Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 44 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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i». Np. 44 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 Hier wird ausgesprochen, daß der gesamte freie Staatsboden nicht, wie es das Mandat vorschreibt, mit Juden besiedelt, sondern für die landlosen arabischen Bauern reserviert werden soll. Dieser Grundsatz führt folgerichtig zu dem allgemeinen, auf alle Arten von Böden anzuwendenden Prinzip, daß jeder landlose Fellache, auch wenn er niemals Land besessen und nie־ mals solches infolge der jüdischen Kolonisation verloren hat, den Anspruch besitzt, als Bauer angesiedelt zu werden, bevor den Juden der Bodenerwerb für ge־ schlossene Siedlung gestattet wird. Während jedoch das Weißbuch diesen Grundsatz verkündet, vermeidet es sorgfältig Anweisungen an die Palästina־Regierung, ent־ sprechende Maßnahmen im Interesse der Fellachen zu treffen. Dieser revolutionäre Grundsatz verfolgt offen־ sichtlich nur den Zweck, das Verbot weiteren Boden־ crwerbs durch Juden zu rechtfertigen. Der wichtigste Teil des Berichtes von Sir John Hope Simpson ist ein konstruktiver Plan für landwirt־ schaftliche Siedlungen, durch den jüdische und arabische Kolonisation gleicherweise gefördert werden sollen. Dieser Plan rechnet mit der Tatsache, daß die Ermuti־ gung der jüdischen Siedlung eine positive Pflicht der Mandatsregierung•־׳ ist. Im Weißbuch habe ich vergeblich nach diesem Plan gesucht. Was aus der Regierungs־ erkUirung einzig klar hervorgeht, ist der Entschluß, im Verlauf eines Zeitabschnittes, dessen Ende nicht voraus־ Zusehen ist, jüdische Bodenkäufe aufs äußerste zu he־ hindern, wenn nicht überhaupt unmöglich zu machen." Der Aguda*■ Präsident Rabb. Dr. Pinchas Kolm über j|die Lage in Palästina. Aus einem Vortrag. Die Ortsgruppe der Agudas* Jisroel Wien ver־ anstaltete anläßlich der Aufnahme ihrer Wintertätigkeit am Sonntag, den 2. November den ersten Vortragsabend, der außerordentlich gut besucht war. Herr D r. K o h n referierte über die Lage in Erez Jisroel^ er führte aus, daß das Wesentliche des durch das neue Whitepaper ge־ schaffenen Unterschiedes darin bestehe, daß dort nur von der jüdischen Bevölkerung in Palästina die Rede ist und so der Wesenskern des Mandates, welches alle Juden der Welt in Beziehung zum Nationalheim brachte, erschüttert ist. Es ist allerdings nicht zu verkennen, daß in früheren Erklärungen, insbesondere des Weißbuches Churchills 1922, bereits dieser Weg beschritten wurde. Wesentlich ist die Lage jetzt so gekennzeichnet, daß sich eben die Fürsorge für Palästina für einige Zeit erschöpfen solle in der Fürsorge für die jüdische Bevölkerung in Palästina. Der Referent weist darauf hin, daß schon Weizmann in einer Feststellung kundgab, daß auch im Rahmen des neuen Weißbuches Bodenkäufe möglich seien, das bedinge aber, über kurz oder lang eine neue Einwanderung. Ein Politiker muß eben an das Morgen denken, er begreife zwar, daß Protestresolutionen eine Auslösung des Schmerzes von heute darstellen, aber dieselben seien politisch wertlos. Viel wichtiger sei die Stellungnahme zu der neuen Verfassung. Redner führt unter Bezugnahme auf das Mandat näher aus, daß eine Selbstverwaltung zwangsläufig aus dem ganzen Sinn des Mandatsbegriffes selbst folge, da eine flüchtige Lektüre auch nur der Be־ richte der Mandatskommission in Genf zeigt, daß eine ständige Frage in Bezug auf jedes Mandatsgebiet dahin geht, wie es nun mit der Einrichtung der Selbstverwaltung stehe. Er halte es für eine Torheit und Kurzsichtigkeit sondergleichen, wenn jüdische Kreise sich gegen diesen Versuch einer Selbstverwaltung sträuben oder denselben gar