Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 36 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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So wird ihnen denn auch einerseits von den Haken* krfeuzlern ständig vorgehalten, daß sie zu wenig Kampf* geist besitzen, ein Vorwurf, der gegen den Willen der Angreifenden eher einer Ehrung gleichzusetzen ist, ande* rerseits wird wieder mit der gleichen Emphase behauptet, ״daß sie Unfrieden in die Welt tragen. Selbst ein so be* deutender Geist wie Shaw konnte es nicht unterlassen, den Juden zuzurufen, sie sollten Frieden mit der Welt machen. Wohl hat er, und zwar in diesen Blättern, die . entsprechende Abfertigung erhalten: In dem kürzlich ver* öffentlichten Artikel: ״Neue Interpretation des traditio* nellen Judentums“ wird ihm ganz energisch klargemacht, •daß die ״nationale“ Religion des Judentums zum Unter* schied von allen anderen Nationalismen nicht aggressiv ist und der Jude Shaws Rat, Frieden mit der Welt zu machen, bereits längst befolgt habe. Das Judentum sei froh, wenn es in Ruhe gelassen wird, und den Juden als solchen friedliche Einstellung zur Umwelt predigen, heiße Eulen nach Athen tragen. Es ist auch tatsächlich nichts natürlicher, als daß die Juden, die ja überall in der Wett nur eine, oft un* beträchtliche Minderheit inmitten ihrer Umgebung dar* stellen, den allgemeinen Frieden befürworten, da nur ein friedlicher Zustand ihnen die Möglichkeit eines halbwegs .ruhigen Lebens und ungestörter Entwicklung bieten kann. Haben sie es doch genugsam im Laufe der Geschichte, ihrer Leidensgeschichte, am eigenen Leibe erfahren müssen, wie unruhige und insbesondere'Kriegszeiten nach •!dem alten, Gesetze von der Linie des geringsten Wider* -Standes gerade ihnen am meisten zugesetzt haben. Ebenso natürlich ist es aus dem gleichen Grunde* ״daß die Juden ׳ unter den Verfechtern der Friedens* Bewegung mit an erster Stelle stehen. Einer der hervor* ragendsteri Vertreter dieser Richtung war der Wiener Alfred־ H. Fried, dem eben wegen seiner Verdienste um den Pazifismus der Nobelpreis verliehen wurde. Wenig "bekannt dürfte es sein, daß auch der seinerzeit viel ge* nannte liberale Parlamentarier Dr. Fischhoff bereits im .Jahre 1876 einen Abrüstungsanträg einbrachte, worauf sich eine Gruppe von österreichischen Abgeordneten bildete, die den Grundsätzen einer allgemeinen Friedenspolitik zustimmte und die Einberufung einer Abrüstungskonferenz verlangte. Nun bemüht sich allerdings der genannte Friedens* .apostel Fried selbst, in seinem Werke ״Die moderne Friedensbewegung“ die These zu verteidigen, daß Kampf und Krieg zwei durchaus verschiedene Dinge seien. Kampf sei Naturgesetz, ja schaffendes Lebensprinzip, und Krieg sei nur die Kampfmethode der jeweilig höchsten Gruppen* -bildungen untereinander, verliere aber seine Geltung zwischen den innerhalb einer Gruppe vereinigten Menschen. Daran ist gewiß etwas Wahres; Krieg im militär* technischem Sinne des Wortes ist sicherlich etwas anderes als Kampf ums Dasein oder politischer Parteienkampf. Aber eines ist doch allen gemeinsam und dürfte nicht übersehen werden. Will man dem einen oder anderen entgegentreten oder wenigstens die Form und die Sitten all der Kämpfe zu mildern versuchen, dann ist eines vor allem erforderlich, nämlich die friedliche G e s i n* ajing. Aus diesem Grunde bin ich auch der Ueber* «eugung, daß der Weg zu einem allgemeinen Frieden nicht -so sehr über Beschlüsse von Körperschaften, Verträge und Konferenzen führen wird, als vielmehr einzig und allein über die ständige Einwirkung auf den einzelnen, insbesondere die Jugend, bis *Geist und Herz davon er* füllt werden und