Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 20 (1934)
- Issue
- 13 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i-ÜA,i «1it§* jüi>1scmpBE3sE jfov iS Auseinandersetzung... 1*;: Von ttabblner Josef Adler, Schäßbwrg*). Der Zufall brachte et iüif sich, .daß ich ta der ver״ gähgefleh־ Wööfii:1öiif einem? räbbiniächen Misrachi-Propaganäisteft in einem Bähnwagenabteil zwei Stunden lang reiätC. Als er niCitieö Näöien״ erfuhr, war er hocherfreut^ (Gelegenheit gefuftdeh zu Bäben, einen Überzeugten und köMbattaftteh Öegtier^eiiies Besseren zu belehren* Er kam , zunächst auf meinen näCh Ablauf des letzten zionistischen , Weltkongresses in der ״jüdischen Presse“ erschienenen Artikel Zu sprechen, der in dem Wunsche und in der . Hoffnung äusgeklungen War! daß nunmehr. AgUda und;Misrachi sieh finden und*zur Lösung des mit dem Schwer־ pünkt gegenwärtig nach Erez Jiäröel verschobenen jüdi־ sehen Problems sich vereinigen würden. Nun, meinte mein Antipode, war die‘ Freude der Aguda übereilt, denn ״der Misrachismus sei keine Treibhauspflanze, die im Stürm, wie derjenige des letzten Zionistenkongresses einer War, brechen oder entwurzeln könnte. Der Misrachi sei eine Zeder am Libanon, die noch manchen Stürmen trotzen kann und wird. Der Misrachismus gehe Unbeirrt seine Wege und erniedrige sich nimmer vor dem Agudismus, der über ihn triumphieren möchte.“ Ich antwortete ungefähr folgendes: ״Sie vergleichen sich zur Zeder des Libanon und wollen in die Wolken ragen und werfen uns schrankenlosen Ehrgeiz, unbefriedigbare Machtgelüste vor. Und doch versteigt sich unser Blick gar nicht so ho,ch, w i r sehen nicht 1 in den schlank die Wolken küssenden Zedern unser Vorbild. Wir bescheiden uns, dem Weinstocke zu gleichen; im Sinne der weisen Auslegung unserer Talmudlehrer, daß Jisroel darum mit dem Weiiistocke verglichen wird, weil es sich geradeso aüf trockene Gebeine seiner Voreltern stützt, wie die Weinreben ihren Halt den dürren Stöcken verdanken, an die sie gebunderi werden. Unsere Kraft besteht in den Lehren und Traditionen, die uns ein Vätervermächtnis sind. Wenn wir uns mit ihnen eins wissen im Ziele Und Wege, dann fühlen wir sicheren Boden unter unseren Füßen, dann wissen wir, daß unser Wollen und Streben das richtige ist, dann schreiten wir vorwärts auf der einmal als wahr erkannten Bahn. Und wenn sich uns auch noch so mächtige Hindernisse in den Weg stellen und wenn wir von einer wahnbetörten Jugend auch mißverstanden und angefeindet werden, so vertrauen wir unerschütterlich auf den Sieg der Wahrheit. Wir verzweifeln nicht, wenn uns die stürmende und drängende Jugend verschmäht, denn wir gehören nicht zum großen Weltchor, der stets den Refrain im Munde führt: ״Wem die Jugend, dem die Zukunft.