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Jüdische Presse · 1931-04-24 · 16 (24.4.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
17 (1931)
Issue
16 (24.4.1931)
Date
1931-04-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE Seite 2 Nr. ן ft Fein* *Butter! AuHJrotgestrichen v p r t u er ,1 i c h! Administrative gerechte Bcrücksichtiuuni־ der Ei.eenart dieser Minorität gesichert ist. Gelingt es dagegen. die Administrative zur Durchführung der Gesetze im Sinne weitester Schonung der Mindcriieitsindividualitatcn zu?)ringen, dann erst verliert das Brot der Minderheit seine Bitterkeit, ohne daß deswegen die Mehrheit der Genug» tuung entraten müßte, daß sie es ist, die dem Lande seine Prägung verleiht. Auf die Durchführung der Gesetze kommt es an, nicht aber auf ihren Wortlaut. Von nationalsozialistischer Seite wird neuerdings (Heinrich Jarckc in der ״Literarischen Welt“ vom 30. Jänner 1931) versucht, in dem mosaischen Staatsidcal eine Art theoretischer Uebcreinstimmtmg mit dem romantischen jungdoutschen Tdeal eines mittclaltcrlichsfcudalen Wehr» und Lehensstaates zu finden. Bei näherer Betrach־ tung stellt sich aber gar bald der Scheincharakter dieser ganzen Geschichtskonstruktion heraus. Denn abgesehen davon, daß nur da Wehrhaftigkeit am Platze ist, wo es Angreifer gibt, und doch lieber mit dem Pazifismus die Angriffslust hinweggeräumt als eine in ihren Auswir־ kungen sehr fragwürdige Wehrhaftigkeit gesucht werden sollte, ist cs doch wirklich nicht dasselbe, wenn zwei das־ selbe tun. Das mosaische Agrargesetz mit seiner gleichmäßigen Verteilung von Ackerboden für je fünfzig Jahre kann unmöglich mit einem Lehenswesen, das dem einen alles, den! anderen aber gar nichts gibt, in eine Linie gebracht werden. Noch weniger ist dies aber möglich, wenn man weiß, wie die Thora nimmer müde wird, Rück־ siclitnahme, ja sogar Liebe gegenüber dem fremdstäm־ migen Landinsassen zu fordern. Wer da noch Aehnlich־ keiten oder Analogien erblicken kann, muß schon eine gehörige Portion Blindheit besitzen, da gerade diese Rücksichtnahme das ist, was wir als das ideal der admini־ strativen Gerechtigkeit erkannten. Gäbe es diese Gerech־ tigkeit, so könnte es auch ohne jedwede Acnderung der bestehenden Gesetze — nicht mehr Vorkommen, daß beispiekswei.se die Schüler jüdischer Untcrichtsanstaltcn, wenn sie Sonntags die Schule besuchen, dafür in der Weise bestraft werden, daß sie nicht zum ermäßigten Fahrpreis befördert werden. Die Exekutive müßte im modernen Staate von Uniformität des öffentlichen Lebens abschen und der lebendigen individuellen Mannigfaltig־ keit Raum zur Entfaltung gönnen; in solchem Geiste könnten dann aber auch den sabbathhaltenden Kauf־ leuteu sehr viele Erleichterungen der Sonntagsruhe ein־ geräumt werden. Die!,'rage der Erhaltung des Sabbath bildet gegen־ wärtig nicht ohne Grund die Hauptsorgt.' des gesetzes־ treuen Judentums, und diese Sorge wird noch durch die drohende Einführung der Kalcnderrcform erschwert. Mit Recht legt man sich die bange Frage vor, wie das Juden- .tum wohl in der neuen Ordnung, wenn nicht mehr der Samstag, wie bis dahin sein Name schon in allen Spra־ eben besagte, mit dem Sabbath gleichbedeutend sein soll, bestehen könne. Eine ähnliche Erschütterung hat das Judentum in seiner bisherigen Geschichte wohl nicht ein־ 'mal in dem Augenblick erlebt, als die erstarkte Tochter־ religion den Sabbath offiziell auf den Sonntag verlegte. Und dennoch kann, wenn man die Konsequenzen dieser geplanten Reform ganz genau ins Auge faßt, auch da ein leiser Hoffnungsstrahl nicht gut übersehen werden. Denn wenn nun tatsächlich in jedem Jahre der Sabbath mit einem anderen Tage der Woche zusammen