friedliche Gesinnung jedem einzelnen in Fleisch und Blut übergegangen sein wird. Denn nicht von. oben herab kann Frieden dekretiert werden; nein, nur aus «der Kultur der Gemeinschaft heraus, aus dem Bedürfnisse eines jeden Bürgers nach ungestörter Lebensarbeit kann eine öffentliche׳ Meinung und Gesinnung erwachsen, die den Krieg als eine Absurdität, als etwas Ueberlebtes .;gleich Hexenprozessen, Menschenopfern und Sklaverei wird erscheinen lassen. ' Es ist aber auch klar, daß eine derart friedliche Gesinnung keine Freude wird empfinden können an un* gezügeltem Kampf um das tägliche Brot öder an Skrupel* losem Kampf um politische Macht und Geltung. Damit wäre aber auch gezeigt, daß in bezug auf die ־gesinnungsmäßige Einstellung zwischen Krieg und ande# 1en Kämpfen nicht ein fundamentaler, sondern nur ein .'gridueUer Unterschied besteht. Wer friedliche Gesinnung - als. Merkmal .höherer . Qe.sit.tung .befürwortet, wird zum mindesten Auswüchsen bei dem einen wie dem anderen mit der gleichen Entschiedenheit entgegenzutreten bereit sein müssen. Wenn ich nun diese friedliche Gesinnung für die Juden im allgemeinen im besonderen Maße reklamiere, so sei es mir andererseits auch gestattet, auf ein Feld hinzu* weisen, wo Unsere Glaubensgenossen es noch an der wünschenswerten Zurückhaltung leider oft fehlen lassen. In den inneren Kämpfen unserer Gemeinden herrscht häufig noch ein Kampfgeist, mit dem die oben genannten» Hakenkreuzler mehr als zufrieden sein könnten. Wenn auch Temperament und lebhafte Naturanlage, attzufeuriges Interesse an sachlichen und persönlichen Einstellungen, manches erklären mag, so ist es keineswegs zu entschul* digen, daß diese Interessen so oft dem allgemeinen Besten vorangestellt werden. Das richtet sich nicht etwa gegen eine loyale Opposition, wie sie in jeder Gemein* schaft nicht nur durchaus zulässig, sondern sogar nützlich ist. Meinungskampf in diesem Sinne regt tatsächlich das öffentliche Leben nur an, verhindert Stagnation und ist auch als Kontrolle der öffentlichen Tätigkeit kaum zu entbehren. Nur soll sich diese oppositionelle Wirksamkeit im Rahmen der Gemeinschaft im Interesse des allgemeinen Wohles und nicht gegen sie vollziehen. Hier fehtt es aber eben noch an dem Verständnis für das Gemeinwohl, ohne das auch der einzelne nicht sein Gedeihen finden kann. Wie in den großen Prestigestreitigkeiten der Völker und Staaten, ist es auch in den kleineren Verhältnissen des Kampfes um Macht und Vorrang in ־den religiösen Gemeinden ein Fehler, zu glauben, daß das Wohl einer Gruppe nur durch Schädigung einer anderen zu erreichen ist. Charaktervolles Festhalten an Meinung und Gesin* nung in allen Ehren, aber ehrenvoll nur dann, wenn auch andersartige Einstellung gewürdigt oder wenigstens achtungsvoll toleriert wird. Wenn man darauf stolz ist, daß das Wort ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ aus dem׳ uralten Schatze jüdischer Ethik stammt, dann muß um so mehr die Forderung ״Achte deinen Gegner“ für unsere Gemeinschaft ihre Geltung haben. Nur dann kann diese größere Gemeinschaft, die doch einem jeden teuer ist, und auch die engere Gemeinschaft der Ge* meindegenossen, ohne welche der einzelne nicht gesichert existieren kann, im Sturme der Zeiten bestehen und ge* deihen. Dazu ist aber vor allem ein gewisser Gemein* 'g e i s t, Verständnis für das׳'Größe und Ganze, erfordere lieh. Nur in der Eintracht liegt auch hier die Macht. In kurzem wird die Judenheit nach altem Brauche die Feier des Versöhnungstages begehen. Mögen meine wohlgemeinten Worte bei dieser passenden Gelegenheit den entsprechenden Widerhall finden! Vor den Kommunaiwahlen. Den auf den zweiten