Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE Nr. 42 Seite 2 G9MNASTIKSCHULE Ruth Bischoiswerder. Wien, 1״ Weihburggasse 9. (ifm!Atelier Hede Juer.) Kurse für Erwachsene. — *Kinder von 4 Jahren aufwärts. — Kalte und*!warme!Dusche. Sprechstunden: Montag, Dienstag, Donnerstag und! Freitag von 3 Ibis 4 Uhr. (Tel׳. U-23-7-14.) dHaHHBHBHaHKflDMBBMnHMnHKHnnSflH&lSSnMEMBMBBnHi schrift: ״Ihren auf diesen Gedenktafeln verewigten und allen ihren anderen im Weltkriege gefallenen und in frem* der Erde ruhenden Söhnen gewidmet von der israeliti* sehen Kultusgemeinde Wien.“ Am Rande des halbkreis* förmigen Gräberfeldes, das rund 1000 Gräber umfaßt, ist das vom Architekten Leopold Ponzen geschaffene Denk« mal errichtet, ein zinnengekröntes Oktogon mit der In* schrift: ״Die israelitische Kultusgemeinde Wien ihren im Weltkriege 1914 bis 1918 gefallenen Söhnen.“ Durch das Portal gelangt man in ein offenes Oktogon, wo auf sieben mächtigen Tafeln aus Laaser Marmor die Namen der Ge* fallenen verzeichnet sind. Gedenksteine sind schließlich den auf diesem Fried* hofe bestatteten russischen Kriegsgefangenen jüdischen Glaubens errichtet. Zur Feier war eine Ehrenkompagnie des Infanterie* regiments Nr. 3 ausgerückt. Im Zeremoniensaale, wo sich der erste Teil der Feier abspielte, hatten sich eingefun* den: Bundeskanzler Schober, in Vertretung des Vize* kanzlers Stadtkommandant General Wiesinger, ferner Vertreter der Ministerien für Unterricht und soziale Ver* waltung, von der Gemeinde Wien Stadtrat Breitner, für den ungarischen Gesandten Legationsrat Jobb, für den polnischen Gesandten Konsul Jan Chesmirski, der deutsche Generalmajor Kundt, der altkatholische Bischof Tüchler, Vertreter der Polizeidirektion, des Deutsch* meisterbundes, der Vorstand der israelitischen Kultus* gemeinde mit dem Präsidenten Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick und den Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein und Dr. Löwenherz u. a. Die Feier leitete Oberkantor Fischer, vom Chor begleitet, mit einem Psalm ein, worauf Rabbiner Professor Dr. Julius Bach die Ge* denkrede hielt, in der er unter anderem ausführte, daß diese Denkmäler, auf den Ruinen des Hasses errichtet, der Liebe entsprungen seien. Das wahre Kriegsziel muß der Friede sein. Nur einen Heeresdienst hat der Mensch auf Erden, seinen Platz zu behaupten in stetem Pflicht* gefühl. Darauf fielen von den Gedenktafeln, bei denen Ehrenposten des Infanterieregiments Nr. 3 standen, die Hüllen. Und während vor der Halle das Signal ״Zum Ge* betl“ ertönte, stimmte Oberkantor Fischer den Choral an. Darauf marschierte die Ehrenkompagnie durch die Haupt* allee zum Kriegerdenkmal. Ihr folgten in langem Zuge, an dichten, hinter einem Kordon der Sicherheitswache stehenden Spalieren die Gäste. Vor dem Denkmal dankte Präsident Professor Pick dem Architekten sowie allen Mitarbeitern und sprach die Hoffnung aus, daß dieses Denkmal auch der Nachwelt künden möge, wie die Söhne des jüdischen Volkes getreu ihre Pflicht erfüllten. Stadt* kommandant General Wiesinger hielt hierauf eine An* spräche, worin er ausführte : ״Die Kameraden israeliti* sehen Glaubensbekenntnisses, die wir heute ehren, er* füllten treu ihre Pflicht zu Volk und Heimat bis zum letzten Herzschlag. Sie vollbrachten ihre Pflicht nicht aus gepflogenem Brauch, sondern aus dem Gedanken felsen* fester Treue. Jedes Kriegerdenkmal ist aber auch eine Mahnung zum sittlichen Kampf für Heimat und Volk. Heldenehrung ist heilige Pflicht, Soldatentod heiliger Tod. Er bricht jedes Gefühl des Hasses, Freund und Feind, vom Schlachtengott dahingerafft, sind der gleichen Liebe und Ehre wert.