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Jüdische Presse · 1930-01-17 · 3 (17.1.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
16 (1930)
Issue
3 (17.1.1930)
Date
1930-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 Ullmann geführt und durchaus haben wollen, daß die Präseswahl des Bistritaer Raws nur drei oder sechs Jahre dauern darf. Nun wurde endlich auch in dieser Frage eine klare Stellung genommen. Von den bei der Sitzung anwesenden 4 7 Rabbinern sind 46 dafür eingetreten, daß die Wahl des Präses der Kanzlei auf Grund der diesbe* z ü g liehen früheren Bestimmungen auf Lebensdauer gelte. Großen Eindruck machte die Aeußcrung, des greisen und hochangesehenen Szilagy* somloer Gaons, der mit aller Entschiedenheit erklärte, daß er seinerzeit den Antrag auf die Wahl von Obers rabbiner Ullmann (Bistritz) zum Kanzleipräses gestellt hat und sein Antrag lautete auf Lebensdauer. Im selben Sinne haben die übrigen Rabbiner gesprochen und so wurde auch diese Angelegenheit mit 46 gegen 1 Stimme endgültig erledigt. Bei diesem Teil der Debatte war selbstverständlich Oberrabbiner Ullmann nicht anwesend. Eine Deputation aus 15 Mitgliedern unter der Führung der Rabbiner von Nagykaroly und Nagybanya habe ihm den Beschluß überbracht. Der Deputation erklärte der Kanzleipräses, daß er, von dem Vertrauen der Rabbiner und Balebatim getragen, weiter auf dem Posten ausharrt, auf dem zu verbleiben, ihm auch sein Gewissen diktiert. Am nächsten Tag hat die Repräsentanz der Gemeinden Sitzungen abgehalten, wo die Beschlüsse der vortägigen Rabbinertagung e i n> s t im mig aufgen o m m e n w u rde n. U. Adolf Frankl Vertreter der Orthodoxie im ungarischen Oberhaus. 1(J. T. A.)!Unter!riesiger Teilnahme der orthodoxen Jndenheit des!ganzen Landes .hat :Dienstag, den 7. Jänner im Pr links a a!le der orthodoxen!Gemeinde die W׳a'h!l; für ■die Vertretung der Orthodoxie im Ungarischen Oberhaus an Stelle des •verstorbenen Ober rab bin er s •Koppel' Reich stattgefunden. Es bewarben sieh drei Kandidaten: Präsident! der orthodoxen Landeskanzlei ׳Adolf 'Frankl, der vor kurzem zum Rabbiner der orthodoxen ,Gemeinde Budapests gewählt wurde, ,Rabbiner Straß er aus Debrecen und Rabb'iner Rosentbaium aus Kisvarda. Gewählt 'wurde Adolf Frankl mit 154 Stimmen; auf die beiden anderen Kandidaten entfielen 14 ibeziehungsiweisc 10 'Stimmen. Eine Deputation begab sich in die Wohnung des neugewählten Oberhausrmtgliede'S, um •ihm das Mandat ׳zu überreichen und ihn .feierlich ׳einziuholen. Der Neugewählte dankte für die spontane Ovation und׳ entwickelte sein ,Programm. Er stehe unentwegt auf dem Standpunkt de.r autonomen orthodoxen Organisationen und •strebe ein freund sc ha ftliehes Verhältnis mit■ der anderen Landeskanzlei zur Erledigung der Agenden des gesamten ungariseihen Judentums an. Sein 1Glaubensbekenntnis als■ ■ungarischer 'Patriot hier kundzugeben, halte er für überflüssig; es ׳ist allzu gut ׳bekannt, daß •die orthodoxen Juden loyale!Bürger ■des Vaterlandes sind, bereit, ■di׳e höchsten Opfer zu!bringen. Neuwahl