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Jüdische Presse · 1930-02-15 · 7 (15.2.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
16 (1930)
Issue
7 (15.2.1930)
Date
1930-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Tschechoslo Orthodoxe Initiative zum 80.Geburts• tag des Herrn Präsidenten Masaryk, Wir haben bereits in diesen Blättern berichtet, daß in führenden Kreisen des orthodoxen Judentums über positive Vorschläge zur würdigen Begehung des 80. Geburtstages unseres Staatsoberhauptes Beratung gepflogen wird. Wir haben auch augedeutet, daß die Absicht besteht, die Initiative zur Errichtung eitler jüdischen Institution auf dem Gebiete'der Republik zu ergreifen, die ebenso des Anlasses würdig־ erscheinen als auch geeignet sein soll, die freudige und willige Mitwirkung der gesamten tschechoslowakischen Judcnheit zu bean- Sprüchen. Das Präsidium der orthodoxen jüdischen Konfession in der Slowakei als Vertretung der größten jüdischen Gemeinschaft auf dem Gebiete der Republik ging bei der Prüfung der vorliegenden Vorschläge von dem Bestreben aus, bei der Feier des 80. Geburtstages des Herrn Präsidenten Masaryk durch die Juden in erster Reihe den Gedanken zum Ausdruck zu bringen, daß in der Verehrung und der Dankbarkeit, die ihm gezollt wird, die gesamte Judcnheit der Republik ohne Ausnähme und ohne Unterschied der religiösen Ueberzeugung, des Standes und der politischen und konfessionellen Parteizugehörigkeit ungeteilt und 1111eingeschränkt einig ist. Andererseits müßte.clie jüdisd1e Widmung aus diesem Anlasse ein ragendes und. dauerndes Denkmal werden denn edlen, humaneu Geist, durch den .Herr Präsident Masaryk seinen Namen für alle Zeiten in die Herzen aller Juden 1111׳verlöschbar eingegraben hat. Was liegt aber unter diesen Voraussetzungen näher, als das Gebiet der j ti d i s c!1 e n b r ü d e rliehen Menschenliebe! Ueber allen Zwiespalt hinweg, der das Judentum in den konstitutiven Prinzipien des Religionsgesetzes, .der Organisation, der Kultur, der Erziehung und der Politik in verschiedene Lager teilt, vermag sie allein immer noch ein einigendes Band zwischen allen Juden zu bilden. Die jüdische Menschenliebe müßte auch jetzt aufs Panier erhoben werden, um zum siehtbaren Wahrzeichen 'der dankbaren Verehrung für Herrn Präsidenten Masaryk die erste GesamtinstijjllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIHH^• § Einzige Jüdische 1 I Print ־ I acs w ~ | für Weißnähen und Kleidermachen j | mit Öffentllchkeltsreoht §§ | Wien! II■! Malzgasse 7! Dr. Krüger •Heim g H Staatsglltlge Zeugnisse Gehilfinnenrecht M Ü Samstag geschlossen! ü tution der tschechoslowakischen Judenlieit ins Leben zu rufen. In der Ueberzeugung, einem allgemeinen und unzweifelhaften Wunsche der tschechoslowakischen Judenlieit zu entsprechen, hat daher das orthodoxe Präsidium in der Slowakei nach Befragung und mit einhelliger Zustimmung des Rabbinerkomitecs den Beschluß gefaßt, die Initiative zur Errichtung eines jüdischen Genesungsheimes in der Tatra zu ergreifen, das den Namen des Herrn Präsidenten Masaryk tragen soll. Bevor noch diese Zeilen in die Hände unserer Leser gelangen, wird sich das engere Initiativkomitee konstituiert haben, dem die Aufgabe zufällt, unter Heranziehung aller jüdischen Kreise I eine Körperschaft zu gründen, die diese Idee in der kürzesten Zeit verwirklichen soll. Die erste Aktion zur Aufbringung der finanziellen Mittel soll aus Anlaß des 7. März auf breitester Basis eingeleitet werden. Die neue Volkszählung und die Juden• In der Kommission für Statistik beim Völkerbund finden seit längerer Zeit Beratungen über die einheitliche Gestaltung־ der Volkszählungen in allen Staaten statt. Es wird erstrebt, allgemeine, für alle Staaten gültige Grund# sätze für Fassung, Rubrizierung und Formulierung der Fragebögen aufzustellen, um dadurch die Grundlagen für eine brauchbare und auch wissenschaftlich einwandfreie internationale Statistik zu schaffen. Es