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Jüdische Presse · 1931-04-01 · 13-14 (1.4.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
17 (1931)
Issue
13-14 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE Seite 2 .Nr. n/14. kaum einen denkenden orthodoxen Juden gehen — die orthodoxen Kultusvorstcher miteingeschlossen — der nicht bestürzt über das Resultat dieser zehnjährigen orthodoxen Mitarbeit und Mitverantwortung wäre. Dabei wollen wir diese Tätigkeit nicht engherzig auf Grund des erzielten Erfolges bewerten. Kläglich ist die Rolle der Orthodoxie im Schoße des Kultusvor- Standes, weil ihre Vertreter selbst ziellos, systemlos um! planlos dastehen. Sie wissen selbst nicht, wofür sie eigentlich von den orthodoxen Massen Wiens in den Kultusvorstand delegiert wurden. Einmal hieß es. daß die orthodoxen Vertreter nur deshalb im Kultusvorstand sitzen, um die Zionisierung und Sozialisierung der Wr. Kultusgemeinde zu verhüten. Ein anderes Mal, 11m Angriffe auf die Orthodoxie abzuwehren. Und schließlich heißt es, man könne doch bei der Kultusgemeinde für orthodoxe Institutionen und für orthodoxe Petenten etwas herausholen. Wahrscheinlich sind alle diese Begründungen richtig und alle diese Motive wichtig genug, um orthodoxe Vertreter in den Kultus- Vorstand zu entsenden. Wir bedauern aber, daß die orthodoxen Vertreter es nicht verstehen, ein klares orthodoxes Programm zu entwerfen. Wir bedauern, daß die orthodoxen Vertreter nicht verstehen, für die programmatischen Forderungen der Orthodoxie in der jüdischen Ocffentlichkeit in einer auf der Höhe stehenden Presse, in Schriften und in Volksversammlungen zu werben. Wir bedauern, daß die orthodoxen Vcrtreter es kaum der Mühe wert finden, ihre Wähler selbst aufzuklären, ihnen von Zeit zu Zeit über ihre Tätigkeit, über ihre Erfolge und Mißerfolge Bericht zu erstatten. Wir beklagen all diese Unterlassungen gerade deshalb, weil wir überzeugt sind, daß , die Orthodoxie berufen wäre, am Umbau der Kultusgemeinde zu einer lebendigen jüdischen Gemeinschaft hervorragend mitznarbeiten. denn auf die Dauer wird es kaum möglich sein, daß nahezu 90 Prozent der gesamteu jüdischen Jugend in Wien ohne Wissen um, das Judentum, ohne die Fähigkeit.. einen jüdischen Buchstaben zu lesen, aufwachsen. Das U e b e r w i e g e n der Sterblichkeit ü b e r d e n n a t ü r I i c h e u Z u w a c ,1» s: d i e U n t e r b 1' nd 11 n g d 1' 1• Z u w a n tl e 1־ u n g a u s d e 1• 1• e 1 •i g i ü s kfl׳nße ■1־ v a t i v e n tP r o vi 11 z: d e r 1s c. 11 ii d 1 i c .11!י E i n f I u ß d e r G r o ß s t a dt auf die ■J u g e n d u n d nicht zuletzt die absolute Unzulänglichkeit der bisherige n L eist u 11 g e 11 d e r K u 1- 111 s g e m e i n d e a u f d c m Gebiete d e r Jage n de r z i e 1111 n g haben sc h o n 1! e 11 tc ein e n Z ustand geschaffe n. d e v j c d e u. d e r Einblick i n die i n nerc V e 11 ־ n s s u n g d e r h ö r a!1 w a c h- וווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו!ווווווו! Gegründet 1882 Gegründet 1882 Yenitheningsbestaail Ende Jani 1930 2490 Millionen Shilling Garantiemittel Ende 1929 .300 Millionen Sdiilling j Prämien- und Zlnsenelnnadmen im Jahre 1929 125% Millionen Sdiilling Tätigkeitsfeld der Gesellschaft:! Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische | Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, I Italien, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- | land, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten | ... senden Gene r a tio 11 g e w i n n t. mit G r n u e n erfüllen m 11 fi. Wo bleiben da die orthodoxen Vertreter, welche die verantwortlichen Führer der Kultusgemeinde auf dieses große Abstcrben unserer Jugend laut, eindringlich und unabweisbar aufmerksam machen? Dabei muß wohl anerkannt werden, daß die Kultusgemeinde in der richtigen Erkenntnis der tragischen Situation unserer heutigen jüdischen Jugend b eu e 11 t e n s w orte A n s t r e n g tl n g c n macht, um durch Jugendgottesdienste, Festveranstaltungen und Zusammenkiinfte das Interesse der Jugend und ihrer Eltern für das Judentum, für den religiösen Inhalt unserer Feste zu wecken. Wir anerkennen diese Loistungen als den Ausdruck eines guten Willens, müssen aber gleich feststellen, daß ganz andere Anstrengungen, ja ein radikaler U m s c h w u n g des ganzen Jugend- Unterrichts vonnöten wäre, wenn Erfolg, dauernder Erfolg erzielt werden soll. Und da könnte, da müßte die Orthodoxie den Kampf für die Erzwingung dieses radikalen Umschwunges auf dem Gebiete der Jugenderziehung führen. Dereinst werden die Vertreter der Orthodoxie im Wiener Kultus Vorstände für diese grobe Vernaeblässigung ihrer' Piliclilö'u dem jüdischen Kinde gegenüber von der Geschichte zur Verantwortung gezogen werden. Aber nicht nur auf dein Gebiete der Jugenderziehung wird von orthodoxer Seite gesündigt. Unser Zeitalter wird hauptsächlich von Wirtschaftslagen beherrscht und das Sabbatproblem ist eine der wichtigsten Aufgaben orthodoxer Vertreter in der Großstadt geworden. Nun. in Wien existiert ein Sabbatschutzverein: wir hören recht viel von Aktionen beim Völkerbund, um eine für den Sabbat nachteilige Kalenderreform zu verhüten, wir hören aber nichts, ganz und gar nichts davon, was die Vertreter der Orthodoxie bei der großen Wiener Kultusgemeinde für den Sabbat leisten. Wie schaut es aus in den Anstalten und Institutionen der Kultusgemeinde? Da ist zunächst das Spital der Kultusgemeinde. Wir müssen zwar freudig anerkennen, daß die Spitalküche, streng rituell geführt wird, daß man auch darauf achtet, daß weder Patienten noch Besucher durch Sabbatrauchen den heiligen Sabbat entweihen. Auf allen Gängen sind diesbezügliche Aufschriften zu lesen. Nur das eigene Spitnlpersonal, die Verwaltung und die Aerzte sind hievon ausgenommen. Sie stehen über dem Gesetz. Wir fragen daher unsere orthodoxen Vertreter, was sic behul's 1 leilighaltiing• de« ׳Sabbats in <1011 likstitutionen der Wiener Kultusgemeinde bisher veranlaßt haben. Ebenso ist die orthodoxe Ocffentlichkeit neugierig, zu erfuhren, wieviel Neuanstellungen im Beamtenstand und der Angestelltenschaft der Israelitischen Kultusgemeinde in den letzten zehn Jahren vorgenommen wurden und wieviele Neuaufnahmen Angehörige der Orthodoxie, bzw.' Sabbathaltendc betrafen. Ebenso gerne möchte man Aufschluß darüber bekommen, inwiefern sabbathaltende Gewerbe- und Handeltreibende bei Vergebung von Arbeit und Lieferungen bei der Kultusgemeinde berücksichtigt werden. Alle Achtung vor Völkerbundaktionen für den ,Sabbat, aber sauerschwere Arbeit um den Sabbat in Wien und bei Wiener jüdischen Instunzen ist unseres Erachtens mindestens so wichtig־. All dies sind Fragen, die für die Orthodoxie in Wien lebenswichtig sind. Unsere orthodoxen Vertreter sollten endlich nach zehn Jahren nachdenklich und gemeinsam mit ihren Wählern darüber schlüssig werden, ob ihre bisherige Methode die richtige war. Die Orthodoxie in Wien führt naturgemäß einen schweren Kampf um ihre Existenz. Sie wird aber nicht sterben, wenn sie leben will. Und auch die Wiener Kultusgemeinde wird leben, wenn sie ihren .Le.be11sc|ue׳lil, das religiöse Judentum, nicht, achtlos ,bei- Seite schiebt. Ein orthodoxer Wähler. ^₪₪lllllll₪ll₪lllllllllll₪lll₪₪₪₪₪lllll₪₪₪lll₪lllllllllllll₪₪llllil₪llllllllllllll₪₪l₪!llllll₪l₪lllllllllll₪₪l₪l₪l₪llll₪l₪₪llllllllllll₪₪ Inhaber: Brüder Stadler WIEN, II., IM WERD Nr. 1 Unter Aufsicht der Adas Jisroel (Schiffschul) o f f e r i e r e n b i 1 1 i g s t 55 auch für die Pessachfeiertage täglich frisches prima Extrem-Rind-und 5 ־ Kalbfleisch eigener Schlachtung, und zw.: Rindfleisch : weiche Brust ==׳ ä S 2.80, Vorderes ä S 3.20, Hinteres ä S 3.40 per kg // Kalbfleisch =E von S 4.