Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1932-07-15 · 28 (15.7.1932) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
18 (1932)
Issue
28 (15.7.1932)
Date
1932-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2629891-2630438-2630465--4204-2636336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 28 stitirseii 1870 die besten Fabrik: Wien! XV., Staglgasse 10 bei Mariahilferstr. 148 Tel. R-35-8-47 und R-3Ö-5-38 Eine exegetische Betrachtung zu חלת flttnö. זאה ר,קד. התורה das ist das Gesetz der זיקתו אליך פרה — תורה אדומה, אין לך רשות להרהר אהריה, wir haben kein Recht, dariiber nachzudenken: ein anderes .מדרש-Wort lautet aber:.,אמד ה׳ למשה : לך אגי מגלה טעם מנית פרה אדומה, ■אבל לאתריםדזוקד הקניה sagte zu משה; dir entdecke ich den Grund von מצ׳ פ׳א aber nicht anderen: es entsteht nun die Frage: Warum הקב׳ה die Begründung von מצות פיא dem Volke ישראל nicht :mitgeteilt hat. משיד aber ja? Die Erklärung dürfte darin liegen, daß viele Erscheinungen in der Natur ״dem Menschen unerklärlich sind, er sucht zwar die Gesetze der Natur zu ergründen, sein Forschergeist dringt tief in die Geheimnisse der Erscheinungsweit, aber er vermag nicht alles zu erforschen: vieles bleibt ihm verborgen, und wird auch verborgen bleiben. Die göttliche, Weisheit hat dies so eingerichtet, damit dem Menschen das Bewußtsein seiner Ohnmacht nicht schwinde, damit er nicht in die Sünde verfulle. von sich zu denken ונפקהו עיניכם והייתם באל׳ יודעי טוב ורע Wie leicht könnte der Mensch in den Wahn verfallen, sich für ein g-ttähnliches Wesen zu halten. Wenn auch das Forschen und Vertiefen im g-ttliehen Gesetze eines der wichtigsten Gebote ist, wenn auch הקביה uns dringend ans Herz legt והגית בו יומם ולילה sich mit der תורה in jeder Lebenslage zu beschäftigen, sowohl in der Sonnenhöhe ־ומם . des Lebens, als auch לילה , wenn düsteres Gewölk unseren Lebensweg umschattet, so setzt die תורה diesem Forschen ein gewisses Ziel, damit er sich seiner Endlichkeit stets!bewußt sei. Bei משה רבינו, von dem die תורה bezeugt, ודבר ה׳ אל משה פנים הקב׳יה .כאשד ידבר איש אל רעהן redete mit משה פנים אל פנים, und von dem es heißt: Der Mann משה war bescheidener als irgend ein Mensch, ist eine Selbstüberhebung nicht zu befürchten, auch daun nicht, wenn er in פודות התורה . die tiefsten Geheimnisse dernunkennt, deshalb spricht הקביה לך אג־ מגלה טעם מצור. פרה אדומה אבל לאחרים הורה. Rabb. M. K. 101 flfiCflRlCflTEfl |© Die Wiener Jugendgruppe in Oedenburg. Die Agudas-Jisroel-Jugendgruppe Wien II ver-: anstaltete am vergangenen Sonntag eine überaus gelungene Gesellschaftsreise nach Oedenburg, die einen für alle Teilnehmer äußerst befriedigenden Verlauf nahm. Bei der Ankunft in Oedenburg wurden die Reiseteilnehmer vom dortigen Tifercs Bachurim empfangen, dessen Mitglieder die Führung durch die Stadt übernahmen. Am Nachmittag wurde Seiner Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Posen ein Besuch abgestattet und unter der mustergültigen Führung der neugewonnenen Oedenburger Freunde noch ein Ausflug in die schöne Umgebung der Stadt unternommen. Die Heimreise wurde mit dem Bewußtsein angetreten, einen schönen Tag in der Gesellschaft gleichgesinnter junger Menschen verbracht zu haben, denen * an dieser Stelle nochmals für die gastliche Aufnahme und die erwiesenen Aufmerksamkeiten herzliehst gedankt sei. Das jüdische Schulwesen in Berlin. Zu dem Verständigungsprogramm,- das zum Friedensschluß zwischen dem Parteien• in der Berliner Gemeinde geführt hat, gehört auch die!Erhaltung des jjüdischeii Schulwesens. Die ״Jüdische Rundschau‘* berichtet hierüber: ..Der Schulabbau wird nicht fortgesetzt, vielmehr sollen , in baldigster Zeit fünf neue Klassen ati den Gemeindevolksschülen errichtet und nach allen Kräften allen sich meldenden jüdischen Schulkindern die Möglichkeit des Besuches einer jüdisehen Gemeindeschule gegeben werden. ־—. Hoffentlich wirkt dieses erfreuliche Vorbild, das die liberale Partei in Berlin hier gibt, auch bei den Liberalen in anderen Gemeinden nach. Es wird höchste Zeit, daß die jüdische Schulpolitik in den Gemeinden eine andere wird, die jüdische Jugend und mit ihr Gegenwart und Zukunft unserer Gemeinschaft sind durch die jetzigen Zustände allzusehr gefährdet.