“ Im Namen des Bundesheeres legte er so* dann, während die Musik das ״Ich hatt’ einen Kameraden“ anstimmte, einen Lorb&erkranz mit der Widmung ״Den Helden der Pflicht, das österreichische Bundesheer“ am Denkmal nieder. Im Namen des Deutschmeisterbundes sprach Präsident Major Seifert, der erklärte, die sieben* tausend im Bunde vereinigten Männer gedenken jener jüdischen Kameraden, die mit ihnen Schulter an Schulter gekämpft. Die Treue, die sie draußen gehalten, werden ihre Kameraden ihnen auch hier halten. Die Heldentaten der jüdischen Soldaten sind auch im ״Deutschmeister* werk“ aufgezeichnet. Redner legte sodann im Namen des Deutschmeisterbundes einen Kranz nieder. Für den jüdi* sehen Frontsoldatenverband sprach der ehemalige Fähn* rieh im Sturmbataillon der 44. Division Rudolf Berdach. Darauf stimmte Oberkantor Margulies mit dem Chor das Lied ״Seele, was betrübst du dich“ an. Vom Kriegerdenkmal bewegte sich der Zug zur Grabstätte der russischen Kriegsgefangenen, wo gleich* falls ein Gebet verrichtet wurde. Die Gedenktafeln in der Zeremonienhalle und die Denksteine der Kriegsgefange* nengräber sind nach den Plänen des Leiters des techni* sehen Amtes der Kultusgemeinde, Ingenieur Ernst Lind* ner, ausgeführt. Der Präsident der israelitischen KultusgemeindeWien,General-Oberstabsarzt Univ.-Prof.Dr.Alois Pi ck,70 Jahre alt. (Der Präsident der israelitischen 'Kultusgemeinde Wien, General-Oberstabsarzt a. D. ׳Univ.-Prof. Dr. Alois Pick feierte am 15. d. seinen 70. Geburtstag. Präsident Prof. Dr. P i c k, war aus diesem Anlaß Gegenstand der herzlichsten und aufmerksamsten!Ehrungen. Am Geburtstage fand ein Gratulationsempfang beim Jubilar statt. Viele hunderte prominenter ׳jüdischer Persönlichkeiten Wiens, Vertreter aller ׳jüdischen Vereine und Korporationen sind ibei dem!populären Präsidenten erschienen, mm ihn zu!beglückwünschen• Oer Kuitusvorstand hielt Mittwoch, den 16. d. M. abends eine Festsitzung :zu Ehren des׳ Jubilars ab. Die eindrucksvolle Veranstaltung wurde nach einem Chorgesang von Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein eröffnet. Den Fest,grüß des Vorstandes sprach Pizepräsident Dr. Josef Löwenherz. Dann kamen iciie Klubobmänner der verschiedenen Gruppen des K 1111 u s v o r s t a n d e s, ferner die Vertreter des Rabbiner v e r b a n d c s, der Be zi r k sik 0 m m i,s s i 0 n c n, der Bet׳h׳a׳us vor• ständ ׳e, des B e t h a 11 s v e r b a u 1d■ c s, der sozialen Fürsorge und der Beamtenschaft zu Worte. Der Jubilar dankte a׳m Schlüsse in wenigen herzlichen Worten •für die!Ehrung, die er als schönste seines an Erfolgen und Ehren ׳reichen!Lebens empfinde, wie er überhaupt diesen Tag seit seinem ׳Hoclh!ze.itsttag als den größten ,Freuidentag verlebe. Während ■der Festsitzung wurden die in überaus herzlichem Tone gehaltenen Gratuiationsbriefe verlesen, die von!Bundeskanzler Schober, Altbundespräsident H,a!inn'sch. vom Minister für Kultus und 1Unterrieht sowie vom Minister für soziale Fürsorge, von Bürgermeister Seitz und Stadtrat •Breitner •und von der Universität einkingten. Die Wiene-r Tagespresse •hat in würdiger Form des Jubiläums des Präsidenten der Wiener Kiiltusgemeinde gedacht und ׳ ,in 'längeren Aufsätzen die wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des in allen Kreisen der Wiener 'Bevölkerung geachteten Mannes gewürdigt. (!Die ״Jüdische ׳Presse“ schließt sich der großen Schar!der iGratulanten ebenfalls ׳an und wünscht ׳Herrn Präsidenten.!Pick, der, abgesehen ׳von seinen •Amtsgeschäften׳ in der Kultusgemeinde, gemeinsam!mit seiner!Frau Gemahlin auf phllanthropisahem Gebiete aufopfernd arbeitet, herzlichst עד מאה ועשרים שנה Lebensuemciieruim-Geseliscliaft | 1 וו!!