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Jüdische Presse · 1930-02-28 · 9 (28.2.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
16 (1930)
Issue
9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 9 ttieinde wandten sich an das Zcntralexekutivkomitee der Sow jetunion mit der Bitte, den Bcsdiluß des Moskauer .Sowjets, die Synagoge zu beschlagnahmen, aufzuheben. Die Moskauer Chorsynagoge ist die größte Synagoge der Sowjetunion. Sie besitzt mehr als 200 Sifre- Thora und eine riesige Bibliothek. Aus verschiedenen Städten und Städtchen treffen Meldungen ein, daß in den letzten Tagen massenhaft .Synagogen beschlagnahmt worden sind. Die Moskauer Zeitung ,.Emess“ druckt heute eine Liste von mehreren Dutzend in der allerletzten Zeit beschlagnahmten Syna• gogen ab und teilt dabei mit, daß in den Städtchen* dev kollektivisierten Rayons ausnahmslos alle Synagogen ״ohne viel Federlesens“ beschlagnahmt werden. Die Charkower jiddische Leitung ,Stern״ teilt mit, daß gegenwärtig in der gesamten Ukraine unter der jüdischen Bevölkerung Gebetutensilien (Tephilin, Talifhim) und religiöse Bücher abgesarnmclt werden, damit sie als ״Ramsch“ nach dem Ausland verkauft werden: der Erlös wird dem Industrialisierungfoncls zugeführt. Angeblich wurden Schulkinder, für diese Sammelaktion mobilisiert. Im Kreis Schepctowke wird laut ״Stern“ der Erlös für die verramschten religiösen Bücher zur An- Schaffung von Musikinstrumenten fiir das Orchester der Jungkommunisten verwendet. Die .jüdischen Kommunisten fordern Einfuhrsperre ׳• für Mnzzoth. (J. T. A.) Die in der Liquidation .stehende ״Jevv- Sek/.ija“ richtete an das Handelskommissariat der Sowjet- Union die strikte Aufforderung, in diesem Jahre jede Einfuhr von Mazzoth für die Juden in Rußland zu sperren. In der in Form einer Warnung ausgesprochenen 1'orderuug wird gegen das Ilandelskommissariat der Vorwurf erhoben, daß es durch die Förderung der vorjährigen ausländischen Mazzoth-Aktion der Konterrevolution gedient hat. In der Stallt Pastow wurden alle dort vorhanden gewesenen fünf Maschinen für Mazzoth-Herstellung zugunsten des Indtistrialisicrungsfonds beschlagnahmt. s. o. s. :Die ׳Gefahr, die dem schönsten und erhabensten G-ttesgesehcnk, dem Sabbat, •droht, durchzieht wie ein r.otcr ,Faden die gesamte religiöse Presse ■lind darüber hinaus die Organe nicht direkt ■hievon betroffener ,Kreise. Unendlich groß ist •die ,Bedrohung dieses unseres!Ruhetages, sei cs durch die Kalenderreform Rußlands, des Mächtigen Juden Zentrums, sei cs durch die!Wirt Schaftskrise in der ganzen 'Welt. Die!Leidenschaftlichkeit, mit der gegen die Gefahren der ׳Entthronung, der -Königin SaM>at gekämpft ■wird, läßt uns den Glauben -an den Bcstand des -Kampfes l’scihcm schomajim nicht verlieren■. Aber mit der Preß-kampagnc allein ist der!Sabbat nicht zu retten. •In ■erhöhtem!Maße werden wir uns in •der heutigen Zeit der •Zwiefältigkcit־ des Sabbatgebotes bewußt.!Nicht damit, daß wir für ׳uns und -unsere •engere!Familie die i־ie;!igi1altuug des Sabbat auf das -pcinlic-h-s-t-c beobachten, .-uni •damit dem Schomaur es ijauin hascliab'bos irkadschau Genüge zu leisten, haben wir •unsere Pflicht erfüllt. •Sochaur es ijarnn -haschabbos •l’-kadschau. 