“ Wir meinen vielmehr nach der sinnreichen Deutung des Weinstockbildes unserer alten Weisen, daß dem die Zukunft gehört, der die Verg a n g e n h e i t für sich hat. Nur diejenige Jugend. bildet die- Avantgarde unseres Zukunftsheils, die. nicht gleich : hoch in die blauen Lüfte strebt, sondern weinrebengleich mit den trockenen Gebeinen unserer großen und frommen Ahnen verknüpft ist. Die Zedern des Misrachi sind steril und können nur als Balken zum zionistischen Landesaufbau benützt werden, die agudistische Weinrebe wird aber Früchte tragen, deren, Saft ״G־tt und Menschen erfreut“. ״Hierin liegt eben die Selbstüberhebung und Ungerechtigkeit der Aguda," entgegnete mein Widerpart, ״daß sie das Dogma der Alleinseligmachung für sich in Anspruch nimmt und die vielen Tausende frommer Juden, die dem Misrachi huldigen, aus der echtjüdischen Gemeinschaft ausschließt.“ Das beruht auf einer falschen Einstellung. Nicht die Aguda und die von ihr vertretene Anschauung über Personen und Dinge hat den Misrachi und seine Anhänger aus dem um das Thoragesetz und Tradition gescharten Kreis der jüdischen Kerntruppen ausgeschieden,■ sie haben das selbst getan, indem sie sich von der Vergangenheit, um der Zukunft willen, losgelöst haben, indem sie dem traurigen, die erste ,Spaltung in der Judenheit. hervorgerufenen Beispiele Rechovoms gefolgt sind, den Lehren und Warnungen der Alten den Rücken gekehrt und sich den Einflüsterungen und Schmeichelungen der leichtsinnigen, heißspornigen Jugend hingegeben haben. Müssen wir denn erst die Misrachiführer zu zweitklassigen Juden degradieren? Haben sie es denn "*) Siehe Nr. 38 der ״Jüdischen Presse“ vom 20. September 1933 und Anmerkung der Redaktion dort. hiebt selbst getan, indem sie sich bewußt Und demoristfativ zu ihren Lehrer» ttad Meistern/Zu -ihr‘e» Vätern und Großvätern in offenen Gegensatz gestellt haben, um sfdh jenseits der zerstörten Heiligtümer ihrer Ahnen und Lehrer einen nationalen Tempel zu errichten; in Gemein־ schäft mit dem gemischten Erewraw, mit den verschiedensten Elementen, deren' überwiegender und maßgebender Teil die ß n 11 h r 0 tt u n g d e r R e 1 i g i 0 h als höchstes Entwicklungsziel des ״Jüaenstaätes“ betrachtet und Ziel־ bewußt anstrebt? Sie behaupten mit sehr unangebrachtem Stolz, daß der Misrachi ״sich niemals vor der Aguda und ihren Forderungen erniedrigen, sondern seine eigenen Wege gehen werde, damit die Aguda nicht triumphiere". Wie verhängnisvoll hat das langjährige Zusammengehen mit dem Zionismus auf die Misrachisten sich ausgewirkt! Wie blind und Urteilsunfähig hat sie die Parteidisziplin gemacht! Die erleuchtetsten Und ehrlichsten führenden Persönlichkeiten der Misrachi-BewegUng sehen es ein, daß der Misrachismus auf falschem Geleise gefahren ist, aber es fehlt ihnen der Mut zur Umkehr, zur Rückkehr. Der Misrachi möge sich die wünderschönen Worte S. R. Hirschs ins Gemüt dringen lassen, die er im ersten Auf- Satze seines ״Jeschurun“ den zur Rückkehr äufgeforderten Verirrten entgegengerufen: ״Und bist du nicht ein Tor, dich von Wortgespenstern necken zu lassen? Wie, wenn du nun dich geirrt, wenn nun etwa dein Fortschritt ein Rückschritt gewesen,- wird dann nicht dein Rückschritt ein wahrer Fortschritt sein? Wirst du dann nicht, wenn dü auf deinem bisherigen Wege beharrst, nur ewig fortschreiten im Rückschritt, nur ewig fortfahren auf dem