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Jüdische Presse · 1933-09-20 · 38 (20.9.1933) · page 9

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Journal
Jüdische Presse
Volume
19 (1933)
Issue
38 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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üajSäSsäääi\: י ^W<i<t<H^<tW»WWWWI»t»W<fl»»W»N»t1^»»WWI»W»>ltWHt<W^>»IWW»l»»»tWIWWW»l»l^tlW > im tscbecho* slowakischeiijudentum. : Wenneswahr ist, daß historische *,große Zeiten“ durcb große Aufgaben und große LöSüttgefl gekennzeichnet werden, so kann vom Judentum ift'dör TSchechosiöWäki* Schoo Republik während der. letzten Jahre flUr insofern behauptet werden* es habe eine ״große Zeit“ erlebt, als ihm allerdings Unermeßlich große A u f g ä b e h gestellt waren/ Die großen Aufgaben mit all ihren harten Forde*» ningen waren allerdings da; ihre großen Lösungen haben sie jedoch nicht gefunden. Auch das Jahr 5693 flöß im Strome dieser, ״großen Zeit*' dahin und warf oft genug und hörbar und sichtbar, genug brausend schäumende Wellen in die Höhe empor. Aber Wir Wollten Sie nicht hören und wollten sie nicht sehen. Auch diese mächtigen Wellen brachen sich an der Felsenstarre unserer Gleichgültigkeit und Stumpf-- heit. Sie rollten init all ihrem laüten^Getöne.fordernd und mahnend AbWäris und hinteriießen in unserem־,, jüdischem Heben nicht eine Spur jener heiligen Erregung, die den. Tatendrang beflügelt und• in ihren Nah- und Fern- Wirkungen zür fruchtbaren Quelle ־:schöpferischer Leistungen wird. Wie;immer auch das G e s a m t’j fl d e nt Um, das* jüdische Volk und das jüdische Gemeinschaftsleben sich mit; .seinen e i g׳e n e n, aüs seinem eigenen Dasein im Weltgetriebe erwachsenen Problemen martern und wie. immer es auch auf die an ihn von außen herankommenden großen Probleme uhd Lebensfragen der zivilisierten Menschheit reagieren mochte, wir blieben unbewegt und ungerührt, fast völlig abseits von jeder inneren Verpflichtung zur aktiv eingegliederten Anteilnahme an dem;heiligen Dient unseres Ewigkeits- Volkes; wir blieben weiter eingesponnen in unserer kleinen Welt und traten auch im abgelaufenen Jahr nicht e r n s tlieh heran an die bewußte und ziel gerechte Verwirklichung der historischen, g-ttgewollten Lebensideale, die nach den Grundsätzen, zu denen wir .uns• selbst bekennen, das einzige Daseinsrecht des jüdisehen Volkes bilden.. 's . ג Wir wollen nicht elegische Betrachtungen anstellen oder Klagelieder anstimmen über die Zeichen der S c h w ä c h e, die sich im , gesamten jüdischen Leben unseres Landes unter der Hülle selbstsicheren Gleichmuts offenbaren. . ... Die kampfreiche Zeit der 1 o k a 1 b e.d i n g t e n Abwehr ״neologer" Bestrebungen in Gemeinden und Gemeinschaften, die alle Kräfte der drei uns vorangegangenen jüdischen Generationen gebunden hielt, ist glücklich vorbei. Die g-ttliche Vorsehung hat die jüdischen Führer jener Zeit mit Weisheit und Enthusiasmus erfüllt, um große Teile des jüdischen Volkes in unseren Ländern in unsere Zeit herüberzuretten. Die Abwehrmittel Waren gut und sie bewährten sich überall dort gut,■wo sie zur AnWendüng gebracht .wurden, Wo das historische .Judentum die Natur des Ansturms erkannte und vor ihm nicht wehrlos zusammensank. Die Abwehr War den Angriffswaffen angepaßt. Das war unsere Rettung. Die ״Neologie" alten Gepräges, so wie .unsere Väter sie gekannt haben, ist nicht mehr da. Diese Epoche jüdischer Kämpfe' ist nun vorbei. Aber nur diese Epoche des Unheils und nicht das Unheil überhaupt. Die ״synagogalen Reformkämpfe“ ,unserer Väter und die einschneidenden Aenderungen, die sie im organisatorischen . Gefüge der religiösen Gemeinschäften, des Judentums hervorriefen, erwiesen sich — - ־klagen und Jammern