Sukkostag (27. September) festgesetzten Wahlen der Gemeindevertretungen in den meisten Orten des Landes wird auch bei den Juden das größte Interesse entgegengebracht. Die allgemeinen politischen Parteien treffen bereits weitgehende Vor- Bereitungen zur Propaganda für die "Wahlen und sind bemüht, die Stimmen der Juden für sich zu gewinnen. Auch an jüdischen Wahlparteien mit eigenen Wahllisten wird es an zahlreichen Orten nicht fehlen. In vielen Gemeinden werden sogar mehrere solcher Listen eingereicht werden, zumal es nicht schwer ist, die nötige Anzahl von Stimmen zu vereinigen, um eigene, d. h. der betreffenden Gruppe vollständig genehme ,und programmatisch entsprechende Kandidaten durchzubringen. Diesen Umstand werden sich vielfach wohl auch die, ernsteren orthodoxen Juden zugute kommen lassen, um dadurch gegebenenfalls eine entsprechende und wirksame Vertretung der orthodox-jüdischen Interessen in den Kommunen zu .sichern. In jüdischen Kreisen sieht man den diesmaligen Wahlen ganz besonders unter dem Gesichtspunkte der in Bratislawa *zum g r ö ß t e n r el i gi ö s e n und wirtschafte liehen'S'chaden der jüdischen K a u f I e u t e bereits q i n'g e f ü h r t e , n 11 n cl für das ^g a n z e Land in Aussicht genommenen vollstendigen Sonntagsruhe entgegen. Die richtige Vertretung des Standpiinktes der orthodoxen Juden in dieser Frage in den einzelnen Kommunal Vertretungen ist von größter Wichtigkeit und kann für den Enderfolg entscheidend werden. ‘ Von äußerst wichtiger Bedeutung ist auch für die Frage der Sonntagsruhe wie für manche andere Anliegen der Judenschaft die Gestaltung des Verhältnisses der jüdischen Wähler zu den allgemeinen politischen Parteien in ihrem Orte, sofern es sich nicht um programmatisch judenfeindliche Parteien handelt. Denn vorwiegend von ihrem guten Willen und ihrem Verständnis für die religiöse Ünbedingtheit des orthodoxen Judentums hängt auch die Stellungnahme der Regierung und der anderen entscheidenden Faktoren zu den Wünschen der religiösen Juden in einem demokratischen Staate» wie der unsere ist, ab, Und wir wissen, daß ein solches Verstandnis sehr oft sogar solchen Politikern abgeht, die ihrer Geburt und ihrer inneren Neigung nach zur jüdischen Gemeinschaft gehören wollen» Deshalb auch sollte man bei diesen Wählen noch weit mehr als früher darauf achten, daß die jüdischen'Interessen nicht auf Irrwege geleitet werden.. So zum Beispiel scheint es, daß die zionistisch-nationalistische ,,Jüdische Partei“, deren Präsident jetzt der bekannte extreme minderheitsnaiionalistische 'Zionistenführer Dr. Margtities ist, wie aus einer Kundgebung in der ,jüngsten Nummer ihres offiziellen Presseorgans hervargeht, sieh nunmehr auf die Schaffung von Ausnahmsgesetzen für sabbathaltende Kaufleute versteift, wahrend sie von der Erhaltung oder der Rückerringung des Status quo im vollen Umfange oder vorläufig mindestens für einzelne Branchen gänzlich abgekommen ist und ihn sogar für ״ungerecht“ deklariert. Wir lesen darüber dort folgendes: ״Wir machen •die führenden Faktoren aufmerksam auf die Konsequenzen und auf die riesige Verantwortung, die sie auf sich nehmen, dadurch, daß sie mit Aufopferung des!Prinzips der!Sonderstellung der saibbathaltenden KatiJleute einigen Branchen die Ausnähme ׳ von der Sonntagsruhe erkämpfen wollen, ohne Rücksicht darauf, ob das Juden oefer .Christen sind, und ohne Rücksicht darauf, ob das Kauf leute sind, die Samstag gesperrt haben oder nicht. Dieser Standpunkt, ist ungerecht und fiir das Judentum ungenügend, außerdem aber — unmöglich! lAuif diesem Wege läßt sich kein Erfolg erzielen. Die sozialdemokratische Partei und auch andere Faiktoren müssen an dem absoluten!Ruhetag festhalten. Anderseits, ist es ober auch keine Lösung für, die sabbathaltenden Kaufleute, wenn Kauf leute, die den Samstag nicht halten, einen ״zufälligen Vorteil haben sollen, weil sie •zufällig einer 1bestimmten Branche angehören.