Wege, der dich immer mehr von dem eigentlichen Ziele deiner Vollendung entfernt, dem dü im vermeintlichen Fortschritt den Rücken wendest? Ewig fortschreiten, so du auf dem rechten Wege bist, ewig zum rechten Wege zurückkehren, sobald du ihn verlassen; das ist die Stimme aller Lebensweisheit." Der Misrachi will nicht den Weg zurückmachen, um ״der Aguda ihre übereilte Freude nicht wahrhaben zu lassen". Welche Gedankenverschrobenheit! Wenn die Aguda den jetzigen betrübenden Zustand des Bruches, der Zerklüftung beklagt, so tut sie .es nicht aus Ehrgeiz und Machtgelüste, sie beweint nur die dadurch unterbundene und geschwächte Schwungkraft der Thora und der religiösen Lebensgestaltung im Golus wie in Erez Jisroel. Wenn Agudas Jisroel sich voreilig auf die■ Verfeinigung gefreut hat, so hat sie das ebenfalls nicht in der Voraussetzung eines Anwachsens persönlicher Ehre oder egoistischen Einflusses, sondern lediglich aus dem erhebenden Gefühle heraus, daß man die Machtsphäre der Thora Und das umfassendere Platzgreifen echtjüdischer Lebensentwicklung in allen von Juden bewohnten Ländern vergrößert werden würde. Wehe, daß es so weit gekommen, daß der Misrachi kein Verständnis mehr für die Trauer und die Freude der׳ Aguda hat. ' '־ '' ü־ Die Station, auf der unsere Wege auseinandergingen, war erreicht und ich verabschiedete mich von meinem Reisegefährten mit den paraphrasierten Worten Jaakows: ,,Möge». Sie, wenn Sie es mit Ihrem Gewissen verantworten können/15weiter' ihre's Weges nach Se’ir, denn dorthin führt ihr Weg, unaufhaltsam ziehen. Wir können diesen Weg nicht mitmachen, wir können nur ,den langsam vorwärts führenden Weg mit Vor- und. Umsicht be3chreiten, denn wir •müssen auf unser kostbarstes Gut, auf unsere ]Kinder Rücksicht nehmen, damit sie nicht dem moralischen und' religiösen Tode anheimfallen. Bis wir auch nach .Se’ir kommen und sich die Prophetie erfüllt: ״Und sie werden als Helfer hinaufziehen auf den Berg Zion, zu richten den Berg-Esovs,. und G-ttes wird sein die Herrschaft." Auto-Prüfung erleichtert. Unseren Lesern empfehlen wir die kostenlose Besichtigung eines einzigartigen neuen Lehrbehelftes .— des elektrischen Lehrschassis in den renommierten Neüdegger Fahrschulen. Wien, VIII., Neudeggergasse 18, Tel. B-46-5-72, und Inzersdorf (N.-Oe.):■ •Diese Schulen empfehlen wir als solide, ohne Lockpreise arbeitende Institute. Referenzen in der Redaktion dieses Blattes (Tel. A-46-0-15). E 1^’09‘Tabeile fflf i.'ÄpMY bisi 19 Mal 1934) Aoisdhneidm und auf bewahren! S0. H0. Dl. Mi. D0. Ff. Sa. Art Vorabend des , sind tu iahten . 1 ־־ j —1־־; * j® j^i i.i Apfit \ l> :fl Omertage Art Voräbsnd des .,. sind tu takten . I 2j 3j 4.1 5! 6.1 11 81 Äpfil 1 *j 31' 41 § j di?1 *1 ÖmeHäge Art Vorabend des *.. sind tu iahten . . | 9.! 10.| 11112.113j 14.| 15.1 April 1 9\10\ 11 i 19 \ 13 \ 141151 Ömenä§e Art Vorabend des . .. sind tu iahten . . 116.| 17J18.119.120.! 21.j 22.( April 116 1 ןf \ 18 \19\ 20 [ 81199! Omartage Am Vorabend des . .. sind tu zählen . , j 23J 24J 25.126.! 27.1281 291 April \23\24\95\26\2?