וווווווווו1!ווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו!וו1 Gegründet 1882 Gegründet 1882 M Versicherungsbestand Ende ü Mai 1929 . 2000 Millionen Schilling § Garantiemittel Ende 1928 . 238 Millionen Schilling M Prämienu. Zinseneinnahmen ü im Jahre 1928 .. 971/״ Millionen Schilling ff ן Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: 1 j Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische 1!ן Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, ff s Italien, Ungarn, Polen,Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 1 ■M land, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten j§ 1 Kinder-Uersortnnts-Versitlieruiit 1 I llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllirillll | §§ Erziehungsrente für das Kind, Sterbegeld nach dem §f [ן Tode der Eltern, und prämienfreie Versicherung des m H Kindes vom 24. Lebensjahre an m illillllllllllll!llllllllllllllllilllllllllllillllllll!(ll!1llllll₪ כשר SEIFE Marke: ALEFBETH mit הכשף des orth. Rabbinatsassessors, Koäice, erzeugt ״POLIO1‘ FRIEDMANN & Co. SEIFEN-UND KERZENFABRIK, K0S1CE Die Einführung von Ober-Rabbiner J. J. Horowitz in Frankfurt. Wir entnehmen dem!Frankfurter ״!Israelit“ folgenden Bericht über die Einführung des neuen!Frankfurter!Raws: Das gewaltige!Interesse, das in allen Kreisen der Israelitischen Religionsgeselischaft und weit darüber 'hinaus die!Einführungs'feicr am Donnerstag Abend erweckte, wirkte sich schon eine halbe Stunde vor!Beginn der Feier in einem zeitweise ׳fast (lebensgefährlichen ׳Gedränge vor den Toren der Synagoge ,aus. Eine solche Menschenfül'le sab die Synagoge seit ihrer Einweihung im Jahre 1907 nicht mehr. Es waren für ׳die •Mitglieder und , Piatzinhäber Karten ausgegeben und ein ganzer Stab von Portiers und freiwilligen Helfern hatte schwere Arbeit, um den Menschenstrom reibungslos durch die Türen zu lassen und jeden ׳״in!Frieden auf seinen׳!Platz“ zu bringen. Aber alle fanden ׳Platz und die!Feier konnte vor einem Auditorium von Tausenden bei ׳festlicher Beleuchtung zur festgesetzten Minute ׳pünktlich beginnen. Eiii Mäh Tauwu-Gesang des Chores leitete •das Minchogebet, vorgetragen ׳vom Herrn Oberkantor, ein. Nun geleitete der Vorstand den (Herrn Rabbiner in feieriichem Zuge unter de׳n!Gesängen des בחך הבא in ■die Synagoge und auf seinen!Platz. Voran der Herr Rabbiner, ihm ׳zur!Linken Herr •Räb'b.-Ass. Gerson!Posen und hinter ihnen die Vorstandsmitglieder. Ein מזמור לתודה des des Chores 'beschloß den ׳Einzugsäkt. Darauf 'betrat •der Vorsitzende des :Vorstandes, Herr Naftali Schwabacher, die Stufen •der heiligen Lade, ,wo neben der Kanzel •noch ein Podium aufgestellt war,!und richtete ein Wort der warmen Begrüßung an den neuen Führer der Gemeinde im!Namen des!Vorstandes, des 'Gemeinderates wie •der ganzen Gemeinde. Mit!heißer Sehnsucht habe man auf den Tag gewartet, nun •da er gekommen, sei!Anlaß genug zum ׳Feiern. Die zwei bisherigen!Rabbiner •der Gemeinde hatten hervorragende Weltbedeutung, und .ihnen sei es nächst n״^nzu danken, daß die Gemeinde so groß geworden ist. Von gleichen Idealen beseelt, werden sie sich, verehrter!Herr Rabbiner, Ihren Vorgängern ,würdig anreihen ׳und!mit ׳den Ihnen von G-tt gegebenen Kräften und 'Fähigkeiten •die ׳Gemeinde zu einer weiteren •Aera des Blühens führen.