fallen sollte, dann muß er ja in jedem siebenten Jahre dem Sonntag entsprechen. Den Schomre Schabbos würde also in, jedem siebenten Jahre wenigstens jede Benachteiligung erspart und gegenüber dem heutigen Stande der Dinge würden sich ihre Sonderlastcn um ein Siebentel verringern. Schon rechnerisch ergäbe sich damit ein gar nicht zu verachten־ der Vorteil, dem gegenüber der Nachteil, der in der alljährlichen Verschiebung des Sabbath liegt, kaum ins Gewicht fallen kann. Durch diese fortwährende Verschic־ büng würde in rein religiöser Hinsicht sogar ein neuer Impuls gewonnen, neues Leben, neue Bewegung würde in ein jetzt in ausgefahrenen Geleisen laufendes Getriebe gebracht, die konservativste Gemeinschaft alljährlich ,radikalsten Veränderungen unterworfen. Jedes Jahr , müßte aufs neue der Schöpfungssabbath von seinen Be־! kennern errungen, als Demonstration gegen allen Mate־! rialismus neu deklariert werden. Was also Juden und : Judentum auf den ersten Blick den Garaus machen zu; wollen scheint, würde — ein gewaltiges Garn su leto־! wah — in Wirklichkeit das größte Zeugnis für. die Ewig־׳! keit des Sabbathideals, ein herrlich lautes Bekenntnis, . einen Kiddusch' ha Schabbos als Kiddusch ha Schein 1 ergeben. Und wenn dann einmal das heutige starre ' System, in dem Sabbath und Sonntag nie zusammenkom־; men können, da die Nacht zwischen ihnen zu tief ist,; durchbrochen wird, dann ist auch noch ein ungeahnter Aspekt möglich, die Hoffnung und die Gewißheit nämlich, i daß’ die Völker der Erde von der Uebcrzeugungskraft eines von solch reinen Idealen getragenen Judentums, ein־ ■ mal nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten mitgerissen, beschließen, den ewigen Sabbath zu dem ihren zu machen. Schon der gute, alte Rasclii wußte, daß es keinen Weg gibt, der nicht seine Krümmungen hätte, und so kann auch sehr leicht eine Reform, die ein Todesurteil des Judentums zu werden schien, Wegbereiterin einer Ent־ wicklung zu Völker־ und Menschenversöhnung werden. L. Moses. Spendet für den Kindergarten und Jessode Hathora der Adas Jisroel, Wien, II., Nestroygasse 11. *®otfls -a.lßauphcfuA für finalen. 1!11mm111m111111f11111mmu A.US Uli Aufruf prominenter Schriftsteller und Wissjnschaftler des Heiligen Landes gegen die öffentliche Entweihung des Sabbats. In der hebräischen Presse Erez Israels ist ein Auf־ ruf jüdischer Schriftsteller und Wissenschaftler veröffent־ licht worden, der ein wichtiges Dokument unserer Zeit darstcllt. Der Aufruf sagt u. a.t ״Mit Bestürzung sehen wir den Mißstand, der durch die Sport־ und Turnvereine cingerissen ist, die ihre Spiele und Wettkämpfe an Sabbaten und Feiertagen abhaltcn. Die Entweihung des Sabbat in großen Siedlungen unseres Landes in aller ()Öffentlichkeit ist wie ein Auflehnen der Gemeinschaft gegen die Heiligkeit des Sabbat, das Erb־ gut der Nation, und droht, das Bild des Sabbat zu trüben, für dessen Heiligkeit alle früheren Generationen ihr Leben hingegeben haben. Die Tage der Heiligkeit und Ruhe sind es. die unserem Volke die übernatürliche Seclcnstiirke (Ncsehamah Jctcirah) für alle Tage der Woche gegeben haben, Kraft und Festigkeit, das Judentum mit der ganzen Hingabe der Seele zu erfüllen. Die Heiligkeit jener Tage weicht vor keinem fremden Ziele und Zweck, wie sic auch niemals und nirgends zuvor im Kampfe uni Leben und Existenz unserer Väter verdrängt worden ist. Wir verlangen von den Führern der Vereine, daß sic ihre Spiele und Wettkämpfe nicht an Sabbat und Feier־ tagen ansetzen, wir verlangen von den Spielern, daß sie sieh an den Spielen nicht beteiligen, und vom Publikum, daß cs nicht hingeht und zusehaut. wie das Heilige ent־ weiht wird. Wir wünschen, daß die Spiele und Wett־ kämpfe auf einen Tag in der Mitte der Woche gelegt werden.