\28\29\ Ömertage Am Vorabend des ... sind zu zählen , . . ׳fl זגי ~ o Q. E < o 1 1 1 1 1 1 Art Vorabend des ... sind zu zählen . . |-i 11 21 3! 4j 5j 6i Mai \31\32\33\34\35\36\ Ömertage Am Vorabend des ... sind zu zählen . . | 71 8j 9.! 10J 111 121 131 Mai; 371 38 : 39 i 40 j 41 j 42 i 43 \ Omertäge Am Vorabend des . . . sind zu zählen . .! 14.| 15116.[ 17.| 18.j 19j — | Mai j 44 \ 45 | 46 i 471 48 \ 49 j! Omertäge ZUR HAGODOH llllllllllllll!lllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllll!lllllllllllllllllll|||lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllH Dies ist das Elendsbrot, welches unsere Väter in Aegypten aßen ... Jeder Hungrige komme und esse].. Dieses Jahr Sklaven, im 1 nächsten Jahr freie Menschen. In den kabbalistischen Schriften wird die Mazzoh ... ״ מיבלא דאסווחאMedizinal-Speise" genannt. Sie ist ein wundertätiges H.e i 1 m i t t,e 1 gegen soziale Not und politische Bedrückung, indem sie unsere Hoffnung auf Erlösung wach erhält. Sie wird ״Elendsbrot" genannt, weil sie die Wunden heilt, die uns Elend und Heimatlosigkeit geschlagen haben .(Etwa wie man von ״Kopfwehpulver“ oder ״Wundsälbe“ spricht, weil dieselben diese •Leiden h e i 1 e n.) Auf diesenUmstand weist der Vorsitzende des Seders hin, indem er sagt: ״Dies ist das Elendsbrot; unsere Väter aßen es in Aegypten“ und wurden erlöst. Es ist daher jedem Notleidenden und Bedrückten als sicher wirkendes Heilmittel zu empfehlen, deshalb ״Jeder Hungrige komme und esse, jeder Bedürftige feiere mit uns." In Jahresfrist zeigt sich der Erfolg, die Hoffnung: ״Dieses Jahr hier, im nächsten'Jahr , in Erez Jisroel, dieses Jahr Sklaven, im nächsten Jahr freie Menschen." ... Gelobt sei — der die Thora dem Volke / Jisroel gäb; gelobt sei Er: Zu vier Kindern spricht die Thora: Einer: begabt; einer: böse; einer: fromm und einer: uninteressiert. Es ist nicht recht verständlich, warum gerade hier, vor der Aufzählung der Antworten an die vier Menschentypen, ein Segenspruch auf die Thora angebracht ist? Erklärung: In der Sprache der Mischna ist: אחד,״ ואחד... häufig zu verstehen, ״es ist ganz gleich, ob so oder so". Demnach könnte der letztere Satz wie folgt aufgefaßt werden: In der Thora findet jedermann Antwort auf seine Frage; auch der Indifferente wird von Interesse erfaßt, wenn er in ihr liest. ״Sie spricht in gleicher Weise zu allen vier Menschen typen; ob begabt, ob böse, ob fromm oder uninteressiert!" Dies ist wohl eine Eigenschaft, die kein anderes Buch der Welt aufzuweisen bat. Wenn wir im Begriffe sind, von diesem einzig dastehenden Vorzug der Thora zu sprechen, ist es nur zu begreiflich, daß wir dem danken, der uns eine solche Thora gegeben hat. By | FEUILLETON ■' ' (Nachdruck verboten.) Sedernacht beim ״großen Zaddik“. Eine chassidische Legende. Von Jizehok ben Aharon. Merkwürdiges ereignete sich im Beshamidrosch des Heiligen von Lublin, bei der dritten Mahlzeit an Schabbos Poroh. Einige Chassidim hatten sich über das Kommen des M o s c 11 i a c h unterhalten, sehnsüchtig waren ihre Worte, im Gedenken wie