Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 44 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 44* ählet am 9, November die Boiiinger״Eiskasten sind seit 1870 die besten Fabrik: Wien, XV., Staglgasse 101 (bei Mariahilferstr. 148) Tel. R-35-8-47 und R-30-5-381 Filiale: Wien, VII., Burggasse 17, Tel. B 32*3-80 S i1B11B־n11w11111T1111 in 11111 ■iwmr ■im 1■!■ ■1■!■!■11111■ ■111111 ■n 1■ ■111111■ w■! 11■■■■■ ■ 11 in■—1 ■■■ erfahren, wie wenig man auf Menschen mul Menschen- •fiirsten hauen kann. Soweit die allgemeinen Betrachtungen. Organisatorisch bedeutet diese von England bereitote Enttäuschung eine Stärkung des Zionismus der Gesiunuting und Erscheinung. Der Orthodoxie, und ihsbesondere der Agudas Jisroel. erwächst die Pflicht., den Geschehnissen klar ins Auge zu sehen, dafür zu sorgen; ■daß die IhoranuiHige Besiedlung Palästinas auch in der neuen Ordnung der Dinge zum Worte kommt. Unnötig, zu sagen, daß die regste Arbeit für und in Palästina nicht erlahmen darf und nicht erlahmen wird. * Alles protestiert! Die in der vorwöchigen Nummer unseres Blattes mitgcteilten Protestkundgebungen der verschiedensten jüdischen und nichtjüdischen Kreise, denen sich in England — freilich nicht ganz frei von anderen politi־ sehen Motiven — auch liberale und konservative Partei־ führer ansehiießen, werden durch ein Schreiben des be־ •kannten Angehörigen der Arbeiterpartei Colonel Wedgwood ergänzt. Dieser der gegenwärtigen Regierung wie sonst selten jemand nahestehende Politiker schreibt: ״Vor ungefähr zwei Jahren beteiligte ich mich an ״der Gründung einer aus Engländern und Juden zu# sammengesetzten ״Seventh Dominion League“, die sich die Schaffung eines englandfreundlichen Palästina, das eine feste Stütze des Reiches werden sollte, zum Ziele nahm. Heute ist die Freundschaft der Juden für England und damit die Liga tot. Es erscheint unglaublich, daß mittelalterliche Rassenvorurteile unsere Aussichten in Palästina zerstören, die Juden der ganzen Welt zu unseren Feinden machen und unseren Ruf als ehrliche Sachwalter schänden durften. Was wird geschehen, wenn die Regierung ihre Politik nicht ändern wird? Die Juden werden die neue Verfassung und die Palästina־Rcgierung boykottieren. Das Budget Palästinas, bisher zum großen Teil getragen von Arbeit und Kapital, die von Juden ins Land gebracht wurden, wird ins Wanken geraten. Statt in Jerusalem und Whitehall um Gerechtigkeit zu bitten, wird die Jewish Agency alle Uebelstände in der englischen Presse der ganzen Welt beleuchten und alle Beschwerden vor die Mandatskommission des Völkerbundes bringen. Sie wird sich möglicherweise in Genf für die Uebertragung des Mandats an eine ändere Macht einsetzen. Heute wollen auch jene, die all dies Unheil heraufbeschworen haben, das Mandat nicht aufgeben — das Mandat, wie sie es auf fassen. Die Argumentation, daß keine andere Macht das Mandat übernehmen werde, weil kein Staat geneigt sein werde, zum Schutze der Juden in Palästina eine Armee zu unterhalten, ist falsch. Die jüdischen Siedler sind fähig, sich selbst zu verteidigen, wenn man ihnen nur die dazu nötigen Mittel zur Verfügung stellt. Um weitere Schäden abzuwenden, genügt es nicht, das Weißbuch abzuändeyi. Der Geist der Verwaltung im all־; gemeinen muß eine Wandlung erfahren.