Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2629891-2630294-2630334--3454-2635455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 JÜDISCHE PRESSE Seite 5 schechoslo w akei •Oft» «MM»•«»• Die Juden und die Wahlen in der Tschechoslowakei. In der Stellungnahme der manschenden jüdischen Kreise zu den bevorstehenden Wahlen bildete sich diesmal nur schwer eine teste Auffassung heraus. Die Ursache dieser ungewohnten Zurückhaltung liegt in der Erkenntnis, zu der sich nunmehr auf Grund der bislierigen Erfahrungen ein Großteil der Juden in allen Lagern durchgerungen hat. daß die Aufstellung selbständiger eigener jüdischer Wahlparteien mit spezifisch jüdischen Wahllisten nicht zum Ziele führt. Die politisehen Gegensätze unter den Juden sind zu groß und die Vorstellungen, die sie mit dom Begriffe ״jüdisch“ verknüpfen, zu verschieden, um alle Juden auf eine gemeinsaine politische Plattform bringen zu können. Auch die führenden Zionisten und jüdischen Nationalisten in Prag und Mährisch-Ostrau. angefangen von den ״Misrachisten“ bis zu den ״Poale Zion“, sind bereits zu dieser Erkenntnis gelangt. Diese waren bisher in einer ״J ii d i s c h e n Parte i“ politisch selbständig organisiert und erblickten die hauptsächliche Aufgabe ihrer Politik in der Bildung oder Vertretung eines politischen nationalistisch-jüdischen ״Mindcrheitsvolkcs“ in der tschechoslowakischen Republik gleich den anderen ״Minderheitsnationalitäten“ Ini Staate. Da es sich bei allen bisherigen Wahlen herausstcllte, daß ein Mandat auf Grund dieses Parteiprogranunes nicht zu erlangen ist. schlugen die Anhänger dieses Programmes für die kommenden Wahlen eine neue Taktik ein. Sie gaben ihre Selbständigkeit auf und machten ihren Wahlerfolg gewissermaßen von den politischen A u f f a s s u nwelchen gerade die Gewerbe- und Handelspartei ein gewichtiges Wort mitzureden hat, für die Interessen der Juden mit gutem Erfolge einsetzen können. Da nicht anzunehmen ist, daß unter den Juden in der Slowakei für die polnisch-zionistische Parteigemeinschalt irgendwelches Interesse aufgebracht werden wird, dürfte die Judenschaft der Slowakei bei den nächsten Wahlen in ihrer überwiegenden Mehrheit sich in der Zustimmung zu dem abgeschlossenen Pakte einhellig zusammcnlindcn. Jüdische Realpolitik. Die Wahlkampagne im allgemeinen hat dies- 1 mal in ruhigem Fahrwasser begonnen und ,wird sich auch — hoffentlich — bis zum Wahltag in den Grenzen eines zivilisierten Wahlkampfes bewegen. Wird dies auch bei uns J u d e n der Fall sein, so dürfte es denjenigen, die sich Zurückhaltung auferlegen, um ■so mehr als Verdienst angerechnet werden, als ja gerade den jüdischen Wählern gegenüber zum tiefsten Leidwesen aller, die an der Veredlung und Vertiefung der jüdischen Gesinnung in den breiten Massen arbeiten, eine jede Irreführung und jede Demagogie zu ׳Wahlzweoken immer noch als, erlaubte ״Taktik“ erscheint. Die jüdischen Wähler in der Tschechoslowakei sind immer noch Opfer des älten längst abgebrauchten Korteschwesens. Sie DIE MIGRÄNE ist eine zeitweilige Indisposition! Sind Sie leidend, reiben Sie Stirn und Schläfen mit Original- Mentholfranzbranntwein ALP ein. ,u Äußerst günstig wirken ״Alpa״- Umschläge, zur Hälfte verdünnt mit kühlem Wasser. — Judentums von der staatlichen Politik und ihren Aus- Wirkungen deutlich trennen, -• m , י י•־ Mit Phrasen und großen Worten wurde schon ahler, wählet Liste Nr.16/ g e n u 11 d den S t i in m en de 1• j ii d i s c h e 11 W ä 11ler u n a b 11 ä n 8 i g. In einem Crenzbezirke der Republik gibt es eine polnische M i 11 d e 111 ־ e i t sn n ti o 11 n 1 i t ä t, die sieb in .,verschiedene politische Parteien