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Jüdische Presse · 1930-02-15 · 7 (15.2.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
16 (1930)
Issue
7 (15.2.1930)
Date
1930-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 7 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 f@l NflCHmcflTEfl ~01|־ Schächtverbot In Bayern. Der bayrische Landtag hat mit allen Stimmen mit Ausnahme der Stimmen der Bayrischen Volkspartei ‘ein Gesetz angenommen, wonach ab 1. Oktober 1. J. die Tiere vor der Schlachtung betäubt werden müssen, das heißt mit anderen Worten, daß die Schcchita in Bayern ver* boten wurde. Der Oesterreichische Tierschutzverein zeigt sich über diesen Beschluß, wie er in einer Zeitungsnotiz be* kanntgibt, sehr erfreut und wünscht, daß man auch in Oesterreich bald so weit sein möge. Liest man die Wiener Montagszeitungen, die fast wöchentlich über Schießereien und dergleichen zu berich* ten wissen, so glaubt man, daß die Gründung eines ״Oesterreichischen Menschenschutzvereines“ mit dem Be־־ streben einer Betäubung vor dem Schießen oder Stechen empfehlenswerter wäre. ״Und das Licht leuchtet hi der Finsternis“ — des Antisemitismus. Der polnische Ministerpräsident Bartel hat in einem von der Presse veröffentlichten Schreiben den Wunsch ausgesprochen, daß alle Gesetze, die der Gleichberechti* gung der Juden in Polen im Wege stehen, fallen sollen. Der ungarische Kultusminister Graf Klebeisberg war bei einer Feier der Israelitischen Kultusgemeinde in Buda* pest anwesend, begrüßte namens der Regierung und sprach die Hoffnung aus, daß der konfessionelle Kampf, der dem Land nichts Gutes bringe, aufhöre. Ein großer Teil führender Persönlichkeiten sind aus, der Deutschnationalen Volkspartei ausgetreten und haben sich in einer ״Volkskonservativen Vereinigung“ zusam־־ mengeschlossen, auf deren Programm die Förderung des konfessionellen Friedens steht. Sabbath und Sonntag werden aus dem Sowjetkalender gestrichen. (J. T. A.) Die Sowjetkommission für Kalenderreforin hat einstimmig festgesetzt: Das Sowjetjahr hat zwölf Mo* nate, der Monat sechs Wochen, die Woche fünf Tage. Der Sonntag und der Sabbat werden aus dem Kalender voll* kommen eliminiert. Das Sowjetjahr beginnt nicht am 1. Jänner, sondern am 7. November, dem Tage des Aus* bruches der bolschewistischen Revolution. Der Kalender beginnt statt wie bisher mit Christi Geburt, nunmehr mit dem Jahr der bolschewistischen Revolution 1917. Das Jahr 1931 wird in der Sowjetzeitrechnung als das Jahr 14 figurieren. Aenderung in der Auslegung der Balfour-Deklaration? Nach einem Telegramm aus Jerusalem gibt die Araberpresse Aeußerungen hoher Funktionäre der Man* datsverwaltung über die künftige Palästinapolitik Englands wieder. Diese werden ihre Grundlage in einer Neudefini* tion der Balfour*Deklaration, der Errichtung eines Paria* ments und der Einschränkung der jüdischen Einwande* rung entsprechend der Aufnahmsfähigkeit Palästinas haben. Wie hiezu weiter verlautet, bereite das Kolonialamt ein Gesetz vor, das den jüdischen Landerwei b einschränken soll. Weiters werde die Gründung einer staatlichen Landesbank vorbereitet, die Kredite gewähren soll, um den Verkauf von arabischem Grundbesitz zu verhindern. Von der Wiener Agudah. Die Press eabtieilinig ׳der aguidistäsclien Landeszen!t׳rale If.iir Oester reich׳ teilt •mit: Montag!den ׳ .10׳d. fand im iFestsaat des •alten (Rathauses eine Masseinversammihi 11g statt. Vorsitzender Papp e 11■ Jh! e i m begrüßte die (Anwesenden, insbesondere den V'izepräsidenten der Wiener Kailtuisgemeinde 1Herrn •Dr. Ornstein, Kaiiltusvorsteher Do hau׳ ,׳die erschienenen ,Rabbiner ׳und Vorsteher orthodoxer (Korporationen. Das Wort erhielt