'Darüber hinaus wird uns ,•befohlen, daran •zu denken, -daß der Sabbat geheiligt werde, daß andere in die Möglichkeit •versetzt werden, des! für Weißnähen und KSeitiermachen! m!t Öffentllchkeltsrecht Einzige jüdische ■!m |j Wien! II.! Malzgasse 7, Dr. Krüger-Heim Staatsglltige Zeugnisse Oehllfinnenrecht Samstag geschlossen g-ttlichen Sabbatgeschenkes teilhaftig zu werden. Wenn wir in unserem Familienkreise an dem festlich geschmückten Sabbattisch mit Speise, Trank und ׳Lobgesängen zur Verherrlichung des Sabbat beitragen, möge jeder ׳von uns in seinem Innersten darüber nachdeniken, ob er auch mit der gleichen!Gewissenhaftigkeit das ״Sochaur“ eingehalten hat, ob er das Seinigc dazu getan hat. um mitzuwirken an der Erhaltung •des Sabbat auch für andere, für andere treue!jüdische Brüder •und Schwestern, ■die das Schicksal nach einem großen, mächtigen Reich geführt hat, in dem heute •die erbittertsten Feinde alles G-ttliolien herrsehen und alles!Religiöse zu ertöten beabsichtigen. Da mögc< jedermann in seinem •Innersten sich ■prüfen, ob er in seinem engsten IKreise alles getan hat, um Schorn re Schabbos zu unterstützen, ob er hei seinen ,Einkäufen daran gedacht hat, daß man hei sabbathaltenden Juden ebenso gut kaufen kann wie ■anderswo lind daß der Einkauf bei •einem ■sabbathaltenden Juden ln dem!Begriff des ״Sochaur“ ein geschlossen ist. Da möge man darüber nachdenken, ob man in seinem eigenen Geschäft auch tat- ■sächlich Schomre Sahabbos beschäftigt oder aus dem einen oder anderen Grund cs vorzieht, sich •über das .,Sochaur“ hinwegzusetzen und eines vermeintlichen oder wirklich geringen Vorteiles willen anderes Personal beschäftigt. Da möge •man schließlich in der heutigen Zeit des Personalabbaues sich die Frage vorlegen, ob man hiebei gewissenhaft abgewogen hat, ob auch die Liste der Betroffenen nach dem Gesichtspunkte des ״,Sochaur“ geprüft wurde. Der •Hilferuf: ״,Sabbat ist in Not!“ ■muß an das Ohr jedes einzelnen •dringen und sein Herz ,bis ■ins Innerste aufrütteln, wenn der Gefahr gesteuert werden, wenn •den Verbänden, die geschaffen wurden, um hier ■helfend einzugreifen, Erfolg heschicden sein soll.!111 diesem Sinne zu winken, wird besonders Aufgabe ■des ״Weltverbandes Schomre Schabbos“ sein, und zweifeilos werden sich die ehrwürdigen Herren Rabbiner gerne in erhöhtem •Maße •in den Dienst dieser für die Erhaltung des Judentums grundlegenden ,Frage stellen. Salomen Wolf s 01111. Jakob Rosenheim uml Dr. Deutschländer beim polnischen Außenminister Zalesky (J. T. A׳.) Der Minister •des Auswärtigen׳ der pol- 1 lischen Regierung August Zalesky empfing den 'Präsideuten der Weltorganisation Agudas Jisroel, Herrn Jakoib Rose 1111c i m aus Frankfurt a. M., und den ׳Hauiptdircktor ■des Keren Hat-hora, Herrn Dr. Leo D e 11 t s c 11 Hi 11d c r aus Wien, •die in den letzten Tagt‘11 in Warschau gewählt liaheu, iu längerer Audienz. Die Führer der Welt- Agttdah wurden •dem Außenminister vorn Vorsitzenden der Agudas Jisroel in!Polen, dem früheren Senator •Mendelsahn, vorgostellt. ■Herr Rosenheim unterrichtete den Minister über Tätigkeit und Ziele ׳der Agudas Jisroel und ihre Stellung ' zu den aktuellen jüdischen politischen Fragen. .Er!berührte das Problem der Zwangs sonntags ruhe vom :internation-alcn Standpunkt ■L11 Zusammenhang •mit den Bemühungen 'der Agudali beim international•()!! Arbeitsamt •des Völker- ׳blindes in Genf. Er richtete'an ■die polnische Regierung Neue Sprachschule. Montag defn 3. März 1930 wird die neue, von! Wiener Stadtschulrat konzessionierte Schule für englische und französische Sprache für weibliche Personen iui ״Dr. Krüger-Heini“״ Wien, II., Malzgasse 7, Tel. R-43-5-40 (10 bis 12 Uhr und 3 bis 5 Uhr), eröffnet. Kurse für Anfänger und Vorgeschrittene, an Nachmittagen und Abenden. Spezielle Kinderkurse. Erprobte, erstklassige Lehrerinnen. Billige Kursbeiträge. die Bitte, während der nächsten intematiioualen Arbeitskonferenz die Aktion für Erleichterung des Sonntagsruhegesetzes für die