Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 j. § הוטפאבריק ליטאל | iHUr FABRIK LI TALS I _-— WIEN —... •' | I 11״ PRATERSTRASSE Nr. 1« I I VII., MARIAHILFERSTRASSE 88 a j Ü SPEZIALHAUS FÜR FEINSTE gj HERRENHUTE | KONGRESSTEILNEHMER ERHALTEN RABATT g .fn111111111111111111111111111111111!111111111111111111111111111|l|1111'1111||11111|11|1||l|11||1i1|1|1|1111111||1|lllll'lllllll",111111111n1111^^ nessio Gedauloh, eine שעת הכושר für die ■gesetzus treue jüdische Welt. Was sonst Jahrzehnte und noch -mehr mir langsam zu sam ment rügen, das vereinen׳ jetzt die atidränsenden Sphären in dom Blitz eines einzigen Moments. Viel-!eicht ist es der Moment aller Momente, ■der uns mit הלל כרכות פית וו• הזקן zuruft: כנס ..sammle!“ und uns •malmt פזר .,streue aus!“ Sammle, die versprengt sind, und streue für sie aus, was du dir gesammelt! 'Vielleicht ist es der Augenblick, der im Kibuz!hajereim und im Austausch ihres Tl10rawoi׳!׳ens, den .Kihuz-׳Go!i!iaus,!vorbereitet. Vielleicht, vielleicht geht jetzt die Zeit ■des!Niederreißens und der Zerstörung in Israel zu Ende und der Moment, der mit Jirmijohu spricht: ״ לבנות ולנטועaufzubauen •und einzu-pflaiizen“ hebt an. Wer wird da in einer solchen Stunde fehlen wollen, wo alle guten .Geister rufen? Wer mag Aug’ und Herz verschließen, wo ein Großes stürmisch und eindringlich sich auftut? Wen« der mit Tallis und TefiLlin bekleidete Jude ׳am Morgen eines jeden Tages sein Gebet zu G-tt emporsteigen läßt, dann erinnert ihn ein schlichter Zeremonialakt an seine Zusammenhänge mit dem Judentum und der Judenfrage aus allen vier Enden der Welt. Er greift vor dem Schma, das allen gemeinsam ist, nach den vier Enden seines Tallis, nimmt die vier Zizisschnüre in seine Hand und fleht den Lenker unserer Geschicke an: ״Bringe uns in Frieden zusammen von den vier Enden der Erde und führe uns aufrecht zurück in unser Land!“ Die Kenessio Gedauloh stellt ein kleines Abbild dieser erflehten einstigen großen Zusanmieuführung dar. Sie, die alle zusammen umschließen und umhüllen will, ist gleich- .sam der Tallis uudi die Vertretutilgen!der .maauigtfaehen Auffassungen sind die Zizis. •Beim Schma sind die vier Zizis ׳vereinigt in des Juden Hand. Im Bewußtsein der Gemeinsamkeit der Thora sind alle vom Tallis des Kongresses Umhüllten zur Einheit verschmolzen von den vier Enden der Welt. Darum, Juden ans allen vier Enden der Welt, Juden der Thora und. der Jiroh, seid zur Stelle, wenn die Kenessio euch ruft! Fügt eure Gedanken, euer Hoffen und Sehnen, euer Wolien und Tun zusammen und gestaltet die Kenessio Gedauloh zu einer Kundgebung von Hoheit und Macht! ־ Macht sie zu einem כלי מחזיק ברכה zu einem Gefäß, das den Segen in sich faßt und festhält, zu einem Füllhorn, das חן וחסד Gunst und Liebe über uns aiisschüttet, zu einem Instrument, das mehren und vertiefen hilft שלום על ישראל den Frieden über Israel! BoUinger«Eiskasten sind seit 1870 die besten! XV., STAGLGASSE 10 (BEI MARIAHILFERSTRASSE 148) VII., BURGGASSE 17 Tel. R-30-5-38, R-35-8-47 u. B-32-380 Gedanken zur Erziehungskonferenz der zweiten Kenessio Gedaulo. ‘Vo׳n Moses Auerbach. Berlin. Nachstehenden Artikel entnehmen wir den soeben erschienenen .,L u a c h - B1 ä 11 e r d e r A g 11 d a s - J i s r 0 e 1 - J u g e 11 d g r 11 p p e, Wien, 569 0“. Die erste Kenessio Gedaulo hat es vermieden, zu den Erziehungsfragen Stellung zu nehmen. Sie begnügte sieh mit der Erklärung, jede ,Landesorganisation sei im Erziehiiugsbereicli autonom. 