Mar'kais!Hornstein, Präsident des agudistisehen Parteirates, zu einem glänzenden, aufschltußreieheni Referat ,über die Vorgänge;i׳n umd'!um Palästina. ,׳Zum'Schluß 1hob ׳der Redner das große׳ Ereignis, welches sich vor ׳einigen׳ Tagen in Warschau vollzogen hat, hervor. Dort haben׳ sich• sänntliehe •rabbinischen Faktoren׳ au׳ einer religiösen ׳Einheitsfront zusammengeifunden. Stürmische IBeiifalis'kundgebungen folgten den׳!Ausführungen׳ Hornsteins. Hierauf ergriff der Präsident des G. ,A. iRabb. Pinehas Kd 11׳!11׳ das Wort. In | Lebensversichernngs - Gesellschaft f | Gegründet 1882 Gegründet 1882 ווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו!ווווווווווווו1ווו!)!ווווו I fercittaisstalaoil Ende Mai 1929 2000 Millionen Shilling 1 I Garantiemittel Ende 1920 . 230 Millionen Sdiilling I I Prämiensnd Zinseneianalnnen I I im Jahre 1920 .־927 ־ Millionen Sdiilling I | Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: § 1 Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische E | Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, | | Italien,Ungarn, Polen,Jugoslawien, Bulgarien, Griechenjj | land, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten | linrnirninmimitHHiitmflimHHtHnHiiMtHHwiwHHWHHHmBtimiwniifflmifflmmmmiMiunmuminmiiinl -seiner Ihm eigenen meisterhaften Art schildert er den Zuhörern! die Kampf Stellung ׳und׳ 'Kampfmethode׳ jener, die G-tt den Krieg erklärt haben, die Sim Juden den ihm immanenten G-tt treffen wollen. Er fand; 1w!arme Worte■ für .die ■den׳ härtesten! ׳Qualen ausgesetzten 2 Millionen russisehen Juden. Wenn wir weiter der sich, vor unseren!Augen abspielenden Tragödie tatenlos •Zusehen, werden w!ir es vor G-tt und unserer heroischen Geschichte nie verantworten können! Ergriffen!lauschten die V er sammelten •den tiefempfuodenen Worten Dr. Kohns. Man!hatte ׳das iGefiilhl, ׳daß in diesem!Augenblick wenigstens die von ihm herbeigeschnte 1״Fernwürkung״ sich eiingestellit hat. Ob die Wirkung auch eine!fernerhin bleibende sein wird, wird die demnächst ein;- setzende RußlandmazotalktioJi zeigen. ׳Nachdem noch Herr Räbb. Moses Bliech! in seinem Referat (jüdische Erziehuingsfragen besprochen und die segensreiche Wirksamkeit der Wiener Tallmud-Thora-Schule •gewürdigt •hatte, schloß ׳der Vorsitzende di’e Versammlung. * Sonntag den! 16. d׳. uim 7 Uhr abends Vortrag des Herrn Scbabse Schömfelid 1m agudist'isehen!Heim, 11״ Leopoldgasse 16׳. Thema: ׳״Die Warschauer •Konferenz“. Die XVI. ordentliche Generalversammlung des Vereines ״Einheit4 zur Errichtung und Erhaltung von Volksspeisehallen in Wien, II., Malzgasse 12, wurde am 9. d. unter Vorsitz ■des Vizepräsidenten; Herrn Moritz Feil1 seinbürg abgehaliten. In. Vertretung ׳der Kuttusgemeiinde. nahm an derselben׳ teil: Herr Vizepräsident׳ Dr. Jakob O r ־►11׳ s tein, für die׳ Agudas; Jlisroel Herr IKuiltusvarstandl Wolf Papp en׳h e i m, für die Israelitische Allianz Seine Ehrwürden •Herr Dr. 'Armand K a m i n ׳ka, für ׳die Chewra Kadischa Herr Sandor Adler, in Vertretung der Adas Jisroel Herr!Leopold Rieht e r, als Vertreter!desPazmanitentemipels 'Herr Samuel Wechsler, als Vertreter• des'Bethauses Machisike Hadas Herr. :Ing. Ludwig Kr 11 zier. Vor Eingang in die׳ Tagesordnung widmete der Vorsitzende׳ dem am 21.!Oktober 1909׳ dahiwgegangenen Präsidenten! der Einheit. Herrn .Bernhard׳ H of b au e r, der sich ׳um!diese Institutian ׳unvergängliche. Verdienste, erworben hat, Worte des herzlichsten Gedenkens,!weiche ׳die Versammlung stehend anhör.te. Auch Herr Dr. Jakolb Ornstein, Vize- Präsident ׳der Kultnsgemeinde, und Herr Kultnsvorstand Wolf Papp e:nh ei m rühmten den Verewigten ob seines großen Wliiikens, seines reichen Wohltuns,. seines Vorbildliehen F#s1t.ha11tens •an unserem altehrwürdiigen Judentum, für ׳das ׳er bei allen! 