“ (Und in \Vion? Die Red.) Keine Amnestie für Friedhofssclmnder nnd Kurfiirstcndamm-Exzedenten. Nachdem durch den Einspruch des Preußischen Staatsrats das vom Landtag beschlossene Amnestiegesetz nicht in Kraft treten kann, ist nunmehr von den Mitgliedern der aus Deutschnationalen und Volksparteilern zusammengesetzten Arbeitsgemeinschaft im Preußischen Staatsrat der Entwurf eines neuen Ainnestiegcsetzcs ausgearbeitet worden, der den Beratungen des Verfassungsansschusses im Staatsrat als Unterlage dient. Dieser Gesetzentwurf wird voraussichtlich mit geringen Abänderungeil vom Landtag, der sich erstmalig mit ihm am Freitag beschäftigen wird, verabschiedet werden. Ausdrücklich heißt es darin, daß vom Straferlaß ausgeschlossen sind Vergehen gegen die Religion, Verbrochen gegen das Leben. Verbrechen der schweren Körporverletzung. sowie alle Taten, deren Ausführung von Roheit. Gewinnsucht oder Niedrigkeit der Gesinnung zeugt. Sollte dieses Gesetz vom Landtag verabschiedet werden, dann werden diejenigen, die wegen Schändung jüdischer Friedhöfe oder wegen gewalttätiger Handlungen gegen Juden (Kurfürstendamm-Exzesse) verurteilt worden sind, nicht unter die Amnestie fallen. 125. Friedliofsscliändiing in Deutschland. Auf dem jüdischen Friedhof in Butzweiler bei Trier wurden 15 Grabdenkmäler umgeworfen. In Chemnitz haben bisher nicht ermittelte Täter in der Synagoge Feldstraße sämtliche 24 Scheiben in der Straßenfront zertrümmert. In Dortmund drangen bewaffnete National- Sozialisten in das Grundstück der Synagoge und schossen auf den Wächter und einen hinzugekommenen Polizeibeamten, ohne jemanden zu verletzen. Ein dabei verhafteter Nationalsozialist, der mitgeschossen hat, wurde als früherer Frcmdenlegionär festgestellt. Das Reichsgericht hebt das Nürnberger Talmudurteil auf. Das Reichsgericht hat in ' seiner Sitzung vom 5. Juli 1932 der Revision der Staatsanwaltschaft Nürnberg gegen das freisprechende Urteil des Nürnberger Schwurgerichts vom 19. Oktober 1931 gegen den verantwortlichen Redakteur des ״Stürmer“, Karl Holz, stattgegeben und die Sache zur nochmaligen Verhandlung zurückverwiesen. Es handelte sich um eine Anklage wegen eines Vergehens wider die Religion, begangen durch die Presse. (§ 166 St.G.B.) Der ״Stürmer“ hatte die unflätigsten Beschimpfungen gegen dein Talmud und die jüdische Religion ausgesprochen. Hingegen wurde die Revision des Angeklagten Holz wegen einer Verurteilung zu 1500 Mark Geldstrafe wegen übler Nachrede abgewiesen. Das freisprechende Urteil des Nürnberger Schwurgerichts hatte seinerzeit über Deutschland hinaus ungeheures Aufsehen erregt uhd schwerste Beunruhigung in die jüdischen Kreise gebracht. Während der Prozeßtage in Nürnberg herrschte dort ein starker antisemitischer Terror, so daß die jüdischen Zeugen und Sachverständigen nicht ohne Bewachung die Straßen passieren konnten. Das Gericht hatte die von? jüdischer Seite erschienenen Sachverständigen nicht anerkannt und sie nur als Zeugen vernommen, während es ' den antisemitischen Pamphletisten Bischoff aus Leipzig als Sachverständigen verhörte. Der Justitiar des Landesverbandes Bayern des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, R.