braucht wahrlich 'nicht erst hervorgehoben werden, welche eminente Bedeu# tung den Arbeiten dieser Kommission für die internatio# nale und innerstaatliche Politik der einzelnen Staaten und damit für den Weltfrieden innewohnt. Diese Beratungen in Genf, an denen auch clie Vertreter des tschechoslowa# kischen staatlichen statistischen Amtes regen Anteil neh# men, sind unseren Informationen gemäß noch nicht zu Ende geführt und es dürfte noch eine Weile dauern, bis man eine erste internationale Volkszählung auf Grund der Weisungen dieses vom Völkerbund eingesetzten statisti־ sehen Büros wird vornehmen können. Einstweilen bleibt es daher die Aufgabe der staatlichen Aemter, auf Grund der bisherigen Erfahrungen im eigenen Wirkungskreise unter sorgfältiger Benützung der bereits gesicherten Resul# täte der internationalen Beratungen der Regierung Vor# schlage für die Formulierung der Fragen zu machen, die durch die am 1. Dezember dieses Jahres auf dem ganzen Gebiete der Tschechoslowakei vorzunehmende zweite Volkszählungbeantwortet werden sollen. Die tschechoslowakische Juden heit ist an der Fragestellung dieser Zählblätter ebenfalls in her# vorragendem Maße interessiert. Uns Juden in der Tsche# choslowakci droht nämlich infolge der falschen Deutung, die gewisse jüdi$ch־nationalistische ״Politiker“ unausge# setzt den statistischen Ergebnissen der ersten Volkszäh# lung geben, die Gefahr, gegen unsere Absicht und gegen unseren Willen zu einer politischen ״N a t i o n a 1 i t ä t“, zu einer der ״n a t i o n a 1 e n Minderheiten“ mit eigenen politischen ״nationalen Minderheitsforderungen“ ge# stempelt zu werden. Auf den 2ählblättern der ersten Volkszählung vom Jahre 1920 wurde nämlich außer der Religion und der Muttersprache auch nach der ״Na# tionalität“ der Bevölkerung gefragt. Für die Angehörigen der wirklichen politischen Nationalitäten war die gewis# senhafte Ausfüllung dieser Rubriken in der Regel nicht allzuschwer. Denn Religion ist bei ihnen eine Sache für sich ohne innere Beziehung zur Volkszugehörigkeit. Mutter# spräche und Nationalität hinwiederum sind vollständig kongruente Begriffe, die sich nur in verhältnismäßig sei# tenen, für die Nationalitätenstatistik irrelevanten Aus# nahmsfällen nicht decken. Schwierig und — wie sich später herausstellte — politisch geradezu unmöglich wurde die Ausfüllung der Nationalitätenrubrik auf den Frage# bögen allein für die Juden. Handelte es sich bei der Volks# Zahlung bloß um die Sammlung von statistischen Mate# rialien für eine wissenschaftliche, theoretische Ethno־• graphie, so könnte man sich noch einigermaßen über die Unklarheit und Unsicherheit der Begriffe ״Nation“ und ״Nationalität“ hinwegsetzen und die Rubrik eventuell auch mit ״jüdisch“ ausfüllen. Die Eigenart des jüdischen Volkes weist ohne Zweifel auch Elemente auf, die sich in mancher Beziehung mit dem berühren, was man gemein# hin mit ״Nationalität“ bezeichnet. Viele tausende Juden in unserer Republik faßten auch diese Frage so auf und machten von dem ״Rechte“ fraglichen Wertes Gebrauch, das aus einer Bemerkung im Motivenbericht zum § 128 der Verfassungsurkunde abgeleitet wird, indem sie sich bei der Volkszählung in aller Unschuld als ״jüdischer Nationalität“ eintrugen. Sie ahnten natürlich nicht, daß sie in eine politische F allegeraten waren. Sie konnten damals noch nicht wissen, daß skrupellose zionistische Politiker aus dieser Eintragung für ihre eigenen nationali# stischen Zwecke politisches Kapital schlagen und aus der Judcnheit der Tschechoslowakei und ihren nach außen ausschließlich religiösen Gemeinschaften eine politische ״jüdische Minderh eit s'nationale t ä t" mit allerlei politischen und kulturellen ״nationalen Forderungen“ konstruieren werden, die sie dann ohne jede Vollmacht oder Beglaubigung unter Berufung auf die Er#: gebnisse der Volkszählung als jüdische ״Volkskund# gebung“ vor den staatlichen Foren und sogar in Gemein# Schaft mit den anderen