Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1933-10-04 · 40 (4.10.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
19 (1933)
Issue
40 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2629891-2630489-2630527--4563-2636644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

jgiitrf JüMSCItE PRESSE m m »*. ,L^^.^■ .±1*..^.-*. ....... ■ , .., ^■, Die deutsche Judeafrage vor dem / "\"■ ' , Völkerbund. ../'''£ltr..'liötiittd|'%e1!lt6 Außenminister de Gräeff ftat der Völkefbüfidversämmiüög am 29. September feigen* den fteselutienaetttwurf vörgeieft; den letzten Monaten bat eine große Anzahl deutscher Staatsangehöriger in ver* sehiedenen Ländern Zuflucht gesucht. Der Aufenthalt in diesen Ländern ist in dem Maße, als die Unterstützungsmittel aus privaten Quellen erschöpft sind, ein wirt* schaftliches, finanzielles und soziales Problem, das nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden kann. Die Völkerbundsversammiung ersucht daher den ftat, sobald Wie, möglich die Methoden ZU prüfen, durch die eine praktische Regelung zu diesem Zweck herbeigeführt Werden kann, und die notwendigen Maßnahmen für die Ausführung aller Pläne zu ergreifen, die aus diesen Er* Wägungen hervorgehen können. Gemäß ihrer finanziellen Bestimmung beschließt die Völkerbundsversammiung, einen besonderen Posten in das Budget einzusetzen." Der holländische Außenminister betonte, daß ihm der Ge* danke einer Einmischung in die innerdeutschen Ange* legenheiten femliege und es sich darum handle, praktisöhe Maßnahmen angesichts der Tatsache zu treffen, daß Tausende von deutschen Staatsangehörigen in die benachbarten Länder ausgewandert seien und mit den bisherigen Mitteln auf die Dauer nicht versorgt werden können. ' Der schwedische Außenminister Sandler, der am 29. September angekündigt hat, daß er die deutsche Judenfrage unter dem Gesichtspunkt des Min* derheitenrechtes dem politischen Ausschuß vorlegen werde, sprach am Montag vor dem Ausschuß zu dieser Frage. Er führtb aus, daß die Scheidung der inneren von den. äußeren Problemen der Staaten beim besten Willen.nicht immer str eng, du rchgef ührt werden kann. Deshalb Wurde seinerzeit das Rote Kreuz gegründet und heute wacht der Völkerbund, ohne sich die Rolle eines Riehters anzumaßen, über allgemeinmenschliche Werte des Friedens. Der Redner verlangte eine Hilfsaktion für pölitisehe Gefangene nach den Grund* s&tzep.,der., Haager Rpten-Kreuz-Konvention. Der schwedische A'ußenminister verlangte ferner, daß die Lage der ,^Jüdeh’in Deutschland; unter •dem Gesichtspunkt . einer g״l d i c h'är t i g e ri Anwendung des Minderheitenschutzes . in der politischen Kommission eingehend besprochen werde.״ ׳D i e' Jude n f r a ge muß unter dem Ge* s ichtspu nkt der Gleichheit der Menschen* rechte diskutiert werden. Wer die Idee d e r י Gl ei c h h e i t unt e r de n Menschen leugnet, leugnet die Idee des Völkerbundes überhaup t." . In ' Völkerbündkreisen befaßt man sich mit der Frage, welche Persönlichkeiten für das Amt eines Völker* bündskommissärs zur Behandlung der Angelegenheit der deutschen' Flüchtlinge, in Betracht kämen.. An erster Stelle־ wird in diesen Besprechungen der Name des frü* heren Präsidenten der Vereinigten Staaten Herbert Ho o v er genannt, dessen große Arbeit zur Linderung der Nachkriegsnot '׳,in/ Ru ß.lan d Und anderen osteuro* päischen Staaten in *allgemeiner Erinnerung ist. '; ' . Möbel direkt vom Erzeuger! Schlaf•1, Speise-, Herren•: und Vorzimmer, Küchen, ״Stilmöbel, auch Luxusmöbellaut Zeichnung, Büromöböl, Portale uüd Geschäftseinrichtungen. Sämtliche Repara* turen (auch Fußböden) prompt. Franz