'Diese Zurückhaltung war begreiflich — man befürchtete!das ,Henvortreten starker Gegensätze — aber bedauerlich. Die ‘Erörterung über eines der schwersten, vielleicht das schwerste Problem, wurde ausgeschaltet. Der Aguda' wurden für Jahre Inhaltswerte genommen, die durch den größeren ,Rahmen, den sie vielleicht gerade hierdurch erhielt, nicht ausgeglichen werden konnten. -Einmal -fand in -Hamburg eine Enziehungskonferenz für Deutschland statt, an der als Gäste auch litauische Freunde teilnahmen. Doch hatte die Konferenz ,keine fühlbaren Ergebnisse. Praktisch wertvolle .Arbeit hat die Aguda dureli Keren Hatoral ,in den Bes Jakauwschulen geleistet, manches auch mit der Gründung ostjüdisc'her Talmud־־Thora-Ai1stalten in verschiedenen deutschen Städten. IDie -Palästinazeritrale der A. J. unterhält oder subventioniert in .Ere!z Jisroel ein -zahlenmäßig nicht unbedeutendes Schulwerk. Doch fehlt bis jetzt in fast allen :Ländern eine weit- .anschauliche!Beeinflussung des Erzichungsweseris durch die -Aguda.!Das muß בס״ר -besser werden. ׳Die -Lage der Jugendbildung ist viel zu ernst und zu wichtig, als daß die Aguda ihr teilnahmslos gegenüberstehen dürfte. Westen ■und Osten sind hiebei aufeinander angewiesen. —Die west- und mitteleuropäische Orthodoxie :begnügt sich im wesentlichen noch immer mit den! Versuch der Synthese ■zwischen Judentum und Allgemeinkultur, wie ihn S. R• ■Hirsch angebahnt hat. Es wäre falsch, -Erfolge zu leugnen, noch weniger wahr, das Gelingen zu behaupten. Es war mehr als!bloße Verteidigung, was S. R. 1Hirsch seiner ■Zeit und auch noch der ,Gegenwart geboten hat. Es sind auf dem von ihm gewiesenen Wege positive Werte geschaffen. -Die innere Verschmelzung hat auch auf die jüdische Psyche des deutschen ׳Juden :bildend gewirkt. Wir ,wollen und diirfeil auf die so schwer erworbenen Werte der europäischen Külturwelt nicht ׳verzichten. Wir wurden uns selbst dadurch ,verstümmeln und ,der Ges-amtiju'denheit uneufbehrliehe Werte rauben. Aber eiben so klar müssen wir uns sein ■über die!Verblassung!des jüdischen Gefühles', das dem westeuropäisch orientierten!Juden ,droht. (Die schaurige Mechanisierung ,der ׳Lebensformen und idie kühle -Zurückhaltung ,vor dem Irrationalen oder das vielleicht noch schlimmere!Kokettieren mit ihr, sind Gefahren ,für ,unsere Seele und die Seelen unserer Kinder,!die ■durch ,unsere Schulen nicht beschworen werden. Bis :zu einem gewissen Grade wird das סור מרע auf!diesem Gebiete eingehalten, aber das lebendig schaffende עשר! טוב ist schwach. Das ständige Streben m -G-tt im Tun und Denken :beschränkt sich auf wenige. ׳Feierzeiteu a׳m Tage und im Jahr. -Es ist uns leichter, schwere Pflichten zu übernehmen, Opfer zu bringen, ■als עסרת די בשמחה Die :Dmrcihldrinsuniff -unse׳res ganzen Seins -zu einer einheitlichen ׳ עבודת ה׳fehlt uns so oft. Hierzu haben ,wir Stärkung nötig -von den Edelsten des Osf 1jude 1 u111 mt, der בעלי מוסר der •Iii;taui׳s0h׳en1 Thora'zenf'reii wie den echtesten חסידים.!Die wichtige Stärkung ׳durch Thoralertien, doch noch ■mehr durch Thoraleben, —• Stärkurig, aber nicht 'Nachahmung. :Nachahmung ist -unnatiirlieh und würde nur ein äußerliches '.Hinwegtäuschen ■sein über ׳Untreue -an unserem‘ Selbst. ׳Gerade im Bewußtsein der Werte!des Westljudcivtiiins ,beachten wir seine ׳Mängel und suchen .wir sie בס״ד durch Annäherung an ׳die 'Kräfte des Ostljudentums zu überwinden, nicht aber durch :Leng* nung unserer Eigenart, die für uns umd die jüdische Gesamtheit gleich notwendig ׳ist. — In ׳diesem Sinne erhoffen wir m. ■G. H. Fürder tun g für ■uns selbst durchdie Briziehiuigs- Konferenz d׳er Kenessio ,Gedaulo. 