politischen ״Minderheitsnationali# täten“ vor dem Völkerbund und anderen internationalen politischen Körperschaften zu Lasten der Gesamtheit ver# treten. Würde man diese Nationalitätsfrage politisch direkt aufwerfen und unter den Juden über die Umwand# lung der bisherigen religiösen Unterscheidung der tschechoslowakischen Judenheit in ihren Beziehungen zu ihren Mitbürgern in eine ״national e“ eine Abstimmung vornehmen, so würde sich außer den wenigen jüdisch# nationalistischen Berufspolitikern wohl kaum ein Jude finden, der sein Einverständnis zu dem geben würde, was auf Grund der Volkszählung in den letzten Jahren im. Namen der jüdischen ״Nationalität“ von seiten der Zio# nisten und jüdischen Nationalisten unternommen wurde. Diesem politischen Mißbrauch mit der Volkszählung wird hoffentlich die neue, auf den 1. De# offiziellen Tätigkeit stets maßgebend sein. Zuletzt wandte sich Graf Klebelsbcrg an den Chefredakteur Ludwig Szabolcsi und wünschte ״Egyenlöseg“ Glück. Nachdem sich die Ovationen für Minister Klebeisborg gelegt hatten, begrüßte Oberbürgermeister Doktor Franz Riplca die Israelitische Gemeinde anläßlich ihres Festes. Von jeher habe er für die großartige kulturelle Arbeit ״ des hauptstädtischen Judentums Hochachtung und Liebe empfunden. Möge ״Egyenlöseg“ noch lange die Heiligkeit der Pflichten und Rechte sowie die unauflösbare Einheit des ungarischen Judentums mit dev gesamten Nation verkünden. Schließlich übermittelte der Präsident der Kultursektion der Gemeind(}, Dr. AVilheim Grauer, die Glückwünsche der Gemeinde. Prüsident Hofrat Samuel Stern schloß die Veranstaltung mit dem Wunsche, daß aus dem heutigen Feste der Segen der Verständigung zum Heile des Vaterlandes und des ungarischen Judentums hervorsprießen möge. ״Pester Lloyd“ würdigt im Leitartikel das Erscheinen ״des Kultusministers im israelitischen Gemeindelmuse und führt u. a. aus: Das war nicht eine Minister rede wie jede andere; in ihr kündigte sich eine Etappe an, die die Gesundung unseres öffentlichen Lebens nun schon seit Jahr und Tag erreicht hat. Wer heute zuriiekdenkt an die Schreckenszeit, die in den Tagen von Orgovany, in dem Bombenwurf von Csongrad und dem Höllenmaschinenanschlag auf das Elisabeth- Städter Kasino in Budapest gipfelte, wird die Wegstrecke unschwer ermessen können, die die ethische und politische Selbstläuterung unserer Nation zurückgelegt hat. Daß ein aktiver Minister ohne ängstlichen Seitenblick auf das rassenschiitzlerische Fähnlein sich mit so eindeutiger «•Entschiedenheit gegen den antisemitischen Wahnwitz kehrt und die Fahne der nationalen und der konfessionellen Eintracht entrollt, ist gewiß ein verheißungsvolles Zeichen der Umkehr. Wo sind heute die Erwachenden Ungarn? Ihr Luger hat sich aufgelöst, die wenigen Fanatiker der alten Garde werfen nicht mehr Bomben in Ballsäle, legen nicht mehr Höllenmaschinen in Klublokale, sondern besudeln. einander mit Wurfgeschossen aus der Gosse. Graf Klebeisberg hat sich auf seine Novelle zum Numerus-clausus-Gesetz berufen, die alles nusmerzt, was für das Judentum verletzend war. Aber der Numerus clausus selber ist noch immer da. Wir können dem Grafen Klebelsbcrg־ versichern, daß ein Gesetzesautrag auf völlige Abschaffung des Numerus clausus weder in der öffentlichen Meinung noch in den beiden Häusern des Reichstages auf nennenswerten Widerstand stoßen ־־wird. Dev Numerus clausus ist eine faule Frucht am ungarischen Baume, AVer sie abschiittelt, kann des allgemeinen Beifalls sicher sein, ausgenommen des Beifalls jener Würmer, die aus der Fäulnis ihre Nahrung ziehen. Rabbiner Dr. Munk über ״Wissenschaftliehen Antisemitismus44. (J. T. A.) Die ״Vereinigung jüdischer Akademiker“ im ״Bund jüdischer Akademiker“ veranstaltete am 5. Februar eine große öffentliche Kundgebung, zu der sich Menschen aus allen thoratreuen jüdischen Lagern in stattlicher Zahl .eingefunden hatten. Das Mitglied des Bundes Herr Dr. Esra Munk, Rabbiner der