-A. Levinger, München, hat der Verhandlung vor dem Reichsgericht beigewohnt. Führer der regierungsfreundlichen jüdischen Pnrteien beim polnischen Premier Prystor. Der polnische Ministeppräsident Oberst Prystor empfing am Dienstag, den 28. Juni, die jüdischen Sejmdeputierten Vaclaw Wyszlickki, Rabbiner Lewin, L. Minzberg und Matlriti Jäger, die teils als Führer der Aguda, teils als Führer jüdischer wirtschaftlicher Verbände außerhalb des oppositionell gesinnten jüdischen Parlamentsklubs stehen und die Regierungspolitik unterstützen, in längerer Audienz. Die Führer der regierungstreuen Juden Polens trugen dem Ministerpräsidenten die Postulate der jüdischen Bevölkerung auf wirtschaftlichem, kulturellem und religiösem Gebiete vor und erinnerten den Regierungschef daran, daß Präsident Slavek seinerzeit das Versprechen gegeben hat, daß die Regierung die Zwangs- Sonntagsruhe abschaffen wird, wenn die!־Tage psychologisch reif zur Entscheidung sein wird. Die Zeit für die Abschaffung der die jüdische Bevölkerung außerordentlich bedrückenden Zwangssonntagsruhe, sagten die jüdischen Deputierten, sei längst reif, auch christliche Organisationen sehen die Notwendigkeit der Abänderung des Zwangssonntagsruhegesetzes ein. Die Deputierten wiesen ferner auf die Notwendigkeit radikaler Steuererleichterungen für die wirtschaftlich am Boden liegende städtische, hauptsächlich jüdische Bevölkerung hin und baten den Ministerpräsidenten, der antijüdischen Boykotthetze, die sich wellenartig über das ganze Land ergießt, autoritativ entgegenzutreten. Irn Verlauf der Unterredung wurden auch die Fragen des jüdischen Schulwesens, der jüdischen Gemeinden tt. a. m. berührt. Zum Schluß wiesen die jüdischen Deputierten auf die vom Preußischen Landtag in seiner letzten Sitzung angenommene Entschließung, das gesamte Vermögen der seit 1. August 1914 in Preußen eingewanderten Ostjuden zu beschlagnahmen, hin. Ministerpräsident Oberst Prystor sprach die Bitte• aus, ihm eine schriftliche Formulierung der mündlich ausgesprochenen Forderungen zu überreichen, er werde sich mit allen aufgeworfenen Fragen gründlich und wohlwollend beschäftigen und alles, was möglich ist, tun. Er bat die Deputierten, ihn ein zweites Mal zu besuchen, wo er dann eine deutlicher formulierte Erklärung abgeben können wird. Zu der Ostjudenfrage in Preußen erklärte Minister- Präsident Oberst Prystor: Die in Deutschland wohnenden Juden, soweit sie polnische Staatsbürger seien, können selbstverständlich auf den unbedingten Schutz der Warschauer Regierung zählen. Die polnische Gesandtschaft in Berlin habe bereits entsprechende Instruktionen erhalten. Nach der Hochwasserkatastroplie in der Moldau. Die Fluten in 11 er Moldau und in den angrenzenden Gebieten Bessarabiens und der Bukowina sind abgeebbt. Die Zerstörungen in den zum großen Teil von Juden bewohnten Städten sind sehr ׳bedeutend. Die Regierung hat vorläufig 25 Millionen Lei der Hilfsaktion für die Geschädigten zur Verfügung gestellt. König Ca 101־ ist in Jassy cingetroffou. um der Verteilung von Unterstiitzungen an. die Opfer der ■Katastrophe ])eizuwohnen. Das flache Land ist auf weite Strecken hin verschlammt, die Ernte vernichtet, ln bäuerlichen Kreisen herrscht der Glaube vor, die Flutkatastrophe in der Moldau sei eine Gottesstrafe für die Schändung der Jassycr Synagoge und die Vernichtung■ von 10 Thorarollcn durch Studenten-Mitglieder der Eisernen Garde am 23. März d. J. In Jassy hat die Ueberschwemmung noch ein jüdisches Todesopfer gefordert. Beim Versuch, Hausrat aus den Fluten zu retten, ist der jugendliche Carol Finkeistein ertrunken. Erfolgreiche Wasserbolmmg in Palästina. Jerusalem, 4. Juli. (J. 