teilt, mit ins8esamt etwa 25.000 Wahlberechtigten. Mit dieser polnischen nationalen Minderheit schloß sich die bisher selbständige ״Jüdische Partei“ zu einer politischen Wahlpartei zusammen und wird jetzt, trotzdem sie es bei den jüngsten Landtngswnhlen auch 8emeinsam nicht zu einem Mandat brachten, abermals 8en1einsnm ihr Wal1181ück versuchen. Damit lint aber auch zugleich die ״Jüdische Partei“ als separate Wahlpartei aulgehört und — selbst wenn eines ihrer Mit- Slicder in der polnisch-nationalen Wahlgemeinsehal't ein Mandat erringen sollte — jede p a r 1 a m e u t a r 1 s c 11 e Geltung verloren. Demgegenüber vertraten die nichtnationalen Juden, die in der ״Jüdischen Wirtschai'tspartei“ vereinigt sind, von jeher den Standpunkt, daß es nicht die natioaale Frage der Juden, sondern in der Hauptsache w i r t- Allen unseren Geschäftsfreunden und Bekannten . גמר התימה טובה ושמהת יום טוב ״Polio“ Friedniann u. Co.. Seifen- .und Kerzenfabrik. Kosice. schaftliche Fragen sind, die bei den Wahlen im Vordergründe der Interessen stehen. Entsprechend dieser Auflassung fand am 8. Oktober in Bratislava eine Aussprache statt und die Jüdische Wirtschaftspartei lind die ihr nahestehenden Kreise der O r 111 o d o x i e und der 11 a n d c 1- 11 n d g ewerbetreibe 11 d e 11 J u d e n i n der g cjs a m teil Slowakei vereinigten sich für die kommenden Wahlen mit der ״Tschcchoslowak i s e 11 e 11 Ge w e r b eu 11 d H a 11 d e 1 r» p arte i“ zur Wahrung ihrer gemeinsamen Wnhlinteressen. Diese Partei, deren Bestrebungen sich naturgemäß mit den wirtschaftlichen und sozialen Interessen der überwiegenden Majorität der Juden decken, besaß auch bisher schon 14 Abgeordnete im Parlament, gehörte zu den Konlitionspnrtcien und war auch durch einen Minister in der Regierung vertreten. Durch das jetzt getroffene Abkommen wird die Partei voraussichtlich eine Stärkung erfahren and an Einfluß noch gewinnen. Zugleich aber erwachsen daraus den Juden besondere׳ Vorteile. Denn im Sinne des Abkommens werden den jüdischen K a n d i d a t e n m i t an 11 ä 11 e r 11 d e 1• Sicher h e i t 2 bis 5 Ma 11 d a t e z u f a 11 e n. Außerdem wird die Partei sich in den Fragen der Steueri p i s t u 11 g e 11, des neuen Gewerbcgcsetze s, der Sonntagsruhe usw., also in Angelegenheiten, bei haben, trotz allen traurigen Erfahrungen, ,die s׳ie während des zehnjährigen Bestandes der Republik an der eigenen Haut und an ihrem eigenen bürgerlichefi und wirtschaftlichen -Verhältnissen gesammelt haben, immer noch nicht gelernt, von einem jeden, der sich ׳um ihre Stimme bewirbt — mag er Jude oder Christ sein — vor allem klare und ehrliehe Tatsachen zu fordern und ihm unerbittlieh die Tür zu weisen, wenn es sich herausstellt, daß er unverbesserlich zum soundsovielten Male nichts als inhaltslose •politische Schlaigworte im Muncle führt, ׳bei welchen für Juden und Judentum nicht der geringste Vorteil he!rauskommen kann ,und hinter •den nur ,glatte Volksbetörung und nichtswürdige persönliche Ambition ,zum Schaden der Gesamtheit steckt. Nach alldem, wa׳s im Laufe der Jahre in diesen Blättern über wahre jüdische Politik und jüdische Interessenvertretung aus den verschiedensten Anlässen gesagt ,wurde, werden die Leser begreifen, wenn wir für einen ruhigen und würdigen Verlauf der Wahlpropaganda die energische Zurück- Weisung eines jeden falschen Schlagwortes und eines jeden Mißbrauchs des jüdischen Namens für Dinge, die •mit Judentum nichts zu tun haben, als erste V 0 r b e d i n g u 11 g auf stellen. , ״J ü d i s c h“ im Zusammenhänge mit moderner Politik kann ein Bestreben nur dann sein, wenn •es im Einklang •mit den geistigen Interessen