1Gelegenheiten! 'kraftvo-lO1 ׳und uinenmiidlich eingetreten!ist. Die Generalversammlung stand! sodann im Zeichen ■der Berichterstattung, ln! welcher der verdienstvolle Schriftführer Dr. IKrenberger über die Tätigkeit des abgelaufenen׳ Ver wallung sj ähr es ausführte: Auch!im Jahr 1929 wurde ■in der allgemeinen Ausspeisung sowie in der!Mittelstandsabteilung gutes und schmackhaftes Essen zur vollen 'Zufriedenheit d!er Besucher zu׳ sehr niederen Preisen verabreicht. Weiters wurde der ״Mensa acadcmica Judaica rituaiis“. Im VVerd 13. sowie den Kindergärten. IL.;Nestroygasse. und XX., Otkmargasse, das Essen von der ׳Einiheitsknche zu ge stellt; überdies wurden beliefert: das Spital, .׳der״Barmherzigen. Brüder (für die jeweiligen jüdischen Kranken1), ein ׳Mädchenhlindenheim, das Polizeikomniissariat Lccpoldstadt und die Gerichte. Alle (jene Be* sucher, welche nicht in der!Lage waren, selbst die niederen Preise zu bezahlen, erhielten weitgehende Ermäßigungen. Ganz Arme wunden unentgeltlich ausgespeist. Keiner dieser Armen wurde abgewiesen. Die tägliche Besucherzahl ist 260 bis280 ׳ Personen. ׳Insgesamt wurden :im Jahre 1929׳ 287.808 Portionen Brot ׳verabreicht. Mit Genugtuung konnte der Vorstand berichten, daß die ״Einheit“ :im abgelaufenen yerwaltuiigsijahr aktiv war, ein! Umstand, der in der Ver- Sammlung auf das freudigste begrüßt wurde. Die Ueberwachimg der Tätigkeit besorgte auch! im Jahr 1929 das Viere.rkomiitee, bestehend! aus dien Herren Moritz F c l s e 11b u rg. Adolf IF i sch c r, Max IH 0 f b a u e r und Regieriuigsrat Sal. K r e n ib 0׳ r g e r. Durch große Sparsamkeit und unermüdliche ׳Sammeltätigkeit gelang es. ׳das Gleichgewicht im Budget herzavsitellen, und so rühmten auch Herr Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein sowie ■der Sekretär der Israelitischen Allianz,!Biirwürden Herr Dr. Armand! Kaniiiiika, die musterhafte Führung der ״Einheit“. Beide •versprachen, sich für ׳die ״Einheit“ bei der!Ku׳lt111sgem׳ei׳nde, und Allianz aufs möglichste eiiizusetzen. Ueber Antrag des Herrn Revisors Emil Kritzler wurde dem Vorstand die Entlastung erteilt und die Herren E!m!il K r i t zl e r, Jakob .Stern und Jakob Fuchs zu Revisoren wiedergewählt. In den Vor-, stand wunden die Herren׳ Karl Kob 11, Bernhard Ni wes, Max Leo• P o p ׳p e r. Oskar Schramek und Samuel W e chs 1 e r neu gewählt. Die 33. ord. Generalversammlung des isr. Tempel* und Schulvereines, VI., Stumpergasse 42, findet Sonntag, den 16. Februar 1930 statt. Jüdisches Konzert. Der bekannte Sänger I. Segall* Rosenbach, der auch beim Künstlerabend zugunsten der Schülerausspeisung an der Talmud*Thora*Schule mitge* wirkt hat, gibt am 15. März d. J. im großen Theatersaal ״Post“, I., Fleischmarkt 24, einen einzigen jüdischen Liederabend. Amtliche Verlautbarungen der israel. ILultusgemeinde in Wien Predigten in den israelitischen Gemeinde- und Bezirkssynagogen. F 1• e i t a g, den 14. Februar 1930 werden'bei dem um 5 Uhr 20 Minuten beginnenden Abendgottesdienst in nachbenannten Gemeinde- und Bezirkssynagogen Predigten abgchalten, und zwar: I., Seitenstettengasse 4 (Rabbiner Dr. M. Grunwald); IX., Müllnergasse 21 (Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz); XVIII., Schopenhauerstraße 39 (Rabbiner Dr. D. Feuchtwang). Samstag, den 15. Februar 1930, findet beim M01־- gengottesdienste (Beginn 8 Uhr 30 Minuten) im Gemeindetempel, XXI., Holzmeistergasse 12 (Rabbiner Dr. M. Rosenmann) ein exegetischer Vortrag statt. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag den 15.. Februar 1930 findet um 3 Uhr nachmittags der Jugend gottesdienst für die israelitische Schuljugendin den Gemeinde- und Bezirkssynagogen statt. Der Vorstand der Israelitischen Kultnsgemeinde Wien und der Vorstand des Leopoldstädtcr Tempelvereines ״Aeschel Awrohom“ beehren sich bekanntzugeben, daß die Grabsteinstellung für den verewigten Herrn Rabbiner Dr. Salomon Funk s. A. Sonntag, den 16. Februar d. J. um halb 11 Uhr vormittags auf der Israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes, I. Tor, stattfindet und zu dieser Feier geziemend einzuladen. Wien, den 10. Februar 1930. Slus Vergangenheit und Qegenwart Deutschland und die Affäre Dreyfus. (J. T. A.)־ Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, stellvertretender Vorsitzender des Zentral Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hielt am Mittwoch, den 5. Februar, abends, in der Singakademie vor einer* Zuhörerschaft, die sich zu einem großen Teil aus Juristenzusammensetzte, einen Vortrag über die ״Affäre Dreyfus“, der im Aufbau außerordentlich spannend und in der Wirkung sensationell war. Der Vortragende gab Kenntnis von den deutschen Akten zum Fall Dreyfus, von denen der größte Teil bis jetzt einer weiteren Oeffentlichkeit vollkommen unbekannt war. Die Akten betreffen Berichte des damaligen deutschen Botsclmfters in Paris, Grafen Münster, des deutschen Militärattaches Oberst Schwarzkoppen, der nach der Version der Anti-Dreyfus-Partei die Mitteilungen vom ״Verräter Dreyfus“ über französische Militärgeheimnisse und das mysteriöse Bordereau in Empfang genommen s0^]• Randbemerkungen deä früheren Kaisers Wilhelm IL zu den Berichten, schriftliche Aeußerungen des damaligen. Reichskanzlers Fürsten Bülow, die Niederschrift einer fast tragisch verlaufenen Unterredung zwischen Münster und Scliwarzkoppen u. v. a. x\11s allen diesen Berichten, Aufzeichnungen und Randbemerkungen geht klar und zweifelfrei hervor, daß der von der französischen Militärpartei wegen Verrats militürischer Geheimnisse an Deutschland verfolgt gewesene und von zwei Militärgerichten verurteilte jüdische Kapitän Alfred Dreyfus niemals irgend welche mittelbare oder unmittelbare Beziehungen zu deutschen zivilen ״nd *aiUtärischen Stellen unterhalten hat, ebenso zweifelsfrei geht aus den deutschen Akten hervor, daß «er französische Major Esterhazy, der damals von der französischen Militärpartei gedeckt und gegen die An■ Klagen eines Zola, Clemenceau u. a. 111. beschützt wurde, dem Obersten Schwarzkoppen französische militärische Akten auslieferte und an ihn jenes mysteriöse ״Bordereaü schrieb, das später in die Hände des französischen Generalstabes gespielt wurde und dessen Autorschaft aurcii ein falsches Urteil von Schriftverständigen Drey-" lus /ungeschrieben wurde. fv -״P?,s spannendste Moment in dem Vortrag tJr. eils war die Schilderung der folgenden Episode: Bevor der zweite Dreyfus-Prozeß vor dem Militärgericht in Rennes stattfinden sollte, wandten sich der damalige französische Ministerpräsident, der französische Außenminister und der französische Kriegsminister isoliert und geheim, ohne daß einer von der Tat des anderen wußte, teils an Kaiser Wilhelm, teils an den Reichskanzler Fürsten Bülow mit der Bitte, wenn Dreyfus unschuldig ist, das mitzuteilen, was ihn entlasten kann. Der Appell der französischen Regierungsleiter ist daraus zu erklären, daß sich Frankreich damals infolge der Dreyfus-Affäre fast an der Schwelle eines Bürgerkrieges befand, der durch die Klärung des Falles vermieden werden sollte. Aus den deutschen Akten nun geht hervor, daß Kaiser Wilhelm seinerseits nicht abgeneigt war, das zu tun, was zur Liquidierung der Affäre geführt hätte. Fürst Bülow, der Reichskanzler, aber vertrat einen anderen Standpunkt. Es sei nicht zu wünschen, so führte er aus, ״daß Frankreich durch