Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 36 Zur zweiten Kenessio Gedaulo. Jedes wunderbare (Märchen aus kindheitsfrohen Tagen, das unserer Phantasie Flügel lieh, ׳bestaun: Es war einmal... Erst die ׳Gegenwart •mit ihren ■wundenbaren Eri'iuduiigen und Entdeckungen hat die Wunder der ׳Phantasle, von der Wirklichkeit oft überholt und ׳übertroffen, in die Ziiikunit ׳verlest. Es wird einmal sein... ׳Diese wuti* denhare Wandlung erleben ■wir letzt auch im gesetzestreuen Judentum. Immer waren wir Rüokschauende und Rück'Jenikende, in verklärte, ,wund'erdurchiwirkte. ahnenstolze Vergangenheit. Es war einmal... ■Diese Rückschau war ׳der Rückhalt, oft der einzige Lichtblick im Dunkel leiclerfiilltcr Gegenwart. Wir priesen die Vorsehung ׳für die Wunder, die unseren Vätern widerfahren waren in jenen Zeiten bis ׳zu dieser Zeit, doch die Zukunft war in tiefes Dunkel gehüllt, nur von uuversiegüchem G-ttvertrauen erhellt. Diese Wandlung der Zeit und der Zeiten verdanken wir der Aguda, deren erste Kenessio das Programm für die Zukunft fest!egte und in der diesjährigen Kenessio Rechenschaft gibt und fordert, ׳wie weit das hochgesteckte Ziel erreicht •wurde.׳ Nicht in Macht und nicht in Zahlen liegt der ungeahnte Erfolg, der ausströmende Segen offenhart sieh, nicht nur Gegenwartsaufgaben im Geiste der Thora zu lösen, sondern auch!zukünftige Entwicklung in ^11!1111111111111111n1!1u11!1111111111]111!11!1!1111111n!!1nn1111K neu Gegründet 1882 Gegründet 1882 Versicherungsbestand Ende Mai 1929: 2000 Millionen Schilling Garantiemittel Ende 1928: 238 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1928: 97y2 Millionen Schilling Tätigkeitsfeld der Gesellschaft: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei, Aegypten lfersorgungs« Versicherung Erziehungsrente für da^ Kind, Sterbegeld nach dem Tode der Eltern und prä־ mienfreie Versicherung des Kindes vom 24. Lebensjahr an ת1ו1וו!ווווו1ווווווווווו11וו!ווווווווווווווווווו1וווווווווווווווווווו1וו^ Taschenkönig M. Schwarz aller Art und sämtlichen sowie Telephon R 45114 Wien, II., Taborstraße Nr. 8 IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN diese Rahn!zu lenken. .,Gepriesen sei der Ewige, unser G-tt, der ■Weltenherr, der uns au:serwählt hat von allen Völkern und litis gegeben hat seine ,Lehre!“ 'Das ist unser einziger Natioiialbesitz, der uns 'unabhängig ■macht von ■ Land und Sprache, das ist die!Mission unseres Volkstums, das Volk der Bibel zu sein und nur darin ist das Geheimnis ewigen :Lebens und ,Fortbestehens unseres Volkes begründet. Selbst ׳wenn die lAgiidah nicht :mehr geleistet hätte, als fiir dieses!Bekenntnis und fiir diese Erkenutnis machtvolle Vertreterin und wirkungsvolle Vorkünde rin ׳zu sein, hätte sie damit schon genug geleistet, gerade in einer Zeit so vielfacher!Strömungen, die das jüdische Volk in die allgemeine Weitpolitik einordnet. Man hätte geglaubt, daß diese geistige ■Bewegung nur die ׳Alten, jeder Neuerung und Erneuerung abgeneigt, in ihren Bann ziehen ׳würde, aber gerade die Jugend ■ist cs, Mädchen und Jünglinge, •die von