“ Jedenfalls hat diese einmütige Protestbewegung allem Anschein nach bereits zur Klärung der Situation beigetragen und es ist zu hoffen, daß, wie die nach־ Stehend .auszugsweise wiedergegebenen neuesten Berichte über einen Briefwechsel zwischen Lord Passfield und Dr. Weizmann durchleuchten lassen, die Möglichkeit• zu einer Verständigung gegeben und der Wille zu einer Be־ rücksichtigung jüdischer Postulate vorhanden ist. Neuer Briefwechsel zwischen Weizmann! und Passfiefd. Das Weißbuch bedeutet nicht eine Verurteilung des! zionistischen Aufbauwerkes. In Beantwortung des Briefes Dr. Weizmanns, in dem dieser dem Kolonialministerium seine Demission als Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency zum Protest gegen die Polititik des neuen Weiß־ buchs bekanntgab, hat Lord Passfield namens des Kolo־ nialministeriurns folgenden Brief an Dr. Weizmann ge־ richtet: ״Ich muß zunächst mein aufrichtiges Bedauern darüber aussprechen, daß Sie es für nötig befunden haben, nach so vielen Jahren hingebungsvoller, müh* sanier Arbeit auf Ihre Stellung als Präsident der Zioni־ stischen Organisation und der Jewish Agency zu ver־ emokratisc Spendei: für den dar Adas Jisroel, Wien, II., Westroygasse 11 zichtcn. Ich bedaure dies um so mehr, als ich das Emp־ finden habe, daß Ihr Schritt trotz unserer früheren Unter־ redungen auf eine unvollkommene Wertung des Stand־ Punktes und. der Absichten der Regierung zurückzü־ führen ist. Die Regierung Sr. Majestät hat cs nicht ver־ absäumt, bei verschiedenen Anlässen ihrer Bewunderung über die unter Ihrer Führung geleistete Arbeit für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims Ausdruck zu ver־ leihen, und die Tatsache, daß sie sich veranlaßt gesehen hat, in dem neuen Weißbuch in mancher Hinsicht schwer* wiegende Kritik zu üben, darf nicht als allgemeine Ver* urteilung Ihrer gesamten bisherigen Arbeit gewertet werden. Ich halte es auch nicht für richtig, daß die Sache so hingestellt wird, als legten die jetzt getroffenen Ent* Scheidungen Ihrer zukünftigen- Arbeit schwere blinder* nisse in den Weg oder als bestünde die Absicht, die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims auf der jetzt erreichten Stufe erstarren zu lassen. So wird z.. B. im Weißbuch ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Tätigkeit der jüdischen Organisationen ohne Unter* brechung fortgeführt werden könne, während gleichzeitig allgemeine Maßnahmen zur Entwicklung des Landes im Interesse von Juden und Arabern getroffen werden sollen. Die Regierung Sr. Majestät hat ihre Entscheidung nicht getroffen, ohne vorher Ihren Rat einzuholen. Sie hat Ihre Vorschläge einschließlich jener, die Sie mir persönlich gemacht haben, gewissenhaft geprüft; insoweit diese Vorschläge in Beziehung zum Weißbuch stehen, haben sic zu gewissen Nb'ndef'üngkn der Textierung dieses Dokuments geführt. Insoweit sie Bezug haben auf den Landentwicklungsplan und andere Gegenstände, werden sic in sorgfältiger Erinnerung gehalten werden, wenn ich auch natürlich keinerlei Versicherung darüber abgeben kann, daß es der Regierung möglich sein werde, sie in die Tat umzusetzen. Ich ermächtige Sie, diesen Brief, wenn es Ihnen gut scheint, zu veröffentlichen. Weizmanns Antwort: Das Weißbuch ist unvereinbar mit dem Geiste des Mandats. Dr. Weizmann hat den Brief Lord Passfields in folgender