Zajiöek, Tischlermeister, Wien, I., Graben 19. (Tel. U-28-2-52.) Die Trauer um den Cholez Chajim צוק״ל?. Wie bereits in unseref letzten Ausgabe gemeldet, fanden aus Aälaß der Ptiroh des Chofez Ohajim s. 2.1. in aller Welt fleäpedim statt. Es sind uns darüber eine ünzahl von Berichten zugekommen, die wir Raummangels halber jedoch nicht alle bringen können. Eine imposante Träuerküflfdgebung veranstaltete die B er 1 i n e r Agudas Jisroel in der Synagoge der Ädäs*Jisrbel*Gemeihde, bei der Rabbiner Dr. H. Klein in einer großangelegten Rede die Bedeutung des Verstorbenen schilderte. Rabbiner Doktor Munk hielt während der ganzen Tschuwowoche Vorträge im Anschluß an die Werke des Heimgegangenen. Ein über* aus würdiger Hesped fand in der überfüllten großen Synagoge der orthodoxen Gemeinde in Frankfurt am Main statt, bei dem Rabbiner Horovitz die hervor* stechendsten Charakterzüge Und die wichtigsten Phasen der Wirksamkeit des Chofez Chajim schilderte. Üeber die Trauerveranstaltungen in Wien haben wir bereits be* richtet. In der Schiff schul gedachte Rabbi Jeschaja Fürst anläßlich der Kolnidre-Droschoh in ergreifender Weise des heimgegangenen Führers, ebenso wurden auch in den anderen orthodoxen Bethäusern Hespedim ab1־ gehalten. ■. , BADETRIKOTS, ZU/ltKELEINSETZEN, Wenden, Repariererf.Aenüern. RepasslerwerkstStt 1. We hburgg, 29, XIII. Hauptatr. 28, Tel. R•21*908, R-31-2• Katastrophales Unglück ln einer Bukarester Synagoge. .Infolge eines Defektes in der elektrischen Lichtleitung brach in der Bukarester Synagoge während des Kol-nidre-G-ttesdienstes ein Brand aus, der eine Verheerende Panik, besonders auf der Frauengalerie, zur Folge hatte. Die Frauen stürmten die engen Ausgänge, so 'daß diese durch die ,drängenden. Menschen verstopft wurden. Die Folgen waren katastropal. 9 Frauen er* litten tödliche Verletzungen, 36 Frauen wurden schwer und 14 leicht verletzt. Von den Schwer* verletzten Sind später 2 Personen gestorben. Die Männer konnten die Synagoge durch die breiten Ausgänge verlassen, ohne daß von ihnen jemand zu Schaden gekommen wäre. Die jüdische Bevölkerung der rumänischen Hauptstadt ist wegen dieses Unglücks tief erschüttert. das besf־e glanzmi ttel Polo flüssiger Mefallpute geäetzen nicht vereinbar ist, wunderte man sich immer in religiösen Kreisen darüber, wie der Misrachi den Zionistenkongreß beschicken könne, da an ihm auch weibliche Delegierte teilnehmen und die Wählbarkeit von Frauen in jüdische Instanzen zweifellos auch nach misrachistischem Urteil absolut unstatthaft ist. Ein Novum bildet es aber, daß beim letzten Zionistenkohgreß unter den m i srachistischen Delegierten selbst eine weibliehe Delegierte sich befand. In der zionistischen ״Stimme" vom 20. September schreibt Frau Dr. Martha Hof mann in einem Artikel über die weiblichen Kongreßdelegierten: ״In den Reihen der Misrachi erblickten wir zwischen grauen Bärten und schwarzen Hüten den blonden.Mädchenkopf der Miß Mary Berman aus New York, Vertreterin der Misrachi-Mädchenorganisationen Nordamerikas." Man kann sich jetzt ein Urteil darüber bilden, wie ernst die Proteste des Misrachi zu nehmen sind, die sein Vertreter gegen die Einführung des passiven Frauen- Wahlrechtes in der Wiener Kultusgemeinde erhoben hat und welcher Wert seinen sonstigen Protesten überhaupt — er tut nichts anderes als protestieren — gegen die fortwährenden Religionsverletzungen durch die. Zionistische Organisation beizumessen ist. ׳ \ Wohnungsmangel in Tel-Awiw. Ungeachtet der in Tel-Awiw herrschenden Bautätigkeit — im August allein sind 1050 neue Wohnräume im Gesamtausmaß von 35.000 