'T; A.) ln der Kolonie englischer Juden. Kerkur, die sich im nördlichen Küstengebiet landeinwärts zwischen den Kolonien Gun Schmuei und Binjamina befindet und die in ihrem 19jährigen Bestehen unter Wassermangel litt, gelang es, in 160 Meter Tief eine Quelle zu erbohren. die 300 Kubikmeter Wasser bester Qualität in der Stunde liefert. Die Kolonie Kerkur und ihre ganze Umgebung lebt mm auf und geht einem neuen Aufschwung entgegen. Wiener Spaziergänge. Von L. M. Einige Zeit!stand Wiieai im Zeichen!des Austausches. .Es!war nämlich der Rücksicht null einen amerikanischen!Austausch!) rofeasor zuzuschreiben, daß es!im Soinmersemestcr an!der Universität •erat •später als •sonst •zu Ausschreitungen gekommen ist. Dieser Austausch konnte aber nicht nur auf dem Gebiete des geistigen, sondern ■nach im politischen Leben Oesterreichs in mancher Hinsicht Beobachtet werden. Und so •haben sich beispielsweise auch die österreichischen Nationalsozialisten aus purem Mitleid •mit den unter dem italienischen Rutenbündel seufzenden Volksgenossen im!deutschen Südtirol auch ■so einem Austauschprafessor, einem Italiener aus Südtirol, verschrieben, der seinen gelehrigen Schülern alsbald .durch die Ermordung eines deutschen. Arbeiters Anselmuungsunterricht im Meuchelmord erteilt hat. Es zeigt sich also, daß nun! in Oesterreich doch nicht gar so sein׳ gegen das Ausland abgeschlossen ist, wie es den Anschein iha-beii mücilite. )Venn auch Ein- und Aus fahl־ aufs äußerste gedrosselt und der Au^־ laiiidsreiseverkehr unendlich erschwert wird, steht der Import politischer Schlagworte aas!dem Deutschland Hitlers ׳dennoch in vollster Blüte ■und die Agitatoren aus Brauuschweig und ■anderen;braunen it'roviinzeu des Reiches überschwemmen das arme Land. Die Partei Hitlers forderte mit ihrer In Oesterreich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenen Rücksichtslosigkeit, die »ich auch ,in ihrem Sprachschatz ganz wie bei umviieheigen Naturvölkern am liebsten in ■Interjektionen,!wie ״‘Heraus!“ und ״Hinaus!'‘, ,4 loch!“ niuid׳ ,.Nieder!" äußert, gleich nach ihrem ״Sieg“ vom 24. Apri| ebenfalls einen Austausch, ׳und /!war den Austausch der gesamten Volksvertretung. Da aber die Sozialdemokraten als kluge Taktiker die Forderung der Nationalsozialisten '־zu. der ihrigen machten, mußte dieser lAustalisch, der durch Neuwahlen. vor,zu nehmen gewesen wäre, zu Wasser werden, und die Oesterreicher mußten sieh vorläufig mit einem Minimal ni von Austausch, mit einer neuen ■Regierung zufrlodengebeu. An ■diesem ßesjiltat der politischen Kämpfe der letzten Monate hat es :auch nichts geändert, daß jüngst än einem Sonntag Gruppen von Nationalsozialisten vor dem Parlamentsgebäaiide!demonstrierten. Dabei■!wurden in Ermanglung passenderer Einfälle die Rufe ״Zurück I nach •Palästina!“ und ״Juda, verrecke!“ ׳ ausgestofien ' und •jüdische Passanten belästigt. Da die .Geistigkeit der Tanschinittel dieser neuesten Internationale, der Internationale der Reaktion, sich• nun aber darin erschöpft, ■daß sie die österreichische Nationalversammlung mit. ihrer .antisemitischen!Mehrheit ■mit einem ZionLstenkongreß oder einer Rabbinersynodc ■verwechseit, wird das!Resultat ihrer Bemühungen ebemfa'lls weiter;nicht wuinderne.bmen dürfen. Am!interessantesten ist aber, daß die .Demonstranten der Polizei!gegenüber ihren Radau' nachträglich als einen ,.Spaziergang" bozeichneten. Ich muß offen gestehen, daß ich mir bisher!unter einem Wiener Spaziergang Immer etwas viel Schöneres und Gemütlicheres vorgestellt!habe. Auch da ,haben wir es aber ׳,mit einer Importware zu tun, wie es vor hundert Jahren, im September 1831, die Cholera war. von.der .man sich hüherenorts auch nicht hatte vorsteilen können, wie sie trotz, aller Aibsperrungsmaßnahmen nach Wien gekommen sei. Allein ,so einfach wie einst in (China,.'wo nach!dem Zeugnis eines Schriftstellers im Jahve 1070 eine ,ganz, sonderbare Krankheit sich an den Zöpfen der ,Leute ■gezeigt hatte, die sich in!freier Luft uufihielten, :dürfte diesmal die Sache in Wien kaum abgeheu. Jene Krankheit soll in kurzer Zeit den halben