boykottieren. Redner faßt zusammen, daß einen auf־ merksamen Beobachter das neue Weißbuch nicht über־ raschen könne, hofft aber, daß bei ruhiger Arbeit und klarer Erkenntnis der Situation, das Morgen auch in bezug auf das neue Weißbuch sagen könne ״gam su letauwoh“. Lord Reading־ kritisiert im Oberhaus seliarf das Palästina-Weißbach. Der ehemalige Vizekönig von Indien, Marquis of Reading, sprach am 28. Oktober als Führer der liberalen Partei im Oberhaus in der Debatte über die Thronrede und führte u. a. aus: Jedenfalls muß ich erklären — wenn ich auch die Frage im gegenwärtigen Augenblicke nicht im einzelnen behandeln kann — daß die Regierung meiner Ansicht nach einen schweren Mißgriff getan hat. Die Regierung hat erklärt, sie müsse beiden Teilen Gerechtig־ keit widerfahren lassen und die bürgerlichen und reli־ giösen Freiheiten der Araber ebenso respektieren wie die jedes anderen Bevölkerungsteiles. Hierüber ist niemand anderer Ansicht, und zweifellos ist dieser Grundsatz ebenso wichtig wie die Rechte, die —welcher Art immer sie sein mögen — den Juden gegeben wurden. Dennoch fühle ich mich genötigt, zu sagen, daß die Regierung, nachdem sie das Versprechen gegeben hat, sich für die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims einzu9etzen, nicht berechtigt ist, in späterer Zeit willkürlich Maß־ nahmen zu treffen, durch die in vielen interessierten Kreisen aller Länder der Eindruck erweckt wird, daß die Regierung ein falsches Spiel treibe. Ich wiederhole, daß ich selbst nicht an eine solche Absicht der Regierung glaube, und ich hoffe, daß sie uns zu gegebener Zeit im Zusammenhang mit anderen Debatten eine spezielle Er־ klärung über diese Frage geben und sie in völlig anderer Weise als im letzten Statement beantworten wird. ' Auch die christliche Minderheit in Palästina wird durch England preisgegeben. Das Iiauptorgan des katholischen Zentrums, ״Germania“, weist auf die Notwendigkeit hin, anläßlich ' der Proteste dev Zionisten aller Länder gegen die im englischen Palästina-Weißbuch angekündigten Maßnahmen auch die Stellung der palästinensischen Christen gegenüber den Mohammedanern und der englischen Mandatsregierung zu ׳untersuchen, und bringt Aus- Kalte Füsse sind das Merkmal einer imge- Rügenden Blutzirkulation. Den Extremitäten mangelt es an der nötigen Ernährung und Wärme. Kalte Füße beeinflussen ungünstig das ganze körperliche Befänden und bilden die Ursache zahlreicher Erkältungskrankheiten. Massieren Sie täglich vor dem Schlafengehen die Beine mit dem Menthol-Franzbranntwein ALPÄ Durch die Alpa-Massage wird der Blutkreislauf gehoben und in einer Weile empfinden Sie angenehme Wärme. Alpa—Ihre Gesundheit! führungen eines Kenners der Palästina-Verhältnisse, in denen’ darüber geklagt wird, daß die palästinensische Verwaltung mit einer geradezu übermenschlichen Nachsicht dem Treiben jener Drahtzieher zusieht, die unter der Flagge des arabischen Nationalismus, in Wirklichkeit aber im Dienste einiger machthungriger Persönlichkeiten, auf die religiösen und ■fremden» eindlidien Instinkte der Massen spekulieren. Von Jerusalem her ist unter der Leitung eines aus Nablus gebürtigen Abenteuers Zueytan eine Bewegung zur Bildung einer sogenannten arabischen Legion im Gange, die unter der bäuerlichen Bevölkerung Sturmtrupps nach dem Vorbild der von den nationalistischen Extremisten Europas ins Leben gerufenen Kampfverbände organisiert. Ihre Losung ist der Kampfruf des Propheten in der militantesten Zeit des Islam: ״Din Mohammed bisseyi.