Quadratmetern fertiggestellt worden — ist der Wohnungsmangel in der Stadt sehr drückend. Die rücksichtslose Ausbeutung der Lage auf dem Wohnungsmarkt durch einzelne Hausbesitzer hat starke Mißstimmung erregt. Die Hausbesitzer verant- Worten sich damit, daß die Neiierrichtung von Wohnungen infolge der außerordentlich hohen Bodenpreise größere Investitionen erfordert als früher und daß die Amortisierung nur mit Hilfe erhöhter Mieten möglich sei. Antisemitismus in Rumänien. Ministerpräsident Vaida-Voevod richtete an alle kommerziellen und industriellen Unternehmungen in Rumänien ein ״vertrauliches, streng geheimes" Zirkular, in .welchem er sie aufmerksam macht, ״im Interesse der betreffenden Institute (?!)" bei' Personalengagements auf eine gewisse Proportion in ethnischer Be- Ziehung (!) Rücksicht zu nehmen". Abgeordneter Weißmann richtete wegen dieses Zirkulars eine scharfe Interpellation an den Ministerpräsidenten. Eine weibliche Misrachi-Delegierte beim Zionistenkongreß. Neben dem Umstand, daß schon die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation mit unseren Religions- Am שכת׳ חול ה״מ um 1/25 Uhr nachm, wird אדמור im ביהמ״ד eine Droschoh (סוגי׳; אוגכרי, סוכה, דף ל׳ ע׳ א׳) halten.״ Beth-Jakob-Lehrerinnenbildungsanstalt Wien. Das Wintersemester 5694 beginnt am 15. Oktober. Die feierliche Eröffniing findet Montag nachmittags um 5 Uhr im Schulhause statt. Beginn des normalen Unterrichtes Dienstag, den 17. Oktober. Mädchengruppe der Agudas Jisroel. Die allwöchentlichen Schabbosvormittag-Vorträge beginnen am Schabbos Bereschis mit einem Vortrag des Herrn David Bondy über ״Der Chofez Chajim ,und die Mussar-rBewegung". : KoschermUch. Ueber mehrfache Anfragen wird zur Verhütung von Mißverständnissen mitgeteilt, daß die vertragsmäßige Kündigung der Firma S. & .G. Pisk am 1. Oktober d. J. erfolgte, um für die neue Vertrags- Schließung freie Hand zu bekommen und damit alle eingelaufenen Anbote unabhängig geprüft werden können. Die Milcherzeugung der Firma S. & G. Pisk Molkerel-Union, Wien, XX., , Nordwestbahnstraße 71, steht selbstverständlich nach wie vor bis Ende 1933 unter der rituellen Aufsicht des Rabbinats der Adas Jisroel. Der Weise von Radin. Von Chajim Bloch. Dieser Artikel War bereits für eine '׳■'' unserer früheren Ausgaben gesetzt, bevor ■ der׳ gefeierte Zaddik diese Welt Verließ. Wir, bringen ihn j e t z t ungeändert. Die Redaktion. In dem kleinen, weltentrückten Städtchen Radin in Polen lebt ein von den frommen Juden der ganzen Welt ungemein verehrter Mann, den man kurzweg ״Chofez Chajim" ■benennt und der Israel Meier Kohen heißt. Wer ist ״Chofez Chajim"? . Die nachstehende Schilde'rurig soll auf diese , Frage Antwort geben. Der Beginn seiner, eigentlichen Laufbahn reicht in die Zeit des polnischen Aufstandes im Jahre 1863 zurück. Einige Jahre später erschien ein in jiddischer Spräche geschriebenes Werk: ״Chofez Chajim" (״Der Lebenswille" nach Psalm 34, 13),vdas großes Aufsehen erregte. Seitsämerweise zog der Verfasser dieser trefflichen, den Geist edelster Menschlichkeit verratenden Schrift es vor, sich in ״Anonymität zu hüllen und auf allen Ruhm, der ihm durch seine Arbeit erwachsen konnte, zu verzichten; kein Mensch. erriet, wer der. geheimnisvolle Verfasser war. Er suchte, im Herzen des Juden das Schönste und Edelste zu wecken, Und wies ihm den Weg, sich von allem Herzbedrängenden zu befreien. ״Chofez Chajim" gelangte zu der Erkenntnis, daß nur die Güte der Menschen zueinander die Erlösung von Unfreiheit, Lüge und Schmerz bewirken kann und daß das einzige Ziel unseres Daseins Friede und Versöhnung sein soll. Besonders