Weise beantwortet: ״Den freundlichen Ausdruck Ihres Bedauerns über meine Demission nehme ich gerne zur Kenntnis. Es war ein harter Schlag für mich, mich nach zwölf Jahren Ko־ Operation mit der Regierung Sr. Majestät plötzlich in eine Lage versetzt zu sehen, in dev ich dem jüdischen Volke erklären mußte, daß ich meine Arbeit im Hinblick auf die im Weißbuch vom 21. Oktober angekündigte Politik nicht weiter fortsetzen könne. Ich wünschte, der Wort־ laut des Weißbuches ließe jene ״unvollständige Wertung“ der Absichten der Regierung Sr. Majestät zu, die ich Ihrer Ansicht nach vorgenommen habe. Ich glaube, dies nicht getan zu haben, und sehe, daß meine Anschauung von jenen Männern geteilt wird, die in den Jahren 1917 bis 1929 die englische Palästina־P01itik gestaltet haben. Ich behaupte, daß das Weißbuch von 1930 mit dem Geiste des Mandats unvereinbar ist und in wich־ tigen Belangen eine Abkehr von der seitens der eng־ lischen Regierung׳ bisher im Hinblick auf das jüdische Nationalheim befolgten Politik bedeutet. Auf Seite 7 des Weißbuches wird festgestellt, daß ״bei der Beurteilung der Aufnahmefähigkeit Palästinas und der Bestimmung der jeweiligen Einwanderungsquote auf die Arbeitslosigkeit unter den Arabern ebenso wie auf die unter den Juden Rücksicht genommen werden muß“. Im Gegensatz zu den im Weißbuch von 1922 aus־ gesprochenen Grundsätzen soll nunmehr die jüdische Einwanderung eingeschränkt werden, nicht etwa nur, wenn durch sie Arbeitslosigkeit verursacht wird, sondern solange überhaupt eine Arbeitslosigkeit unter den Arabern vorhanden ist. Diese Acnderung bedeutet mehr als eine neue und nicht zu rechtfertigende Begrenzung jüdicher Einwanderung. Jüdisches Kapital wird in erster Linie zu dem Zweck nach Palästina gebracht, um jüdi־ sehen Einwanderern Beschäftigung zu geben. Um arbeits־ lose Araber zu beschäftigen, wird jüdisches Kapital nicht ins Land kommen. Sir John Hope Simpson hat diese Zusammenhänge und ihre Auswirkung auf die Arbeits־ losigkeit unter den Arabern erkannt, in dem Weißbuch aber bleibt folgende Feststellung Sir John Hope Simpsons unberücksichtigt: ״Es könnte selbstverständlich nicht von Vorteil Jüdisches Breil Erstklassig und billig bei Lederer & X(9hn, Oamef&ückerei II, Gr. SchifSgasss 16 II, HoOlandstraße 7 Telephon A-41-4-45 Telephon R-47-4-95 WEISS*, FEIN» UND MILCHGEBÄCK Scholetsstzen: H, Holäanüstraße 7 Veikaufsstelle für den 3. Bscirk: I», Glasergasse 10, Telephon A-10-B-50 für die arbeitslosen Araber sein, wenn das Einströmen jüdischen Kapitals nach Palästina verhindert werden sollte. Die Lage der arbeitslosen Araber wird durch die Einwanderung jüdischer Arbeiter, ■ für deren ßeschäfti־ ן gung gleichzeitig jüdisches Kapital ins Land gebracht | wird, nicht verschlechtert. Sic wird im Gegenteil dadurch | verbessert werden, daß die Verausgabung dieses Kapitals in Form von Löhnen an jüdische Arbeiter letzten Endes auch Nachfrage nach arabischer Arbeit hervorrufen wird.“ Sir John Hope Simpson warnt weiters vor der Möglichkeit, aus der Frage der arabischen Arbcitslosig־ keit ein Politikum zu machen, und erklärt: ״Die arabischen Politiker sind schlau genug, um zu erkennen, daß ihnen hier unter Umständen eine be־ queme Methode zur Blockierung der ihnen verhaßten jüdischen Einwanderung zur Verfügung stünde. Es könnten Versuche gemacht werden — und sie werden auch vermutlich gemacht werdety — Namen auf die arabische Arbcitslosenliste zu setzen, die nicht hin־ gehören.