Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 40 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2629891-2630294-2630332--3437-2635436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Nr. 40 JÜDISCHE FRAUENWELT Kenessijoh-Nachklänge in der Frauen-Aguda. Aus der großen Lichtquelle der 2. Kenessijoh Gedauloh.. die vorige Woche von Wieu ’.aus nach allen Weltrichtungen ihre Strahlen entsandte, fielen einige Strahlen auch nach Preßburg. Sie ließen auch demjenigen, der nicht Gelegenheit hatte, an der Kenessijoh persönlich teilzunehmen, eine Ahnung aufsteigen von der mächtigen Wirkung, die von ihr auf das ganze ortliodoxe Judentum ausgehen könnte, wenn unsere jüdischen Zeitgenossen alle mehr Sinn hätten für die Forderungen der Stunde im jüdischen Leben. Wir hören allenthalben Klagen über Lässigkeit und Schwäche im orthodoxen Judentum, über Abnahme der Gesinnungstreue und Schwinden der alten Schwungkraft. Die zweite Kenessijoh Gedauloh hat vor aller Welt das Gegenteil bewiesen und einem jeden Teilnehmer die unbezwingbare Ueberzeugung aufgedrängt, daß die Gesamtheit der thoratreuen Juden auch in unseren Tagen noch Energien genug birgt, um den . alten Glanz zu bewahren und manche Schäden, die dem Judentum während eines Jahrhunderts der geistigen Weglosigkeit zugefügt wurden, wieder auszugleichen. Es hängt nur davon ab, ob wir auch den Willen besitzen, den aufrichtigen und entschlossenen Willen, uns in dem Lichtstrom, der von der Agudo als geistigem Kraftzentrum ausstrahlt, derart einzuschalten, daß seine wohltuende Wirkung unseren ganzen Organismus erfaßt und unser Volksleben in allen seinen noch unverwitterten Teilen ausfüllt. Wir haben damit durchaus nicht etwa eine sensationelle Entdeckung gemacht, sondern nur eine einfache Wahrheit ausgesprochen, die seit Jahren bereits tausenden bekannt ist und jetzt weiteren tausenden erneut aufleuchtete, als sie auf der großen Versammlung in Wien erfuhren, was das orthodoxe Judentum sein könnte, wenn alle ■־seine Teile nur richtig wollten. Nehmen wir als Exempel den Teil der orthodoxen Judenheit, dem gerade in unseren Tagen aus Gründen, ־die wir in diesem Zusammenhang unerörtert lassen wollen, eine, größere und verantwortungsvollere Aufgäbe zufüllt als je zuvor: die orthodoxe;jüdische Frau. Wer kümmerte sich bisher darum, daß der geistige und moralische Typus der früheren jüdischen Frau, wie ihn unsere Mütter und Großmütter darstellten, in wenigen Jahren fast völlig geschwunden ist und mit ihm all der Segen, all das Glück, das er Jahrtausende hindurch in unermeßlicher Fülle fiir das jüdische Volk in sich trug. Allerdings, die Besseren unter uns beklagten ebenso wehmütig wie untätig die Gebrechen der Zeit und den Niedergang der neuen Generation. Aber auch sie wie die anderen, die nichts merkten oder nichts merken wollten, fanden sich allmählich mit dem Charakterwundel der jüdischen Frau und der jüdischen Tochter ab und nahmen ihn als bejammernswerte, aber unabänderliche fatale Tatsache hin. Es entstanden aber Männer und Frauen in unserer Mitte, deren o r t h odoxer Be k e n n e r m u t in den letzten Jahren durch die Agudas Jisroel und durch den Weckruf der גדולי החורה וחיראה der von der Kenessijoh Gedauloh an das ganze jüdische Volk erging, gestärkt wurde. Sie haben von der Aguda noch rechtzeitig gelernt, der b eqnemen u nd katastrophalen Ausrede des שב ואל ו/עשה den Nie dergangser sehe imingen gegenüber jede Berechtigung abzusprechen, und stemmten sich .gegen den Ström, der bereits die innersten und heiligsten Zonen des Judentums zu überschwemmen drohte. So entstanden in P o 1 e n und Erez Jisroel die Bewegung der ״Bnos Agudas Jisroel“ mit ihren ״Bes-Jakob-Schulen“, bei uns in der Slowakei die ,.Agudas-Jisroel-Frauen- und Mädchengruppen“, in W ien die blühende ״Agudas-Jisroel-Mädchengruppe“ und auch in Deutschland und in den anderen Ländern des Westens