dieser ideellen;Bewegung, die keine Spiele, ׳keinen ■Sport und keine Erwerbsmöglichkeit oder Existenzerleiohterimg Ibietet. sondern nur Pflichten und Verpflichtungen auferlegt. a'ngczogen,!jhr treue begeisterte Gefolgschaft ׳!'eistet. — Die Hochschulen der Thora können ika 11 in die Zuströmenden fassen und neue Jescliiwaus auch im Westen legen beredtes Zeugnis ab von ׳der Sehnsucht, an ■den Qm eilen jüdischer Gelehrsamkeit sich!zu sammeln. Auch Mädchenschulen fiir jüdische Bildu mg ׳(Bais-Jaakaiiiw) werden allen thaliben ins Leben gerufen, damit sich!zum Glauben auch Wissen geselle. — Nicht!Bauern •und Eridarbeiten im Lande der Väter zu sein. i!st ihr Ziel, sondern erbaut izu werden ׳und!zu schürfen׳ im Erbe der Väter, •in jüdischer Weisheit und Gelehrsamkeit• Auf diesem geistigen Gebiet FIeiirnatsrecht zu!erlangen•, ist das ׳Hochziel unserer Jugend. — Amt unseren Lippen schwebt der Segensspruch: ׳״Gesegnet sei ,der Ewige, der uns er- •reichen,!erleben und heran reifen ließ diese Zeit.“ N—!tri. Eine Scliicksalsstunde der Orthodoxie. Von Dr. Adolf Altiminn, (Dl>ert־al>l»iite* 1• in Trier. :(,Schluß.)*) Jetzt!ist der große, entscheidende 1Augenblick, den Fuß beherzt ins Wasser ׳zu setzen. Wer es zuerst wagt, übernimmt!die!Rolle des נחשון בן עמינדב und bringt ■das wogende Meer •der Gegensätze zum Stillstand und Israel vielleicht zur Rettung. —Es wäre darum ein großartiger Zug, wenn ׳das Arlbeitsprogramm ■der!zweiten Kenncssio Gedairloh einen ׳Punkt anfweisen würde, •der besagt, daß, sagen wir, ein Tag von den Beratungen der A 11 s s p r a c 11 e u ■11 ■d ׳d e ׳r F ii 11:1 n 11 g 11 a 11!in e d e r F ii!11 r e r a 1׳ 1׳ e r 1g e s ■e ׳t z e s t r e 11 e 11 1R: i c 11111 11 g e n v 0 r b e 11 a 1׳ t e 11 b 1 e i b t 11׳ 11׳ d d a ß ׳z u ■d i e s e 11, sei es öffentlich oder geschlossen, a 111׳ b e .s t e 11 j ■e d o c 11 ö ,f i e 111liehen V e r 11 a 11 d 1 1111׳ g oh d i e b e t r e i f e n d e 11 V e 1־ t r e t e r u 11 d ׳F ii 11 r e 1־ m i t v 0 i 1׳ e r 10 e 1׳ e g ■i c rt e 11׳ b e r e e 11 •t i g 1111 g o f f i 7. i e i 1 e i 11 g e 1 a d e 11 s e׳i e >11. D i e W i rk 1111 g w ä r e 11 11 g e 11 e u e r. Der Geist der Haarspalterei lind der Verpolitisierung unseres off entliehen ׳jüdischen ׳Lebens würde hiedurch die erste und nachhaltigste Schlappe erleiden and die Aguda ׳würde sieh mit e ■i 11 e m S c 11 1׳ a g c a n ■d i e S ׳p i t z e eine r viel 1 e i c 11 ■t 11 e ■11 e 11׳ E p o c 11 e i 11 d e r Fl i 11׳ s i c 111 stellen. — Warum nur immer übereinander hinweg und nicht ׳miteinander, Auge in Auge und in aller Freiheit, Offenheit und Oeffentlichkeit reden? Wenn ׳je, so wäre jetzt der Bewahrheitniigsmomeut ,von dom Worte der Mischna: ׳״ כנוס... לצדיקים הגאה להם וחגאה לעולםDie Vereinigung der!Frommen ist ein ,Gewinn fiir ׳sie selbst und ein Gewinn fiir die Welt“ (Sanliedriii 7!l-2). Wenn die Kenessio nur diese ■Aufgabe allein ins Auge fassen und sie auch nur halbwegs zur Lösung bringen würde, דינו, es wäre auch schon ein recht ׳gewaltiges und reichliches Plus an ■verdienstvoller ׳Leistung. :Dabei