“ Eine arabische Antwort. Das Organ des Großmufti ״Jamea el Arabia“ ver־ öffentlicht eine Antwort auf den vom Führer der paliisti־ nensisehen Agudas Jisroel Rabbi Sonnenfcld an alle Teile der palästinensischen Bevölkerung erlassenen Friedens־ auf ruf. ״Sind die orthodoxen Juden Palästinas bereit, sieh gegen den Zionismus zu erheben, gemeinsam mit den Arabern diese schädliche Bewegung zu vernichten und so den Frieden im Heiligen Lande wicderhcrzustcllen? Wenn dies nicht geschieht, dann sind Araber und Juden dazu verurteilt, unter dem Zionismus zu leiden.“ Mord am Pessach. Am Ostersonntag wurde eine Gruppe jüdischer Ar־ beiter in der Nähe von Haifa aus dem Hinterhalt von Banditen überfallen, die zwei Männer und eine Frau nie־ dcrschossen. ’ Bestürzung und Trauer sind allgemein. Die Ermordeten sind in der Arbeitersiedlung Jad Jur bei Haifa unter starker Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt worden. Er handelt sich um einen wohlvorbereiteten An־ schlag. Eine Provokation lag nicht vor. Die Polizei hat für zweckdienliche Mitteilungen eine hohe Belohnung aus־ gesetzt. Wahrscheinlich ׳'־.waren die Mörder, denen man auf, der Spur ist, von arabischen Politikern gedungen. Heute wie dazumal . . . Wenn, im mittelalterlichen Abendland das ״ausge־ beutete Volk“ die ״jüdischen Blutsauger“ wieder einmal totgcschlagcn oder davongetrieben hatte, so mußte es nicht selten die Erfahrung machen, daß cs aus dem Regen in die Traufe gekommen war. Sittenprediger und Geschichts־ Schreiber berichten nämlich immer wieder, daß die Christen — heute würde man sie die weißen Juden nennen — cs noch schlimmer trieben als die jüdischen Wucherer, und es soll vorgekommen sein, daß man sich seine Juden als das kleinere Llehcl zuriickholtc — wenn sie noch am Leben waren. Achnliches spielt sich, wie die Jüdische Tclcgra־ phcn־Agentur meldet, zurzeit in Palästina ah. Durch die AugustUnruhen im Jahre 1929 wurde auch die jüdische Kolonie in Nazareth vernichtet. Ueber die Folgen klärt nunmehr ein Aufruf von zehn hervorragenden mohamme־ dänischen und christlichen Arabern in der arabisch ge־ schricbenen jüdischen Zeitung ״Al Salaam“ auf. An die ״Jüdischen Vereinigungen“ wird der Appell gerichtet, den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Stadt Nazareth durch־ zuführen, die jetzt dort ansässigen Händler, die über־ tricbcnc Preise fordern, aus ihrer dominierenden Stellung zu verdrängen und den Kampf gegen die arabischen Geld־ Verleiher und Wucherer aufzunchmen. Wie in dem Aufruf ausgeführt wird, hat die Bevölkerung von Nazareth viele Jahre hindurch immer wieder ihre Stimme gegen das Trei־ ben der Geldverleiher in dieser Stadt erhoben. Sie hat sieh von Zeit zu Zeit vergeblich an die Behörden um Ab־ Hilfe gewandt und ist nunmehr zu der Erkenntnis gekom־ men, daß die Einwanderung von Juden die einzige Mög־ liehkeit zur Rettung der Stadt darstellt. Jüdische Höhlenbewohner. Die ״Neue Freie Presse“ brachte vor kurzem den Bericht eines österreichischen Reisenden, der in Tripolitanien jüdische Troglodyten, die unweit des Ortes Garrian, des Sitzes des Militärkom־ mandos von Siidtripolitanicn ihre Behausungen haben, fand. Diese jüdischen Höhlenbewohner sind zwar schon einige Male entdeckt worden, aber es ist immerhin interessant, wieder zu hören, wie sie leben. Die Erdlöcher haben zylindrische Form, einen Durchmesser von etwa zehn Meter und gehen etwa fünfzehn bis zwanzig Meter in die Tiefe. Nach einigem Suchen erst findet man den Zugang, der an einer unauffälligen Stelle angebracht ist. Mehr kriechend als aufrecht gehend gelangt man durch einen ge־ wundenen