sabbathaltenden Juden in allen Ländern zu unterstützen. Direktor Dr. Deutschländer -iavformierte den Minister über die Arbeit der Ag.11da.I1 au׳f religiösem und kultairellein Gebiete, insbesondere auf dem Gebiete der ..höheren jiidischen Erziehung -in :Polen, wobei er darauf hhnvies, daß ungefähr 70 Prozent aller religiös-jüdischen höheren ErziehiHigsanstalten sich in Polen befinden. In seiner Erwiderung betonte Außenminister Zaleski sein Verständnis und seine Sympathie für die :111 Gespräch berührten Fragen. Hinsichtlich der Frage der Sonntagsruhe erkannte der Minister die Forderung nach Erleichterungen für die ■sabbathaltenden Juden als eine vollkommen gerechte •an und versprach, die diesbezü;;- liebe Aktien der Agudah beim Völkerbund, soweit diese Angelegenheit in seine Kcnrpeteiiz fallen wird, zu unterstützen. Oberrabbiner Simon Grünfeld .זצ״ל ׳Scmilag, den 18. ■Schewat ist im Alter von &) Jahren einer der bedeutendsten Rabbiner Ungarns, der Oberrabbiner von Büdszentmihuly, nach kurzer :Krankheit verschieden. Rabbi -Simon Grünfcld• wurde im Jahre-1861 in Httszt geboren, woselbst zu jener Zeit der -berühmte Maharani Sch-ick als Rabbiner wirkte. Von ihm gewann der begabte Badhur -seine erste gründliche und für seine ganze geistige!Entwicklung entscheidende Ausbildung. Seine -berühmte Lernweise und der unbeugsame und doch gegen jedermann -milde Charakter, sie trugen allezeit das Zeichen des großen Meisters an sich-. Mit diesen Eigenschäften, zu denen -sich noch •ein scharfer, durchdringender Verstand gesellte, ragte Rabbi Grünfeld wie eine klassische Eigiir •aus der Menge der Epigonen hervor. Nebst dein Maharani!Schick ,lernte •er noch in Beregszäsz bei den! berühmten!Verfasser des ׳״Kol Ar!je“. Nach seiner Ver- -heiratung!ließ :sich Rabbiner Simon Griinfold in •M-uu’kacs nieder, •woselbst er 25 Jahre hindurch als Dai.au wirkte. •Nach dein Ableben seines Vaters folgte er ihn! in -der Würde des Obcrrabbiners vo:!f RiidszeiU-tniha-lv. wo׳ er ■in -23jäl1riger Wirksamkeit unter bescheidenen Verhältmssen, aber hervorragend a-ls Jeschi waleiter und groß an Tugend und Frömmigkeit ein, bedeutendes ׳geistiges Zentr.um geschaffen hat1. 0!berra!b-b. Griinfeld war auch;Mitglied der Rahbinerkommission -der orthodoxen Landeskaiizlei in Budapest und nahin •noch!an den großen Tagungen am Beginne -dieses Jahres ■teil.׳ Solu Gesundheitszustand war aber schon damals sehr -prekär. Kurz nach seiner Rückkehr aus Budapest erkrankte er ernstlich und verschied Sonntag früh. Seine Bestattung fand Dienstag ׳unter grandioser Beteiligung der ganzen 'Umgebung statt. Vom frühen Morgen bis zum!Abend folgte eine Trauerrede -der anderen. Alle Sabdnnim waren bestrebt, irgend eine schöne Eigenschaft oder 'einen ergreifenden Charakterzug, seine Geistesgröße wie -sein tiefes ׳Wissen fcstzu-11 alten. Das Andenken dieses großen Lehrers und Rabbiners wird -die!Generation, die ihn gekannt hat, segensreich beeinflussen. TSoCßls 41.2ßauph<Äu&fiirXnaie/v 4utd fflätMen, mdOfenl&dUßthrecfii יי //. fllatzgasse /6 Individualismus und Autorität. Von Rab’biner Altron J e r u c h e m. אמר רב יהודה אמר רב: כל מח שברא הקב״ה בעולמי, לא ברא דבר אהד לבטלה (שבת ע״ז ע״ב). Gott schuf die schöne, weite Welt. Die Menschen aller Zeiten und Generationen sind bemüht, sich in ihr zurechtzufinden. Wir arbeiten an dem Ausbau und der Entwicklung alles dessen, was in und um uns ist. Jeder von uns steht auf einem ihm zugewiesenen Posten, jedem ward ein Ziel gesteckt, eine Aufgabe zuteil, an deren Erfüllung er Zeit seines Lebens arbeitet. Er glaubt für sich zu streben, denkt an sein persön# liohes