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Jüdische Presse · 1930-02-28 · 9 (28.2.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
16 (1930)
Issue
9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 Der 7. Adar. Der Todestag unseres großen Lehrers Mosche gilt dem pietätsvollen Gedeniken jener i׳m Laufe des Jahres dahiuigeschiedenen treuen Jünger Mosche Rabbenus, die seine Thora hochgehalten, entwickelt, gelehrt und ins Leben umgesetzt haben. Im vergangenen Jahre hat der Tod eine überaus reiche Ernte auf dem Gefilde der Thora gehalten. Es gingen von uns: bn הרבנים הגאונים חגויקים Rabbi Josef Leb Bloch, Telsiai (Litauen); Rabbi Jakcfb Frankel, Podgorce (Polen); Oberrab.b'iner Menachcm Grüjrwaidi, Sopron (Ungarn); Oberrabbiner Simon Grünfeld, Büdszeritmihaly (Ungarn); Rabbi Aaron!Kraus«, Iglau (C. S. R); Rabibiner Motel Kleppfisch, Warschau (Polen); Rabbi Mosche Mordehai Morgenstern (Pilla.wer Rebbe); Oberrabbiner Jecheskicl Paneth, Dej (Transsylvanien); Oberrabbiuer Koppel Reich, Budapest (Ungarn); Oberrabbiner Willidim Reich, Baden bei ׳Wien; Rabbi Mordchei Leb Rubin. Jerusalem; Rabbi Schneor Salman Scheersohn, Hornel (Rußland); Rabbi Jakob Moses Safrin (Kamarnoer Rebbe): Rabbi Bezalel Wolf Schafrani, Bacu (Ru.mä,nien); Oberrabbiuer Zwi Hirsch Schweiger, Senta (S. H. $.); Oiber.rabbiner Josef Zwi Soffer, Hajdusamson (Ungarn); Rabbiner Awigdor Schönfeld׳, London; Rabbi Mordchei Josef Twerski, Zlatopol (Rußland) Wir wollen an dieser Stelle noch Bernhard Hof- ,baiiets gedenken, dieses alten Kämpen •für Thora und Tradifion. Und׳ in diesem Jahre kann die Liste nicht geschlossen werden, ohne daß der jüdischen Märtyrer in : 'Erez Jisroel und des Martyriums des Judentums in Ruß- •land Erwäliiuing getan würde!. * Im Bethause ׳der Adas Jisroel (SchlHschul) wird Donnerstag, den 6. Adar (6. März) nach תפלת מנחה (3/«6 Uhr) Von Sr. Thrwürden. Herrn Oberrabbiner Fürst שליטא ein 5 ד D ה auf die Im abgelaufenen Jahre verstorbenen נאונים וגדו0פ ןע״ל abgehalten. i Das bayrische ‘Schächtverbotsgesetz und das Reich. (J. T. A>) Zur faschen/ Durchführung des Schacht־ Verbotes ׳be׳an׳tr>agt׳en die Nationalsozialisten im MüncheneT Stadtrau, sofort Maßnab mein׳ zur Bmführung dos Betaubunigszwanges im städtischen Schlacht.- und Viehhof ,zu treffen. Der ״־zustän'idfee Referent erklärte, daß dies deshalb auf •Schwierigkeiten stoße, weil das Gesetz noch nicht verkündet und noch keine Ausführungsverordnung dazu ergangen sei. Es sei noch nicht ׳einmal •gewiß, ob das Gesetz am ■1. Oktober, dem vom Landtag!beschlossenen Termin, '•überhaupt in Kraft treten werde, da man von verschiedenen Seiten bezweifle, ob es mit ■der ReichsverfassuiLg ׳übereinsthnime, und möglicherweise •von der ReiCh»regier 11 ng ׳ Schritte beim Staatsgerichtshof dagegen nnternonunen werden würden. Felix M. Warb arg respektiert die Wünsche des j Jisehuw. TJ. T. ‘A;) Zum Abschluß des 50.000-Dollar-Drives der ׳Hadassah zugunsten des medizinischen "Werkes in Palästina fand in New York ein Festfrühstück statt, bei weichem Felix M. Warburg, Frau Felix M. Warburg, Rebekka Kohut, Irma Lindheim, Frau David de Sola Pool, (Rabbi 'Abba Ilillel Silver und Rev. Dr. John Haynes Holmes Ansprachen hielten. Herr Felix M. Warburg, Vorsitzender des Administrative Committee der Jewisn x Agency, führte aus: Wir von der Jewish Ageacv machen keinen Versuch, iPaTäis t ina von außen zu 1 eg i׳e r e n, s 0 nproiiiiJiflmmiinninuiMiii] Lebensversichernngs - Gesellschaft kk ווווווווווווווווווווווו!