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Jüdische Presse · 1929-04-24 · 17-18 (24.4.1929) · page 8

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Journal
Jüdische Presse
Volume
15 (1929)
Issue
17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE PRESSE Nr. 17/18 Spendet für den Kindergarten und Jessode Hathora der Adas Jisroel, Wien, II., Nestroygasse 11 war und ist notwendig, um das Thoragesetz' gründlich zu erfassen und in allen seinen Auswirkungen zu vorfolgen. Wer diesen Wissenfonds nicht besitzt, kann kein wachsamer Hüter und Schirmer des G-ttesgesetzes sein. Studieren Sie einmal den Traktat Kelim ■durch und Sie werden Achtung bekommen vor dem aufs Praktische gerichteten Sinn des Talmuds, dessen scharfem Auge nichts' entgeht, dessen Interesse alles, was in den versehieclencu Werkstätten gekocht, geformt, gedrechselt, genäht und geschmiedet wurde, umfaßte, um aus diesen Vielheiten das ganze gewerbliche und industrielle Leben umgebende praktische Wissen für das Kardinalgesetz der Rcinheitslchrc in Anwendung zu bringen. Eine Lebenslehre, wie sic'unsere Thora ist, deren Vorschriften Himmel und Erde und alles, was drunter und drüber lebt und webt, in den Bereich ihrer Wirksamkeit zieht, die daher mit dem pulsierenden Leben in stetem Kontakt bleiben muß, die alles reale Wissen, alle praktischen Erfahrungssammlungcu voraussetzt und erfordert, eine solche Religionsichre, dere.n grundlegendes gigantisches Werk der Talmud ist, kann keine ״tote Wissenschaft“ sein und kann es niemals werden. Nur die seichten Bächlein, die keine Quelle mit frischsprudelndem Wasser haben, werden in Woeben der Regenlosigkeit vertrocknen, aber die Gewässer, die ihre Wassernalming im eigenen Innern, in den lebensstarken Quellen und Wasseradern besitzen, die werdet» niemals versiegen, die strömen und fluten immer in 11 ngeschwächter Kraft, denn sie tragen ihre Ncubclebnng, ihre Renaissance in sich, sie sind eben majim chajjim. Eine solche Quelle lebendigen Wassers ist unsere Thora, von der der Talmud ständig gespeist wird, darum fließt er auch heute noch, nach Jahrtausenden seit seiner Schöpfung, mit ungeschwüchtcr Kraft, mit hinreißendem Schwünge durch alle jüdischen Gaue, erfrischend, befruchtend, regenerierend, belebend. Darum strahlt in durchgeistigtem Glanze das Angesicht der von ihnen bewunderten Jesclmvajüngev, darum leuchtet im Beth-Hamidrasch ihr Auge in überirdischem Feuer, weil sie aus dem Borne des Lebens trinken, denn der Talmud ist uud^ bleibt ״unser Leben und die Ver- Jüngern 11g unserer Tage“. Mögen diese den. Talmud ins richtige Licht setzende Aufklärung sowohl Sie als auch Ihre Gcsinnungsgeuossen der Wahrheit näher bringen und statt wissenschaftlicher 'Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit ta!modische Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit in die Hörsälc der Schulen, in die Arbeitszimmer der Gelehrten und in die Lesestuben der Gebildeten einziehen, damit sich das Prophetenwort bewahrheite: ״Und die Erde wird erfüllt sein von G-tteserkenntnis, wie das Meer von Wasser bedeckt ist.“ Mit Gruß und Hochachtung.!losch C11 ödes Nisan 5689. Rabbiner Josef Adler. Schäßburg. Der Aaszug. Von D1\ jnr. et phil. Friedrich Karl Pick, Prag. In der Pessach-Huggada wird im Anschluß an das i. Buch Mosis, 47, 4, von unserem Stammvater Jakob berichtet, daß er nach Mizrajim ging, nicht, um sich daselbst heimisch zu machen, sondern als Fremdling, genötigt, nach Nomadenart, da in Kanaan Hungersnot ausgebrochen war, im Lande Gosem liir sein Vieh neue Weideplätze zu suchen. Wie die zu einem ganzen Volke angcwachsenen Fremdlinge in späterer Zeit in Aegypten behandelt wurden und wie sie dann schließlich das Land verlassen mußten, mn unter unsäglichen Leiden nach langer Wüstenwanderung endlich in das gelobte Land zu gelangen, davon wird am Pessaclifeste erzählt, das als Feier eingesetzt wurde, um die Erinnerung an die glückliche Errettung aus der Knechtschaft für alle folgenden Zeiten lebendig־ zu erhalten. ״ W ä r e 11 w i 1־ auch alle weise, e 11 ׳' a 11 r e n 11 n d k u 11 d i g׳ d e r T h o r a,“ heißt es dort weiter, ״s o liegt es d e n 11' o c h i 11 u n s e rer P fl i c 111, d c 11 A 11 s z u g a 11 s M i z r a j i m zu erzähle 11.