durcheinander. Heillose Angst hatte alles in ihnen aufgewühlt, das jetzt hemmungslos zum Ausbruch kam. Im tollen Chaos ihrer Gedanken ergingen sie sich in wilden Selbstanklagen und winselten um Vergebung, riefen sie alle Heiligen um Fürsprache an und taten Gelübde, zählten sie ihre guten Werke auf und heischten Belohnung. Da drängte sich plötzlich jemand durch den Wirr־ warr in die Mitte des Raumes und setzte einen Schofar an. Es war Rafael, von dem die blitzartige Eingebung Besitz ergriffen hatte, es sei jetzt nichts mehr zu verlieren und nun dürfe er es wagen. Und er wagte — und gewann! Rein wie eine Engelsstimme, zauberisch einschmeichelnd, voll der seltensten Harmonie und mit hinreißender Klang- ■Schönheit tönte das Horn, wie’s bisher kein Ohr vernommen. Dem Bläser versagten für einen Augenblick die Knie; dann aber erfaßte ihn ein Taumel grenzenloser Freude, die Sinne benebelnd und die Glieder beschwingend. Ein beseligendes Feuer ergoß sich in sein schweres Blut. In ihm jubelte und jauchzte es; ein hohes Triumphgefühl und mächtiges Frohlocken erfüllten ihn. Ein Dithyrambos von stürmischer Gewalt brauste in seiner Seele. Er fieberte im Rausch nie gekannter Lust und im Empfinden ungeahnter Wonne, Ja, seiner harrte nun ״namenloses Glück und unermeßliches Heil"! Wie weit hinter ihm war diä Oede schön jetzt, da er erst an des Paradieses Schwelle stand? Schon jetzt traf ihn ein Strahl von dessen Sonne, spürte er den Hauch seines köstlichen Duftes, vernahm er das Piano seiner ewigen Musik!... Doch plötzlich hatte ihn die Erde wieder. Die Tur war auf gerissen worden und ein Kosak trat ein. Das Tohuwabohu erstarb, als er Schweigen gebot, aller Augen hingen an seinen Lippen, ״Diesmal", sagte er nach endlosen Sekunden, ״kam euer Hornist zu spät. Keiner wird entkommen, wenn ihr nicht das Angebot des Hetmans annehmt: ihr könnt unversehrt nach Hause gehen, wenn ihr zuseht, daß wir den Mann kriegen, lebend oder tot," Bedrückendes Schweigen folgte, nur das Murmeln der Reiter und das Schnauben der Rosse war zu hören. Zu qualvoll war die Hoffnung, zu furchtbar der Amweg, Ms daß; jemand gleich zustimmen konnte; doch es w ar eine Hoffnung, ein Amweg r* und keiner lehnte ab. So mochte, eine Weile vergangen sein, bis eine feste Stimme rief: ״An« genommen!" Und sicheren Schrittes ging Rafael dem Aus•* gärig zu, ■Wahrhaftig, das wä r e ״namenloses Glück und unermeßliches Heil", die Schuld zu sühnen, für sein Volk zu sterben und seine Brüder %U retten! Er hatte Oe- •griffen, was der Herr mit ihm vorhatte. Gelobt sei der Name dessen, der die Sünder von ihrer Schuld freimacht, sie in Liebe auf nimmt und sie so ״namenlosen Glücks: und unermeßlichen Heils" teilhaftig werden läßt ..*־:■•׳. Eine Seele schwärmte in ein femes, fremdes Land, Ms war eine große ,starke Seele,, die sich dem ewigen :]Achte für immerdar herrlich vermählte, mit unseren Augeft heut0 gesehen — als kleiüe Vof* gefechte;elfles größeren Kampfes, der uns noch bevorsteht; üäs — Wefifl wir unsere geschichtliche Auf* gäbe erkennen, und unseren Hindern -4,wenn wir nicht sehen und flicht hören #ÄIlen Ufld das Schwergewicht der Verantwortung auf? die kommende Generation zu schieben für angezeigt, halten. Denn, das ist heute schon klar: Eine Epoche weit größerer Kä mpf e f ü r d i e V er f echt er de s hi st örisehen Jud e n tu ms nimm t in u fl s e ren T a ge n ihren Anf ang. Diese Käfflpfe.,sind nicht mehr 10ka 1bedingt. Sie ,sind 2 e i t bedingt; *und fl e it geboren. Sie tragen — aus' dem. Geist der Zeit heraus — G e m e i nschaf tsCharakter. Objekt Und. Subjekt des- Angriffs ist der Geist der ganzen'Gemeinschaft, E s geh tu in.da s G a n z e und nicht mehr um Teile. Der Geist des jlidisehen Volkes soll durch einen neuen Geist des jüdischen Volkes selber niedergerüflgen^Worden. .Und die Abwehr? Sie richtet sich inuner floch gegen einen Feind,; der nicht mehr das ist, flnd sieht flicht den Feind, der sich vor uns in die Höhe '.’reckt.'