“ ׳Nun, wir wissen, daß es :recht zahlreiche!jüdische »und auch niohtjüdisohe Kaufleute■!und Gewerbetreibende in diesem Lande gibt, die hierüber anders denken .und es für die verkehrteste Politik der Welt halten, die Juden in der Frage der Sonntagsruhe-Angelegenheit zu isolieren und ihre Wünsche in das enge Sackgäfichen der Sondergesetze fiir säbbathaltende Kaufleute ihineinzuzwängen, wenngleich sie auch diese entfernte »Möglichkeit für einen der Wege halten, die man für den Fall eines Umschwunges der politischen Geister in unserem Lande im Auge!behalten soll. In Bratislava wird diesmal, wenn die Zeichen nicht trügen und ■nicht noch'.in■ letzter Stunde Aenderungen eintreten, die religiöse Judenheit ׳mit einer einheitliehen Liste zur Wahlurne schreiten. Die Verhandlungen zwischen, der ״Partei der orthodoxen Juden“, die auch schon ,!bei der vorigen Wahl selbständig kandidierte lind eine ׳recht hohe Stimmenzahl errungen hat, und »der Gruppe von Kalifleuten, die sich vor etwa einem halben Jahre zu einem ״Verband der sabbathaltenden Kaufleute“ zusammensdiloß, wegen Schaffung einer ״W a 11׳ l g e m e »i n s c h a f t“ zwecks Aufstellung einer gemeinsamen Wahlliste und der ,gemeinsamen Vertretung der Interessen der religiösen Judenscliaft in der Sonntagsruhe-Angelegenheit sind bei Schluß der Redaktion dieser Nummer schon sehr weit gediehen ׳und so gut wie endgültig abgeschlossen. Außerdem wird wohl auch die ״Jüdische Partei“ unter Vorantritt des Abgeordneten Dr. Reiß diesmal wieder kandidieren. Zeitungsaneldungen zufolge!sollen auch die Jüngeren unter den Zionisten entschlossen sein, eine separate ״zionistischsozialdemokratische“ ,Wahlliste einzureichen. Anderen, noch unbeglaubigten, Meldungen!nach soll auch׳ 'der älteste zionistische Verein Bratislavas, der ״Ahawath- Zion-Verein“/,'.. selbständig kandidieren wollen. Das Hilfswerk für die Jeschiwoth. .Der 17. Elul cl. J. war und bleibt für alle diejenigen, denen die Erhaltung unserer Jeschiwas ein Problem ernster Sorge ist, ein Tag froher Befriedigung. Äh diesem Tage trat in Bratislava der Verein ״Ma c h s i k e H a j e s c h i w o t!h“ zu seiner ersten Jahresversammlung zusammen. Es war allerdings an Zähl ein kleines Häuflein von Männern, das da einige Stunden beisaihmensaß, um über die Institutioheri des Th'oTalernens, die Jeschiwoth, in der Slowakei zu beraten und nach Wegen und Mitteln zu ihrer Erhaltühg zu suchet!. Aber man war nun endlich beisammen und man!beratschlagte, in einer Körperschaft vereinigt, ernst und sachlich über eine Frage, die bis jetzt ih unserem Uande außer deii diversen Jeschiwa-A'kiicihen der Agudas Jisroel nur gute Wünsche und hie und da auch noch tiefe Schhierzeusseufzer, niemals aber entsc'H 1 qss en e it, o r g a hi• s a t a r i!sc he n Will en ׳Vz.hr h e 1 f e 1! clen Ta t ahslöste. Das Faktum, ■<jaß der vor genau einfem Jahre, votpehmUch auf Initiative Sr, Ehrw. des Herrn Oberrabbiner M. Eckstein in Serld, mühselig ins Leben gerufene Verein ״Machsike Hajesehiwoth“ zur zweckdienlicheh Finanzierung der slowakischen Jeschiwoth schoh wirklieh besteht und nach einem Jahre einleitender und aufklärender Arbeit nicht nur seinen BestanldJ als , gesichert ansieht, sondern bereits auch auf p!• a ktische Erfolge in der Hilfsarbeit zurückzubücken vermag, ist auch an sich schon so erfreulich, daß ׳man den Initiatoren und Leitern dieses Vereines für ihre Leistung vom Herzen