Interesse, sein Bemühen gilt aber letzten Endes der Gesamtheit. Seine Wünsche gehen oft nicht in Erfüllung, aber die Allgemeinheit verwertet sein Verfahren, sein Suchen zu positiven Resultaten. Alles Treiben, jedes Tun und Lassen eines Individuums kommt der Menschheit zugute. Das winzige Schaffen des Durchschnittsmenschen macht der Mehrbegabte sich dienstbar, worauf die Aus# erlesenen weiterbauen. Alles was sieh da regt, steht somit Im Dienste der Schöpfung. Jeder in seiner Art, nach seinen Mitteln und Möglichkeiten. Nicht nur die genialen Geister, die segensreich Produzierenden, auch die Nichtsleistenden, die der menschlichen Gesellschaft zur Last fallenden Sorgen# kinder haben ihre Missionen, somit eine Lebensberechti# fung, ja Daseinspflicht. Wenn schon nicht in tätiger ornv dienen sic als Objekte, indem sie Gelegenheit bieten, das soziale Empfinden an ihnen zu erproben und zu befriedigen. Als Ventil für das überschäumendc Ge# fühl, als Gegenstand unserer Beobachtung und Versuche ,sowie in sonstiger Weise hat ihr Da#Sein einen Nutzen •»und Zweck. K Ja selbst verkommene, verwerfliche Kreaturen, [Verbrecher tragen ihre — wenn auch nicht kostbaren — ^Steine zum Riesenbaue. Durch die schädlichen Elemente!erkennen wir das Uebel. Sie machen uns auf Fehler und :Mängel, die uns anhaften, aufmerksam, um diesen nach# Idigenen. Durch sie treffen wir vorbeugende Maßnahmen, '[durch sie sind wir auf der Hut. Urnen verdanken wir,;Maß wir dem Unsauberen gewappnet entgegenzutreten •frennögen. Für jede Regung im Universum findet die 1,4׳'rdnende Vernunft irgend eine Verwertung. Auch die geringfügigste menschliche Energie läßt die vorsehende jpügung der werdenden Vollendung nicht verlorengehcn. Kein Erdenkind hat umsonst gelebt, mag es auch kein Genie gewesen sein. Die Welt ist eine gigantische Werk# stiitte, welche der mannigfachsten Werkzeuge und Vehikel bedarf. Jeder einzelne ist ein Bestandteil, ein Rädchen in der kosmischen Maschine. Demnach verstehen wir die unbescheiden klingenden Worte des sonst die reinste Demut personifizierenden Hilel: ״Wenn ich hier bin, ist alles da“. Er erachtete sich wohl für den Geringsten, ver# schloß sich aber der Erkenntnis nicht, daß das Vorhan# densein der Kleinen, den Bestand des Großen mitermög# licht. Der Gedanke, daß die ungestörte Funktion jeder maschinellen Einrichtung harmonisches Zusammenwirken aller, wenn auch unansehnlichsten Nieten zur Voraus# Setzung hat, veranlaßte ihn zum Ausrufe: ״Wenn ich da bin, ist alles, das All da“. Das heute Geleistete wird denen von morgen, den Späteren überanwortet, die dort beginnen, wo die Frühe# ren stehen geblieben. Die Erfahrung, die der eine gesam# melt, wird vom zweiten verwendet. Das, was der Erste begonnen, setzt der Nächste fort und die nach ihm Kommenden legen die letzte Hand an, vollenden es. Sie lösen einander ab. Daher auch der Name Geschichte: Jedes Gc# schlecht und Lebewesen häuft Schicht auf Vorgefundene, bereits vorhandene Schicht. Wir schichten Erlebnisse, Taten, Erfahrungen und Geschehnisse aufeinander, dies zusammengefaßt, kontinuiert, heißen wir Geschichte. Jeder Sterbliche macht Geschichte, nicht nur die Pro# minenten, die Tonangebenden allein, vielmehr auch die Kleinsten sind integrierende Faktoren der menschlichen Entfaltung und ihrer Geschichte. Es herrscht eine syste־ matische Arbeitseinteilung. Jedem von uns entsprudelt ein — mehr oder minder gesunden Lauf annehmender Strom — welcher im Weltmeere mündet. Die göttliche Vorsehung stellt uns alle in den Dienst der Zukunft. Und doch, beim bloßen Anblick eines Großen, ohne uns vorher von