Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 1 Die ״Talmud-T110ra“'V0lksschule in Wien. (Ein Beitrag zur inneren Geschichte der Wiener Judengenieinde.) Von L. Moses. (Fortsetzung.) Das näcliste, ■Mer folgende Aktenstück I zeigt •bereits ׳die günstige Wendung in der Sehulangeiegenheit, die dem Eingreifen des Kultusministeriums zuzuschreiben ist, in ihrer Auswirkung. Aus dem Provisorium wurde nach und nach ein Definitiv,um und wir können an dem unter 11 folgenden Berichte des Magistrats*) den Rückzug konstatieren, den dieser — widerwillig — über höhere Weisung antreten!mußte. So konnte nun Ignaz Deutsch endlich auf dem Erreichten weiterbauen und es scheint, daß ihm als Ziel nicht nur die Sicherung und Erhaltung ■der ״Talmud Thora“, sondern ihr Ausbau zu einem Schulnetz größeren Umfanges ׳vorschwebte. Er wagte sich bald sogar an die Errichtung einer ■Filialschule für die in den damaligen Vorstädten •Neubau, .Spittelberg, Laimgrube, Schottenfeld und Gumpendorf, •den heutigen Bezirken V׳I und VII, wohnenden Juden. Die Aktenstücke III, IV und V zeigen die Entwicklung dieses — freilich bald wieder fa'Wengelassenen — Versuches. I. Z. 65.974. Hochlöbl. k. k. Statthalterei für Niederösterreich. Dem hohen Aufträge ׳vom 3. d. M., Z. 24.305, entsprechend hat der Magistrat die bereits eingeleitete Schließung der von dem k. •k. Hofwechsler Ignaz Deutsch gegründeten und unterhaltenen israeiitischen Religionsschule sogleich eingestellt. Indem die diesfälligen hierortigen Verhandlungsakten ׳in ... zur hochgeneigten׳ weiteren Verfügung folgen, bemerkt •der Magistrat, daß in! der während des vorigen Jahres in dem Hause Nr. 15 in der Leopoldstadt**) beanständeten Religionsschule des ■Ignaz Deutsch 60 bis 80 •Kinder, und zwar außer den vorgeschriebenen Schulstunden und neben ׳dem. •in der Schule!der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde erhaltenen Religionsunterrichte durch zwei eigene Lehrer in dem Urtexte der heil. Schrift unterrichtet worden seien. Der Stifter dieser Unterrichtsanstalt, der k. k. Hofwechsler Ignaz Deutsch, bestritt seiner Angabe .nach ׳deren Kosten ׳vollständig und sollte dieser Unterricht hauptsächlich •armen und verwahrlosten Kindern orthodoxer Juden zugutekommen. So löblich dieses Unternehmen ■immer sein mochte, so entbehrte ׳solches ׳doch der obrigkeitlichen Genehmigung. Die hiebei angesteilten Privatlehrer Saiomon ׳Bendiner und Salomon Weiß vermochten ebenfalls die im § 469 der politischen •Schulverfassung und der Regierungsverordnung vom 21. März 1822, Z. 20.517, vorgeschriebene Befähigung nicht nachzuweisen, daher der Magistrat •am 23. April d. J., Z. 13.058, diese Schule als Winkelschuile erklärte, deren Schließung verordnete und nach wiederholten hiezu erteilten Terminen über die •mit hoh. Statt-!halterei-Erlasse vom 5. Mai d. J., Z. 12.671, erhaltene Weisung endlich in d׳as Werk setzte, als der eingangs bezogene hohe •Erlaß erschien. Ueber ,׳die Frage des Bestandes einer solchen Anstalt selbst hat sich die hoh. Statthalterei in dem an die 'k. k. Polizei-Direktion gerichteten Erlasse vom 5. Mai •d. J., Z. 7077, auf Grundlage von Verhandlungen und Daten ausgesprochen, welche außerhalb des hieramtlichen Wirkungskreises liegen, daher von dem Magistrate nicht näher beurteilt werden können. * Wien, am 25. Juni 1857. Der Bürgermeister:!11. Z. 16.134. Das hohe Ministerium für Kultus und Unterricht hat zufolge Erlasses vom 14. April d. J., Z. U.753 ׳bezüglich der Beschwerde des k. k. Hofwechslers Ignaz Deutsch wegen abgetragener Schließung der von ihm errichteten und erhaltenen jüdischen Reiigionsschule unter Bezug auf seinen Erlaß vom 31. März •d. J., Z. 1226, Statthalterei-Erlaß vom 14. April •d. J., Z. 16.195, anher eröffnet, daß dieser