״■׳, Das ist die große Schicksa1sf rage des jüdischen Vo1kes. in u n s e r e n T a g e n. , Sie r i c h ti g. stellen , und sie richtig beantworten ist die Aufgabe, die auch mit jedem Tag, jeder Stunde und jeder Minute des Jahres 5693 an * alle Gemeinschaften des!jüdischen Volkes herantrat. Wir sind ihrer Lösung nicht, nähergekommen. Auch in unserer kleinen;1Welt zeigen sich Risse, die ihren Bau gefährden können,. wenn, nicht bald die Hand umsichtiger Baumeister helfend eingreift. S t r e i tsuch t um n i C h t ig.e Dinge;lähmt .die Kräfte und.lenkt den Sinn von wichtigen Anliegen ab. Moralische Mängel,• wie sie sich namentlich in; dem^! nicht einmal mehr die Verborgenheit suchenden D j^Ji ü.n Z i a n t ent um offenbaren, werden zu einer allgemeinen Plage, deren die jüdischen Gemeinschaften unseres Lan-, des nur Herr Werden können^ Wenn alle besseren Menschen sich auf das Wesen und das eigentliche Ziel der religiösen Volkserziehung besinnen und mit rücksichtsloser Entschlosesnheit dem Uebel steuern. Nur bei einer moralischen ׳ ' und geistigen , Säuberung . des jüdischen öffentlichen Lebens, wird das Volk die seelische Zähigkeit bewahren können, die notwendig .ist, um der großen Wirtschaftsnot. Widerstand zu leistete, und auch das wichtigste und teuerste jüdische organisatorische Erbgut den Vergangenheit, dis köfifessionelie Gerne i n d e, unter den zermürbenden Verhältnissen der Gegenwart in eine bessere Zeit hiflüberzuretten. Daß hiezu der gute. Wille•;in dem überwiegenden Teil der Gemeinschaft vorhanden tat» bewies der gute Geist, der beim belegtertentag der 0rtu0«*! d o x e n Ge me Inden., und der Wahl der neuen 0 r t h o* d oxen Landesiei tung vorherrschte, und der starke Widerspruch, den alle gemeinschaftsstörenden Versuche in P, K» k. bei fast allen Gemeinden auslösten und die noch nicht einmal unter dem Mantel von deplacierten ״gesetzgeberischen Initiativen" allzu großen Schaden anrichten konnten. Die politische Stellung des Judentums im Staate hat G-tt sei Dank trotz den Stürmen, die um uns• an den Grenzen toben, eine Aenderung nicht erfahren✓ Die ■parlamentarische Wirksamkeit der zion is ti sehen Abgeordneten der ״Jüdischen Partei" beschränkte sich ,auf einige Reden, die weder im• politischen Leben noch in den jüdischen Massen irgendwelche Emotionen auszulösen vermochten, ׳־ ׳ Im sozialen Leben der Juden haben S0nntagsruhe, geschäftlicher Ni0dergang und katastrophale י Ereignisse '(Vylök) ifl; fortschreitendem Maße schwächend gewirkt Uttd die Sucht zur Auswanderung nacfl Palästina erhöht. Demgegenüber sind auch wertvolle Ans ä t z e z u r Abhilfe wie Lichtstrahlen in der Finsternis aufgetaucht. Der m oral lachen. No t zu steuern. bemühten sich die religiösen, rabbinischen Führer der •Gemeinden durch Maflnrufe zur Umkehr und zur Rückkehr zu den Idealen der Väter. Das. Hilf s werk f ür die Jeschiwoth macht erfreuliche.Fortschritte. Umx der organisatorischen :Zerfahrenheit Einhalt zu gebieten und V0 1 kserziehung im guten alten.Sinne nach den Bedürfnissen der Zeit zu leisten, war die Agudas J. i s ro e 1 mit ihren Jugend-, Frauen-, Mädchen- und Kindergruppen und nicht minder mit ihrer erfolgreichen Propaganda zur Verbesserung der religiösen. Mädchenerziehung eifrig am Werk. Diese Bestrebungen, mit rastloser Tatkraft erweitert Rabbi in einem Posener : Hofraum Von Isak Lewin. ... . Wenn heutzutage jemand.';‘die altjüdische Gemeinde zu Posen aufsucht und in der tristen Erstarrnis, die dieses einst so lebensvolle, menschen- und