sprach er sich gegen die ״üble Nachrede" und die ״Unaufrichtigkeit im Herzen" aus, Die Sprache war scharf und eindringlich, ließ aber erkennen, daß im. Herzen des Verfassers die Menschenliebe mächtig glühte und daß nur die Menschenliebe ihn zur Niederschrift dieses Werkes bewogen habe, Interessant ist, daß er die ״auf Vorteil bedachte Schlauheit" für verwerflicher als Raub und Diebstahl fand, die Unaufrichtigkeit aber dem falschen Eid gleichstellte. Das Werk, das durch fahrende Buchhändler, den ״Packenträgern" des Ghetto, zu einem geringen Preis feilgeboten wurde, hat die, Herzen der .jüdischen Massen erobert und gewann bei ethisch gesinnten Juden große Verbreitung. Aber auch die gebildeten und freisinnigen Kreise, waren von den grundlegenden religionsphilosophischen Gedanken des Verfässers entzückt. Da sein Name unbekannt blieb, nannte inan ihn, nach־ dem Titel seines Werkes, ,*Chofez Chajim“, Jahrelang wußte man nicht, wer der geheimnisvolle Verfasser sei, Durch Zufall wurde im Jahre 1899 ,L eo Tolstoi von einem Freund auf die seltsame Schrift aufmerksam gemacht. Tolstoi, der den Inhalt ins Russische übertragen ließ, war von den hohen ethischen Ideen des offenbar weltlich ungebildeten Verfassers derart begeistert, daß “ er sich vornahm, alles anzuwenden, um den Namen des jüdischen Weisen zu erfahren, damit er ihn dann persönlich kennenlerne. Er richtete an den Bildungsminister in Petersburg die Bitte, den Zensor für hebräische Bücher in Warschau zu beauftragen, Namen und Wohnort des Verfassers des Werkes ״Chofez Chajim" festzustellen und ihm bekanntzugeben. Er hatte durch diese Bitte unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Regierungskreise auf ein ihnen unbekannt gebliebenes ״Judenbuch" gelenkt. Der Bildungsminister •machte die Bitte des edlen Dichters zum Gegenstand einer strengen Untersuchung gegen den anonymen Verfasser.. Man vermutete in dieser Schrift irgend eine umstürzende Tendenz und berichtete darüber auch ausführlich dem Zaren. Der Anonymität des nichtsahnenden Verfassers, der bis dahin, unbekümmert um die Ereignisse des Tages, in den kleinen, geruhig-einsamen Städtchen Radin bei Wilna lebte, wurde eine Tages ein Ende bereitet. Als der Bildungsminister das Original und die Uebersetzung des Werkes zu Gesicht bekam, war er völlig enttäuscht. Es stellte sich nämlich heraus, daß der Verfasser dieses Werkes der Privatgelehrte Israel Meier Kohen aus Radin sei und daß aus seinem Werke kein umstürzender Geist, sondern *der warme Hauch edler Gesinnung dringe. Im Zuge der Untersuchung kam man darauf, daß in den letzten Jahren noch andere hebräische Werke anonym erschienen waren, und Israel Meier Kohen wurde befragt, ob er mit '»dem Verfasser etwas gemein habe. Er, der nie ein unwahres Wort gesprochen hatte, gab zu, auch jene Werke .herausgegeben zu haben, Auf die Frage, warum er seinen Namen verschwiegen habe, erklärte er dem Untersuchungsbeamten gegenüber,, er wollte, um nicht in seinen religiösen Diensten gestört zu werden, von der Außenwelt unbehelligt bleiben. Seine anderen anonymen Werke, die rein rabbinische, gesetzmäßige Themen behandelten, haben durch ihre scharfsinnige Gestaltung und lebensvolle Ausführung in der jüdischen Gelehrtenwelt Erstaunen erregt. * Ob Tolstoi mit dem ״Chofez Chajim" auch zusammengekommen ist, ist so schwer festzustellen, wie die Behauptung, daß Zar Nikolaus durch das Werk ״Chofez Chajim" zu seinem Friedensplane angeregt wurde. ., Um die Gestalt des ״Chofez Chajim", der heute im zweiundneunzigsten Lebensjahre steht, hat sich schon bei Lebzeiten ein üppiger Sagenkreis gebildet. Er soll