Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 33 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3* JÜDISCHF HHESSf: Agudas Jisrocl steht auf dein Standpunkt, daß der beste Weg, um den jüdischen Minderheiten in den ein* zelnen!.ändern ein relativ erträgliches Dasein zu sichern, die ,interne Verständigung der einzelnen Landesjudenheiten mit ihren Regierungen ist. Ein Appell sind ceH 1870 dla betten labrlk! Wien, XV., Staglgaua 10 bei Maflähilferatr. 148 Tel. R-3M.4? und R-38-5-38 Agudas Jisrocl steht auf dem Standpunkt, daß der beste Weg, um den jüdischen Minderheiten in den ein* zelnen!ändern ein relativ erträgliches Dasein zu sichern, die ,interne Verständigung der einzelnen!andesjudenheiten mit ihren Regierungen ist. Ein Appell an den Völkerbund oder an das Weltgewissen, wie ihn der Weltkongreß im Auge hat, ■bedeutet immer die Hereinzerriing politischer Interventionen von außen, worauf die auf ihre Souveränität außerordentlich stolzen Staaten, insbesondere des ,Ostens nur mit verstärkten Judenverfolgungen reagieren würden. Man erblickt eben dann in dem Juden ein staatspolitisoh gefähr* liches Element, das fortgesetzt nach außen schielt und der eigenen Regierung Unannehmlichkeiten;bereitet. Unsere größte Landesorganisation, die polnische, hat durch ihre besonnene, diesen Grundsätzen entsprechende Politik mancherlei Erfolge erzielt.! Die religiöse Gefahr des Weltkongresses besteht darin, daß ein solcher Kongreß sich anmaßen könnte, auch auf religiösem Gebiete im Namen der ׳ganzen Judenheit zu sprechen, obgleich ihm dazu jede Kompetenz fehlt. Die Meinung der zuständigen rabbinischen Instanzen würde in den wichtigsten religiösen Fragen durch eine organisierte Demokratie unter schärfsten Druck gestellt und schließlich überrannt werden. Wir legen den größten Wert auf die Feststellung, daß die von Stephen Wise im Gegensatz zu mindestens!drei Vierteln ider ganzen Judenheit nach 'Genf einberufene Vorkonferenz keinerlei!Recht hat, im Namen de r J u d e 1111־ ei t irgend etwas zu erklären. Ganz auf religiösem Boden fußend und dennoch ,ganz und gar nicht jüdisch im ׳unverfälschten Sinne des Judentums ■ist die Arbeit der Konferenz des Weltverbandes für das liberale Judentum, die aus propagandistiscihen!Gründen diesmal!Hollland!zum Tagungsland gewählt!hat, dort tagten ä׳n der Zeit vom 5. ׳bis 9. August im 1Haa.g ׳und in Amsterdam Konferenzen des Weltvenbandes für das liberale Judentum, lim 'Haag hielt der Vorstand des Weltvenbandes Beratungen ab. Gleichzeitig fanden in Amsterdam und im Haag Elternversnmmiungen und religiöse Veranstaltungen׳ statt. Die (Refcrentin Lili (Montagu führte aus: ״!Wir stimmen alle darin überein, daß der Fortschritt der ׳Zivilisation von der religiösen Erziehung im Heim abhängt. Gesetzgebung ist nicht imstande, der Familieninomll rvoranizuschreiten. ([ihre Kinder lernen, an Gott als Vater ׳zu ,glauben-,!und, als natUilliche Folge davon, alle Menschen als (Brüder izu betrachten.!Eben darum!glauben wir an das׳ Ideal der Demokratie und des iUni v׳er!s alifriedens. Wir erkennen die Wahrheit der dm ״Schema“ ziisammengofaßten Lehre, daß das!Ganze des Lebens iheill'ig ist, Körper, Geist und!Seele, und Oben darum glauben ,wir, daß!jedes menschliche Wesen einen ,reohtmäßiigen Anspruch auf Vervollkommnung des Lebens hat. (Das ׳Reich G-ttes kann auf Erden mir errichtet werden,!wenn die Liebe in der nationalen (Politik aller Völker!eine (Rolle spielt. Es ist ■unsere Pflicht als Menschen, Mitarbeiter G־ttes in der Erschaffung der Liebe izu sein. Wir!wollen, daß ׳unsere Kinder in eine!geistige