lange schon Jisroel das Golus erduldete, und Reb Schammaj, der .Iluj, hatte in harter Sprache die JehÜdim getadelt, die mit ihrem unwürdigen Lebenswandel das Herauf kommen des Gesalbten immer wieder verschieben. Da sprach der Heilige, der große Zaddik, der Lubliner, der in tiefen Gedanken versunken zugehört hatte: ״Euer Gespräch ist Veranlaßsung, daß mir soeben eine wunderbare Vision, wurde, wie sie sich in der Stunde des Schabbosausganges manchmal auf die Frommen Haschem's ergießen. — Im Lande der Magyaren ist ein großes Licht entbrannt, ein blendend leuchtender Stern, dessen Glanz aus den reinen Tagen der Schöpfung stammt ein Zaddik, der ׳mit der Kraft einer unendlichen Seele den Moschiach herbeisehnt, aber sein Kommen zy erzwingen sucht, indem er aus allen profansten Dingen die Tum’oh verdrängt, indem ei־ sein Leben mit Musik und Gesang und Tanz heiligt, in Frohlichkeit das Reich G-ttes erwartet." Schon am Morgen des nächsten Tages machten sich zwei Chassidim, denen der heilige Lubliner aufgetragen hatte, die Lebensart dieses neuen Großen in Jisroel kennenzulernqn, auf den Weg nach dem Ungarlahde, In N a g y Kallo endlich fanden sie den Zaddik (Kallowar : Rebbe! Red,)V Es war bereits Erew Pessach, In der Nähe des Rabbinerhauses schollen laute und fröhliche Hallelweisen. Man ließ hier auch das Mazzosbacken unter Singen und Spielen vor sich gehen. Die. beiden .Lubliner waren über die Maßen erstaunt, denn der Zaddik selbst stand in. langem, weiß.ein Hejyd beim Qfen. Und in jeder Arbeitspause, führte er seine Getreuen, in den geräumigen Hof zu einem ,Tänze,!'.; . . ׳; * Tiefer und tiefer neigte sich ־ die Sonne über den unendlichen Weiden von., Nagy Kallo dem Rand des Horizonts entgegen. Der Rüsttag zum Pessach ging. zu Ende. Die beiden Lubliner, die den ganzen Tag über, •selbst unbemerkt, den heiligen Zaddik beim Mazzosbacken beobachtet hatten, folgten ihm verstohlen von seinem Hause durch das Dorf. ,Er geht zur Mikwoh׳, dachten sie Aber der Heilige von Nagy Kallo nahm seihen Weg in die Felder und Wiesen, in den blühenden, dürfteschweren Frühlingsnachmittag. Scharf zeichnete sich seine hohe Gestalt von dem blaß blauen Horizont ab, er knallte mit einer Hirtenpeitsche, er sang zum Preise des Höchsten, dessen Mikwo für einen großen Chossid überall zu finden ist. Langsam wanderte dort ein ungarischer Hirtenknabe, der auf seiner Schalmei eine Weise der Sehnsucht nach Freiheit spielte, heimwärts. Der Zaddik winkte ihn zu sich, bat ihn: ,Blase mir noch einmal dieses Lied, mein Kind!׳ Da der Knabe nun abermals geendet hatte, streichelte ihn der Raw, sprach mit einem tiefen Blick in die Augen des Knaben: ,Ein heiliges Lied ist das, mein Sohn, dem Hohenliede gleich. — Blase es noch einmal!' Da vermochte sich der Knabe jedoch plötzlich nicht mehr der Melodie zu entsinnen. Der Zaddik aber nahm die Schalmei und blies das Lied in einer innigen Schönheit, als begleiteten es die heiligen Himmelsscharen. Und der fremde Knabe neigte ergriffen und verschüchtert seinen Kopf. . An diesem Pessachabend; sang, der