Ansätze zu einer Bewegung, der die gleiche Tendenz innewohnt. Sie alle wollen d i e j ii d i s c 11 e F rau und die zukünftige jüdische Mutter zur bewußten, mit ihren Pflichten vertraut e-n Trägerin und P f 1 egerindertraditionellenjüdisc 11 enF raueni־d eale und Frauentugenden erziehen und sie mit der moralischen Macht des org; a 11 i s a t o r i s c h e n Z ii saramenschlusses der Gleichgesinnten frei halten und, w o nötig, frei machen von den verheerenden Einf 1 ii s s c n entgegengesetzter jüdischer und allgemeiner Bewegungen und Moden, die a u f d a s F rauengem ii t geradezu ü b e r w ä 11 ig e 11 d ei n w i r k e n. Es ist das ein furchtbar schweres Unternehmen, bei dem mit der größten Vorsicht und Umsicht vorgegangen werden muß. Es berührt das Zarteste und Feinste im jüdischen traditionellen Leben. Da gilt es einerseits, große und tiefeingenistete Fehler auszumerzen und dabei anderseits auf der Hut zu sein vor neuen Versiindigungen an der Seele der jüdischen Frau und Mutter. Denn noch haben wir was zu verlieren. Ein überlautes Schlagwört, die leiseste kritiklose Angleichung an parallele Erscheinungen und Bestrebungen in anderen Kreisen, ja eine einzige wohlklingende, aber hohle Phrase könnte Welten zerstören, anstatt zu bauen, wenn die Leiterinnen und Vorkämpferinnen dieser Bewegung, G-tt behüte, nicht verständen, auf dem In,־• s t r u in e 11 t der Or. ganisatio 11 richtig zu spiele n, oder den Versuch machen würden, ihm Töne zu entlocken, die ü bei־ die H ö rweite der wahren jüdischen Fra u hinaus r.e i c 1! e n. Das ,כבדת בת מלך פנימד ist ein teures Gut des Judentums und verleiht der jüdischen Tochter einen edlen Schmelz, der um keinen Preis der Welt hinweggescheucht werden darf. Im Sinne der Agudas Jisroel sind gerade die Führerinnen der orthodoxen Frauenbewegung׳'’- berufen und verpflichtet, Hüterinnen. dieses S,eelqpgutes zu,; sein. .Sie sollen,..aus., der Tiefe ihrer heiligsten Gefühle, heraus künden und programmatisch ihre Schwestern lehren, selbst unter den größten persönlichen Opfern ein modernes Eiiropäertum weit von sich zu weisen, das von der schlichten Größe der!jüdischen Frau und ihrer historisehen Bedeutung keine Ahnung hat und keine Ahnung haben kann. Mitten drin in der Gegenwart stehend, Schwarze'! steife Hüte A. SACHSEL Wien, II., TaborstraBe 39 hineingewachsen in sie und beeinflußt und gerüttelt von ihren Schwingungen und Schwankungen, soll die agudistisch organisierte jüdische Frau die ״Organisation“ selber nicht übertreiben und sie in ihrem frauentiimliehen Wert auf keinen Fall überschätzen, sie vielmehr als die notgedrungene Wirklings- und Ausdrucksform für eine Gemeinschaft betrachten, die in allen ihreu Gliedern die b e w u ß t e Abkehr von der thorawidrigen geistigen und moralischen Entwicklungslinie d e s j ü d i s c h e n Weibes und den aktiven und mobilen Widerstand gegen sie hedeutet. Ins Praktische umgesetzt, ergibt sich aus dem Gesagten eine ungemein subtile und von der ganzen Schwere der moralischen Verantwortung erfüllte Arbeit für alle, die bei der Heranziehung der Frau au der Regenerierung des gesetzestreuen jüdischen Gemeinscliaftslebens mit wirken. Im gleichen Maße steigt aber auch das Verdienst derjenigen, die sie mit gutem Erfolge vollbringen. Die Würdigung und Anerkennung, die diese Arbeit erst jüngst auf der Kenessijoh Gedauloh im allgemeinen und bei uns in der Slowakei im besonderen vom Anfang an gefungen hat, zeigt zur Genüge, daß sich die Bewegung in den rechten Bahnen hält und ermutigt, aus dem Stadium der tastenden Versuche hinauszutreten und auf dem begonnenen Wege weiterzuschreiten. Den. Auftakt hiezu bildeten die glänzenden Vorträge, die am letzten Schabbos und am Sonntag, gleichsam als Abglanz der Wiener Kenessijoh Gedauloh, in der Prefiburger Agudas-Jis.roel-F rauen- und M ä d c 11 e n gruppe gehalten wurden. Am Schabbos-Nachmittag, in