der Landesvertretung der ungarischen orthodoxen Judenheit. Tags darauf hat die zweitägige Wahlkampagne, die ■dazu!berufen war, der orthodoxen Judeniheit des Landes ihre neue Veirtretungskörperschaft zu geben, ihren (Ab- Schluß gefunden.!Sechzig 1La!ienmH1g׳lied׳e׳r und vierzig rabbinische!Mitglieder sollten neu gewählt werden. Die offi- ■zieilen ‘Listen wurden ■fast unverändert zum Siege geführt. In!Budapest wurden u. a. die Brüder Abraham, Leopold und David v. Freudiger gewählt, Karl •v. Freudiger ■als Brsatzmitiglied. Weitere Budapester Vertreter sind: Stadtrepräsentant Desider Kreim, Schuldirektor Dr. Deutsch,!Markus Klein, Kahri-Frankl, ■Geza Deutsch■, Adolf Schlesinger u. a. Die ■meisten Stimmen erhielt Samuel iBernfeld ׳(Debrecen!). Die rabbimischen Mitglieder der Leitung sind en ׳bloc durdbgegangen, wie sie von •der Kandidierungskommission vorgescihlagen ■wurden. .Einstimmig wurden gewählt: •die Olb er rabbiner Benedikt ׳(ISzomnathely),!Grünfeld (iBiidszentmibaly), Silberstein (Vac), Schreiber!(Eger) und Winkler (IHegyaljamad). Zur Frage der Hilfsgelderverteilung in Palästina. :Gegen die Hi lfsgeld'e!•Verteilung in Palästina wurden von orthodoxer Seite schwere Bedenken erhoben. Die Grundlage aller Beschwerden bildete ein Brief, den :Oberrabbiner Kuik (Jerusalem) an Rablbi Ch. 0. Gradzenskii (Wilna) gerichtet haben soll. Auch die ״Jüdische Presse“ hat diesen Brief auf ,Grund des in Wilna er Zei-!tungen veröffentlichten Wortlautes ■gebracht. Die Autbentizität dieses!Briefes wurde von zionistischer Seite in Zweifel gezogen. Nun liegt ■der authentische Wortlaut vor. Om!unseiren Lesern ■ein klares Bild zu geben, bringen wir diesen Brief zum Abdruck. Er lautet wie folgt: J e rusul-e m, Erew!Sukkos 5690. Soeben .erreicht .!mich 'Ihr gesell. Schreiben. Trotz der Fülle der Arbeit beeile ich :mich in Angelegenheilt der 'Hiilfsgelder zu antworten. Fast alle diese.!Gelder!ge- ■langen in die Hand des Waad1 ,leumi und der zionistisehen Leitung. Wir halben .nun unsererseits gefordert, daß aus ■dieser Kasse nicht ■n־u:r diejenigen unterstützt werden sollen, die •unmittelbar geschädigt oder ausgeraubt worden sind', sondern •auch! •die, ■denen ׳durch •die furchtbare Lage im Lande, wie sie durch die Pogrome ׳hervorgerufen ,worden ist, ihre!Nahrung ■geraubt worden ist;;insbesondere die. Institutionen des alten■ Jischuw, deren bisherige Einnahmen ׳buchstäblich!jetzt in die Kasse des Hilfskomitees fließen. Die Sendboten schreiben, daß man •jetzt׳ unter dem Eindruck der Pogrome -in ׳der Diaspora ihnen keinerlei Gehör schenkt, well •die •Vor- Stellung!besteht, •daß das Hilfskomitee schon!alle Dinge ׳in Erez Jisroel ■ordnen wird. Infolgedessen finden׳ hier Versammlungen der Bevollmächtigten •des alten Jischuiw und •der Leiter der Institute und ■der Jeschiwoth statt, die. sich mit dieser Forderung an uns wenden. Das Hil.fs- ,komitee hat ׳jedoch ■eine negative Antwort gegeben, indem •es sagt, ■daß es aus seiner Kasse nur diejenigen ׳unterstützen könne, die ausgeplündert oder deren Besitz verbrannt oder vernichtet ,worden ist, also nur die unmittelbar ,Betroffenen, •nicht, aber •diejenigen, ׳die mittel- •bar zugrunde gerichtet worden sind. 