Atmosphäre .hineingeboren ׳wierden, damit sie verstehen, was ׳Religion bedeutet: was es heißt, die Seele zu G-tt zui'ückiziifiühreu, der sic!gab. Wir sind davon überzeugt, daß das Judentum die Form ist, in der die ,Religion Einfluß aulf das Leben (Ihrer Kinder haben soll. Aber manche von Ihmen sind besorgt: Das Juden turn ist Ihnen nicht :mehr ein liebendiger (Glaube, und Sie können nicht auf andere übertragen, ׳was Ihnen selbst tot und wertlos erscheint. Sie sehnen sich nach einer!Religion, die den jüdischen Charakter beibehält und!zugleich im!Einklang ist mit den geistigen Lehren der ׳Gegenwart. Soll das Judentum fovtbestehen, fuhr Lily Mailtaigu!fort, so m׳uß ■den Mischehen gesteuert iwerden. Ein jüdisches!Heim.läßt sich nicht auf Verschiedenheit und Verneinung auf bauen. ,U cib e 1• ei ns t immu ng und positive Lehre sind notwendig. Ihre Kinder sollen den Wert und die Bedeutung der Religion .,in ihrem eigenen Heim ־erkennen. Sie sollen in die Welt hinausgehen mit dem iBewußtsein, dem Judentum treu bleiben 2׳« müssen, ,weil sie zu einer Verbrüderung־ gehören, die Zeugnis ablegt!für ׳ gewisse bestimmte religiöse Wahrheiten. Dieses Zeugnis ist absolut notwendig,!weil ohne dasselbe die Kette ,der Zeugnisse u1!1ter׳broeheu ‘ist —;wenn Ihre Kinder diese Dinge nicht 1fühlen, so werden sie das Glück ■ela ergreifen, wo es sich bietet, und׳ sie werden ihre jüdischen Pflichten unbeachtet lassen. Wenn die Möglichkeit einer (Hochzeit vor der Tür steht, ist es zu spät, über .das Unrecht einer Misohheirat zu verhandeln. Das Fundament der Gesellschaft ist heutzutage erschüttert durch die reichte Moral im iHciin• Der jüdb sehe Sabbat, den ׳wir «|1it Lichtern all das Sinnbild von Reinheit feiern, ■kann einige der zersetzendem Tenden* zen bekämpfen, die die!beste Hoffnung ,bedrohen, die das Leben geben kann׳ — die Hoffnung ■auf ׳mensch* liehe Vefvollkom!ffitt׳nttg,״ Diese Worte dar Referentin ■waren Von Aussprüchen üfcer den Wert der!,radition durchsetzt, wie sie dem liberalen Standpunkt!entsprechen und in richtiger Erkenntnis dessen, daß. auch ׳solche Anschauungen, diie einer inneren Annäherung an das traditionelle Judentum^ zu entspringen scheinen, nicht zu trauen ist, (Wenn miclit Hand in Hand׳ mit ihnen die volle Rückkehr!zu einem!eiben im Sinne der Thora geht, hat der :Rat der .Oberrabbiner Hollands eine gegen das liberale Judentum gerichtete!Broschüre, veröfifentlieht, ln dieser Broschüre!werden die Grundsätze des liberalen Judentums vom ׳jiidisah*!kon1servativen Standpunkt aus mißbilligt und!Aufrufe ־von 13׳ führen* den jüdischen!Persönlichkeiten Hollands׳ gegen die!liberale ,Richtung im Judentum!wiedergegeben. Es ist dies der erste!Fall in der Geschichte ,des hoMändisehen Judentums, daß'vom obersten rabbinischen Rat aus eine offizielle Verurteilung einer bestimmten jiidi* sehen Richtung erfolgt. Eine kleine Begebenheit, die aus /Budapest berichtet wird, beleuchtet (besonders groll den durch die Arbeit des!liberalen Judentums ■in der!Ländern, in denen es seine Triumphe feiern konnte, geschaffenen Zustand des Judentums. Vor kurzem weilte nämlich ein bekannter, aus Ungarn stammender Mann, Anton Kaufmann, in Budapest. Er hatte seinen Sohn in die Heimat mitgenommen und dieser wollte an einem Freitagabend den Tempel in der Tabakgasse besuchen, war aber sehr erstaunt, als man ihn ohne Kapfbedekkung .nicht die ׳Synagoge betreten lassen wollte. So weit ,ist ■es also im amerikanischen iReformjudentum gekommen, und wir meinen, daß diese eine Episode allein!schon allen einsichtigen Führern des liberalen Judentums die Augen öffnen müßte. 