güterreiche jüdische schöne, große Museumsgebäude /am Freiheitsplatz einzutreten und dort Bekanntschaft mR alten, grauen, halbwüchsigen Aufseher; zu schließen. Für gute Worte, von anderen, denn besser, klingenden Deberzeugungsmethoden schon abgesehen,. kann,, man von ihm die Erlaubnis bekommen, durch die dunklen Kellergänge in den Hofraum hinunterzüsteigen,* «und dann hat man ein Bild sondergleichen vor Augen, dag. kaum irgendwo anders in der Welt zu sehen ist.; ' / An eine Wand angelehnt stehen dreizehn jüdische Grabsteine, in ihrer. Schlichtheit fast grauenerregend, in ihrer Ungekünsteltheit geradezu ergreifend. Wenn es Winterszeit ist, dann sind die• mit Moos bewachsenen Steine in Schnee gehüllt und dann verstummt vorerst ganz ihre im Laufe der Jahrhunderte immer leiser werdende Sprache. Die eingehauenen Inschriften sind durch den natürlichen unaufhaltsamen Vernichtungsprozeß der Atmosphäre ebenso schwer lesbar geworden, wie es mit unzähligen anderen, ,.im Freien verbliebenen Grabsteinen der Fall ist. Wenn aber der gefällige Führer die Steine vom Schnee abzufegen beginnt, dann bleiben weiße Schneeflocken in den Vertiefungen der eingravierten Lettern, die vom Graugrün des, Hintergrundes wunderbar hervorragen und den Inschriften ihre alte Lebendigkeit verleihen. Diese, einen Augenblick währende Lebendigkeit kann einem wahrlich das. Blut in den Adern erstarren lassen. , ־ ״Hier ruht der Gaon und Oberrabbiner unserer Gemeinde, Rabbi Mordechai Jaffe, selig ist das Andenken der Gerechten, gestorben am 3. Weadar 5372", verkündet ein Grabstein. Und wir wischen uns die Augen; Wie ist das 'möglich? Soll hier die Ruhestätte des Thorariesen sein, der also seinem Geiste dflrob Unsterblichkeit erkämpfte, um seinem Körper, seinen irdischen Ueberresten, .sogar jene vier Ellen Boden, entsagen zu müssen, die jeder Wissensbettler sein eigen nennt? Soll hier das Grab* oder mindestens die Grabesspur des ungestümen Forschers sein, der von Stadt zu Stadt, von Land zu Land wanderte, um jüdisches Wissen zu lernen und zu lehren, und letzten Endes keinen entsprechenden Ort; finden sollte, um seinen müden Kopf hinzulegen, als diesen verwahrlosten Hof raum? Eine unsagbare Tragik stellt das Leben dieses Mannes dar. In. Prag geboren und erzogen, wurde er im Jahre 1561 durch Kaiser Ferdinand, das bittere Los seiner Glaubensgenossen teilend, von seiner Heimat verbannt und ging nach Italien. Nach mehr als zehnjährigem Aufenthalt in Venedig suchte er Polen auf. Dort wirkte er als Rab- - biner in Grodno, Lublin unfl Krziemieniec. Dann kehrte er , für sieben Jahre in seine Heimatstadt Prpg zurück, bis er 1599 wiederum nach Polen wapflerte, um den Rabbinatssitz ip Posen zu übernehmen, Hier starb er 1612, zweiundachtzigjährig — und ist versp;hgHen. Sein Grab ist verschwunden und unbekannt. Nun haben wir ihn wie-, der, nach mehr als dreihundert Jahren, im Museums-!keller gefunden. Und zweifellos; der letzte Weg •Rabbi Mordechai Jaffes, vom jüdischen Friedhof ins Museum, war. der an Raum kürzeste, aber der schrecklichste, schauderhafteste zugleich. Ungastlich zeigte sich der . Boden Polens einem seiner besten Söhne gegenüber. Denn Rabbi Mordechai Jaffe war nicht bloß Talmudgelehrter, nicht bloß Thoraleuchte. Er war den Juden Polens Führer und Wegweiser für Jahrzehnte, vielleicht —■ wenn manche Forscher Recht haben — für Jahrhunderte,. Er soll nach Graetz׳ Mutmaßung der Begründer der Vierländersynode, jener wunderbaren jüdischen autonomen Zentralbehörde gewesen sein, die in der jüdischen Neuzeitgeschichte vereinzelt in ihrer Art dasteht. Er, der in Deutschland und Italien Reisen gemacht hatte und dem ״deutscher Ordnungssinn“ oder ״deutsche Pedanterie" nicht vorenthalten blieb, soll die Institution