וווווווווווווו!!וו!וווווווווווווו!ווו!ווווווו ו | Gegründet 1882 Gegründet 1882 Venidiernngsltestand Ende Mai 1929 2000 MiMonen Schilling Garanliemillel Ende 1920 . 230 Millionen Sthilllag Prämien-10 ünsenelnnahmen im Jahie 1920.927־ Millionen Schilling Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn, Polenjugoslawien, Bulgarien, Griechen- I land, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten | d e r n w i r w e r d c n u n s in unseren Aktionen von d e n W ü 11 sehe n d e v M e 11 s c h e n, die selbst in Palästina leben, leiten Lassen. Vom 1. Oktober d. J. ab werden wir, so hoffen wir, die Intensität unserer Arbeit erhöhen, indem wir un Stelle der;jetzt bestehenden vielfachen Exekutivstellen eine Exekutive aus acht fälligen Führern setzen, die nicht nur die Arbeit tun. sondern die es auch verstehen werden, die für das "Weite rkemmen •unserer Suche notwendige Sympathie, sowie das notwendige Verständnis ■zu er- •Werben. _ Adas Jisroel (Schiffschal), Wien, 11., Gr. Schiff' gasse 8. Kanzlei: Wien, 11״ Gr. Schiffgasse 1 Z. 110 ex 93a P. T. Es wird zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß die Erzeugung der Mazzoth für das heurige Jahr begönnen hat. Anmeldungen zum Bezüge werden In der Kanzlei der Adas Jisroel, II., Große Schiffgasse 1, während der Amtsstuuden (9 bis 1 Uhr) entgegengenommen. Alle diejenigen, die ihren Bedarf an Mazzoth aus der Bäckerei der Adas Jisroel sicherstellen wollen, werden ersucht, rechtzeitig anzumelden, welche Menge sie beziehen wollen. Nur bei der rechtzeitigen Anmeldung kann die Belieferung gesichert sein, da die Erzeugung der Mazzoth auf das nötigste Maß beschränktist. Der ,Bezug von מצות שמורה muß besonders angemeldet werden. Bei der Anmeldung ist der Betrag für die gewünschte Menge sofort zu erlegen. Da diese ebenfalls nur in sehr beschränkter Menge erzeugt werden, kann nur eine rechtzeitige Anmeldung Berücksichtigung finden. Wien, am 27. Schebat 5690/25, Februar. Der Vorstand. m—1«"Mi »W—HIWHIIIUdlHBIMBBBMMIMW Von der Wiener Agudah. Im große« Saal« der lAgudas Jisroel, Ortsgruppe IL, Leopoldsgasse!16, fand am Sonntag, den 23.!Februar l J., ein Vortrag des Herrn!Redakteurs Schabse 'Schönfeld über die ״Warschauer Konifereniz“ statt. Nach einem kurzen geschichtlichen Ueberbliok ,über; die Entwicklung des jüdischen Lebens in!Polen und ,Ga-!lizieti feierte der Vortragende die besonderen!Verdienste des Herrn 1Rabbiners Dr. Pinchas 'Kahn, dem die 1Schaffung des 'Keihülogesetzes überhaupt zu verdanken ist. Herr Sohönfeld kam auf die ungeheure ׳Wichtigkeit der Rabbiner^ konfereniz zu sprechen, die unter Vorsitiz des Chofez Chaim in Warschau stattfand. Er erwähnte die großen Erfolge1, die diesem wirklich ,,Jüdischen Assifoh“ ijetzt schon׳ beschieden waren, so insbesondere den Wahlsieg der Aguda in Przedborz und Szelichow, wo die vereinigte OrthadoxW vier ׳Mandate erringen konnte, obwohl sie ׳bisher!keines! besaß. In seiner bekannt vorzüglichen Art ׳schiilderte der, Redner den ׳Verlauf der Audienzen unserer rabbinischeit Größen bei den polnischen Ministern, bei denen sie ׳einen gewaltigen!Eindruck hinterließen. Er berichtete über die Bildung de׳s permanenten rabbinischen Komitees, dem als •Vertreter der Aguda ׳der Präsident des polnischen G. A., Se. Ehfwürden Oherra:b׳biner A. Lewin, angehört, und daß der ׳A׳l