'Unter diesen!Umständen habe ich die Agudath horabbonim in ■Amerika telegraphisch gebeten, sich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Dort ist eine große ,Bewegung gegen die Vorenthaltung der Hilfsgelder gegenüber den Institutianen entstanden, die ija wissen, •daß ihre ehemaligen Einkünfte an das Hilfskomitee über gegangen ist. Deshalb ersuchte •mich!Herr Felix ■Warburg, ich solle, in den .Hilfsausschuß eintreten, um die Interessen der religiösen Institutionen zu schützen. Ich׳ habe dieser Anregung nach reiflicher Ueberlegumg nicht entsprechen ׳können, da man mir keine Zusage gab, die von mir• gestellten Vorbedin- ׳gungen z׳u erfüllen. So sind wir mitten in ׳einer Beweigung, um den Bestand der heiligen ׳Institutionen, der durch die Lage schwer gefährdet ׳ist, zu sichern und wir 1 gn11Hin111111111111i»n1mm!u1Hnnn1nn!H1T»mm1m111n1BKm1imm1u₪1mmm»m11mmmmmmm1111wm11ü | Lebensversicherungs - Gesellschaft ] | Gegründet 1882 Gegründet 1882 | inilllllinillllllllllllllllllllllllllllllllUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII I Versidieiongsbestand Ende Mai 1929 2000 Millionen Sdiilling I I Garantiemittel Ende 1920 . 230 Millionei! Sihilling I i Prämienum) Zinseneinnahmen i ( im Jahre 1928 . 971/־ Millionen Sdiilling ( i Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: j 1 Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische 1 1 Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, | | Italien, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 1 | land, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten | i1111nn1111111n11111111n״״״״״11״״111״״n11״ut111mn1um111m11111m111111111״1111״nn111nn1mmm11m111u1un!11111i wissen noch nicht, welche Ergebnisse ׳diese. (Bemühungen haben werden. Es ist klar, daß auch die Interessen der Kolalim ■einbegriffen sind, denn diejenigen der heiligen Anstalten, von denen die Armen Unterstützung!fordern, haben sich augenfällig vermehrt, besonders diejenigen, die nicht׳'beweisen können, daß!ihr Mangel direkt van ■den Pogromen unmittelbar herrühr.t, die also der 1H׳i!lfsausschuß vollkommen abweist, so daß die Kolalim sieh 1bemühen müssen, ihnen beizustehen. Unter diesen!ist sicher eine׳ große. Zahl äußerst Unglücklicher und 111 großem. .Umfange auch bedeutende und wertvolle Talrnide ׳Chaohomim. Es׳ .kommt wohl etwas ,Geld auch direkt ■auf •meinen!Namen. Wenn der Hilfsausschuß •auch die mittelbar Beschädigten unterstützen würde, deren ,Lage zum Teil ׳furchtbar ist, so würde ׳ich auch ׳Gelder, die a!u׳f meinen Namen kommen, dem allgemeinen!Hilfskomitee •übermitteln, das unter •der Leitung des Waad leumi .und der (Zionistischen Exekutive steht. Aber nachdem in diesem (Punkte die Auffassung auseimuudergebt, so verteile ich dasjenige .Geld, das auf meinen Namen ׳kommt, nach meiner eigenen Einsicht ■iin meinem!Büro. Aus dem Vorstehenden ׳können 'Sie sehen׳, daß es nur recht und billig wäre, den