der Zeit der regelmäßigen allwöchentlichen Vorträge, fand sich fast die durfte einen Gast begrüßen, dem iri der orthodoxen jüdischen Frauenwelt der gute Ruf und die allgemeine Bewunderung längst voranging. F rau Sarah'Schenie rer aus Krakau, diese schlichte, einfache Frau aus dem Volke, die mit weitem Blick in die Ferne ein Erziehungswerk ersten Ranges an der weiblichen Jugend in mustergültiger Weise eingeleitet hat, und ihre Mitarbeiterin Fräulein Laca Sczcarenska gaben der Einladung ihrer gleiclistrebenden Mitschwestern in Preßbürg Folge und versprachen, einiges von ihrer Arbeit zu erzählen. Die Präsidentin der Frauengruppe Frau Schienger hieß die Gäste in einer freundlichen Anspräche herzlich willkommen. Was Frau Schenierer dann in einem einstiindigen Vortrag über die Zustände erzählte, in die sie mit ihrer erzieherischen Arbeit umwälzend eingriff, war nicht nur wegen der einfachen jüdisch-deutschen Sprache, der sie sich bediente, und der bescheidenen Art, mit der sie jedes eigene Verdienst zurückstellte, sondern hauptsächlich wegen der .in ihr sich offenbarenden Größe einer jüdischen Frauenseele, die die geistige Not ihres Volkes erfaßt und aus quellendem Herzen heraus sich zur helfenden Tat aufrafft, tief ergreifend und erbauend wie ein inniges Gebet und zugleich schwungvoll zur Nachahmung aneifernd, gleich einer Heldentat. Fräulein Sczcarenska ergänzte ihren Vortrag mit Einzelheiten aus der Praxis des Unterrichtsbetriebes in anschaulicher und sympathischer Weise. Frau Rabbiner Hi rschier brachte den beiden Damen den Dank der Versammelten lind ihre aufrichtige Bewunderung in bewegten Worten zum Ausdruck. Noch war der tiefe Eindruck dieser Vortrags- Veranstaltung nicht verhallt und schon — am nächsten Tage — füllte derselbe Kreis von Frauen und Mädchen, vermehrt durch zahlreiche Gäste aus der Provinz, den großen Saal des Hotel Royal bis auf den letzten Platz, um den Worten einer Agudistin aus dem Westen za lauschen. Schon die Aufeinanderfolge der Rednerinnen an diesen beiden Tagen zeigt, wie sehr die Aguda-Arbeit das jüdische Weltbild unserer Frauen und Töchter za erweitern und in gutem Sinne zu beeinflussen vermag, zumal sie übereinstimmend den gleichen Idealen dient und den gleichen Zielen zustrebt, ln der geographische« und kulturellen Mitte zwischen Ost und West werde« unsere Frauen den richtigen Platz zu ihrer eigenen Beschreie in den Seitenstraßen. In einem Geschlecht und in einer Zeit, die durch ihre unmenschlichen Qualen tausendfach abgebüßt hat, was sie je gesündigt haben mag, sitzen dreihundert junge Menschen, von nichts anderem beseelt, als von dem Bewußtsein, daß ihre Seele noch nicht moralisch genug ist, daß sie noch keine edlen Menschen sind. Dann kam die Cholera. Dann Denikin. Dann Petljura. Die Reihen der Jeschi- ־wah lichteten sich. An einem Sabbatnachmittag führte man sie unter irgendeiner sinnlosen Anschuldigung samt und sonders an eine Schlucht, außerhalb der Stadt. Zur standesrechtlichen Erschießung. Die sich retteten, waren in eine Krankenbaracke geflüchtet, in die Betten von Cholorakranken, die die Banden aus Angst vor Ansteckung ungeschoren ließen. — Viele wurden in Uniform gepreßt, dem Tod in die Arme getrieben, viele starben Hungers. Wenn man die ganze Schreckensgeschichte in all ihren Phasen kennt, begreift man nicht, daß die Erde nicht, daß irgend wer und irgend etwas das überdauern konnte. Und Slobodka überlebte es. Es ist eine ganz, ganz kleine Schar, die nach der Schreckenszeit in wochenlanger Reise durch einen russischen Winter zurückkehrt nach Slobodka. Auch hier findet man ein abgebranntes Haus, eine hungernde Stadt, ein zerstörtes Land. Aber es ist, zu Anfang wenigstens, ruhig. Wieder konnte man sich an die Pulte in der Jeschiwah setzen, wieder lernen, ohne Schüsse zu hören, ohne Epidemiegefahren. Nur der Hunger ist geblieben. Los des Jeschiwahjüngers, das nun .