Gegenstand mit der durch den letzterwähnten Erlaß eingeleiteten Vermittlung einer Vereinigung •der in Wien• bestehenden orthodoxen jüdischen Bethäuser i׳n Eine gehörig •bestellte und mit den nöthigen •Kultus- Anstalten , versehene Synagoge, welche seibstver- Ständlich auch die'Begründung einer •eigenen Reli- ■gionsschule zur Folge haben wird, seiner Erledigung?ugeführt werden wird und daß inzwischen dem Fortbestände dieser Religionsschule des Ignaz Deutsch kejn Hindernis im Weg zu legen ist, Hiervon werden die Herren Vertreter zufolge!hohen Statthalterei-Erlasses vom 30. v. M., Z. 18.540, mit •dem Beifügen in die Kenntniß gesetzt,!daß unter Einem auch der k. k. Hofwechsler Ignaz Deutsch sa$11gemäß verständigt worden ist. ,: «• Von der k. k. Palizei-Direkzion. Wien, 7. Mai 1858. Nischer m. p. An die Herren Vertreter der hiesigen israelitischen Kultus-Gemeinde. III. 13288/232. Ministerium für Kultus und Unterricht. Das Ministerium bewilligt, daß der k. k. Hof- Wechsler Ignaz Deutsch für!die altgläubigen Juden in •den Vorstädten Neubau, Spitte'lberg, Laimgrube, Schottenfeld und Gumpendorf eine Religionsschule errichte, die als Filiale der von ihm gegründeten israelitischen Religionsschule in der Leopoldstadt, deren Bestand mit dem Ministerial-Erlasse •vom 14. April 1857, Z. 11753 provisorisch genehmigt wurde, zu geilten, unter derselben ,Leitung zu stehen und dieselbe Einrichtung zu erhalten habe. Auch ist darauf zu sehen, daß mir gehörig geprüfte und befähigte Leherer angestellt werden, Die Beilagen des!hiedurch ■erledigten Berichtes vom 5. September d. JM Z. 365, folgen nebenan zurück. Wien, am 12. September 1860. Unleserlich IV. An die k. k. Statthalterei für Niederösterreich. K. K. Polizei-Dlrection der Haupt- und Residenzstadt ■Wien. Z. 30385 G. B. 4468. Das hohe Ministerium für ׳Kultus und Unterricht hat laut Erlasses vom 12. September d. .1״ Z. 13288 bewilligt, daß der k. k. Hofwechsler Ignaz Deutsch für die altgläubigen Juden in ■den Vorstädten Neubau, Spittelberg, Laimgrube, Schotten'feld iilnid• Gumpendorf eine Religionsschule errichte, die als Filiale der von ihm gegründeten israelitischen Religionsschule in der ׳Leopolidsstadt, •deren Bestand mit dem hohen Mimisterial-Erlasse vom 14. April 1858, Z. 11753 provisorisch genehmigt wurde — zu gelten, unter derselben Leitung •zu׳ stehen und dieselbe Einrichtung zu erhalten!halbe. Hievon werden die Herren Vertreter der israeiitischen Kultusgemeinde in• Gemäßheit •des hoben Statthalterei-Erlasses vom 23. v. M., Z. 43148, in Kenntnis gesetzt. Wien, am 2. Oktober 1860. Deben m. p. An •die Herren Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde hier. Eingelangt am 7. Oktober 1860 Gelesen: Wertheimer m. p. V. 48857 K. K. n. ö. Statthailterei Dekret an die k. k. Polizeidirektion. •Die lk. k. P. D. hat Sorge zu tragen, daß der beigeschlossene Aufsatz zur Berichtigung des im Blatte Nr. 240 des ״Wanderers“ erschienenen Artikels ״Eine konzessionierte Winkelschule“ wörtlich in eines der nächsten Zeitungsblätter des״ ׳Wanderers“ aufgenommeu werde. Wien, am 27. Oktober 1860. Höniger m. p. Zur Berichtigung des in Nr. 240 des ״Wanderers“ ■erschienenen Artikels ״Eine ■konzessionierte Winkelschule“, wird Nachstehendes ■bemerkt: Mit dem Erlasse des k. k. Kultus- und Unterrichtsministe.riums׳ vom 12. September d. .1״ Z. 13288, ist ׳die Errichtung einer Religionsschule für die altgläubigen Juden in den Vorstädten Neubau, •Spittelberg, Laimgrube, Schottenfeld und Gumpendorf unter der ausdrücklichen Bedingung bewilligt worden, daß nur gehörig geprüfte und befähigte Lehrer angestellt werden, daß diese Schule nur als Filiale der bereits seit Jahren mit behördlicher Genehmigung bestelienden Religionsschule in der Leopoldsstadt zu