eks׳a «derer Rebbe an-seine Ghassidlm bereits einen Auirui erlassen hat, wonach sie sich in ׳jeder 'Kehilloangelegen heit a11׳ dieses 'Komitee wenden sollen. Das zählreich erschienene Publikum dankte mit 'herzlichem 'Beifall •dem 'Redner für seine glänzenden Ausführungen. In der anschließenden Diskussion führte (Herr!M. Harnstein• aus; Unsere politischen Gegner haben es sich zur Pflicht gemacht, uns auf Schritt und Tritt ׳zu bekämpfen. ׳Sie suchen durch Intrigen alle für •das Wohl unserer Volksgenossen •unternommenen Schritte zu hintertreiben. * ׳Sonntag, den 2.!März findet im *Lokal der ,Ortsgruppe kehl Vortrag statt. Die Lesehalle, in der d׳i׳e verschiedensten Zeitungen zur freien Benützung auf ׳liegen, bleibt natürlich auch an diesem Tage geöffnet׳. Den nächsten Vortrag hält Herr Moritz Spitzer am Sonntag, den 9. März, um 7 ׳Uhr abends über ״Reisecindrücke bei1 den!Agudisten ׳in der Slowakei“. Der Vortrag ׳verspricht sehr interessant zu werden. Wir bitten jetzt schon um zahlreiche Teilnahme. 1 Baden bei Wien. Sonntag, den 25. Schwa t fand im großen Saal des Restaurants Scliey ehr zum ehrenden Andentken an den heiimgegangenen Überrabbiner. ,Wilhelm Reicht״? veraustalteterDVD aufs משנה'D'1 statt. Der Saal war überfüllt und die Feier erhielt!i'hr besonderes Gepräge durch die Anwesenheit des Altstäd'ter RawR "שליט der den הדרן vortrug und daran anknüpfend der hervorragenden Eigenschaften des verstorbenen Führers der Gemeinde gedachte, dessen erfolgreiches Wirken .im der an der שמחת מצלה teilnehmenden großen Zahl ■von Ge- meinde׳mitgliedern seine• deutlichen Spuren zeigt. Bei der hierauf folgenden Festtafel sprachen noch der Präsident des A'gU'da-W׳ai:senhauses, Herr I. 1׳. Thumim, Herr Rabbvner. Ahron Jeruchim, Wien, Herr Rabbiner Sälomon Friedmann, Baden, der Badener Religionsprofessor Herr Dr. Rosler, Herr Rabbiner Rosen, Wien, und Herr S.׳Rapaport, letzterer namens des Kultusvorstandes der Getneinde Baden. Aus ■den Ansprachen sämtlicher Festredner sprach der Schmerz ob des Heiniganges des treuen F.üh- ׳rers und der Wille, ׳i.n seinem Sinne fartzuwirken. Das zugunsten des Waisenhauses, Keren Hathora, ETez Jisroel und Mikwa versteigerte Benschen brachte eine recht ansehnliche Summe. — ׳Es war eine erhebende Feier, die ׳für das Leben des jüdischen Baden ׳spricht und •für die. Wleiterentiwickhing der Gemeinde vielversprechend ls'\ —n״.. die angenehme, wohltuende Arbeit; ״Sorge“ und den interessanten, abwechslungsreichen Daseinskampf fliehen wir wie die Test. Nun packen wir einen Narren, dem wir dieses Ungemach von Verantwortlichkeit aufwälzen kön* nen! Ein Alpdruck ist von uns genommen, wir sind nun* mehr entlastet, der ״Sorgen“ entledigt, atmen erleichtert auf. Im frohen Bewußtsein, unsere schwachen Nerven nicht weiter .anstrengen zu müssen, unsere Belange in guten Händen wissend, nehmen wir getrost unsere Faulenzertätigkeit wieder auf. Für seine freundliche Uebernahme unserer .Lasten danken wir ihm in rührender Ergriffenheit. Dem armen Gefoppten, Betrogenen setzen wir zur Entschädigung eine Krone auf, drücken ihm ein Szepter in die Hand; im Netz, in das er sich locken ließ, findet er Ehre, Reichtum vor, und unsere Freizügigkeit, das Reich, legen wir ihm zu Füßen. In unserer Trägheit hat all das einen reziproken Wert für uns. In ihm, dem Auserlesenen beschenken, ehren wir uns ja selbst! Ist er doch lediglich für uns da! Das, was wir ihm