organisiert haben, die durch 200 Jahre der polnischen Judenschaft den Tön gab und den letzten schillernden Abglanz in der Diaspora des einstigen jüdischen Selbständigkeitszepters bildete. Ja, ihn nennt sein Zeitgenosse, der Chronist Rabbi David GanS, ״das Haupt und die Grundstütze der großen Jeschiwaleiter und Richter der drei Länder". Und wenn auch die Ansicht, Rabbi Mordechai Jaffe. hätte die Synode begründet, nach neueren Forschungen als irrig sich erweist, dennoch bleibt die zeitgenössische Bezeichnung unangetastet. Lange Jahre war er zweifellos das anerkannte Haupt der polnischen Judenheit,' die eherne Stütze eines Monumentalbaues, der vor ihm geschaffen, erst nach ihm aber, oder besser gesagt: durch ihn. in seiner vollen Herrlichkeit und Großartigkeit .weit und breit erstrahlen konnte. Verdiente wirklich ein Mann von solcher Qualität keine vier Ellen Boden, um seinen letzten Schlaf in jener Erde schlummern zu können, die selbst die beste Zeugin seiner Leistungen war und ist? Aber die Geschicke der Toten sind ebenso unergründet wie die der Lebenden. So kam es, daß der alte Friedhof der Judengemeinde zu Posen im Laufe der Zeit einem anderen Zweck zugeführt werden sollte, als der Ruheplatz der Gerechten zu sein. Es kam zu einein entscheidenden Kampf zwischen den großen Toten und den kleinen Machthabern der Stadt und zeitweüig siegten •die Letzteren. Die Gebeine gingen fort. An Stelle der . kleinen, grauen Steine, die die Gräber der Schlummernden bedeckten, erwuchsen große Gemächer und Prachtbauten. War es nun nicht Ehrenpflicht der Siegenden, die einzigen Gefährten der einstigen Besitzer des Freiheits- Platzes, die alten Grabsteine, mit den Gebeinen zu ihrem neuen Ruheplatz hinüberzuführen? Für manche wurde gesorgt. Rabbi Josef Hazaddik und sein Bruder Rabbi Samuel Falkenfeld und noch manche andere trennten sich nicht von ihren Grabsteinefl und machten zusammen den Weg vom einstigen Friedhof zur neuen Ruhestätte mit. Warum wurde aber dieser letzte Dienst Rabbi Mordechai Jaffe versagt? Möglich, daß die Ursache dieselbe ist, die seine ׳ Zeitgenossen ihm auch seinen letzten, zwei Tage vor seinem Tode ausgedrückten. Wunsch abschlagen ließ. Er schrieb damals ״an die großen Leuchten, die der Erde und ihren Bewohnern Licht spenden, an die Häupter der Diaspora, die auf der Hut der Herrlichkeit Israels stehen, die bewaffneten Helden, die Anführer der Erhabenen, die auf hohen Stapeln wandeln, die auf ihr Wort behutsam sind, die Diener des Allmächtigen, die Pfeiler der Erde.,. die Vorsteher der drei Länder (unser Hort beschirme und beschütze sie!)". Mit zitternden Händen bat er sie um Bekräftigung einer seiner Entscheidungen, die großen Sturm aufgewirbelt hatte. Vergeblich. Das vorurteilsfreie, alle Schranken durchbrechende Thorawort kannte in allen Zeiten niemanden, nur die Wahrheit selbst. Rabbi Mordechai Jaffe verschied zwei Tage später und selbst der Tod des in die weitesten Tiefen der Geisteswelt einzudringen sich vermessenden Greises ließ beim flohen Tribunal keine Milde walten,. . *) .! Mißverstandenflei Lebzeiten,:^ unerhört in der^ ,Todesstunde, erschöpfte der Meister seine LeidensHette^mifld^fl Absterben nicht. Irgendwo in stiller Erde ruhen beute namenlos seine Gebeine und im Museumshofraum am־ Freiheitsplatz steht öde sein Grabstein, Es ist der verbliebenen Gemeinde heiligste Pflicht, den alten Stein vor nahem Untergange zu retten und ihn in der Nähe von Rabbi Josef Hazaddik oder Rabbi Akiba Egers Grab aufzusteHen, da* mit noch von Zeit zu Zeit ein frommer Pilger dem־ großen Thorafürsten seinen Gruß entbieten kann,,, . *> Vgl. meine Abhandlung über den ״Wiener Scheidebrief“ (Lemberg, J931), 3. 39,

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