gelten, unter derselben Leitung zu stehen und dieselbe Einrichtung ׳zu erhalten habe. Die fragliche Filialschule erscheint daher weder als eine Winkelschule noch dürfen daselbst nichtbefähigte oder ungeprüfte Lehrer angestellt werden. Ebenso ist ■es eine bekannte Tatsache, ■daß in Wien eine große Zahl altgläubiger Juden lebt, die bei ihrer Religionsausübung •den altherkömmlichen Ritus gewahrt und in dieser Richtung auch •den Unterricht in den Religionsschulen eingerichtet wissen wollen, welchem Wunsohe durch die Gewährung dieser Religionsschule Rechnung getragen wird. (Fortsetzung folgt.) *) Für die Ueberlassung die9es und noch einiger an derer Akten, sei hiemit dem Direktor des Archivs für Niederösterreich, Herrn Dr. Kraft, sowie dem Archivar, Herrn Dr. Forstreiter, bestens gedankt. **) Antonsgasse, später Kleine Ankergasse, jetzt Hollandstraße 6, Ecke Hammer-PurgstaU-Gasse. , Die Zukunft Palästinas. Von Prof. Dr. Ludwig Köhler (Zürich). Wir bringen im nachstehenden einen Auszug aus einem Artikel der ״Neuen Zürcher Zeitung“, mit dem wir uns zwar nicht identifizieren, der aber, da er den .!* arabischen Standpunkt klar skizziert, auch für uns Interesse haben dürfte. Wir möchten noch vorausschicken, daß Prof. Köhler bisher sidi stets mutig für jüdische Interessen eingesetzt hat. Wir erinnern an seine Öffentliche Stellungnahme gegen die Pogrome, gegen den; Antisemitismus. Er hat noch vor einiger Zeit eifrig für den Keren Ha jessod geworben und Propagandavortrüge für das jüdische Palästina gehalten. D. R. . . . Was wird aus Palästina? Die Unruhen im August bildeten ein blutiges Finale zu dem glänzenden Zionistenkongrefl in Zürich, der eine neue Aera zu eröffnen schien. Seit her tagen die Gerichte, verhängen Bußen, fällen Todesurteile und füllen die Gefängnisse. Aber nun wieder Anschlag auf Anschlag. Sind es letzte Zuckungen eines verlöschenden Feuers? Sind es Sturm- Zeichen neuer Unruhen? Die amtliche Statistik der britischen Mandatvcgierung sagt, daß 650.000 Araber, 140.000 Juden und 75.000 Christen in Palästina leben. Die Mehrheit ist also ausgesprodien arabisch, zumal noch mindestens 50.000 von den Christen zu ihnen geschlagen werden müssen, wenn man nicht nach Religionen, sondern nach nationaler Zugehörigkeit rechnen will; daß man es muß, leidet keinen Zweifel. Ganz gleich, ob Muslim oder Christen, was arabischer Nationalität ist, empfindet in dem großen Zwiespalt, der heute Palästina zerreißt, gemeinsam und steht in Verteidigungsstellung gegenüber dem zionistischen Judentum. Dieses umfaßt nicht alle Juden. Es gab Juden in Palästina, ehe man vom Zionismus wußte. Sic saßen, gleich den Christen in vergangenen Tagen, als kleine Minderheiten, geduckt und bedrückt, an einigen Plätzen, als Träger einer religiösen Idee, und höchlich erstaunt, als mit dem Zionismus eine Judcnheit ins Land einströmte, die vielfach Großes au Heroismus der Kulturarbeit leistete, andererseits aber auch mannigfach ihr Entsetzen und ihr Befremden hervorrief. Denn weder die kommunistischen Geclankengüngc, die einige zionistischc Gruppen erfüllen, noch die rein nationale Anschauung anderer Gruppen, die von der jüdischen Religion wenig wissen wollten, noch deren modern-curopäische Lebensart konnten diese alteingesessenen. Juden leicht ertragen. Im Orient sieht man noch heute im kurzen Frauenrock und iii Zärtlichkeiten zwischen Mannern uncl Frauen auf offener Straße nichts Vorbildliches, sondern ist davon verletzt, gleichviel, ob man Jude oder Mohammedaner ist. Ich habe genug Juden und Muslim darüber klagen' hören, um ermessen zu können, wie tief die Erregung darüber geht. ... Im November 1917, als England noch allen Grund hatte, sich Freunde zu suchen, wo immer es sie fand, schrieb Lord Balfour an Lord