klosterwagen sandte, ließen wieder einigen Hoffnungsschimmer in des Mädchens Herzen aufleuchten. ״Es sind Bauern", sagte sie sich,^״die in blindeip, Gehorsam einen Auftrag ausführten, Dort aber kommt es schon anders, dort wird man meinen Wünschen Rechnung, tragen, Ich will nicht! Und wer wird mich zu zwingen wagen:?" Nun, da der Wagen bei anbrechender Dunkelheit 'durch die Straßen der Stadt fuhr, wurde es ihr wieder sehr trUbe zumute. ״Das kennen wir!" Dieses Wort und die höhnische Art» in der es .der Bauer gesagt, ging ihr , nicht aus dem Sinh,. Also sie kennen es und gehen nicht mehr frei, was in ihre eisernen Klauen geraten ist, . , Sahbathausgang —־ —י ־— fiel ihr plötzlich ein. Es schien ihr, als oh eine ganze Reihe bärtiger Juden hinter dem Wagen herliefen, ihn mit Steinen bewarfen, nach ihm spuckten und wütend schrien: ״Verfluchte! Verräterin!" ... •Zum ersten Male an diesem endlosen, qualvollen Tage dachte sie an ihre Eltern. Ein mächtiger Schauer ergriff sie und‘ rüttelte ihren ganzen Körper. Nun fuhr der Wagen langsam hügelan, auf weichem Grunde, wie es schien, durch eine dunkle Gartenallee. Ein schweres Tor ging von innen auf. Der Wagen hielt still. Als die Wagentür geöffnet wurde, umfing sanftes, weiches Licht das Mädchen. Sie war in einem großen, duftigen Park vor einem großen, kuppelartigen, rotgrauen Bau, aus dessen vielen Fensterchen helle Lichtpunkte zitternd und schimmernd in die Dämmerung fielen und die Schlingpflanzen des hohen eisernen Gitterzaunes wie mit funkelnden Perlen durchwirkten. Merelaika war so müde und zerschlagen am ganzen Körper, daß sie kaum die Kraft fühlte, ihren Platz zu verlassen. Da legten ,sich vier weiche Hände sanft um "ihre Schulter und Arme, die sie behutsam aus dem Wagen hoben und sie mehr tragend die breite Terrasse hinauf geleiteten. Es waren Schwestern in der weiten, tiefschwarzen Franziskanerinnentracht. Auf der ersten Treppe empfing sie eine stattliche große Dame, ebenfalls in Ordenstracht, mit langem Perlenkranz und goldenem Kreuz um den Hals: ״Die Aebtissin!" flüsterten die Schwestern Merelaika bedeutungsvoll zu. ״Unsere neue Schwester!" sagte die Frau und umarmte Merelaika, ״gesegnet sei die Stunde deines Eintretens in die geweihten Hallen des Herrn!" Merelaika stand in höchster Verwirrung, ein Schauerfrost durchrieselte ihren Körper. Sie hätte weinen mögen, aber ihr Auge blieb trocken, tränenleer. ״Das Kind ist müde“, sagte die Aebtissin teilnahms- ־ voll, ״geleitet sie in ihre. Zelle, daß sie ausruhe vom heschwerlichen Wege und sich zurechtfinde im Heime des Herrn," ״Hochwürdige Frau", stieß Merelaika hastig hervor mit gebrochener Stimme, sich ganz vergessend, ״nicht in die Zelle, nicht dorthin, nach Hause ... Man hat Gewalt angewandt — die Leute wollten es nicht glauben, daß es ein Irrtum sei, Ich habe nichts versprochen, mich in keiner Weise gebunden, Laßt mich, o gnädige Eran!" Diese maß das Mädchen mit funkelnden Augen von allen Seiten und ihr Gesicht nahm einen ernst-strengen Ausdruck an. ' s; ל ,,Nein, liebes KindM, sagte sie, ״bist mUda und verstört . . , Ruhe aus und wir sprechen uns noch morgen, später -—— —" ״Müde?" flehte das Mädchen, ״keine Spur, Seht, hochwürdige Mutter, ich bin so frisch und so munter wie ein Fisch, ich gehe heute noch zu Fuß, die Nacht hindurch . . . Habe schwere Schuld auf mich geladen und darf nicht säumen. Habt, o fromme Frau, Erbarmen und laßt mich . . .“ ״In die Zelle!" kam die Antwort der Aebtissin, hart und unerbittlich, Und noch ehe sich Merelaika dessen versah, hatten sie die beiden Schwestern am Arm und die Treppe hinauf in ein einfaches Zimmer geführt, dessen Türe sie von außen abschlossen.- ״Also so. sieht das neue Heim der Freiheit aus“, kam es aus der Brust Merelaikas, nachdem sie vergebens versucht hatte, die Türe zu öffnen. Sie sah sich neugierig und geängstigt im Raume um. Auf einem unbedeckten Tisch von rohem, unpoliertem Holze brannte in einem niederen Tonleuchter eine Wachskerze und dicht daneben stand ein kleines Kruzifix. Ueber dem einfachen Matratzenbette, das die ganze Nordwand ausfüllte, leuchtete mitten m einer Gruppe verschiedener Heiligenbilder ein silherumkränzter, mit Engelsbildern und frommen Sprüchen vollbemalter Haussegen. Das einzige Fenster des Gemaches schien zu einem Garten zu führen, aber sie vermochte bei aller Anstrengung nicht, die scheinbar von außen befestigten schweren Rouleaus in die Höhe zu bringen, Matt und zerschlagen an allen Gliedern, setzte sie sich auf den einzigen Holzstuhl am Fenster. Das vom Wachslicht beschienene Fensterglas hinter den grünen Vorhängen’ spiegelte dunkel ihr Gesicht wider. Sie erschrak vor sich selbst. Ihr üppiges braunes Haar war aufgelöst und fiel in langen Strähnen um ihr gebläßtes Gesicht. Ihre blau umrahmten Augen funkelten wie im Wahnsinn. Ihre Lippen waren trocken und krampfhaft zusammengepreßt. Ihre dürftige, für das Haus berechnete Kleidung war in Unordnung geraten, Sie wandte sich erschreckt von ihrem eigenen Bilde ab und sah wie weitverloren in das ruhig flackernde Licht der Wachskerze. Erst jetzt entdeckte sie eine Platte auf dem Tisch, aus der ein lieblich warmer Dampf aufstieg. Ein warmes Nachtessen. Obzwar sie den ganzen Tag keine Nahrung zu sich genommen hatte, empfand sie keine Spur von Hunger, Da entdeckte sie einen tönernen Wasserkrug, In Ermanglung eines Glases setzte sie den Krug gierig* an den Mund. Etwas erfrischt und innerlich erleichtert, griff sie nach einer Brotscheibe, Aber schon »ach flem ersten Bissen legte sie das Brot wieder hin• Der Anblick der Speisen widerte sie an una nochmals führte sie Jen Wasserkrug zu den fiebertrockenen Lippen. (Fortsetzung folgt,)