Kaulelim aus den Unter- Stützungen möglichst zu helfen, um den .großen Bruch wenigstens tei!w׳edse •zu ׳mildern, ■der alle vom Kaule) Abhängigen betroffen hat. Ich schließe ׳mit ׳den besten Wünschen usw. A. 11. Ku k. Aus ■diesem durch ׳Olb1j׳e;ktilvität und Zurückhaltung ausgezeichneten. Schreiben :.geht! sonnenklar hervor, d׳aß auch■ ׳Obenrabbiner iKuk die Tätigkeit des Zionistischen ,Hilfskomitees stark beanstandete und neben;ihm ein Ibesomderes 'Hilfswerik ■für nützlich erachtet hat. Der große Befreiungskampf Gandhis. ׳Der Kampf Indiens ■um seine Unabhängigkeit schreitet mutig vorwärts. Der!jüngste Kongreß der Unabhängigen hat dem Befreiungskampf neue Impulse gegeben, dem Befreiungskam׳p׳f ohne■ ISchießwaffen und: ohne Blutvergießen. Gandhi, der große Führer ■seines 'Volkes, •steht beharrlich auf dem Standpunkt der gewaltlosen ,Befreinng seines Landes, denn nur ׳diese Art des Kampfes .ist ■der Freiheit würdig. Eines seiner wirksamsten!Kampf־ mittel ist sein Kampf gegen die englischen Stoffe. ׳Indien kann nur dann frei werden, wenn seine Kinder selbstgewebte Kleider tragen und die Eleganz und Feinheit des englischen Stoffes verschmähen. Ich dachte •mir immer, daß ׳Gandhi, in ■diesem wunderbaren unblutigen Kampfe doch verbluten werde. Wenn ■er sein Volk in einen.Krieg gehetzt •hätte, wenn er von ihnen׳ lGu-t und (Blut, •:ihre Jugend׳, ihre Gesundheit, ihren Wohlstand verlangen ,würde, sie hätten ihm, dein fanatischen Propheten, sicherlich!Gefolgschaft geleistet. Er aber ibat all dies von seinen Anihängern nicht verlangt. Nur den Verzicht auf ihre kostspielige und die Kassen Englands füllende Eitelkeit, den Verzicht auf englische Stoffe. Und ich gestehe ganz freimütig, ich habe׳ mich geirrt. Gandhi verstand• ׳und׳ versteht es, das indische Volk von ׳dem englischen Stoff abzugewöhnen׳ und sich woihlzufühlen i׳n ׳der einfachen Tracht der eigenen Gespinste.;Ein Sieg, der nur dem ganz Großen auf dieser Erde beschieden ist. Nur dem ganz!Großen׳, de.n!n ׳wenn es auch kleinen Mensehen vergönnt wäre, solche Erfolge zu erringen, so würde auch ich vor mein Volk, vor das •thoratreue!jüdische׳ Volk himtreten ■und zu ihm ■sprechen: Ihr seid Sklaven! Ihr keucht unter einer Fremdherrschaft.' Aerger als in Aegypten. Man reißt euch eure Seele •aus ׳dem Leibe, ihr könnt kaum irgendwo auf der Welt Sabbat halten. Eure Kinder gehen euch׳ und dem Judentum verloren, wenn Ihr auch■ mit aller Entschiedenheit ׳dagegen euch verwahret, daß ihr oder eure Kinder bewußt und gewollt dem angestammten Jaidentum den!Rücken kehrt. Ob gewollt oder ungewollt, ׳ihr schmiedet allein die Kette ׳eures!Sklaventums. Gandhi versteht •es, sein Volk aus der Sklaverei■ der englischen Stoffe zu führen und ׳ihr versteht es nicht, die Zwingherrschaft der Pariser Mode and des üppigen Luxus abzuschütteln. Für euch, thoratreue Juden, ist es nicht wichtig, ob der Stoff aus einem sabbathaltenden ׳Geschäfte stammt, ob die Anfertigung van sabbathaltenden Arbeitern geschieht, sondern ob euer Kleid der letzten!Mode entspricht, und ihr glaubet, daß