— per kg aufwärts // Rohgeselchtes של פסח (Kamm und ==' Kügerl) von S 4.50 bis 6.— per kg // Das Fleisch wird auf Verlangen kostenlos ins Haus gestellt und auch in unserer hygienischen ES amerikanischen Kühlanlage kostenlos zum Aufbewahren übernommen IW“ Aufträge auch telephonisch unter Nummer A-43-5-20 erbeten '== Die fragende Jugend*). Von Rabbiner Ahron Jer!uchem. So sprechet : Ein Uebersehreitungs־ opfer ist es dem Herrn, weil er hinweg־ schritt über die Häuser der Kinder Israels in Aegypten, als er die Acgyptcr schlug, unsere Häuser verschonte er. Da neigte sieh das Volk, als es solches hörte, und bückte sich. (II. 12, 26.) Unter den vielen religionsgesetzliehen Vorschriften, deren Sinn und Ziel klar, augenscheinlich und jedem er־ faßbar sind, finden wir auch solche, die dem menschlichen Auffassungsvermögen unverständlich erscheinen. Diese dem unvollkommenen Mensehenauge nicht einleuchtenden Normen, zu denen Parah־adumah, Schatnes, Sair ha misch־ taleach und verschiedene andere Ge־ und Verbote ge־ Hören, werden als Chukim bezeichnet. Von diesen Chukim behaupten unsere Wcisep (Jorna 67 b), daß der Satan und die Völker fragen, welchen Sinn und Zweck diese Vorschriften haben. Nach dem Grund und der Bedeutung der Chukim fragen die Völker. Bei keinem der Chukim aber ist von dem fragenden Kinde die Rede. Nur heim Korban־Pessach findet es die heilige Schrift für notwendig, sieh mit der Frage des Kindes und deren Beantwortung durch den Vater zu befassen. Interessant ist auch folgende Beobachtung: Während sonst keine Mizwah sich auf Kinder unter 13 Jahren er־ streckt, wird hinsichtlich des Korb־an־Pessaeh. das kleine Kind den Erwachsenen gleichgestellt. Der Familienvater hat die Pflicht, das Korban־Pcssach nicht nur für die er־ wachsenen Hausgenossen zu bestimmen, sondern auch für das kleine Kind, obwohl es sonst patur me Mizoth ist. Ueberhaupt steht fast alles, was mit dem Pessach־ feste zusammenhängt, im Zeichen des Kindes. Schon der Auftakt zum weihevollen Sederabend rückt das Kind in den Vordergrund. Der Vater muß sich mit dem Beginn der Festlichkeit beeilen' damit das Kind nicht einschlafe, damit es dem Feste aufmerksam beiwohnen könne. Ver־ schiedene Mittel werden angewendet, um das Kind zum Staunen, zur Fragestellung, zu veranlassen. —-; , 1;• . Aus einer Draschah, gehalten in der ״Machsike Thora“. Dem Kinde wird auch die erste Rolle an dieser Feier eingeräumt. Mit dem vom Kinde schlicht, einfach vorgetragenen ״Mah nischtaneh“ wird die heilige Nacht eingcleitet. Und die ganze Erzählung von der wunderbaren Errettung aus ägyptischer Knechtschaft gilt als Antwort auf die Fragen des Kindes. Aus all dem ersehen wir, daß dem Pessachfest eine besondere erzieherische Tendenz beigemessen wird. Das Fest der Freiheit ist gleichsam ein Fest des Kindes, ein Tag der Jugend. Denn der Freiheitsbegriff drückt nicht etwas Vergängliches, Vorübergehendes, bloß Gegenwärtiges aus. Die Freiheit will bleibend, bestimmt, ewig sein. Wer um Freiheit ringt, hat nicht die Freiheit des Augenblcks vor Augen. Er denkt vielmehr an die Freiheit der Zukunft. Daher soll den Trägern der Zukunft, d. h. der Jugend, der Blick zugewendet werden, so oft an Freiheit gedacht wird. Wenn ein Volk sieh anschickt, die Freiheit sich zu er־ kämpfen, dann muß es sagen können: ,,Binarem! uwi Zknenu nolech, b’ Wanenu uw Wnotenu.