gehen, gilt uns, ist er doch unser Vertreter, zerbricht er sich ja für uns den Kopf! Die Flucht vor der Verantwortung, die Preisgabe und Einschränkung unserer Rechte und Mög־־ lichkeiten, das Sichüberlassen fremder Führung ist ein Produkt der Bequemlichkeitssucht, ein Zeichen von Lau* heit, ,Faulheit und Schwäche. Je hilfloser der Mensch sich dünkt, desto unter* würfiger, umso schutzbedürftiger ist er. Den im Fahren ungeschulten Passagier interessiert lediglich der Lenker, das Lenkrad beachtet er nicht. Der Patient überläßt sich ganz dem ihn behandelnden Arzt. Ein geknechtetes Volk zum Ahschütteln des fremden Joches aufzurütteln, will nur selten;und schwer gelingen. Der Wecker wird in der Regel von den Unterjochten selbst, die er befreien, er* lösen will, als Phantast, utopistischen Wahnideen nach* jagender Querkopf verschrien. Den Erlöser steinigen sie, da er ihnen ein Werk zumutet, das Anstrengung erfordert, und davon wollen sie nichts wissen, weil sie faul sind. Sie fühlen sich wohl unter dem gegenwärtigen Regime, wenn es auch ein fremdes, feindliches ist, dafür ist’8 schon da, es muß nicht erst erkämpft, erarbeitet werden. Dem Zustande der ohnmächtigen Schwäche gesellt sich eine unverwüstliche Denkfaulheit, eine Scheu vor der Kopfarbeit zu. Um nicht weiter über die Naturerschei* nungen nachdenken zu müssen, schrieben die primitiven Völker gewissen Tieren göttliche Macht zu. Ohne über das Wesen dieser von ihnen konstruierten Götter im klaren zu sein, bequemlichkeitshalber, beteten sie Tiere und tote Gegenstände an. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften — in&oferne solche zu jener Zeit betrie* bfn wurde» — '*',ar ausschließliches Vorrecht einer be* stimmten Kaste, 'der Masse fiel das Denken schwer, sie wurde zur Denkuntätigkeit erzogen. Schon in dieser Hinsicht bedeutet der nun auf den Plan getretene hebräische Monotheismus einen Sieg der Vernunft und der individuellen Selbständigkeit. Indem er alles Geschehen einer allgewaltigen, hohen, mächtigen Göttlichkeit zutraute und die Pforten der Wahrheitser* kenntnis allen öffnete. Moses ließ sein Volk, das wahre Sein und Werden ahnen und führte es in die Schule der souveränen Individualität. Dem ganzen Volke kündete er seine Botschaft, dem ganzen Volke lüftete er das unerfaßbare Geheimnis, das ganze Volk wollte er zu Priestern, zu Heiligen, Heilbringern erziehen. ״Und Ihr sollt mir ein priesterlich Königreich und ein heiliges Volk‘ seinl“ (Exodus 19, 6). ״Wollte Gott, daß das ganze Volk dem Herrn weissagte, und der Herr seinen Geist über sie gebe“ (NumCri 11, 29). Moses lehrte sie, den Weg ins Freie — und mag er noch so wüst, gefahr* voll und anstrengend sein — nicht zu scheuen. Um Israels Selbstvertrauen zu prüfen, um zu sehen, wie sie sich allein zurechtfinden, ob sie die Fähigkeit haben, auf eigenen Füßen zu stehen, stieg Moses in den Himmel und ließ sie vierzig Tage allein. Da geschah das Furchtbare! ״Auf! Mache uns Herren, die vor uns her* gehen sollen, denn dieser Moses, der Mann, welcher uns herausgeführt aus dem Lande Aegypten, wir wissen nicht, was mit ihm geschehen!