Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 42 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Nr. 42 dorf, Kutna aus Eiseustaclt, Ullmann aus Lackonbach, Schreiber aus Halasz, Katz aus Magendorf, Dr. Guggenheim aus Kolin, Pserhofer aus Frauenkirchen, Hahn aus Geiring usw. Begrüßungsschreiben aber, die oft wahre kalligraphische Kunststücke darstellen, kamen von Chiefrabbi Adler, von Moses Montefiore, aus Polen und Tripolis, aus Palästina und vielen anderen Ländern zu Dutzenden. Der ״Israelit“ und die ״Jüdische Presse“ (Berlin) berichteten ausführlich Uber diese Feier, in deren Verlauf Deutsch selbst in einer längeren Rede seine Anschauungen darlegte. Die ״Jüdische Presse schrieb damals u. a.: ״ . . . hiezu noch die tausend und abertausend Privatangelegenheiten, mit denen sich hier ein ״armer Rabbiner“ an ihn wandte, der ״eine Tochter ausgab", dort andere rabbinischen oder kaufmännischen Standes, denen ein Sohn illegal zum Militär genommen, ein ״nicht vorurteilsfreies Gericht einen Kriminalprozeß verlieren ließ und hundert andere Variationen der kleinen oder großen Leiden des zis- und transleithanischen jüdischen Lebens, alle kleinen oder großen Geseroth der ungarisch-österreichischen Judenheit, alles weinte sich an seinem Busen aus, fand an ihm den teilnehmendsten Freund, den bewährtesten Berater und — die unermüdliche Tat.“ Der ״Israelit“ erinnert nebst verschiedenen anderen erfolgreichen Interventionen Deutsch’ auch daran, daß die Militärdienstbefreiung der Preßburger Rabbinatsschüler seine Errungenschaft war und daß er im Laufe einer Nacht die Ausweisung vieler nicht nach Wien zuständiger jüdischer Familien rückgängig gemacht habe. Es ist also durchaus kein Wunder, daß solche Taten dankbare Anerkennung fanden und schließlich, als Ignaz Deutsch am 17. September 1886 (21. Elul) in Baden starb und in Prcßburg bestattet wurde, auch die Gegner ihn nach Gebühr würdigten. Dr. Blochs ״Oesterr. Wochenschrift“ spricht aus diesem Anlasse in den ehrendsten Ausdrücken von seinem Wirken. Der Eisenstädter Oberrabbiner R. Salomon Kutna hielt in Vertretung des erkrankten Preßburger Rabbiners eine großangelegte Trauerrede, die später in Druck erschienen ist. Mehr aber als alle Reden und Erinnerungen an diesen eigenartigen Mann wird die ״Talmud-Thora“־ Volksschule in Wien, so lange sie besteht, als Zeuge seines Wirkens das Andenken an ihn lebendig erhalten. Sie ist ein Denkmal, dauerhafter als Erz, da in den Herzen der in ihr herangebildeten Generationen jüdischer Männer und Frauen der Geist unbedingter Treue, der Ignaz Deutsch beseelte, fortgepflanzt wird מדור דור III. Periode des Ausbaues. Die Erteilung des Oeffentliclikeitsrechtes bedeutete für die ״Taln!ud-Thora“-Volksschule einen Markstein; sie setzte den Schlußstein jener traurigen Periode von Verfolgung und Anfeindung, die wir bereits kennengelernt, und legte den Grundstein zu einer neuen Epoche cles Aufstiegs und Ausbaues, die im Grunde genommen auch heute noch nicht beendet ist. Das Oeffentlichkeitsrecht bedeutete Anerkennung und Schutz vor allen Störungen der Schultätigkeit, von außen und hob auch das Ansehen der Anstalt nach innen und bei den Freunden, allein — es bedeutete noch lange nicht die so notwendige Sicherung der materiellen Existenz und Ermöglichung des ersehnten Ausbaues. Noch immer litt die Schule, wie der hier auszugsweise folgende älteste Jahresbericht, der im Archiv der Wiener israelitischen Kultusgemeinde erhalten blieb, darlegt, unter dem Raummangel, und wir werden sehen, daß in allen diesen Jahresberichten alljährlich dasselbe Lied, wenn auch manchmal mit etwas geänderten Noten, wiederkehrt, das Lied von der Notlage und der vollständigen Abhängigkeit von der Gnade der Gönner. \ Auch sonst ist dieser Jahresbericht, da er uns ein ziemlich anschauliches Bild von einer Prüfung vermittelt, sehr lehrreich. Wir sehen, daß der Bürgermeister-Stellvertreter von Wien und