“ Mit unseren Jungen und Alten wollen wir ziehen, mit unsern Söhnen und Töchtern! Die Pessachtage sind daher besonders geeignet, daß man sich an ihnen mit dem Erziehungsproblcm befasse; mit der Frage, wie wir unsere Jugend zu treuen Söhnen unseres Volkes ertüchtigen. Jeder Vater soll am Sederabend einen Augenblick darüber nachdenken und an sich selbst die Frage richten: Habe ich meine Pflicht diesem Kinde gegenüber erfüllt? Einmal im Jahre soll der jüdische Vater sich selbst Rechen־ sehaft ablügen. Einmal im Jahre soll der jüdische Vater seiner ungeheuren Verantwortung sich bewußt werden Er soll steh fragen, oh die Erziehung, welche er seinem Kinde angedeihen läßt, jüdisch genug sei. Ob er die Zeit, die das Kind im Vaterhause verbringt, genügend ausnützt, um dann, wenn es selbständig in die Welt tritt, allen Widerwärtigkeiten sich entgegenstemmen zu können. Ob er sein Kind mit jüdischem Geiste zu erfüllen, mit jiidi־ scher Ausdauer und' Kraft auszustatten weiß. Am Seder־ abend sollen wir uns fragen, ob wir der Erziehung unserer Kind so viel Aufwand und Aufmerksamkeit widmen, wie es unsere Vorfahren zu tun pflegten und wie es unsere Väter noch in jüngster Zeit getan haben. Am Sederabend sollen wir eine Weile innehalten und uns fragen, ob wir unsere Aufgabe als jüdische Vater erfüllt haben. Wartet nicht, bis das Kind an euch herantritt mit der vorwurfsvollen Frage: Mah nischtaneh! Warum bilden wir eine Ausnahme unter allen Völkern der Erde? Jedes Volk erzieht seine Jugend in seinem Geiste. Jedes Volk versteht es, seine Jugend mit seiner Vergangenheit ver־ traut zu machen, mit seiner Kultur zu verknüpfen. Die Völker haben ihre Erziehungsprobleme gelöst. Sie haben die Schule auf das allerbcquemste eingerichtet. Wir kennen keine Schulmeisterei mehr. Es werden uns die Lehrgegenstände in einer leichtfaßlichen Methode beige־ bracht. Auch für die körperliche Ertüchtigung des Schul־ kindes wird gesorgt. Warum hast du, jüdischer Vater, für die jüdische Erziehung deines Kindes so wenig getan? Es fragen die Völker nicht, es fragt der Satan nicht; weil sie alle satt und befriedigt sind, weil sie keine Erzie־ hungs f r a g e n mehr haben. Es fragt das arme, unschuldige, naive jüdische Kind: Vater, wie erziehst du mich? Wie bereitest du mich vor für den weiten, dornenvollen Weg durch eine uns fremd und feindlich gegenüberstehende Welt? Der Jude spricht seine eigene Sprache nicht, weil sie für den Umgang mit dem Wirtsvolke nicht in Betracht kommt. Der Jude hat keine Heimat, weil sie ihm die anderen vorenthalten. Aber wer hindert dich daran, jiidi־ sehen Geist zu pflegen, jüdischen Geist mir einzuflößen? So wird einmal das jüdische Kind, das Opfer dieser mangelhaften jüdischen Erziehung sein Mah nischtaneh formulieren. Es wird keine Frage, es wird ein bitterer, allzu berechtigter Vorwurf sein, der uns in beschämende Verlegenheit bringen wird. Denn täuschen wir uns nicht: Die Zustände im jüdischen Erziehungswesen unserer Stadt bilden eine schwere Gefahr für die Zukunft des jüdischen Wien. Die eine Hälfte des Tages verbringt das Kind in י der öffentlichen, nicht jüdischen Schule. Die andere Hälfte bestenfalls, im Elternhause. Und gestehen wir offen: das jüdische Elternhaus von heute ist nicht mehr das, was es einst war. Das alte, jüdische Elternhaus war ein ,Flort pul־ sierenden jüdischen Lebens, in welchem die zarte junge Seele ihre ersten jüdischen Eindrücke und Erlebnisse empfing. Dort nahm es jüdische. Sitten und Bräuche in sich auf, die dann unverwischbar blieben. Dort, wurde es mit jüdischem Mut und mit Stärke gewappnet, zum ewigen Juden an allen seinen Wanderungen, und Wandlungen herangebildet. Im jüdischen Elternhaus von heute hingegen׳ sieht, hört und erlebt das jüdische Kind alles Mögliche, aber nur sehr wenig Jüdisches. Es hört über die neueste Theaterneuheit und ähnliche Wichtigkeiten sprechen, sieht 999999999992

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