Gang, der durch einige Stollen Lieht und Luft erhält, an den Grund des Erdloches und steht vor dem Eingang zur Behausung. Jede Höhle bietet für zwei Familien Unterkunft. Die Räumlichkeiten sind einige Meter tief in den Felsen gehauen. Eine Tür gibt es selbstver־ stündlich nicht, das Eingangsloch ist mit einem Fetzen behängen. Auch Mobiliar in unserem Sinne ist unbekannt. Zum Lagerplatz dient die nackte Erde, in einem Winkel ist der Kochherd hergerichtet, in einem anderen sind die Haustiere, Hühner, Schafe, Ziegen, mitunter ein Esel, v.ntergebracht. Diese Höhlen werden hauptsächlich von Juden bewohnt. Wieso und seit wann sich hier eine jüdi־ sehe Kolonie in Höhlen angesiedelt hat, wissen die Leute selber nicht. Ihr Rabbi erzählt, daß ihre Vorfahren nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem hieher geflüchtet seien und seit dieser Zeit hier ungestört leben, Ihre Zahl macht einige hundert aus. Sie beschäftigen sich mit der Gewinnung von Olivenöl, Viehzucht und Ackerbau, die Frauen erzeugen Teppiche, Burnusse und Schale, die wegen <r*r |j iiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin ,Y W CH• 111111m11((11111111111111111(1(i1t ihrer feinen Wehart besonders geschätzt sind. Das allge־ meine Bildungsniveau dieser Höhlenbewohner ist ziemlich niedrig. Ihr Um und Auf ist der Talmud, dessen Studium sie ihre ganze freie Zeit widmen. Voll Stolz zeigt der Rahhi den Tempel mit der Thora, die augenscheinlich ein sehr ehrwürdiges Alter hat. Der Tempel ist gleichfalls in einem solchen Erdloch untergebracht und sicher nieht viel weniger als zweitausend Jahre alt. Vor einigen hundert Jahren ist er, wie die Leute erzählen, von feindlichen Arabern in Brand gesteckt und teilweise eingeäschert worden. Er ist zwar nicht wieder restauriert worden, bildet aber nach wie vor den täglichen Sammelpunkt. Acußcrst genügsam, im Frieden mit den arabischen Nachbarn, die zum Teil gleich ihnen in Höhlen wohnen, leben sie dahin und wissen kaum etwas von der übrigen Welt. Nur ganz wenige sprechen einige Brocken Italienisch, Unter den Frauen findet man einige geradezu klassische Schönheiten. Gastfreundlich bieten sic dem Besucher Kaffee oder Obst an und weisen mit sichtlichem Stolz ihre sclhstgewebtcn Stoffe vor. Soweit der Bericht, an dem wir freilich nicht umhin können zu bemerken, daß wir das allgemeine Bikhmgs־ niveau dieser Höhlenbewohner nicht so niedrig einschätzen können, wenn ״ihr Um und Auf der Talmud ist. dessen Studium sie ihre ganze freie Zeit widmen“. Ja, diese tripoli־ tanischen Juden könnten vielleicht sogar mit Scume sagen: ״Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen!“ Lehrerstreik in Palästina? Die für den 12. April angesetzte Wiedereröffnung der hebräischen Schulen in Palästina nach den Pessach־ ferien konnte infolge der Weigerung des hebräischen Lehrerverbandes, die Verhandlungen über Gehaltsredu־ zicrungcn fortzusetzen, nicht stattfinden. Der Lchrerver־ band fordert, daß die Frage der Gehaltsreduktion durch ein schiedsrichterliches Verfahren geregelt werde. Die Exekutive der Jewish Agency hat diese Forderung mit dem Hinweis darauf, daß die Reduzierungen der Lehrergehälter in den Rahmen der allgemeinen Gchaltsreduktionen Fallen, ahgetehnt und erklärt, daß sie Vorschläge auf ein sehieds־ gerichtliches Verfahren hei gleichzeitiger Streikandrohung nicht akzeptieren könne. Die Lehrer haben am Sonntag vormittag das Anerbieten des Waad Leumi, für den Fall, daß die Schulen wieder eröffnet werden, zwischen den beiden Parteien zu vermitteln, zurückgewiesen. Sonntag, den 12. April, abends, fand eine Sitzung des Waad Leumi statt, um zu dem drohenden Streik, der sich auf 258 Schulen und Kindergärten mit 