ihr dabei etwas erspart. Ihr 1 1bezahlt in der teuersten Valuta der Welt, mit eurer Seele und mit der ׳jüdischen Seele eurer Kinder. Thoratreues jüdisches Volk! Du könntest frei leben und als Jude leben, wenn du, wie es der indische Freiheltsheld Gandhi seinem Volk predigt, in (Kleidern׳ eigener Anfertigung deinen Stolz und die (Bürgschaft für deine Zukunft erblicken würdest. Sabbathaltende, fördert die Sabbathaltenden! Das neue Heim der jüdischen Mädchenschule. ,In ■aller Stille vollzog sich in Wien ■am Beginne des Jahres ein Ereignis, das in!jüdischen Gemeinden, wo ein ausgeprägteres Verständnis für eine ,jüdische Schule ׳vorhanden ist, mit großen Feierlichkeiten begangen zu werden pflogt. Nach den ,Winterferien, atn 3.!Jänner, übersiedelte •die IMä de hen-Voiksschule ׳des Wiener Talmud- Thora-Schulvereines in!ihr neues lH׳e׳im. In Auswirkung des Uebcreinkommens zwischen Herrn Obermedizinalrat!Dr. S. Krüger und dem Generalsekretär des. Wiener Talmud- Thora-Schulvereines, )Herrn iRabb. Dr. Joel 'Pollak, bekam die Mädchenschule der Talmud-Thora Im Dr.-Krüger-lHeime 1Räumlichkeiten, die sich sehen lassen können. Nur Fachmänrier ,werden es richtig beurteilen können, ׳was es;bedeutet, i;u einem nicht speziell für SChulzwecke gebauten iHantse große, helle, freundliche Räumlichkeiten ׳mit einem bequemen und ,breiten Stliegenaufgang und allen für den Unterricht nötigen ,Nebenräumen zu erhalten. Die neuen Schulzimmer in dem Dr.-Krüger-Heim,!IL, Malzgasse 7, besitzen all diese ,Vorzüge. Nach׳ den geringfügigen׳ bauliehen •Veränderungen. die vorgenommen werden ׳mußten, •bildete die Einrichtung!der Klassenzimmer eine ׳schwere Sorge. Bei größter (Sparsamkeit ׳müßte man eine entsprechende Sclhulzrmm׳er׳ei:nrichtung .zumindest mit ■S 1000 ibe- ,rechnen. In •einer (Gemeinschaft, •die eiin ׳richtiges Verständnis ,für •die. (Bedeutung einer!jüdischen Schule hat, treffen sich •zumeist edle!Menschen, die, um ׳die Ehre wetteifern, ׳die erste Einrichtung ׳eines neuen IKlas׳senzimme׳rs •zu stiften.;In Wien, nichts von all dem; in Wien i׳st. die jüdische Schule ׳noch :immer das Stiefkind, für das׳ man ,nur ungern ׳und ׳gezwungen etwas gibt. Und trotzdem. Am 3. Jänner, am ersten Unterrichtstag ,im neuen.!Heim, war alles da. Tische und• Bänke,!Kasten ,und Tafel, Heizkörper ׳und Garderobe; ׳es klappte alles tadellos. Dank ׳dem iilberaus ,freundlichen׳ Entgegenkommen des Herrn Olbermedi- 1zinalraites ,Dr. Krüger, dank!der großen Anstrengungen׳ ׳der Schulverwaltung, war ׳alles .zur Zeit da und so ,komnten Schülerinnen ׳und!Lehrerinnen nach den unangenehmen Wanderungen!in verschiedenen, ׳meist unzulänglichen׳ Klassenzimmern endlich freudestrahlend •das neue, schöne-, ׳helle!Heim beziehen. Und ׳so beherbergt ׳nun das Dr .