brauchen die anderen, ■gewiß ■auch sehr ■wichtigen Probleme, ■die auf •der Tagesordnung .stehen, nicht ׳zu leiden, wenn es mir allerdimgs auch scheinen ׳will, daß ein viel ,zu umfangreiches, und weitsclnveifendes Programm fiir den Kongreß aufgestellt worden ist. Es wäre, nach dem alten, erprobten Grundsatz der תפשת מרובה לא תפשת,תפשת מיעט תפשח:הזל ״Wer ■zuviel ergreift, ׳läßt ■vieles fallen, wer bescheiden anfaßt, hält viel fest“, vielleicht besser, man bliebe nur bei dem einen lind anderen Allerwichtigsten und schöpfte es ׳aus, als ׳■sich in einer »Art Hast'®» ergehen, alles auf einmal zu erraffen und es möglicherweise nur •durchzuhecheln. Wenn irgendwo, so könnte liier jedes Zuviel sich ais ein Zuwenig erweisen. Jedenfalls, der beregte V e r h a!1 d 111 n g s p u!1 k t, ohne Zweifel das G r o ß e reignis ■des K o 11 g r e s s e s. dürfte nicht f e h 1 e n._ Ueberhaupt gibt es, um aus der gegenwärtigen Psychose und den Befangenheiten der Verbände zueinander herauszukommen und den wirklichen Kibuz, der uns nottut, zu schaffen, 1u^ eines, es ist kurz gesagt: Weit g e 11 e 11 d s t 0 Entpolitisier u » g, und zwar auf d e r g a 1! z e 11 Linie der g e s e t z e streuen Jude 11 heit und als wegweisender Anf a 11 g p 0 1 i t i s c 11 e A b r ii s 111 n g i 11 d e r A g 11 d o. Keine Politik ist die beste Politik, Abrüstung die beste Rüstung. ■Ist die erhabene Idee der Agudo und die gesetzestreue Judenlieit überhaupt auf ■die erbärmliche Krücke der Politik angewiesen? Nimmermehr! Größer und ragender stünde ihr stolzer Bau, ohne den steilen Babelturni der politischen Wirrnisse und unvermeidlichen Ränken. Verzicht auf die überklugen Kniffe ■der dip'loma:!- sollen Kunst und die gefährliche Rolle ■der Allerweltsklitteruiig. Es ist. was die Agudo dabei angeht, besser, sie bleibt nur in einem gewissen, sich seihst einschränkenden Umkreis von Aufgaben für alle alles, als in einer allzustarken Wcitgritfigkeit nur fiir wenige etwas. Auf ihre einzige Grundaufgabe, fiir die Wertgeltung und Maßgebiiclikeit der Thora im Leben der Juden zu werben, zurückgeführt, soll sie und kann und wird s׳ie ganz gewißlich zu einem Forum werden, dem alle sich zuwenden. weil es sieli allen zuwendet. Ihre Anziehungskraft braucht nicht in dem erborgten Magnetismus der verschiedenen jüdischen Nebenplaneten zu bestehen — diese mag sie ruhig anderen überlassen — sondern in ■dem Planeten aller!Planeten, •der Sonne des Judentums, die alle Strahlen sammelt, weil sie alle Strahlen ausscudet, in der Thora. Ansätze dazu hat ja die Aguda, wie sonst keine Organisation der Welt, ׳bereits glücklicherweise geschaffen, hauptsächlich den rabbiiiischen Rat. die ׳Personifikation der Tiioraherrsehaft. Sie hat diesen, einstweilen ihren rab hi iiischen Rat, nur noch zum rabbinisclieti Rat aller fiir alle zu erweitern und auszubaueii. Die Aguda muß es auf diesem Wege erreichen, daß ׳der aus der Eniaiizi.pations- und Assiiuilatioiisepoche stammende verhäiiigiiisvolle Irrtum der Laienführung im Judentum, die stets politischen Neigungen unterworfen •ist, immer mein־ eine