897 Lehrern und 22.533 Schülern erstrecken würde, Stellung zu nehmen. An der Sitzung nahmen auch die Mitglieder der. Palästina־ Exekutive der Jewish Agency, Colonel Kisch und Dr. Wer־ ncr Senator, teil. Der hebräische Lehrerverband gibt he־ kannt, daß die Lehrer seit Dezember keinen Gehalt erhalten haben und daß die PaIästina־Exekutivc dem Pensionsfonds der Lehrerschaft 5000 Pfund schuldet. Die Sitzung des Waad Leumi am .Sonntag dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Das Präsidium des Waad Leumi setzt seine Vermittlungsaktion fort. Das Erzichungs־ department der Jewish Agency erwartet, daß in einigen Tagen die Wiedereröffnung der Schulen möglich sein werde. Ein Stimmungsbild. Unser T. .!.־Korrespondent schreibt: In der Weihnachtsnaeht ist mir die Unchristlichkeit Jerusalems besonders stark zu Bewußtsein gekommen. Ich versuchte einigen Leuten aus Europa die ״Heilige Nacht" Jerusalems zu zeigen, fand aber nichts■ als eine kleine Mitternachtsmesse in einer unbedeutenden Kirche der alten Stadt, an der Baracke der Y. M. C. A. ein. paar Glühlampen und zwei über Gebühr betrunkene englische Soldaten in einer der hundertprozentig stillen Straßen von Jerusalem. Schließlich kamen wir aber doch auf unsere Kosten, denn wir strichen stundenlang durch die nächt־ liehe Altstadt und landeten schließlich in jenem uralten arabischen Kaffeehaus zwischen dem arabischen und dem jüdischen Sit, das wir seit Jahren das ״Kaffeehaus zum listigen Kreuzritter“ nennen. Bald setzte sieh ein alter bärtiger Araher in schwarzer Chalate und feuerrotem Gürteltuch zu uns, indem er uns mit dem durchaus nicht arabischen Worten ״An gitten Uvcnd, rabbotei“ (einen guten Abend, meine Herren) begrüßte. Was dann folgte, war ein Wortschwall in einem glänzenden, galizischen .Jiddisch. Es stellte sich heraus, daß dieser Mann, der natürlich Mahmut heißt, seit dreißig Jahren Schabbesgoy in der großen Synagoge und im jüdischen Bazar zu Hause ist. Er erzählte uns Geschichten von den großen Rabbanim der letzten dreißig Jahre und ebenso interessante Ge־ schichten aus der Türkenzeit. Als er dann ein Glas Wasser trank, sprach er die hebräische Segnung darüber wie ein orthodoxer Jude. Weihnachten in Jerusalem! Jerusalem ist eine merkwürdige Stadt. Religiöse Reform als Mittel zur Erhaltung der jüdischen Religion ln Rußland. Auf dem vom Apikorsim־Verband einberufenen ersten antireligiösen jüdischen Kongreß wurde über die von den religiösen (?) Juden zur Erhaltung des jüdischen Glaubens in Rußland ergriffenen Maßnahmen berichtet. Diese bestehen vor allen! in einer weitgehenden religiösen Reform, ln den Lcningrader Synagogen wurden gemischte Chöre eingeführt und die bisherige gesonderte Sitzordnung für Frauen und Männer aufgehoben. Die Frauen erhielten aktives und passives Wahlrecht in die Synagogenvorstände, ln den Kleinstädten wurden allgemein und unentgeltlich zugängliche Chedarim eröffnet. Den jüdischen Kolonisten folgen wandernde Prediger, Schächter und andere Funk־ tionäre in ihre neuen Niederlassungen und richten transportable Synagogen ein. Alle Rabbiner der Sowjet־ Union sind bereit, im Interesse der Erhaltung der jüdischen Religion eine Reihe von Vorschriften und Riten zu opfern. Naeh Annahme einer Resolution, in der die Ent־ sohlossenheit zur Fortführung einer rastlosen Kampagne gegen die jüdischen Kleriker und alle jüdischen Institu־ tionen zum Ausdruck gebracht wird, wurde der erste anti־ religiöse Kongreß geschlossen. sind seit 1870 die besten FabriK: Wien, XV., Staglgasse 10 bei Mariahilferatr, 145) Tel, R-35-8-47 und R^3Q-5-38 Fiiiales Wien VW, Burggasse 1?, Tel. B 32*3*80 ^99999999^

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