“ (Die Religion Mohammeds ruht ׳auf der Spitze des Schwertes.) Bisher hat die englische Polizei kein anderes Mittel gegen diese unverhüUte Aufreizung zum Glaubenskrieg gefunden, als Zueytan seine Vaterstadt zum Zwangsaufenthalt anzuweisen. Es heißt, daß verschiedene maßgebende englische Persönlichkeiten mit dem Glücksritter im Dunkeln politische Geschäfte gemacht haben und ihn darum schonen. Wenn nicht sehr bald von britischer Seite aktiver gehandelt wird, muß das schwelende Feuer durch den nächstbesten Windstoß entfacht werden, obwohl man es jetzt noch unschädlich machen kann. Die christliche Minderheit Palästinas ist auch durch die Absichten Englands, ein Parlament zu schallen, beunruhigt. Katholiken wie Protestanten befürchten, daß die mohammedanische Mehrheit sich des neuen Machtmittels bedienen wird, um ihre Position auf dem Umwege über die Demokratie in den Augen Europas zu rechtfertigen. In der Stellung der palästinensischen Christen hat sich nach dem Zusammenbruch der . Türkei eine sichtbare Wendung zu ihren Ungunsten vollzogen, sie sind nicht mehr die Schützlinge europäischer Staaten, die Einfluß im Orient •hatten. Der Versuch, Anschluß ׳an die nationalarabische 'Bewegung zu suchen, ist mißglückt; die Politik des Großmufti beschleunigte die Scheidung der Geister. Als nach den Haifaer Krawallen eine Abordnung der christlichen Gemeinschaften bei der Palästina-Regierung wegen der Gewährung der •staatsrechtlichen Sonder- Stellung für die Christen als englische Schutzbefohlene vorstellig wurde, wurde ihr eine bindende Erklärung LebensversiGhernngs - Gesellschaft 0 ii l!!IIIIIIIIIII!llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Gegründet 1882 Gegründet 1882 193s Z45ü HlIlODeB StUIilag ■ ■ 3DD MiliiDDED StWlllDQ Garantiemlttel Ende 1929 ■ ■ Prämienaod ZlDseseinDäm«! 1ש Jabie 1929 - 1ZSV3 HUItonen MIÜIdd Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien/Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, •Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten nicht gegeben. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Gladstone durch den Entrüstungsschrei über die Armenien atrocities ganz England «ufborchen machte. England ist schon lange nicht mehr der Heerrufer für die christliche Sache, denn seine Interessen im Orient werden namentlich in Indien, durch die ^Beziehungen zuden Mohammedanern bestimmt. Lord Passlield referiert im Parlamentsklub der Labour Party über das Weißbuch. Am 29. Oktober hielt der Parlamentsklub der briti־ sehen Arbeiterpartei seine erste Sitzung in dieser Session ab. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete die Frage der englischen Regierungserklärung über die Palästina־ Politik. Kolonienminister Lord Passfield führte in längerer Rede aus, daß seiner Meinung nach die durch die Ver öffentlichung des Weißbuches ausgclöste Erregung durch־ aus auf mißverständliche Auffassung zurückzuführen sei. Es bestehe keinerlei Absicht seitens der Regierung, von der von den vorhergehenden Regierungen befolgten Palä־ stina־P0Iitik abzuweichen. m ZU Die österreichische Regierung wahrt die Gleichberechtigung der Juden. — Intervention der Wiener Kultusgemeinde wegen der antisemitischen Aeußcrungen des J ustizministers H ueber. Das Präsidium der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat beim Bundeskanzler Vaugoin und beim Außenminister Dr. Seipel vorgesprochen, um gegen die die jüdische Ehre verletzenden Beden •des Justizministers Dr.!.!lieber, die von einem großen Teil der Wiener Presse wiedergegeben wurden, zu protestieren. Bundeskanzler Vaugoin und Außenminister Dr. Seipel erwiderten, der Justizminister habe ihnen gegenüber versichert, daß die Zeitungsmeldungen teils unrichtig waren, teils mißverstunden worden sind. Gleichzeitig erklärten Bundeskanzler Vaugoin und Außenminister Dr. Seipel, daß• die Regierung die gesetzliche Gleichberechtigung der Staatsbürger jüdischen Glaubens