Einschränkung -erfahre und schließlich ganz der ■berufenen Thorafiihrung weiche. Der■ Laienführung, der man freilich nicht in allem entraten kann, ist nur auf weltlich-volkswirtschaftlichem Gebiete Raum zu bekissen. Die Hnifiilinnig zum Judentum, die Aguclas Jisroel in der reinsten Endkonsequenz erstrebt, kann nur durch die Geistigkeit der Bewegung erzielt werden. Natürlich kann — das muß gesagt werden — diese Abrüstung und Kursänderung . nur gefordert werden ■und Sinn und Ziel;haben, wenn a 11 e a n d e ■r e 11 dasselbe 111 11. ,Sonst kann es am Ende •der 1Agu!d׳a wie dem deutschen Staat ergehen, ׳der! •die anderen ■zur!Entwaffnung ■brachten, um sich selbst umso •kühner •und ungehinderter bis au die Zähne zu bewaffnen. Man muß eine verbürgte Atmosphäre ■der Gegenseitigkeit ■und ■des Vertrauens schaffen. Nur wenn die 'Kenessio von den Gtilgewiilten aus allen Lagern, mit Beweisen gleichgesinnter 'Absichten beschickt und ausgcstattet sein wird., kann sie ׳sich und wird sie sich, wenn man so sagen darf, als ein Locarno und Genlf der besseren Art erweisen. Einseitige Resolutionen indessen, nur ׳im Schoße der Aguda entstanden und aus ihr heraus geboren, können, wenn noch so gut und recht gemeint, wohl׳ das Rad in ■der angedeuteteu Richtung ׳zum ■Rollen bringen, aber nicht!den ganzen Wagen ■ans Ziel.!Man muß sehen, daß die anderen, vor ׳denen man eine Verbeugung macht,י sich auch eWas int positiven Sinne fiir die ׳Aguda rühren und Anstalten machen, sich ihr einsichtig und sclbsterkenntnis'voll zu nähern. Man muß •darum—•und das möchte ich besonders unterstreichen — vor allen Dingen in der Aguda selbst stark und einig sein und -bei aller Opposition und ׳Kritik diszipliniert und stramm bei ■der Fahne ׳ble'ibein, Zer- Splitterungen jeglicher Art verhüten und Eigeugebilide unterlassen. Es soll ׳und darf nicht •den Anschein erwecken, als wäre im Innern ■der Aguda ei!11 Zerfall oder ׳auch nur eine Lockerung festzustcllen.!Denn bei allpn nur der Festigung ׳der ■Sache idienen'deu!Aussetzungen kann in Wahrheit von •einem Niedergang der!Aguda keine Rede sein, im Gegenteil, gerade weil sich alle Pro- und Kontrakräfte ׳in ihr rühren, ist der Beweis ihres starken und regen Lebens gegeben und ׳die Gewißheit, ׳daß sie fester denn je dasteht. Was allenthalben gewollt wird, •hängt von der aufzu rüttelnden ■Einsicht in allen ׳Lagern ab. Gewiß, wir sollen und wollen beherzt den׳ Anfang machen, aber nmn muß uns zeigen, daß man entschlossen ist, es uns nach zu tu 11. *Die Kenessio Gedaulo.h ruft alle, aber in allen ׳Lagern müßten sie auch wirklich ■authorchen׳.!Man müßte sie am Werk sehen für Aguda. 'Man müßte jetzt überhaupt überall ■etwas von dem Hauch ■des großen Moments verspüren, des Augenblickes, der, wenn wir ihn nicht erfassen, vielleicht nur einmal in seiner Art seinen Flügelsehlag über •uns ׳schwingt, um ■vielleicht, ׳wie alle großen Momente, die man verpaßt, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Denn wenn jemals. so ist jetzt, 1111 Zeichen dieser bevorstehenden Ke- *) Siehe 1N!r. 34 der ״Jüdischen• Presse“,