Adass-Jisroel- Gemeinde, referierte über ״Wissenschaftlicher Antisemitismus“. Der Referent definierte zunächst ״Wissenschaft“ als die Forschungsweise, die Suche nach Wahrheit, logische Geschlossenheit und größtmögliche Durchdriugung des Stoffes aufweist und vereint. Wem daher auch nur jüdische Geistesart und hebräische Sprache fremd sind, verdient nicht, als Fachmann gewertet zu werden. Es ist bei der Betrachtung des Gegenstandes, d. h. des Judentums, vor allem fcstzulialten, daß schriftliehe und mündliche Lehre, die Quellen des Judentums, nicht zwei Größen, sondern ein einziger Organismus sind. Auch das Christentum kennt eine Doppelüberliefe■: rang und die Institution der Kirche findet ihre Rechtfertigung vor allem in der mündlichen. Dr. Munk legt nun dar, in welcher Weise die Antisemiten den ״Beweis“ für die Minderwertigkeit jüdischer Gottes- und Weltanschauung führen. So behauptet Fritsch in der ״Hermannsbotschaft“, die in Hunderttausenden von Exemplaren an Glieder aller A'olksschichten hinausgeht, ״Meuchelmord und Falscheid dem Juden erlaubt“, ״Betrug gegen den Staat erlaubt“ usw. An Einzelbeispielen belegt der Referent die raffinierte Methode der Beweisführung: Jene fälschen nicht so plump wie früher, aber sie verfälschen durch Auslassungen, mißverständliche Uebersetzungen u. dgl. m. Oder sie rufen — das Allergefahrlichste — bestimmte Vorstellungen mittelalterlicher Art wach. So wird immer noch behauptet, den Juden sei jede Gemeinschaft mit Nichtjuden verboten. In Wahrheit geht jene Vorschrift lediglich auf die damaligen Verhältnisse des den Israeliten verheißenen Landes,, das־, schon Sem zugesprochen, von Ham okkupiert worden war. 400 Jahre A^erbannung dienten dann der Erziehung des Ar01kes zu der sittlichen Höhe, die den einzigen jüdischen Resitztitel des Landes auch heute noch ausmacht. Dann sollte sie das Verbrüderungsverbot vor Rückfall bewahren. Sie sollten die dort sitzenden Arölke1• nicht vernichten, sondern nach dem jerusalemischen Talmud stellte Josua die 31 Könige vor die Wahl, die 7 noachidischen Gebote, d. 11. die Grundregeln menschlicher Gesittung, anzunehmen oder auszuwandern oder zu kämpfen. Wo — rief Dr. Munk aus — gibt es in irgend einem Zeitalter oder gar in den letzten 15 Jahren einen Fall, dem damaligen auch nur ähnlich? Das Judentum nimmt es in seiner Ethik mit allen Völkern und Epochen der Geschichte auf! Das gleiche gilt von dem angeblichen Stenerhinterziehungsgebot im ״Schulchau Aruch Choschen Mischpat“, das sich, wie der Redner quellenmäßig nachwcist, beim genaueti Lesen geradezu als ein positives Grundgesetz jeder Steuermoral entpuppt. So stellen gerade jene angeblichen Quellen unserer Schande besondere Höhepunkte von Sittlichkeit und Recht dar! Im letzten Teile seines A'ortrages ging Dr. Munk, anknüpfend an den Gesetzesbeschluß des bayrischen Landtages, auf die Scliächtfrage, ein. Zusammenfassend stellte er nochmals fest, daß die unbefangene Wissenschaft dem Schächten zumindest nicht ablehnend, wenn nicht gar wohlwollend gegenübersteht. Unsere Feinde aber wollen jetzt —• und das zeigt den geistigen Niedergang — auch nicht einmal mehr einen pseudowissenschaftlichen Firnis. Den ernstesten Schlag hat bei dieser Entscheidung nicht das Judentum erlitten, das schon größere Schläge in Gott-: vertrauen überdauert hat, sondern unser Arate1־land, bisher trotz Krieg und Not Hochland und Heimat der Wissenschaft. Im deutschen Interesse müssen die Freunde dieses Landes und A?01kes jenem Treiben ״Halt!“ gebieten. Der Referent schloß mit dem Ausdruck der Hoff■!, nung, daß Deutschland zu sich selbst wieder finde, das Judentum aber zu jenem Geisteszion, von dem Lehre und Gotteswort ausging und kommen wird. Den eindringlichen Appell des Redners zu Ein:1 kehr und treuem Zusammenstehen in jüdischer Arbeit begrüßte die tiefergriffene A'ersammlung mit stürmischen Beifallskundgebungen. ־ 992552442997

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