eine rasche und eklatante Reparation von Dreyfus sich sofort wieder die liberale und jüdische Sympathie erwirbt. Am besten ist es, wenn die Affäre weiter schwärt, die Armee zersetzt und Europa skandaliert“. So wurde die Rehabilitierung Dreyfus* auf Jahre hinaus verzögert. Das Rechtsprinzip und die Ehre eines untadeligen Ehrenmannes wurden der Staatsraison geopfert. Der Vortragende schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß sich im neuen Deutschland in Fällen von Justizirrtümern und Justizmorden immer mutige Leute finden mögen, die, wie die französischen Vorkämpfer des Rechtes, die ״Dreyfusards“, Leben, persönliche Wohlfahrt und Ansehen daransetzten, um der Wahrheit und dem Recht zum Siege zu verhelfen. 50jähriges Jubiläum der Zeitschrift ״Egyenlöseg“. Präsidium, Vorstellung und Repräsentanz der Pester Israelitischen Gemeinde feierten im Rahmen einer Festsitzung das 50jährige Jubiläum der Wochen- Schrift ״Egyenlöseg“. Die Feier eröffnete Präsident Iloirat Stern mit einer Ansprache, in der er den Minister, den Oberbürger־ meister und die anderen Festgäste begrüßte und ausführte, diese Feier, die dem 50jährigen Bestehen des ״Egyenlöseg“ gewidmet sei, einer Zeitschrift, die dem Judentum wie dem Ungartum gegenüber ihre Pflicht erfüllt habe, sei ein Kulturl'est des Judentums. Oberhausmitglied Dr. Samuel Glücksthnl gedachte im Namen des Präsidiums, der Vorstellung und der Repräsentanz der Gemeinde des verewigten Begründers des ״Egyenlöseg“ Max Szabolcsi. Der Redner gab einen Rückblick über die Kulturleistungen dev ungarischen Juden in den letzten 50 Jahren. Nach einer Ansprache von Reiehstagsabgeordneten Geza Desi ergriff unter gespanntester Aufmerksamkeit aller Kultusminister Graf Klebelsberg das Wort und führte ungefähr aus: Wenn ich heute als Kultus- und Unterrichtsininister liier erschienen bin, so habe ich einer großen Konfession gegenüber nur meine Pflicht erfüllt. Ich begrüße es, daß ״Egyenlüseg“ außer aktuellen Berichten auch eine religionsethische Rubrik hat. Es bedarf einer festen Koalition zwischen Staat und Konfession. Man. soll nicht bei der nationalen Einheitsfront stehen bleiben, sondern auch eine konfessionelle Einheitsfront bilden. Es wäre ein großer Irrtum zu glauben, in dem großartigen Werke des Wiederaufbaues könnte die ungarisehe Nation der gewaltigen geistigen und moralischen Energien entraten, die die jüdische Konfession repräsentiert. Mein Freund D1־. Desi hat ganz offen auf die Wunde hingedeutet, die das ungarische Judentum schmerzt. Ich möchte dieses leidige Problem hier nicht weiter erörtern, aber Sie wissen ja, daß ich seinerzeit das Numerus-clausus-Gesetz nicht votiert habe; ich bin in das Couloir des Parlaments hinausgegangen und habe von allem Anfang an betont, daß dieses Gesetz die Quelle zahlreicher Uebelstände sein werde. Durch eine neue gesetzliche Verfügung habe ich erwirkt, daß in formalem Belange alles ausgemerzt werde, was für das Judentum verletzend ist. Im Kabinett Tisza war ich mit Leopold Vadasz Staatssekretär. Später, ich war bereits Minister, besuchte ich den schwerkranken Freund und fragte ihn, wie er sich fühle. Er sagte mir: ״Als Ungar habe ich zwei Drittel meines Vaterlandes verloren. ־— Als Jude sehe ich, daß sich meine Glaubensgenossen in einer drückenden Lage befinden . . Ich gab ihm, den ich nicht mehr Wiedersehen sollte, die feierliche Ver- Sicherung, daß ich, sobald dies die politische Lage zulasse, alles ejaransetzen werde, um wieder eine einheitliehe nationale und konfessionelle Front zustande zu bringen, wie sie nach dem Ausgleich geschaffen wurde. Diese Auffassung wird für mich in meiner privaten und

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