'Wir kommen nicht mit leeren ,Händen, nicht nur als Bittende. -Das :Ostijiiidentum ,in seiner schweren Krise, die ~וויי<יוווווווווווווווווווווווווווווווווווו1ווווווווו1וו1ווווווווווווווווו1י Uiillllllllllllllllllllllllllllimimimilllllllllimilllllllllllimi^ ן ist das Modenpalais I i JULIUS I KRUPNIK I nur VII., Kaiserstraße 115 j | Das größte Spezialhaus § in Mänteln, Kleidern, Nachmittags- und Abendi 3 toifetten vom einfachsten bis zum feinsten Genre 5 | Separate Pelzabteilung § I Eigene Abteilung für Kinder und Backfische E .לוווויווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו1וווווווווווווו^ durch -den Weltkrieg nicht hervorgeruien, mir beschieltnigt und verschärft wurde, hat uns ebenso nötig. Längst ist es aus der wirtschaftlichen, politischen und geistigen Isoliertheit' 1heraus-genormtnen, die jah׳rhunde׳rFe hindurch eine weitgehendste Autonomie für Leben und ׳Denken gestattete. Kowtio und Wilna, Warschau und Lodz liegen heute mitten im 'Wirtschaits- ,und Geistesleben Europas. ׳Die vom Staate erhaltene oder beaufsichtigte Schule zwingt :die -jüdischen Kinder in!Polen und!Litauen zur frühzeitigen Anteilnahme an den Elementen äußer-jüdischer Kultur wie in Berlin und Wien׳. Und daibei kannman sich nicht auf die Volksschule beschränken. Auch!die höhere ׳Schule ist eine -Notwendigkeit. -Die ׳Umwälzung ,des ost'jüdischen Erziehungswesens durch ׳die Schule hat nicht erst begonnen, wir stehen mitten in ihr. Aus anderen Gründen, aber in fast gleicher 1Wei.se, zum Teil noch schärfer betont, gilt das auch für -Erez Jisroe'l. 'Man hat -gezögert und ,zögert noch, 'Stellung izu nehmen zu ,der Tatsache.!Die furchtbare 'Einbuße an •Jugend ist eine teure, ernste Warnung für die Orthodoxie ׳des Ostens. D׳ie Notwendigkeit ■der Tagesförderung ließ 11׳ nid läßt isolierte Schulen und Schulgruppcn entstehen, aber es fehlt, das planmäßige -Durc'hdenkeui mud!Bauen. Urd׳ ge!1־a׳d!e jetzt׳ ,ist ein einheitlicher Monumentalbau 'des ostjüdischen lE-rzie- ,hungssystems eine ׳Notwendigkeit. Hier kann ב0״ד und soll der Westen viel helfen mit seiner Erfahrung, für die er gar so viele Opfer gebracht hat. W!ir stellen den Westen nicht als Muster hin. das naChgc-a'hmt werden sollte. Die eigenen Mängel sind uns nur -zu gut bekannt. ׳Und wären sie nicht, so würde doch •der Abklatsch auf den ganz anders gearteten Osten •etwas •U<!!•natürliches sein. -In ,gleicher!Weise sollen die ׳Meister 'des ost'jüdischen :Er-ziehungsbaties von den Mängeln und Vorzügen der westjüdfsehen Anstalten lernen. Aber das Problem -der heutigen ׳Jugeudbildung im Osten muß in seiner ganzen!Bedeutung erfaßt werden, nicht mit ׳Klage«, sondern mit dem Gefühle -der Verantwortung bei Tun und!Lassen und dem daraus erwachsenden Willen zur Tat. Lernend sollen Idie Teilnehmer der lAguda-E'nziehungskonferenz lehren und 'lehrend lernen. ללמוד וללמד לשמור ולעשות להרבות תורה ויראה