Zapf verzehrt haben, ■worauf der Tod *des Individuums erfolgte. Als der damals '.herrschende Kaiser Tschaug-Lning dies erfühl־, soll er nachdrücklich erklärt haben, er wolle von einer!solchen Krankheit gar •nichts wissen — und dieser allerhöchst öffentlich bekanntgemaeilte Wille soll die Krankheit auch tatsächlich alsbald verscheucht ■haben. Wenn nun auch jetzt ■wieder so ,mancher Zopf unsanft von der neuesten Epidemie ergriffen wird,!so hilft es leider nicht, wenn die!Gutgesinnten im Lande ■erklären, daß sie von ihr!nichts wissen wollen. Gewiß kann ■nicht jede Versammlung der Nazis gleich durch eine Gegen- Versammlung beantwortet werden und in Anbetracht des Umstandes, daß!sie öihnehin wohlweislich unter Ausschluß der Oeffentliolikeit (siehe: Juden Eintritt verboten!) stattfInden, wäre das ja auch so ■ziemlich überflüssig, wenn nicht die große Masse der Wiener Bevölkerung auf!Spaziergängen, die dem harmlosen Genießen gelten, ■belästigt und durch marktschreierische politische Reklame betört würde. Es muß also doch endlich eine Form gefunden werden, wie den Lügen der!Hakenkreuzler antgegenzutreten wäre, da es jetzt nur leider allzuviele iMensahen in Wien gibt, die ge* 0 zwungen sind spazierenzugehen, und ■wenn diesen fortwährend in großer Aufmachung durch öffentlichen Anschlag vorgeschwatzt wird, welche Sünden Juden und ■Sozialdemokraten begehen, es doch nicht erst dem Leser überlassen ■werden sollte, ob ■er alle Beliauptungern kritiklos glauben will oder nicht. Nur durch ■Aufklärungsarbeit könnte ,Oesterreich in seiner Krankheit der ,ihm von außen injizierten Giftstoffe ,Herr ,wenden. Und Hand in Hand damit müßte wohl auch endlich!danach gesucht werden, wie das;Land wieder in einen Kreislauf gesunder Austauschfunktionen einbezogen wenden könnte. Es ist ja kein Geheimnis, daß die Krise keine spezifisch östcrveichische Erscheinung ist. Da s,ic sich aber in diesem Laude gerade am :schwersten auswivkt, läßt sic «ich vielleicht auch von hier aus am ehesten erkennen und heilen. Daß an der europäischen Krankheit weder Kapitalismus ■noch Marxismus schuld, beide aber auch nicht das Elixier für ihre ■Heilung idarstellen, haben schon längst die Vorkämpfer ■der Bodenreform und der Siedlu:ngsbeweg1u1g erkannt. Die Krise ist ■eine!solche des Austausches und nur pancurnpnisoüev Zusammen- Schluß könnte helfen. Wir kommen aber diesem Ideal noch immer nicht näher, trotzdem kein Alensch in Abrede stellen ,dürfte, ■daß die natürliche Regelung von Angebot und Nachfrage in erster Linie an den 1111׳- natürlichen ,Zollschranken scheitert. Die ■innerhalb jedes einzelnen Stautsweson.s vorhandenem Interessengegensätzc lassen ■aber einen Ausgleich durch bloße Aufhebung der Zollgrenzen nicht zu und während einerseits den landwirtschaftlichen Produzenten oft auf Kosten der Konsumenten ein Geschenk gemacht werden muß, das diesen wieder ■das Leben verteuert, muß der!städtischen Bevölkerung, wenn nie ,infolge solcher Geschenke an die Agrarier brotlos geworden ist, wieder ■in Form von Arbeitsilosenunterstütziiugen ein kleines Gegengeschenk himgeworfeu werden. Mit einem solchen System des Teilens aiud ■Belle 1־rsclttwerdons kann natürlich kein Teil ganz zufriedengestellt werden und alle 'Regierungskuust bestellt nur in einem geschickten Lavieren zwischen der Scylla der agrarischen und der Charybdis ׳der städtischen!Forderungen. Keine einzige Regierung aber kann es wagen, einmal ihr Staatsschiff endgültig mit. einigen kräftigen Ruder* Schlägen aus dem!gefährlichen Bereiche dieser Untiefen heraiiszuführen, da sie alle, auch dann, wenn sie dein dynastischen iHausmaditidol ■schon längst ein repu* blikanischeß ■System entgegengesetzt haben, noch immer dem Götzen der (historischen Grenzen huldigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.