“ Mit dem Worte חזק ואמץ 'das in der laufenden Sidra!Moses seinem Nachfolger •Josua zuruft, in •der IDeutumg, die S. 1R. Hirsch diesem Worte gibt, begrüßt der Vorsitzende den neuen Rabbiner •und mit den weiteren Worten וד׳ ההולך עמך לא ירפך ולא יעזבך!Darauf 'bestieg unter lautloser Stille der tausendköpfigen Menge Herr Rabbiner Josef J. Horovitz die!seit drei Jahren verwaiste Kanzel. Mit ׳einigen Psalmzitaten drückt er zunächst tiefen Dank aus gegen G-tt, der ihn bis!hierher geleitet, gegen die!Gemeinde, ׳die ihn •an die Spitze gestellt und die ,Verwaltung, die •durch den (Mund ihres!Vorsitzenden ׳ihm heute ihr und ׳der!Gemeinde Vertrauen ausgesprochen hatte. •Welche Gefühle ihn beherrsehen, da er sieh anschickt, die Führung in einer ׳Gemeinde, in der in der 'Vergangenheit bis zuletzt so große Männer, Leuchten der Diaspora, gewirkt ׳haben, ließe sich!nicht in Worte kleiden, so wenig wie ׳das Lob G-ttes, das sich in Worten! nicht erschöpfen kann ׳und •dennoch stets' nach Ausdruck ringt. Mit ׳dem ׳Segensspr.uch, den man nach tälirnu dis eher Vorschrift beim Wiederaufbau jüdischer Häuser sprechen soll, בחך מציב גבול אלמנה •möchte Die Mutter. Die Uhr schlagt sechs. Der Frau im Bette wird das Aufsteheu schwer. Das war heute wieder eine unruhige Nacht. Das kleine Kind hat fast die ganze Nacht gehustet und die warme Milch, die sie ihm gegeben, hat kaum geholfen. Und ihr Mann, der vor einer halben Stunde aufgestanden, war verdrießlich über die unruhige Nacht und das schlechte Wetter und hat brummig das Hans verlassen, um in“ Schul zu gehen. Als ob sie etwas dafür könnte. Was soll sie jetzt zuerst machen? Sie kann noch so früh aufstehen, die Arbeit ist noch zeitlicher daran und steht parat vor ihr, deshalb bleibt sie oft ein wenig länger liegen. Sie wird zuerst bei den Kindern im Ofen Feuer machen, damit sie es beim Aufstehen nicht kalt haben, und nachher den Kaffee auf brühen, damit der Mann, wenn er von Schul nach Hause kommt, etwas Warmes in den Magen bekommt. Ist er besser gelaunt, so kann sie ihn nach den Geschäften fragen und vielleicht etwas Geld bekommen. Brauchen könnte sie’s. Aber alle Männer sind gleich, keiner gibt gern Geld her, auch wenn sie wissen, daß man es notwendig braucht. Dann kommen die Kinder daran. Ach ja, die Kinder . . . Arbeit geben sie mehr als genug, besonders die zwei Kleinen, aber man hat auch viel Freude an ihnen. Ihre Jenni, ihre Aelteste, sie soll leben, wenn die einmal groß ist, wird sie selber es schon bequemer haben. Bis neun Uhr wird sie liegen bleiben und sich den Kaffee ins Bett bringen lassen, wie die ganz feinen Damen. Die Jenni kann jetzt schon eine tüchtige Hausfrau vorstellen, trotzdem sie noch in die Schule geht. Alles versteht sie und zu allem stellt sie sich, wann ihr das Mädel das alles nur abguckt? Die zwei Buben wiederum haben gute Köpfe zum Lernen. Wie oft hat der Melamed schon gesagt, daß man sie bald auf die Jeschiwoh schicken muß. Die Kinder auf der Jeschiwoh, das war immer ihr Wunsch! Und der Jüngere will nur Rabbiner werden, sogar ihr Mann ist stolz, wenn er das hört. ״Soll er Rabbiner werden“, hat er schon oft zu ihr gesagt, und ״am besten, er wird Rabbiner in Deutschland.