ein Domherr der Prüfung anwohnten, wie es die damals in Geltung stehenden Gesetze verlangten, und. wir sehen auch, daß in einem früheren, uns leider nicht mehr erhalten gebliebenen;: Jahresberichte Gutachten von Rabbinern und Predigern abgedruckt waren, die wohl am deutlichsten den Meinungsumschuung bei den offiziellen Vertretern des Judentums in Wien zeigen, der seit der Erteilung des Oeffentlichkeitsrechtes der Schule gegenüber eingetreten war. Insofern nun sogar die Stadt Wien offiziell von der ״Talmud-Thora“-Volksschule Kenntnis nahm und sich bei eine? ,Prüfung vertreten ließ, waren die Zustände jener Zeit aber beneidenswert, da heute eine so weitgehende Anteilnahme kaum zu erwarten wäre. Das Titelblatt des Jahresberichtes lautet: Jahresbericht der Wiener öffentlichen israelitischen Volks- und Vereins - Hauptschule ״Talmud Thora“ (erste israelitische Armenschule) für das Schuljahr 1868 bis 1869, Innere Stadt, Sterngassc Nr. 4, Wien 1869, Druck von Jacob Schlossberg, Staclt, Adlergasse Nr. 4. In! Selbstverläge des Institutes. f/ÄCH CER ' י'.-' 'י' ■ E/W0 ׳J יי' MFtfi WIRD f CHL JR&JiK Ü'FÜHt't.flcA ״Unserer Anstalt wurde heuer die Ehre zu Theil, von mehreren hochgestellten Persönlichkeiten besucht zu werden, darunter Herr Bürgermeister-Stellvertreter Bitter von Kuhn, welcher der Prüfung siimmtlieher Klassen nmvohnte und seine' vollkommenste Zufriedenheit darüber aussprach, dass die Kinder in allen Fächern des bürgerlichen, sozialen Lebens unentgeltlich Unterrieht erhalten. Boi der stattgcfmulencn jahresprüfung sprach der auch anwesende Schulinspector, Hoeliw. Herr Canoniens und Domherr von Stöger, dem Vorstande und dem Lehrkörper seine vollkommenste Anerkennung über dessen redliches, eifriges Bemühen ans und äussertc seine vollkommenste Zufriedenheit über die an den Tag gelegten Leistungen der Zöglinge. Möge der Allmächtige uns auch ferner seinen Beistand gewähren, daß sieh die Zahl der. beitragenden Mitglieder vermeine, denn würdig ist der Zweck, den wir anstrehen. doch die uns zu Gebote stehenden Mittel reichen im Entferntesten nicht aus, unser Vorhallen zu rcalisireu. Wie nothweudig wäre die Acquirirung eines geräumigeren, eine grössere Anzahl Schüler fassenden Schulhauses und auch die Vcr- Besserung der materiellen Verhältnisse der um die Hebung unserer Schule so verdienten Lehrer. Wir verweisen auf das im vorjährigen Berichte angeführte Gutachten der II. II. Rabbiner und Prediger und blicken getrost der Zukunft entgegen, überzeugt, dass der allbekannte und noch von keiner Stadt übertroffene Wohlthiitigkeitssinn der hierortigen israelitisehen Bevölkerung uns die Mittel zu dem angestrebten Ziele an die Hand geben werde. Indem wir der Hoffnung Raum geben, dass unser in Rede stehendes Project bei allen wohlthätigen, adeln Menschenfreunden Anklang und auch die wohlvcrdiente Unterstützung finden wird, danken wir nochmals allen unseren verehrten Gönnern, dem ehrwürdigen Prediger, Rabbiner und Rabbinate und bitten den gütigen Allvater, dass er jede Gabe tausendfältig lohnen möge. Die Anzahl der Schüler war heuer 258, davon 152 Nichtzahlende, überdies 8 Schüler als externe Schüler der hohem Talmudabteilung nicht zahlend. Von 55 Schülern der 4. Classc sind 30 in höhere Schulen, zumeist in Gymnasien, eingetreten: Der leitende Vorstand: J. L. Freistadt, H. Berger, J. Fleischmau, Ant. Bing, S. Wassertrilling, J. Friedländer, A. Tonneles, J. Kreisel, L. H. Löwy. Schulinspectiou: Willi. Kohn, Herrn. Freund. Inspicircndcr Arzt: Med. Dr. Wollner. (Fortsetzung folgt.) für ״ Wien, II., Malzgasse 7 |g§g!35 gegenwärtiger u. ehemaliger Heimschützlinge, Dr. Krüger- Heim (fr. Elisabeth - Heim) für »MM \\ Sabbathattende fördert die Sabbathaltenden! Hier tritt uns zum erstenmal die Bezeichnung־ der Schule als Armensehule entgegen, die, zwar in ihrer Zeit begründet, dennoch viel dazu beigetragen hat, daß die nunmehr endlich einsetzende Anteilnähme an dieser