“ Aber das Weißbuch enthebt diese Politiker der Notwendigkeit einer künstlichen Vergrößerung der Ar־ bcitslosenlisten. Zum Zwecke der ״Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Volkssjtämmcn“ .soll nunmehr die jüdische Einwanderung so lange einge־ schränkt werden, als ״die arabische Bevölkerung den Verdacht hegt — und sie hegt ihn in der Tat —, daß die ökonomische Krise, unter der sie zweifellos gegen־ wärtig leidet, weitgehend auf eine übergroße jüdische Einwanderung zurückzuführen ist, und solange es durch irgendwelche Umstände ״plausibel gemacht werden kann, daß dieser Verdacht begründet ist“. Auf diese Weise werden jüdische Rechte von bloßen arabischen Meinungen, sofern sie nur ״plausibel gemacht werden“, abhängig gemacht. Daß die gegen־ wärtige ökonomische Depression in Palästina Folge einer übergroßen jüdischen Einwanderung sei, scheint aus dem Weißbuch selbst hervorzugehen, das unter vollständiger Vernachlässigung aller anderen Momente auf diese Ein־ Wanderung als den den palästinensischen Arbeitsmarkt entscheidend beeinflussenden Faktor hinweist. In dem Weißbuch wird auch die Feststellung Sir John Hope Simpsons nicht wiedergegeben, daß ״die durch die jüdische Einwanderung im Laufe der letzten neun Jahre hervorgerufene Entwicklung neue Arbeitsmöglichkeiten für arabische Arbeiter geschaffen hat“, und daß ״die Konkurrenz von seiten der eingewanderten jüdischen Arbeiterschaft durch die Vermehrung dieser Arbeits־ möglichkeiten für Araber ausgeglichen wird“. Im Weiß# buch wird das katastrophale Sinken der Preise für agra־ rische Produkte in der ganzen Welt nicht erwähnt, kein Wort wird über den arabischen Boykott in Palästina und die Boykottpropaganda in den Nachbarländern und deren Auswirkung auf den Handel Palästinas und den Beschäftigungsgrad der dortigen Arbeiterschaft gesagt; ebenso bleiben zahlreiche andere von Sir John Hope Simpson ausdrücklich angeführte Faktoren unberiiek־ sichtigt, wie z. B. der Wegfall der Militärdienstpflicht, Ersetzung primitiver Transportmittel durch moderne usw. Das Weißbuch akzeptiert ohne Vorbehalt die Schätzung Sir John Hope Simpsons, die im Vergleich zu früheren offiziellen Schätzungen den kulturfähigen Boden Palästinas um mehr als ein Drittel kleiner angibt, eine Schätzung, die ihn zu dem Schlüsse veranlaßt, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen kein Land für weitere Ansiedlung von Juden vorhanden ist. Ich kann diese Feststellungen sogar in der Form, wie sie im Berichte gemacht werden, wo sie von bedeutsamen Erläuterungen begleitet erscheinen, nicht akzeptieren. Artikel 6 des Mandats gibt den Juden untev gewissen Bedingungen einen bevorzugten Anspruch auf Ansiedlung auf jenen Staatsländereien, die für öffentliche Zwecke nicht be־ nötigt werden. Dieser Anspruch wird in nachstehendem Absatz des Weißbuches zunichte gemacht: ״Seihst wenn der Anspruch der Regierung auf diese Komplexe zu Recht bestehen sollte, könnten die betref־ fenden Ländereien der jüdischen Ansiedlung nicht zur Verfügung gestellt werden, da sie von arabischen Land* wirten besetzt sind und für die gegenwärtige landlose Bevölkerung Boden ׳zur Verfügung gestellt werden muß.“