Rothschild einen Brief, die bekannte Balfour-Deklamtion. Ich habe bei der Eröffnung des Zionistenkongresses gehört, mit weldien hohen und edlen Worten der Hoffnung und des Vertrauens sidi die jüdischen Führer auf diesen Brief beriefen. Dann sprach ein Vertreter der britisdien Regierung. Ich weiß es noch, als wäre es jetzt, wie kühl, wie vorsichtig das klang, was er sagte. Wären nidit die Wogen der Begeisterung hoch gegangen, jedermann hätte stutzig werden müssen. Aber diese Kühle hatte ihren guten Grund. Lord Rothermere bezeichnet in der ״Daily Mail“ vom 12. September 1929 (Contincntal-Ausgabe) diesen Brief als zweierlei. Einmal als ein Stück Kriegspropaganda. Dann als einen sehr stark persünlidien Brief, der hie vom Parlament gutgeheißen, auf den nie die britische Nation verpfliditet worden ist. Dagegen liegt eine ־ amtliche Erklärung der britischen Regierung vor, wonach sie durch öffentlichen Anschlag der Bevölkerung von Palästina wie clen übrigen arabisdien Bevölkerungen verspridit, daß sie Regierungen bekommen sollen, welche ihre Gewalt von den Anregungen und der freien Wahl der einheimischen Bevölkerungen her leiten. Was gilt? Die zionistische Einwanderung in Palästina hat drei große Fehler gemacht. Sie hat sich sprachlich abgekapselt. Sie ist stolz darauf, daß sie das Neuhebräische geschaffen hat, and in der Tat mag es als ein Großes erscheinen, daß eine alte, erstorbene Sprache neu belebt und gebrauchsfähig gemacht wird, wenn das möglich ist. Aber was würde irgend ein Volle in Europa sagen, wenn eine Einwanderung in eben dem Augenblick, wo sie sidi vollzieht, sidi spradilidi absonderte? Ein anderes ist nationale Gemeinsdiaft von sprachlidi versdiiedenen Gruppen, die durch die Gesdiichte zusammengeschweißt sind, wie es die Schweiz zeigt, ein anderes die Einwanderung einer spradiversdiiedenen Gruppe, die ihr Eiiiwanclerungsredit gerade in Geschiditsgründcn sucht, clie gegen die Einwohner des Landes spredien sollen. Der zweite Fehler war die Vertreibung der eingesessenen Bevölkerung durdi Landkauf. Kein Zweifel, daß viele Araber dabei sehr viel verdient haben. Kein Zweifel auch, daß viele Fellachen mit Vergnügen für ihre kärglidi bewirtschafteten Aecker unerwartete Summen einstridien. Ein Fehler war es dodi; oder sollte es keine Felder geben, welche die Betroffenen zunächst gar nidit bemerken? Nodi klingt cs mir als häßlidister Ton im Ohr, wie ein jüdischer Führer gegen midi geltend madite, daß die Zionisten den gekauften Boaen rcichlidi mit Geld bezahlt hätten. Was ist Geld gegen Heimat? Der Bauer ist so sehr clie Urkraft der Völker, daß kein Geld gut genug ist, 11m seine Entwurzelung zu entsdiuldigen. Und der nrabisdie Felladi weiß sich heute in Palästina in seiner Heimat. Der dritte Fehler war die Erwerbung der einzigen großen Naturkraft des Landes, der Toten-Meer-Konzession, durdi Rutenberg. Natürlich wird man hier mit Hilfe amerikanisdien Kapitals das größte iedinisdie Werk der Gegenwart usw. . . ., jedermann weiß, wie diese Phrasen lauten, und audi, wie bald sie von einer nodi voller tönenden überboten werden. Aber es kommt ja dem Zionismus, es muß ihm auf etwas viel Größeres und Tieferes ankommen; er will denjenigen Juden, die es nach Palästina zieht, eine Heimstätte bereiten. Gut, dann muß man die Dinge so betreiben, daß man keine berechtigten Interessen verletzt, und was berechtigte Interessen sind, das beurteilt nur ein feiner politischer Takt riditig. Er hat gefehlt, und er sdieint nodi zu fehlen. Die große Frage ist die, ob die Wunden noch heilbar sind. Jedermann weiß, und die neueste G^- schichte Europas kann es ja deutlich lehren, daß keine Nation empfindlicher ist als eine neu gewordene. Eine solche ist die arabisdi-palüstinensisdie Nation. Sie ist