-Krüger- Heim im Un t erlbau: die!jüdische׳ Volksschule ׳und im;0 b e •r 1b a u ׳die G e w e •r b e S c h u 1 e ■(Weißinälhen, Kleiderrriachen und die Arbeitsgemeinschaft ■der ausgebildeten Zöglinge). Nun heißt .e׳s, die v׳ierkl׳a׳ss,ige, 1M1i t t!e׳:lstufe der Mädchenschule■ im Laufe der nächsten •Jahre ausubauen. T&oCßls -uTßauphc&ufe.fufJ&iaßefi, ■and IKädden mdOfenifiuMeihredU //. ‘fflatzgasse. tö Der Sozialistenführer Eduard Bernstein״ Eduard Bernstein, der älteste unter den gegenwär-;tigen Führern der ׳deutschen (Sozialdemokratie, vollendete dieser Tage׳ ׳sein׳ •achtzigstes Lebensjahr und ׳war aus diesem Anlässe Gegenstand herzlichster Ovationen. Aus allen ,(Weltteilen legten ׳die (Sozialisten ׳ihrem Nestor Lorbeerkränze zu׳ Füßen. Eduard Bernstein ist als Jude geboren ׳und ■ist ׳im ,Jahre 1877 aus sozialistischer UebeTzeugung. •aus dem Judentum am s g e t r ׳e •t e n. Dieser Umstand hinderte weder ׳d׳i!e sozialistischen Juden noch die Presseorgane anderer Gruppen, des großen Mannes anläßlich •seines achtzigsten Geburtstages überaus ehrenvoll zu ge-■ denken. Man muß es ohne weiteres ׳zugestehen, •daß Eduard. ׳Bernstein nicht zu jenen Renegaten gehört, weiche dem. Judentum einen Fußtritt geben und es überdies noch mit ihrem •Hasse verfolgen. Bernstein fand oft freundliche Worte für ׳das von ihm verschmähte ׳Judentum. Und׳ nicht nur Worte. Seit 11919 steht er der 1Poale־Zion-)B׳ewe׳gung nahe und1924 ׳ trat er dem Komitee für das arbeitende Palästina bei •und hielt Propagandavorträge zugunsten der palästinensischen Arbeiterschaft. Bernstein ist auch (Mitgli'ed des deutschen■ Pro-Palästina-Komitees. Einem Mitarbei'ter ■des Zentralverelnes deutscher Staatsbürger jüdisehen׳ ׳Glaubens gegenüber äußerte sich (Bernstein über sein Verhältnis zum Judentum wie folgt: ״Wenn ׳ich!auch in •den Siebzigerijahren still und unbe-־ merkt der jüdischen Gemeinschaft den Rücken gekehrt habe■, so bin ich •doch immer Jude geblieben und bin stolz ■darauf, von Juden aibzustammen. In ׳den Siebzigerijahren hat Stoecker, der Vater der heutigen Nationalsoziialisten, ganz ,besonders, in Berlin• den Rassenhaß geschürt, und da hielten wir als Gegenwehr es für richtig, den Kirchenaustritt׳ zu! empfehlen. Wenn ich auch als Redner ׳nirgends den Kirchenaustritt propagiert halbe, so hielt •Ich ■mich׳ doch, da ich dem ׳Büro jener!Austrlttsversammlungen augehörte, fiir verpflichtet■, auch für mich den Trennungsstrich׳ ,zu ziehen. Ich habe es damals!im stillen getan und niemand hat etwas davon erfahren. Heute würde ich es nicht mehr tun. Denn man ׳kann es einem Juden, der ׳jetzt die Ge׳- me in schaft verläßt, als Feigheit auslegen. Wer eine bedrängte und• unterdrückte Religion verläßt, ist feig. Die heutige ■antisemitische, Welle ist ׳giftiger denn׳ je. Und darum würde ich in der Jetztzeit niemals den Schritt tun, loh stehe nicht an, dies an meinem Lebensabend zu erklären.“!Heute würde Eduard Bernstein es nicht mehr tun׳. Wirklich sehr schön. Es ,bleibt aber doch unverständlich, warum der große Kämpfer für die Wahrheit und für die eigene Ueberzeugung nicht den ■Weg zurück zum Judentum findet. Auch den formellen Rücktritt in die Reihe jener, denen doch Herr Eduard׳ Bernstein seine Begabung, seinen Wüllen, seinen Mut, seine ■ganze seelische Disposition verdankt.

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