seinen Leistungen und Verdiensten überzeugt, ohne das über ihn Gesagte kontrollierenden Blickes geprüft zu haben, werden wir begeistert, hinge־ rissen, enthusiasmiert. Vertrauend auf den dem Ge# feierten vorangehenden Ruf werden wir von einem Ver# ehrungsgeiz ergriffen, von einem Faszinierungstaumel spontan erfaßt. Dabei vergessen wir, daß wir erwachsene, zivilisierte Kulturmenschen sind, indem wir uns der Mit# tel des Urzustands bedienen, um dem vom Nimbus Um# strahlten unseren uferlosen Respekt für seine hohe Promi# nenz kundzutun. Wir jubeln ihm zu, klatschen mit den Händen, trampeln mit den Füßen, mittelst unartikulierter Laute, primitiver Körperbewegungen, durch wahnsinniges Gebaren überzeugen wir ihn von unserer tiefen Ehrfurcht, die wir ihm entgegenbringen, von der hohen Meinung, die wir von ihm haben. Und dies bereitet uns beinahe soviel Vergnügen, wir haben soviel Freude daran, wie jener, der Gegenstand unserer Ovationen ist. Die Masse der selbstvertrauenslosen, kleinmütigen, scheuen Tief# Stapler lauscht gierig jenen zu, welche den Willen und Mut aufbringen, ein unerschrockenes Wort hervorzubrin# gen, einen Befehl auszusprechen. Wer sicheren Schrittes an die Spitze zu treten wagt, hat die Welt erobert. Er muß nur die tollkühne Sicherheit besitzen, mit vermes# sener Selbstverständlichkeit auftreten können, den Furchtlosen fürchten wir Sterblichen und vor dem Uner# schrockenen schrecken wir zurück. Der Stifter des Christentums präsentierte sich mit einem: ״Ich aber sage euch!“ und die Völker fielen vor ihm nieder. Wer den Mut aufbringt, an sich zu glauben, um den scharen wir uns, dem schenken wir Gehör. Ob er nun Napoleon, Mussolini oder sonstwie heißt. Der jahr# hundertelange Bestand monarchischer Systeme und viele andere Beispiele aus der Geschichte bieten klare Beweise dafür, daß wir von jeher mit Vorliebe von einem Aus# erkorenen geführt, beherrscht werden wollen. Einen Ge# bieter wollen wir über uns wissen, der uns unterweist, be# fehligt, anherrscht. Gehorchen wollen wir, untergeordnet sein. Wir sind daran gewöhnt, es liegt uns schon im Fleisch und Blut. In jedweder gesellschaftlichen Struktur fällt diese masochistische Erscheinung auf. Ob es sich nun um weltliche oder geistige Obrigkeit, Gesetzgebung oder konventionelle Gebundenheit, absolute Monarchien oder Volkskommissäre handelt, überall beobachten wir gleichsam den Hang nach Abhängigkeit. Abhängig wollen wir sein, befehligt, geführt werden, gleichgültig von wem. Zuweilen verjagen wir den Tonangebenden, aber nicht um uns von der Gebundenheit vollends loszumachen, sondern um uns einem anderen in die Arme zu werfen. Den Herrscher wechseln wir, die Herrschaft aber muß bleiben. \Vir trauen uns nämlich die Kraft nicht zu, die uns vom rohen, harten Leben gestellten Aufgaben allein zu erfüllen, den oft unerbittlichen, unerfüllbaren Bedingun# gen gerecht zu werden, die riesige Materie zu beherrschen, den unüberblickbaren Stoff zu bewältigen. Wir schrecken vor den! Labyrinth des Lebens zurück. Die Last der Verantwortung drückt uns schier zu Boden. Wir ruhe# losen, nie ermüdenden Faulenzer können auf unserem weiten, ziel# und planlosen Müßiggänge die Bürde der Verantwortlichkeit nicht ertragen. Wir kühnen Feiglinge knien daher beim Sichtbarwerden eines Mutigen, der sich anbietet, uns diese Arbeit abzunehmen, nieder und zerfließen vor Dankbarkeit. Wir überlassen ihm die Fiih# rung, hängen ihm die Verantwortung׳ für das Wohl und Wehe unserer Zukunft an. In unserer Minderwertigkeitssicherheit nennen wir 099552441972

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