selbstverständlich wahren werde. Sie mißbillige jede Aeußcrung, die geeignet sei, die Ehre und die religiösen Gefühle der österreichischen Juden zu verletzen. Abschied in der Mädcliengruppe der Aguda. Nach dem üblichen Saibbatvortrag sprach Samstag, den 1. November Frau jeannette Bondi namens des Vorstandes der Mädcliengruppe einige herzliche Absdiiedsworte an Frl. Helene B u u ragarte n, in denen sie ebensowohl die Verdienste des Fräuleins Baiiingarteu hervorhob als auch die Dankbarkeit und Anhänglichkeit der ganzen Mädchengruppe betonte. Wien. Der bekannte בחור החריף מו״ה שמעון פירסטנ״י der bereits vor Jahren den ersten Preis für^OD בבא ,DD erhalten hatte, wurde vor einigen Tagen wegen seines großen בקואוח in ש״ס ופוסקים von dein derzeit hier weilenden הרב הגאה ור״מ דק״ק חברון באה״ק ח משה מררכי עפשטיין נ״י durch Verleihung der התרת הוראה ausge־ zeichnet. Jonathan Wieliczker יזצ״ל Wieder hat das orthodoxe Judentum einen seiner Besten verloren: Jon. Weiiczker verschied Donnerstag, den 30. Oktober, in Baden im Alter von 82 Jahren. Ab־ köminling einer der angesehensten Rabbinerfämilien Polens kam er bei Ausbruch des Weltkrieges nach Wien. Bald verbreitete sich auch hier der Ruf seiner Wohl־ tätigkeit. So wurde er Vorstandsmitglied zahlreicher und Mitglied fast aller jüdischen philanthropischen Vereine. Doch ungleich größer war die צדקה die er im Verbor־ genen übte, von der seine Geheimsekretäre und שליחי מצלה ZU erzählen wissen. Die Villa in Baden, die er in seinen letzten Lebensmonaten zu seiner Erholung be־ wohnte, kann im wahrsten Sinne des Wortes ein בית פתוח לעניי□ geannt werden. Sie ward nie leer von Hilfesuchenden, für die er bis zum letzten Atemzuge von seinem Krankenbette aus, sorgte. Warm empfundene Nachrufe hielten am Grabe Rabb. Aschkenasy aus Stanislau, Rabb. Friedmann und Rabb. Mayersohn, Wien. Wien. Nach kurzem Krankenlager verschied am 14. Marcheschwan in einem hiesigen Sanatorium an den Folgen einer Operation im Alter von 56 Jahren Herr Leopold Graus זצ״ל Der Verblichene war ein Urenkel des ח״ס und gehörte durch eine lange Reihe von Jahren zu den hervorragendsten Mitgliedern der Budapester orthodoxen Gemeinde. Vor einiger Zeit verlegte er seinen Wohnsitz nach Topolcany, wo er sich ebenfalls großer Beliebtheit und Wertschätzung erfreute. Sein edles, selbst־ loses Wesen, das in ihm den Abkömmling großer Ahnen erkennen ließ, verschaffte ihm überall Freunde und Ver־ ehrcr. Sein durch Thorawissen und Frömmigkeit geadelter . Lebensweg wird im Kreise gleichgesinnter Kinder, welche Leopold Graus unversorgt zurückließ, sicherlich eine würdige Fortsetzung finden. Bei der <ך,ל{יי, die in Wien stattfand, gaben ihm seine zahlreichen Verwandten und Bekannten das letzte Geleite. תנצב׳יה Der 7. Band des ״Großen Brookhaus“, des größten modernen volkstümlichen Nachschlagewerks in deutscher Sprache, wird — wie wir erfahren — Ende November er? scheinen. Diese Nachricht wird für die zahlreichen Be־ zieher des Werkes, das seine Unentbehrlichkeit für den modernen Menschen bereits mit den schon erschienenen sechs Bänden bewiesen hat, sicher von Interesse sein, denn sie zeigt, daß das vom Verlag angekündigte schnelle Erscheinungstempo gewissenhaft eingehalten wird. Zum 60. Geburtstag Jakob Roseubeims. Wir haben bereits in der letzten Folge unseres Blattes den Geburtstag Jakob Itosenheims gewürdigt und ihm einen großen Teil dieser Nummer gewidmet. Wir erhalten nun von verschiedenen Seiten Berichte über die an vielen Orten stattgefundenen Feiern dieses Geburtstages. Unter anderem veranstalten auch in Berlin die ״Agudas-Jisroel“-Gruppen um Mittwoch, 12. November, im großen Saale des Ilackeschen Hofes, Rosentalerstraße 40, eine Feier in größerem Stile, bei der