בישראל. Esset nur F.J.KA- Rrnt aus der unter Aufsicht der Adas Jisroel stehenden DAMPFBKCKEREI LEDERER &KOHN Betrieb: Wien II, Hollandstraße 7 Telephon R-47-4-95 Verkaufslokal: II, Große Schiffgasse 16 Telephon A-41-7-45 Sabbath. Von Henry Bethmann ׳(!Kopenhagen). Jeden -Sabbath-Nachmittag holte er :sie zum Spaziergang ab ■und sie -gingen um die Alster herum, ׳dort, wo es still und leer war. Diese Geschichte spielt ׳tun die Jahrhundertwende. Sie selbst waren auch sehr still auf solchen Spaziergängen. -Hand in Hand — oder, wenn es ganz leer war, nahm er wohl auch manchesmal schüchtern ihren Arm — gingen sie auf ,den kiesbestreuten Wegen am Wasser entlang. Zu sagen hatten sie sich nicht viel. Daß sie sich lieb hatten, -und daß sie ׳die Woche hart und mühsam gearbeitet hatten,!wobei er wie gewöhnlich sieben .,Mark und sie fünf zurücklegen konnte, und daß sie aufeinander warten wollten, und wenn es auf diese Weise noch ׳zehn Jahre bis zur -Heirat ,dauern würde! — das alles;wußten :sie und brauchten es nicht erst erzählen. Außerdem durfte man am Sabbath ja nicht ׳von Geld oder Arbeit reden. ׳Und sonst hatten sie kaum etwas erlebt. Er hieß Jonas, war 18 Jahre alt und war als Glasschleifer in der Fabrik ,des Jakob Löwe tätig; •sie hieß Esther, hatte einen ׳kränklichen Vater, drei kleine Geschwister und arbeitete in einer Nähstube von 8 -U'hr itiorgens -bis 9 Uhr ,abends, aber meistens wurde es auch später. Aber davon wurde, wie gesagt, auf ,diesen Spaziergärigen nicht gesprochen. Der 'I'ag, war ihrer, es war Sabbath; beide hatten ,sie ihr bestes Zeug an, und. Esthers von Bleichsucht und in gebückter Stellung •verrichteter Arbeit blasses, kränkliches Gesicht, bekam jedesmal eine beinahe gesunde Farbe ,von der!Bewegung in der frischen Luft. Auf den Sabbath und. auf diesen Spazie-rgan-g freuten sich •beide in jeder Stunde der dazwischenliegenden sechs Tage. Es war ja auch das einzige Mal in der Woche, daß sie einander sahen, denn obwohl sie,, nicht weit ,voneinander wohnten — :beide in der ärmlichsten Straße der Judengegend in!Hamburg —, waren sie nach -der Arbeit so abgespannt, daß sie eben mir ihre Schlafstelle aufsuchten, am wie tot darauf hinzusiniken. Aber auch davon wurde nicht -gesprochen. Ein gämz* beh freier Tag lag ,vor ihnen; sie hätten bis sieben, bis ycht, ja bis neun und -sogar noch länger schlafen 'können, wenn sie nur gewollt hätten; und das war schön ׳zu wissen, selbst wenn sie :beide •doch zur gewohnten Stunde aufstanden- — er, •um in ■clie Synagogie1 zu gebe«, sie, um das Frühstück!zu :bereiten und die!Kleinen zu waschen und anziizieheii. Wie ,die sich dann freuten und dabei ,mit den Bein-eben str:a1n!pelte!11 und vor ,Vergnügen kreischten! ״Ssabbes is wunnderßön!“ sagte die kleine Ruth.' Nach der Synagoge war -dann Jonas, •der keine-Eltern hatte, jedesmal ׳zum -Frühstück bei ihnen eingeladen, ,und daun -gingen sie spazieren — die beiden ganz allein. Es war ein 'herrlicher Tag. Sie waren zufrieden. Sie hatten es nicht schlechter als tausend andere ihres Standes in dem Alter, und sie waren jung. Gelacht wunde allerdings nicht, kaum gelächelt. Aber während sie in ihrer!bedächtigen,!zufriedenen Art! nebenihm herging, lag ein ruhiger., friedlicher Ausdruck auf ,ihrem Gesicht, und seine kurzsichtigen Augen blickten freundlich durch die