steht, .die ( seit Jahrtausenden im gesamten Judentum mit Gut und Blut vertreten und verteidigt wurden. Alles andere ist hohle Phrase und politisches Geschäft derj ewigen, die um ihrer persönlichen Ambition willen 1 ihr Judentum neu entdeckt haben und die jiidischep , inneren Angelegenheiten nicht ׳zur Ruhe kommen lassen wollen, bis sie ihr Ziel ׳nicht erreicht haben. Diesem Treiben, das die jüdischen wahren Interessen nicht beachtet und den jüdischen!Namen wie überhaupt die Zugehörigkeit zum Judentum als eine neue Art politischen ׳S p 0 r t e s betrachtet, werden wir nur ein Ende bereiten können, wenn wir einmal eine •gerade Linie ziehen zwischen J 11 d e n t11 m u iid P 0 1 i t i k. Ist es uns dank der vielen neuen ״Judentümer“, die aus dem Trubel der geistigen und sozialen Bewegungen in der Welt emporschießen, schon •nicht möglich, unser ganzes politisches Leben ausschließlich von der wahren jüdischen ׳Gedankenwelt beherrschen •zu lassen, so soll der Einfluß dieser Gedankenweit ׳mindestens so weit reichen, daß die Grenzen abgesteckt werden, die das Gebiet de!s hinlänglich operiert. Es ist einmal an der Zeit, mit nüchternem Sinn ׳zu prüfen, auf welche •Weise Juden sich an den Wahlen beteiligen können, ohne‘dem Judentum und sich selber nicht wieder gutzumachen-; •den Schaden zuzufügen. ־:?:*-׳״•״■ Vor allen Dingen darf nicht vergessen werden, daß der Staat ׳und seine gesetzgebenden!Körperschafteu nicht eine jüdische Kultusgemeinde sind. Das tschechoslowakische Parlament ׳ist am aller־, wenigsten' der Ort, wo jüdische Advokaten auf Grund einer für ihre Zwecke erdachten, neuen jüdischen politischen Min deT hiis•nati 0nalität jene Geltung erlangen sollep, die sie zu ihrem begreiflichen Schmerze bisher anderwärts vergebens erstrebten. Wir Juden, verlangen ׳vom Staate und aus den Macht- und Finanzmitteln ■des Staates nichts anderes als das, was ein ׳jeder ändere Bürger auch verlangt, nämlich vollkommene gesetzliche und praktische Sicherheit für die Ausübung ^unserer Berufe, gerechte und gleichmäßige Verteilung der Steuerleistungen, verfassungsmäßige vollständige Freiheit unserer Religion und Schutz für ihre organisatorischen, geistigen und finanziellen Institutionen und schließlich Verständnis und Unte!g>tützung bei der Erhaltung unserer religiösen Eigenart und der aus ihr erwachsenden moralischen und institutio־ nellen Notwendigkeiten. Das alles ergibt sich aus dem Verhältnis ׳eines jeden zivilisierten Staates zu seinen Bürgern und •ist himmelweit' entfernt von all den Programmen, die unsere Situation im Staate und unsere Beziehungen zu unseren 'Mitbürgern — in guter Absicht, aber aus absoluter Verständnislosigkeit lind aus unverantwortlicher Leichtfertigkeit — durch die •künstliche Schaffung einer neuen im politischen Leben wirkenden ״jüdischen Mincl e r h e i t s n a t i 0 n a 1 i fc ä t“ direkt Oder indirekt, wie etwa durch Wahlbündnisse mit’• anderen ■politischen ״Minderheitsnatianalitäten“, die uns nichts angehen, unerträglich gestalten könnten. Es ist hoch an der Zeit und die politischen Parteiverhältnisse im Staate sind rej| i^nug dazu, in der Wahlpolitik die Bahn der irrealen Wirklichkeiten •zu betreten und jeder abenteuerlichen, nutzlos die Kräfte ver § c.liM’.'e n d e n ■cl e n Wahlpoilitik mit ,besonderen jü di stufen nationalistischen ־Wahlparteien für immer den Rücken zu kehren. Wir sind ein Volk, das in all den Jahrtausenden seiner großen Strafwanderung durch das Gölus vorzüglich verstanden hat, idealen Hoclisinn mit realer Erkenntnis der Lebensanf0rder 11 ngen.iohne seelischen / uden! Eure Partei ist Gewerbe- und die 7״schechoslowakische/ Handelsparteiu Liste Nr. IO•