“ In Deutschland, das hat er ihr schon oft erzählt, ist der Rabbiner sehr angesehen und sehr geachtet. Er muß dort in der Synagoge eine schöne Predigt halten, ein bissei über Schiller und Goethe sprechen und die Gemeinde sagt: ״Unser Raw, unberufen, ein hochgebildeter Mann, ein gediegener Kenner ist unser Raw, Thauro im Derech Erez.“ Nun ihretwegen, sie ist auch mit Deutschland zufrieden, sie zieht ihr Schwarzseidenes an und fährt als Rabbinersmutter nach Deutschland. Aber was fährt sie nach Deutschland, sie geht jetzt in die Küche! Zu tun gibt’s genug. Gleich nach dem Mittagessen will sie mit dem kleinen Kind zum Doktor, daß er ihm eine Medizin verschreibt. Keine Kleinigkeit, wie der Husten das arme Kind schwächt! Bevor sie weggeht, muß sie auch noch die Nachbarin ersuchen, daß sie ihr auf die Kinder aufpaßt. Sie weiß, sie wird es nicht abschlagen, denn sie hat ihre Kinder gern. Bei ihr hat sie sie gern, aber sie selber will keine Kinder, sie sagt, sie braucht keine Kinder, weil ihre Persönlichkeit allein vollkommen ihrem Mann genügt. Gern möchte sie wissen, ob sie auch eine Persönlichkeit ist. Ihre Mutter war bestimmt keine Persönlichkeit, denn sie hat zwölf Kinder geboren, und wenn sie ihren Mann fragen wird, ob sie eine ist, wird er es auch nicht bestimmt wissen. Besser, sie fragt ihn nicht. Schnell vergeht der Tag! Wenn sie vom Doktor zurückkommt, muß sie sich gleich zum Stopfen und Flicken setzen, alles ist zerrissen, sie weiß schon gar nicht die Zeit, daß der Flickkorb einmal leer war. Und die Kinder wird sie heute zeitlich zu Bett bringen, denn sie will noch ein wenig lesen. Die drei letzten Fortsetzungen vom Roman in der ״Neuen Freien Presse“ hat sie bis heute nicht gelesen. Ihr Mann ärgert sich zwar immer, wenn er sie mit der Zeitung in der Hand sieht. ״Schon wieder studierst du“, hat er erst unlängst zu ihr gesagt, ״in einem Blatt Gemore ist mehr, Verstand, wie in allen deinen Romanen.“ Soll er bei seiner Gemore bleiben, sie bleibt bei ihrem Roman. Jetzt hält sie bei der neiuiundsiebzigsten Fortsetzung und kann die achtzigste kaum erwarten. Und der Schluß wird sein, daß die Dame im Roman, die doch sicher eine Persönlichkeit ist und ihrem Mann anfangs vollkommen genügt hat, sich am Ende von ihm scheiden läßt. Sehr schön lauft der Roman in der Zeitung, da ist nichts zu sagen. Wenn sie dann mit der übrigen Arbeit fertig sein wird, geht sie sofort zu Bett und morgen zeitlich früh ist ihr erster Weg in die Fleischbank. Das Kind, nebbich, soll heute eine bessere Nacht haben, die Medizin wird sicher wieder Geld genug kosten. — — — — — — — — — — Eine Heldin, so sprechen die Hausleute oft, wenn sie die Frau stets unverdrossen vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein bei der Arbeit sehen. Nein, keine Heldin ist’s, nur eine Mutter. H. P. Berliner Schulkinder besuchen das österreichische Burgenland. Das Echo in den Schulauisätzen.!W!ir entnehmen׳ nachstehenden Aufsatz der Berliner ״C. V. Zeitung“. Wenn wir auch nicht alles für richtig ,halten; ־was ׳die ׳Berliner Schulkinder erzählen, so!wollen wir Ihre Aufsätze ׳doch nicht!zensurieren. Die Red. Auf der diesjährigen Stüdienfahrt des Kaiser-Friedrioh->Realgy!ninasiiiims Neukölln lenkte ich den Weg!!Zweier Klassen in das österreichische Burgenland. Es war!meine Absicht, unsere Jungen udd Mädchen!in ein ׳Gebiet VÖlikischer Grenzkärrupfe!au führen. Der Begriff ״völkisch“ ist für