Zaddik das Maariwgebet im' Schul nach .der neuen Melodie. * In brausenden Jubel tönen verrinnt der Seder beim , Tisch des heiligen Zaddik von Nagy Kallo. Der große . Raw hatte zu jedem Abschnitt der Haggadah eine besondere Sangesweise vorgetragen. Selbst die Schilderung der ,Zehn Plagen׳ hatte er mit einem eigenen traurigen Nigun untermalen. Eine seltsam gespannte Erwartung ist in den vom Weine glänzenden Augen der dichtgedrängten Chassidim; Der Zaddik hat soeben in einer kurzen Droschoh davon gesprochen, daß Haschemjisborach־ vielleicht in der gleichen •Nacht, in der Er die Bne-Jisroel einst■ von Mizrajim herausführte, seine Auserwählt.en. zum zweitenmal zur •Freiheit• geleiten mag. —- Wer weiß es! ob nicht gerade •die! heutige Nacht dafür aufgehoben ist, mit dem dämmernden Morgen nach dem Seder auch die Geuloh heraufzubringen? - Von der Pendeluhr Über der mit uraltem Silber bestellten Tafel hallen die zwölf Schläge der Mitternacht. Der Zaddik gelangt zu dem Gebet, mit dem Elijohu hanowi empfangen wird. Langsam erhebt sich nun der Raw, geht selbst zur Türe, sie zu öffnen. ,Boruch habo — der da kommt in G-ttes Namen!' ruft der Zaddik in die mondhelle Nacht hinaus. Er bleibt einen Augenblick wartend in der Türe stehen. Da betritt ein sonderbarer, hagerer, alter Bauer, in weißem, haarigern Kittel, einen Hirtenstock in der;Hand, die Schwelle. Der Zaddik faßt ihn an der Hand: ,Boruch habo!׳ Der Alte gibt keine Antwort, er tritt ein, setzt sich starr zur Seite des Zaddik an die Tafel. Die Gäste beobachten die Szene in steigender Erregung, gedämpftes Murmeln schwillt an, aber kein lautes Wort fällt jetzt. Da greift der fremde Hirt plötzlich nach dem Koss Elij'ohus, trinkt ihn in raschen Schlucken leer. Einige erschrockene Stirnmen schwirren hoch, der Alte aber streicht kurz seinen Bart, erhebt sich. ,Bleibe doch׳, fleht der große, heilige Zaddik. ,Singe uns doch wenigstens ein schönes Lied.׳ Der Alte tut, als bemerke er nichts, er will wortlos gehen. ,Verlasse doch mein Haus nicht ohne Lied!׳ fleht der Zaddik, er hält den Alten fast gewaltsam am Arm fest. Da dreht sich jener herum. Seine Stimme klingt wie. aus der andern Welt: ,Gut, es sei denn so —-, ich werde dir dein Lied singen, das du heute dem Hirtenknaben weggenommen und geheiligt hast. — Aber auch du mußt mit mir singen.’' Er umarmt den heiligen Zaddik von Nagy Kallo, singt mit ihm unter leichten Tanzschritten die Weise der Sehnsucht nach der Freiheit —־,. nach der Geuloh. In wunderbarer Verklärung brausen die Töne hoch, flattern Koloraturen, Pianosätze zittern sachte, verschweben. Da ist der alte Hirt plötzlich spurlos verschwunden. ,Wo ist mein Gast?׳ ruft der Zaddik einen Augenblick erschrocken aus, Die Chassidim fahren wie aus einem Traum in die Höhe, sie schreien durcheinander: ,Wo ist ־ der alte Hirt? — Wo׳ — wo?׳ Der Zaddik aber hebt auf einmal lächelnd die Hand: ,Singen wir es noch einmal, Rabbojsai, dieses Lied! — Jibone hämikdosch ir zijon temale, —r W’schom noschir sehir chodosch uwirnono »aale. — Stagen• wir,•!guter, lauter!‘ ׳'•