schon vor einem halben Jahrhundert mit tiefem Bedauern den Untergang der Zarenherrschaft und das Entstehen einer g-ttfeindlichen Regierung vorausgesagt und beim Niederbruch des polnischen Aufstandes im Jahre 1863 den Stern für Polen aufgehen gesehen haben. Das eine steht fest, daß er vor dem Kriege bei den russischen wie auch jetzt hei den polnischen Regierungskreisen in großem Ahsehen steht und oft für die Juden Erleichterungen erreicht hat. Israel Meier Kohen wurde im Jahre 1840 —■־• auf den Tag kommt es bei den frommen Juden nicht an! •—* in Wilna geboren. Wilna galt einst bekanntlich als das ״Jerusalem Litauens"; dort wehte ein Jahrhundert früher noch der Geist des berühmten Gaon Rabbi Elija. Hier gewann Israel Meier für seine geistige und religiöse Ent- Wicklung die ersten und ausschlaggebenden Eindrücke und die fürs Leben bestimmte Richtung. Er war kaum zehn Jahre alt, als seine Eltern nach Radin, einem weltverlorenen Nest Litauens, übersiedelten. Der Familientradition folgend, wurde er mit kaum sechzehn Jahren verheiratet. Seine Frau übernahm das Tuchgeschäft ihrer Eltern und sorgte für den Lebensunterhalt, er hingegen errichtete eine Talmudschule, die er, selbstverständlich ganz unentgeltlich, bis auf den heutigen Tag leitet. Diese Schule brachte ihm die Erfüllung einer Sehnsucht, die früh in seinem ethisch empfindenden Herzen brannte, seinen Brüdern ein Lehrer und Wegweiser zu sein. Oft und oft wurden ihm Rabbinerwürden in bedeutenden Judengemeinden Polens angeboten, doch er lehnte ab: In Radin hatte seinem Schicksal die Sonne des Glückes geleuchtet, er ist mit diesem vertrauten Städtchen seit achtzig Jahren seelisch verwachsen und wollte es nie verlassen. Auch widerstrebt es ihm, in den Sold einer Gemeinde zu treten und von Menschen abhängig zu sein. Ihm sind die niedlichen Häuser seines Städtchens teuer und er zieht die Unschlittkerze dem elektrischen Licht vor. Lange vor Ausbruch des Weltkrieges erschienen Vertreter der srengreligiösen Juden New Yorks in der ״Residenz" des ״Chofez Chajim", um ihm das Amt eines Großrabbiners für die Vereinigten Staaten anzutragen. Mit dieser festen Anstellung waren ein fürstliches Gehalt und eine hohes Nebeneinkommen verbunden. Israel Meier Kohen lehnte das Anbot ab und erklärte, er könne seine Talmudschule nicht verlassen, sie gebe ihm mehr Befriedigung als das Geld. Eigentümlicherweise ist aus seiner Schule bis heute beinahe kein einziger Schüler hervorgegangen, der gewillt war, ein Rabbineramt zu übernehmen. Seine Schüler ziehen ins kaufmännische Leben, zeichnen sich aber durch hohe Sittlichkeit und vorbildliche Redlichkeit besonders aus. Im August 1923 fand in Wien der erste Weltkongreß der ״Aguads Jisroel" statt, zu dem Vertreter der frommen Judenschaft aus aller Welt gekommen sind. Der hochbetagte Chofez Chajim ließ sich nicht abhalten, an dieser großen Tagung teilzunehmen, Er kam nach Wien und wurde von seiner Verehrerschar mit unsäglicher Ehrfurcht empfangen. Wie verzaubert standen tausende Juden diesem unansehnlichen Jüdlein, aus dessen Antlitz so viel Liebe und Güte strahlte, und horchten in schweigender Ergebenheit seiner verheißungsvollen Ansprache, Er forderte die Juden auf, ״in den Zelten Jakobs zu bleiben, im Nebel der neuzeitlichen Erscheinungen nicht unterzugehen". Seine Stimme war schwach, kaum hörbar, Was er aber sprach, bewies, daß es aus einer heiligen Seele quoll, Der ״Chofez Chajim" ist nicht nur eine der idealsten Gestalten des Judentums, sondern eine der interessantesten Erscheinungen unserer Gegenwart überhaupt. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.