Brillengläser. Daun kam ein Sabbath. wo sie still war und blasser und ernster als sonst. Ihr Vater sei kränker geworden, sagte sie, und die Unterstützung -der -Gemeinde reiche kaum mehr aus, und — hier stockte sie- — jetzt während des Sommers beikäme sie zwei Mark weniger!die Woche auf ihrer Nähstube. -Er schwieg; weil es so zwecklos war, auf diese neue schwere Schickung des!Himmels etwas zu antworten, und weil ׳diese Hiobsbotschaft aufs neue all ihre Pläne izu-n-ichte zu macbeu -drohte. ׳Mit gerunzelten Brauen dachte er angestrengt nach. Sie ׳könnte doch die Hälfte ihres zusammengesparten Geldes dafür -gebrauchen, es ließe sich wohl wieder verdienen, meinte er dann mit trockener Zunge. Tapfer kämpfte sie das Schluchzen, das in der ׳Kehle saß, hinunter. Schweigend, mit Blicken, ,die einander -mieden umd d*esha'Itb aufs Wasser■ gerichtet׳ waren, -gingen sie weiter.!Am nächsten Sabbath beim Frühstück war die ׳Stimmung gedrückt. Der Vater •war aiufigestandern, w׳ar aber wachsbleich im Gesicht und hustete stark. Die Kleinen, ein-geschiichtert durch die Atmosphäre von ,Krankheit und Not, unterhielten sich flüsternd. Esther schenkte ,den :Kaffee ein. ■ ״leb ,habe eine aridere Stelle angenommen. Bei Süßlein. 18 Mark bekomme ich die Woche.“ Sie sprach schneller als sonst, flüchtiger. Jonas legte vor Staunen sein Brot hin. Ueberrasch-ung, leuchtender Stolz;umd׳-Frohsinn war in den Augen, mit denen er sie ausah. Blitzschnell zogen Zahlenkoloimen durch sein Gehirn, reihten sieh aneinander, addierten sich, wurden unermeßlich. ״Süßlein! -Der will jetzt also auch, außer a-in Jom Kippur ,Buße zu tun, seinen Arbeitern am Sabbath freigeben!" sagte er mit einem zufriedenen ׳Lächeln. Langes, erdrückendes Schweigen begegnete seinen Worten. Schwer und groß türmten sie sich auf wie harte Blöcke in •der Stille. ״Nein“, flüsterte Esther, kaum hörbar. Verständnislos starrte er sie an. ׳Langsam •dämmerte die Ahnung ׳von etwas Furchtbarem in ihm auf. Er wollte sprechen, fand aber keine Worte. Die Zunge lag so unendlich schwer in seinem Mund. Er versuchte zu lächeln — ein kleines, ■verzerrtes, verzweifeltes :Lächeln, •das jedoch jäh in einer dumpfen Verwunderung erstarb. Der .Reihe nach sab er sie an mit seinen stark kurzsichtigen Augen, und überall trat sein Blick bei 'den •Erwachsenen diese verlegenen Mienen, ■halb Schuldbewtißtsein, halb Trotz. Hart stieß er seinen Stuhl zurück, stand auf und ging zur Tür. Den ׳Blick hielt er jetzt gesenkt. ״Gut Schabbos!“ sagte er leise. ^!Esther war abgestanden. Vorgeibeugt, hielt sie sich am Tisch fest; mit einer Stimme, die ,schrill kiamg und in der eine große Angst zitterte und ein letztes Sicb-behaupten-wollen, -stieß sie ׳hervor: ״Wir ׳hätten uns nie heiraten können, niemals! Ja, in zehn, in '1fünfzehn Jahren vielleicht! Umd die Armut hier — und die!Krankheit! ich hielt es — so — nicht mehr — aus!“ ■Er blieb ruhig; als er dann endlich antwortete, war seine Stimme leise, wie gebrochen; seine Züge, die eines alten müden Mannes, ״ich hätte auch zwanzig gewartet. Leb׳ wohl.!Ich kann einer, die eine Abtrünnige ist, nicht mehr die!Hand reichen, nie — wieder,. Er ging 'hinaus. Während die Ho'liztür knarrend ,hinter ihm zuschlug, stieg er iangsam, müden Schrittes, die Stufen 1hinunter. Aus der Stube klang, jäh und wild, •das Schluchzern eines Weihes. —-