einzigen*• jüdischen Schule in der Residenzstadt in den jüdischen Kreisen nicht über eine gewisse Grenze hinausging. Man wollte ja nur den armen, auch den neu zugewunderten Juden aus den Provinzen gewissermaßen im Wege dieser Schale den Uebergang ins großstädtische Milieu erleichtern, nicht aber — was den Gründern ursprünglich vorschwebte und auch uns heute Hauptzweck der Schule ist — vor allen! die Gesinnung der heranwachsenden jüdischen Jugend ohne Unterschi e d der Klasse, im Sinne des überlieferten Judentums bilden und diese Jugend vor dem unbegrenzten Aufgehen in diesem religionslosen Großstadtmilicu bewahren. Wir lassen eine markante Stelle aus diesem Jahresberichte hier folgen: non m €5 äsl & c Im o m 1. o Der diesjährige Aufenthalt des Herrn Prüsideuten Masaryk in der Slowakei brachte auch den Jud en in Bratislava bedeutungsvolle und denkwürdige Tage. Vom 11. bis 15. Oktober weilte Herr Präsident Masaryk in Bratislava, wo er dem hier tagenden Juristenkongreß einen Besuch abstattete. Diese Gelegenheit benützte die gesamte Bevölkerung der Stadt unterschiedslos, um ihm Zeichen aufrichtiger und tief im Volksgemüt wurzelnder Verehrung und Liebe zu beweisen. Hier zeigte es sich eklatant, wie allgemein und wie natürlich seine Popularität in allen Bevölkerungsschichteii, bei allen Konfessionen und Nationalitäten und bei den Angehörigen aller Stände und Berufe ist. Die Stadt trug selbst in den entlegensten Straßen Fahnenschmuck. An den Abenden erglänzten in den Fenstern und den Häuserfassaden tausende Lichter und allerlei Lichtkörper stiegen in den maunigfaltigsten Farben in die Höhe empor. Es waren stimmungsvolle Festtage, wie die Stadt Bratislava solche nur wenige gesehen hat. Die Juden- Schaft ohne Ausnahme nahm an den Huldigungsakten jeder Art hervorragenden Anteil. Ein jeder Jude tat sein Bestes, um seiner dankbaren Begeisterung für die Person und das Wirken des beliebten Staatsoberhauptes zum Ausdruck zu bringen. Selbstverständlich wurden vom Präsidenten in der Reihe der anderen Konfessionen auch Deputatiouen der beiden jüdischen Konfessionen und ihrer Bratislavaer Kultusgemeinden auf das freund- •liebste empfangen. Im Primatialgebäude, wo am 12. Oktober der feierliche Empfang des Landes- Ausschusses und der Stadtvertretung stattfand, kam die orthodoxe Deputation unter Führung Sr. Ehrw. des Herrn Oberrabbiners Akiba Schreiber als sechste unter den zugelassenen 15 Deputationen an die Reihe. Die Deputation bestand aus den Herren Oberrabbiner Schreiber, Präses David Krau ß, Vizepräses S t a h 1 e r und Notar A. Grüiifeld, von seiten der Kultusgemeinde Präses Oberrabbiner Webe r, Vizepräses D. H. E 11 r e 11 f e 1 d und Sekretär H. Sch w a r z von seiten der orthodoxen Landeskanzlei. Zunächst richtete Herr Oberrabbiner 9 Schreiber einige herzliche Begrüßungsworte an den Herrn Präsidenten namens der orthodoxen Gemeinde und bat um die Erlaubnis, die religiöse Brochoh zu sprechen. Hierauf hielt Herr O b e r 1־ a b b i n er W eher folgende Ansprache: ״In Vertretung der orthodox-jüdischen Konfession in Slovensko und der orthodox-jüdisehen Gemeinde von Bratislava erscheinen wir gern vor Ihnen, Herr Präsident, um Sie in der Hauptstadt Slovenskos zu begrüßen und Ihnen die huldigende Ehrerbietung der gesamten traditionellen Judenheit unserer Gemeinden zum Ausdruck zu bringen. Wir freuen uns mit der gesamten Bevölkerung, Sie im Besitze Ihrer vollen körperlichen und geistigen Frische mit ungebrochener Kraft unser Stäatswesen im Sinne Ihrer edlen und humanen Grundsätze lenken zu sehen, und beten zum Allmächtigen, daß er Ihre staatsmännische Führung noch lange an der Spitze unseres Staates zum Wolile Aller als Quelle beglückenden Friedens und brüderlicher Eintracht erhalten möge. Das orthodoxe Judentum in unseren! Staate dankt dieser weisen Füllrung auch die verständnisvolle Wahrung seiner in Gesetz und Verfassung verankerten tradi- 01000031010202013102