01 Nachrichten |0| Autobus-Gesellschaftsreisen durch die Jüdischen Zentren! Reiseprogvamm für August und September 1932: A. ׳Ermäßigte S c h ü 1 e r f a h r t e n (für Jugendliche ■bis 18 Jahre): 1. Fahrt ins Burgenland, mit Eisenstadt, am 25. August. S 8.50 (und 2.—). 2. Fahrt ins mittlere Burgenland, mit Sopron» am 28. August. S 11.— (und; S 2.—).! _3. Fahrt ,ins südliche Burgenland, und nach Steier-, mark, mit Graz, vom ,5( bis 8. September, vier Tage. S 46.— (und S 23.—). ,,! 4. Fahrt in die Wachau, vom 14. bis 16. September, zweieinhalb Tage. S 25.— (und S 12.—).! B. Gesellschaftsreisen: 1. Fahrt nach Steiermark und Kärnten (Wörthersce), vom 11. bis 13. September, drei Tage. S 60.— (und S 20.-).! 2. Fahrt ins mittlere Burgenland, mit Mattersburg, am 18. September. S ־-.15׳*. (und S 3.—). 3. Fahrt ins Salzkämmergut, nach Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Deutschland, mit München (Sabbat- Aufenthalt) und Regensburg, vom 19. bis 26. September, acht Tage. S 150.— (und S 65.—). i Detaillierte 'Programme liegen in der Verwaltung unseres Blattes auf. Die!Preise verstehen sich einschließlich Sitzplatz im Autobus, Eintrittsgebühren, Führungsbeitrag und Trinkgelder, bei Mehrtagstouren auch inklusive Hotel (Nächtigung). Für Verpflegung ist der Preis׳ (in Klammer^ beigefügt: er beinhaltet bei Eäntagstouren Mittagmahl, bei Mehrtagstouren überdies Frühstück und Abendessen. Mindestteilnehmerzahl jeder Reise: 20 Personen. Abfahrt stets halb 8 Uhr früh. Anmeldungen in der Verwaltung ׳unseres Blattes; Anmeldeschliiß: Zehn Tage vor dem iReisetermin. Für Auslandsfahrten sind Pässe erforderlich, Visa werden besorgt! Alk Höft des holländischen Marranen-Komitees zugunsten der Mnrranen-Gemeinden 1ft Porfftpl. tiüs holläftdisehe Maffäftfeft%KftmiteP hat eine Aktion zur Versorgung der Miarranen-Gettieindett in Portugal Mt jüdiseheft Ritualgegäiistäftdeft eingeleitet. Das Komitee veröffentlicht eitteit äft. die holländische Judenheit gerichteten Aufruf, für diese Gemeinden Gebetbücher, Gebetrieftien Und Gebetatatttel zur Ver* fiigung zu stellen. Rabbi E. Samunov צ״ל? Vor kurzem verschied in Riga der Rabbiner von Windau, R* Ephraim Samunov דל Mit seinem Hinscheiden ist der älteste Rabbiner!ettläftds und eine der bedeutendsten Thora-Autoritäten unserer Zeit von uns gegangen. Er wurde in Pilten (Kurland) im Jahre 5620 (1860) geboren. Sein Großvater war der be* rjihmfe Gaon Rabbi Mordchai Ürjo Samunov 1צ״ל der seinerzeit die Rabbinerposten in Mitaii, Zabeln und Windau bekleidete. Im Jahre 1916 leitete Rabbi Samunov eine große Aktion in Rußland zugunsten des jüdischen Chinuch. Er beteiligte sich an mehreren rabbinischen und politisehen Konferenzen. Rabbiner Samunov war Präsidiummitglied des Rabbinerverbandes in Lettlands Als Delegierter der lettländischen ״Agudo“ zur 2. Kenessio Gedauio in Wien hat ,er regen Anteil an der liiühevollen Arbeit genommen. Rabbiner Samunov ןצ״ל war berühmt in der rabbinischen, Welt als außergewöhnlicher ״Charif“ und ״Boki“, er wurde in verschiedenen halachischen und allgemein-jüdischen Angelegenheiten als Autorität angefragt. Er war bekannt als bedeutender ,Darschon“ und besaß auch weltliche Bildung. Rabbiner Samunov צ״ל? hinterließ eine riesige Bibliothek, unter welcher sich viele Raritäten, befinden. Er (hinterließ auch sehr viele Manuskripte auf Talmud iBawli, Jertischalmi, Poskim und Agada. Vor kurzem erschien im Druck ein kleiner Teil seiner Schriften, die!Broschüre ״Hakohen Hagodaul wehäsgan“, welche , große Anerkennung bei der Lamdimwelt. hervor rief. Der Antisemitismus — ein Anzeichen der religiösen Krise in Deutschland Im Laufe der am 28. Juli vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nach dem Lögenhaus zu Berlin einberufenen Protestversammlung gegen die ׳antisemitische Hetze der Nationalsozialisten ergriff Rabbiner Dr. Leo Baeck das Wort, um in einer tiefschürfenden Analyse die Ursachen der überraschenden Erscheinung darzulegen, daß seitens der christlichen Kirchen in Deutschland und insbesondere seitens der protestantischen Kirche der mit dem christlichen Grundgedanken unvereinbaren antisemitischen Bewegung kein Widerstand entgegengesetzt wird. Er kam zu dem Schluß, daß die Ausbreitung des Antisemitismus .in Deutschland das Anzeichen einer schweren religiösen Krise sei, die von den Juden nicht nur wegen der sie unmittelbar betreffenden Folgen, sondern auch als Deutsche und als religiöse Menschen tief beklagt werden müsse. Rabbiner Dr. Baeck führten. a. aus: Oft kann ■den deutschen Juden!heute •ein Gefühl der Einsamkeit beschleichen, und es ist ein hartes Ding, im eigenen Lahde, mit dessen Geschichte die eigene Geschichte seit Jahrhunderten verknüpft ist, sich einsam zu fühlen. Millionen von Menschen sind heute auf das Programm der Feindschaft gegen uns eingeschworen. Wir fragen uns erschüttert, wie ein solches Ergebnis möglich sein konnte, trotz ■all der Liebe, die wir stets selbstlos unserem Vaterland entgegengebracht haben. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß es auch ein unsichtbares — oft auch unhörbares — Deutschland gibt, das sich von dem äußeren Bild, das uns unser Vaterland heute bietet, wesentlich unterscheidet. Es gibt in ihm noch sehr viele Menschen von Adel-und Gewissen, und das ist für uns ein Trost. Dennoch leben wir ungekannt und unverstanden von Millionen in unserem Vaterlande. Dazu kommt, daß eine Religion zu dem, was ■an. uns verübt wird, schweigt. Antisemitismus ist immer Zeichen einer % Krise in einer Religion. Wenn die innere Gewißheit, wenn der Glauben schwindet, dann entsteht Feindschaft gegen andere. Wenn der Katholik im Glauben schwach wird, dann ist er nur noch Antiprotestant, wenn die Glaubensüberzeugung des Protestanten erschüttert ist, dann ist er nur noch Antikatholik. Wenn der Christ schwankend wird, wenn sein Glaube in ihm sich aufzulösen beginnt, ist er Antisemit. Die Judenfrage, von der heute so viel gesprochen wird, wird letzten Endes nur vdurch uns Juden selbst gelöst werden. Wenn es jüdische Persönlichkeiten gibt, Juden, die aus ihrem Judentum heraus und durch ihr Tnüentum etwas sind, so ist das die wirksamste Form SaSJüSW KUß! ürc öiejüöisc^e $d>ule ©ofäs u2ßaMpb(Au&/urXna£ov 7ddm.mitOßemUH m. Wattgasse, <6 einer Abwehr des Judenhasses. Wir denken zu oft an unsere Feinde und zu wenig an uns selbst. Was uns oft fehlt, ist Haltung. Die größte Gefahr für uns ist der zitternde, angstschlotternde Jude. Die jüdische Persönlichkeit ist für uns Zukunftsgewißheit. Nicht durch einen direkten Appell, wohl aber durch unsere aufrechte Haltung können wir auf diejenigen wirken, in denen Religion noch nicht erschüttert ist. Letzten Endes kommt es auf uns an. Wie wir sein werden, so wird unsere Zukunft sein. Die Antwort auf die Judenfrage sind wir selbst. Wenn uns diese Tage der Einsamkeit Einkehr in uns selbst geben, wenn sie uns geben, daß wir alle Haltung zurückgewinnen, dann dürften wir trotz allem, was gestern gewesen ist und vielleicht morgen kommen wird, getrost das Wort sprechen: Ewtach welau ewchod — Ich fürchte mich nicht; ich I vertraue; ich bin gewiß! y M I X E B E N § V E R S I C H E R U H GS• QES eilschaft