“ riefen sie dem Ahron zu. Das den Ketten kaum entwundene Volk besaß die innere Freiheit nicht, auch nur einen Augenblick führerlos da* zustehen. Moses mußte mit beklommenem Herzen fest* stellen, daß seine Brüder nicht reif genug sind, daß sie erst auf dem Marsche zur Freiheit sich befinden. Es war ihm klar, daß noch ein weiter Weg zurückgelegt werden muß, um ins Land der Verheißung gelangen zu können. Vier Jahrzehnte mußten vergehen, bis ein neues Ge* schlecht, das die Sklaverei nicht kannte, die Wüste ver* lassen durfte, Als die israelitischen Stämme von Samuel einen König den anderen Völkern gleich verlangten, entschloß er sich nur zögernd und ungern, ihrem Wunsche zu ent* sprechen. Samuel erblickte in diesem Verlangen, einen Rückfall in das graue vormosaische Zeitalter; diese For* derung bedeutete Flucht vor der Verantwortung, Verzicht auf individuelle Freizügigkeit. Es fiel ihm daher. schwer, diesen Verlust an Volkakraft zu sanktionieren. Der Prophetismus nahm den Faden der individucl* len Freiheit wieder auf. Der Talmud räumt dem Individuum die Rolle eines Züngleins an der Weltwaage ein. (Kiduschin 40 b). Die Kabalah weckt das Individualgefühl, welches dann vom Chassidismus zur höchsten Majestät gesteigert wird. Hier findet der Einzelne* weiten Spielraum, er ist bemüht, den Gipfel der Erkenntnis, des Erfüllens zu er* klimmen, die Eignung zum Zadik, dem Gerechten, zu erzielen. Er bietet sich dem Schöpfer zur Mitarbeit an, stellt seine Persönlichkeit, die er durch Kasteiung, Fasten, Askese, gottgeweihte Heiterkeit und Ekstase veredelt, erhebt, in dem Dienst der Allmacht. Er will den Welt* gang, ja das Weltengeschehen beeinflussen. Individualismus will nicht heißen, daß Feststehende anzweifeln, alles Ueberlieferte verwerfen, gögen das voll* kommene Ganze sich auflehnen, um einer Menge von Halbheiten zu huldigen. Nicht egozentrische Einstellung, Eigenliebe, Selbstsucht, Eigennutz, sophistischer Subjekt!« vismus und epikuräische Atomistik ist der Sinn des wah* ren Individualismus. Nicht Auflehnung gegen Autorität, die unerläßlich und notwendig ist, da sonst ein friedliches Nebeneinander im sozialen Leben undenkbar wäre und wir in einem chaotischen Zustande dahinschweben wür* den. Nicht daß jeder seine eigene Meinung habe, seinen eigenen Weg gehe, wodurch jede Aktionsfähigkeit ge* lähmt wird, nicht die von den Ahnen übernommenen Güter veräußern, nicht das ״Joch“ der Religion abschüt* teln, um sich an tausend andere Herren zu verschachern, nicht sich freimachen und zum Sklaven der Freiheit herab* zusinken. Das ist mißverstandener Individualismus, der in zügellose Ausgelassenheit ausartet. Einer katastrophalen Anarchie würden wir verfallen, wenn es keine obere Füh# ru«g, keine religiösen Bindungen, keine stattliche Auto* rität gäbe. ״Was soll mir das Leben in einer Welt ohne Gott und Vorsehung?“ (Marc Aurel, B. II 11.) Nicht sich frei machen und an die Ungebundenheit gebunden sein, nicht Werten, die im Verlaufe von Jahrtausenden ge*, schaffen wurden, an denen sich unzählige Generationen abgemüht haben, die Ehrfurcht versagen; nicht den ge* sunden Halt, die religiöse Festigkeit, welche die Satzungen und Normen bieten, abstreifen, um innere Zerrissenheit, Unbeständigkeit und Zerfaserung an ihre Stelle treten zu lassen, heißt individuelle Freiheit. Pflicht der Gesamtheit gegenüber, Gebundenheit an Gott, Ergebenheit an das, allen gemeinsame Ganze, Selbstvertrauen, das zur Selbst* Verleugnung führt, freie Bahn allen, auch den Nicht« tüchtigen, Verwertung und Verwendung der Fähigkeiten aller, Aufführung eines Baues, in dem alles, was sich da regt, Platz findet, das 19t wahrer,' reiner Individualismus.

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