•scheinbar nicht mehr von ihm weichen soll. Noch sind ganze Straßenzüge Kownos Trümmerhäufen. Noch flackern hie und da Kämpfe im Innern auf, aber in Slobodka wird es schon wieder gedrängt voll. Die aus der ukrainischen Hölle sich gerettet haben, wirken faszinierend. Von überall her kommt man und will mit ihnen, bei ihnen lernen. Da erst erlebt Slobodka seine Blütezeit als talmudische Schule. In Rußland beginnt die Religionsverfolgung, in Polen ist Krieg, eine Lehrstätte nach der anderen wird zwangsweise aufgelöst und schickt ihre Letzten und Besten nach Slobodka. Bald ist "es die einzige Talmudsohule von wirklich überterritorialer Bedeutung. Dies letztere verdankt sie aber vor allem dem Rabbiner der Stadt, Rabbi Moscheh Mordechai Epstein, einer tahnudischen Koryphäe von Weltruf. Während Rabbi Epstein Wissen vermittelt und Gelehrsamkeit pflegt, bildet ״der Alte“ den Menschen. Stoff und Bildner sind jugendlich, und es pulsiert ein starkes jüdisches Leben. Traurig für die Begriffe des europäischen Bürgers sind allein die wirtschaftlichen Verhältnisse. In engen Räumen lebt man, bei karger, sehr karger Kost. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Schüler hat seine Eltern in erreichbarer Nähe. Die meisten sind von ihnen vollkommen, auf unabsehbare Zeit hinaus, abgeschnitten, haben sie seit Jahren nicht gesehen und betrachten die Jeschiwah als ihr eigentlichcs Heim. Sie sorgt denn auch für sie, mit kleinen, armseligen Stipendien, die, unregelmäßig gezahlt, oft Monate hindurch entbehrt werden müssen. Man lebt, genau besehen, von nichts als von unerschütterlichem Gottvertrauem Europäische Begriffe können nicht zureichen, um dies Maß von Sorglosigkeit auch nur erahnen zu lassen. Oder wird man etwa nicht ungläubig lächeln, wenn man hört, daß drei-, vierundzwanzigjährige. Menschen. 60 Mark monatlich zugesagt bekornmen und dann doch'־nichts erhalten als den Bescheid: 40 von den 60 werden wir nach einem vollen, 20, mit Gottes Hilfe, schon nach einem halben Jahr auszahlen? ־— Wird man es anders als sträflichen Leichtsinn und verantwortungslos nennen, wenn junge Menschen, an Materiellem nichts weiter besitzend als solche Zusage«, in den Tag hinein leben, besser: lernen? — Und wird man glauben wollen, daß aus Gründen dieser Not noch niemals ein einziger abgespruagen ist, das Lernen gelassen hat? — Nur der wird es glauben und verstehen können, der an sich selbst die Macht erfahren hat, mit der Slobodka einen bei sich hielt. Kaum stand der junge litauische Staat auf eigenen Füßen,^ da begann für Slobodka eine nicht endenwollende Zeit der behördlichen Schikanen. Harter Militärdienst, Ausweisung der polnischen Staats־■ angehörigen, Verfolgung der russischen Aufoktrorierung von Lehrplänen, Haussuchungen, Verhöre, Vor- Schriften über alles und jedes. Es war ein den Einzelnen und das Gesamte zermürbender Kleinkrieg zwischen ׳einem Duodez-Beamte«- Staat und still-scliüchtevneu Jeschiwahbachurim. Da wurde der eine tagelang in Haft gehalten, mußte jener sich verstecken, dieser Hals über Kopf irgend woliiu abreisen, war da Kontrolle und dort Verhör. Am Sonntag sollte man nicht lernen, die Rabbinen müßteu eine Prüfung in litauischer Sprachwissenschaft ablegen, die Zahl der Schüler sei zu beschränken . . . Zurückblickend muß man wohl sagen, daß Litauen in diesem Guerilla-Krieg gesiegt hat. Er zerrieb. Immer und immer wieder auf irgend einem Amt vorstellig werden müssen, immer und immer wieder das Verhüngnis sinnloser Vorschriften abwenden sollen, das reibt auf. Man wollte, nun endlich, nach all dem Furchtbaren, das hinter einem lag, nach all den angstvollen Nächten an Grenzwachen, im Viehwagen, auf Polizei- Stationen, nach all den Meeren von Blut, durch die man sich gerettet hatte — man wollte ungestört lernen. Maa wollte Versäumtes nachholen. Man wollte ruhig, in. Frieden leben. Da ging man• nach Palästina. — — —