“ Und wenn wir denn so an den Tagen des Ueberschveitungsfcstes des so folgenschweren Ereignisses gedenken, das zu seiner Feier den Anlaß gegeben bat, daun steigt wie eine traumhafte Vision vor unseren Augen das ganze einzigartige Schicksal des kleinen, aber so unvergleichlich bedeutsamen Volkes Israel auf, das geradezu dazu nusersehen zu sein scheint, sein altes Nonmdentum, dessen freier Weitblick es zur Aulnalime der großen Konzeption der Lehre tauglich machte, weiier durch all die Jahrtausende seiner Geschichte‘ zu ■trogen. Denn nicht lange war cs den neuen Bewohnern des gelobten Landes vergönnt, sieb der schwer erruugeuen Wohnsitze ungestört zu erfreuen. Die großen Nachbarvölker, die sich nacheinander zu kriegerischen Großmächten auswuchsen, ließen dem kleinen Staatswesen, das in der Mitte zwischen den asiatischen mul afrikanischen 1 lerrennationen lag, keine dauernde Ruhe. Die Niederlage des schwachen Gemeinwesens, dem die Pflege seiner Ucberlieferuugen über das Machtbestreben ging, gegen die unbekümmerten, übermachtigen Gegner, war so nur eine Frage dev Zeit. Als Folge ergab sich nach den grausamen Sitten jener Zeit nach der ersten Zerstörung des Tempels die Deportierung eines Großteiles der besiegten Bevölkerung־ nach dein Lande des Siegers. So kam es zu den beiden assyrischbabylonischen Gefangenschaften, dem trostlosen Auszug und wochenlangen beschwerlichen Marsch nach der Hauptstadt der siegreichen Nation, wo die Exulanten sich förmlich von der Hoffnung nährten, auch Jerusalem zurückzukeliven uud den, jömppl neu aufzubauen, und nach einer für geschichtliche Verhältnisse nicht allzu langen Zeit kam es sodann zu der tatsächlichen Heimkehr eines Teiles der Verbannten, einer Heimkehr, die sich nicht minder gefährlich erwies, als cs der Auszug gewesen war. Kaum hatten aller die Heimkehrer die zerstörte Stadt ihrer steten Sehnsucht betreten, da Führten die religiösen Gegensätze, die sieh mittlerweile zwischen den im Lande Verbliebenen und den dahin Zurückgekehrtcn herausgebildet hatten, zu neuen fluchtartigen Abwanderungen, und mich einer, nach gCschichtliehen Maßen gemessen, kurzen Zeit der Ruhe hatte die neuerliche Einnahme Jerusalems duveh die Griechen mul die nachfolgende Ptoicmäerhcrisclsift abermals Deportationen größeren Stiles zur Folge. So kamen unter Ptolenüius Lagi viele Juden nach Alexandria. später unter Antiochus Epiphanes nach Antioeliia, wo überall sieh blühende Zentren eines reuen, allerdings oft fremdem Wesen zuneigenden Judentums bildeten. Aber auch die Griechen waren nicht die letzten Eroberer. ..N i e h t 11 u r e i 11 e r i s t w i d e r 11 n s a 11 f g estanden, um uns zu verderben." kündet wiederuin die Haggada. ,.sondern in jedem Zeitalter erhol) m a n sie 11 w i d c 111 11 ־ s, u m 11 n s z u v e 1־ d erbe n.“ Die letzten waren, wie bekannt, die Römer: aber sclion vor den römischen Angriffen begannen sich die Juden über die damalige griechische, d. 11. griechisch־ sprechende Welt zu verbreiten, so daß die aloxnndrinischc Sibylle schon im Jahre. 140 vor dem Beginn der üblichen Zeitrechnung Israel als Meer und Länder erfüllend bezeichnen konnte. Nach der ersten Einnahme des Jerusalemer Tempels durch Pompcjus wurden viele Juden nach Rom in die Gefangenschaft abgeführt, und diese mögen wohl den Grundstock für die spätere jüdische Gemeinde in llom gebildet haben, der mit der Zeit weitere Auswanderer aus Palästina zuströmten. Nach der zweiten Zerstörung־ des Tempels durch Titus ergoß sieh dann ein noch größerer Strom von jüdischen Emigranten über die damalige bekannte Welt und führte zu jener Diaspora, die kaum ein bewohnbares Land unseres Erdkreises unberührt gelassen hat. Es wäre reizvoll, zu erforschen, welche verschlungenen Wege diese Wanderungen gewandelt sind; leider wird es aber kaum mehr möglich sein, das Bild dieser Verbreitung־ über die Erde jetzt noch zu rekonstruieren. Und noch nicht genug! Wo immer die Juden weilten, allüberall bildeten sie Gemeinwesen für sich, die aus den verschiedensten Anlässen Haß und Habgier der Umwelt erregten. Namentlich die Kreuzzüge waren cs, deren religiös fanatisierte Teilnehmer auf ihren Fahrteil jüdische Ansiedlungen überfielen: was solche Attacken überlebte, war wieder gezwungen, den Wanderstab zu ergreifen. Wie die Juden im 13. und 14. Jahr-, hundert unter der Unduldsamkeit der Bevölkerung־ zu, leiden hatten, zeigt fast jedes Blatt der Geschichte jener Zeiten. Wo immer sie in der kurzen Spanne ruhigeren Verweilens durch Tüchtigkeit und Sparsamkeit zu Wohlstand gelangt waren, flammte bei der ersten Gelegenheit der Wunsch auf, sich der vermeintlichen IteiclitUmer der Unglücklichen zu bemächtigen; irgend ein Vorwand fand sich leicht, und die einfachste Form, sich des fremden Gutes zu versichern, bestund darin, die Juden zu vertreiben, mit der Bedingung, ohne Habe abziehen zu müssen. So folgten einander die Vertreibung־ aus England (1290), aus Frankreich (1306 und 1394), aas Strußburg und anderen Städten des Elsaß und der Rheinlande vom Jahre 1348 an, wo das Auftreten der Pest, des sogcnannteii ״schwarzen Todes“, dazu nur allzu willkommenen Anlaß bot; schließlich auch aus Spanien (1492) uucl Portugal (1498). Zuweilen konnten die aus der einen Gegend Vertriebenen in einer näher gelegenen einen vorläufigen Zufluchtsort finden (so blieben z. B. drei von den französischen Königen 1111• abhängige Provinzen von der definitiven Austreibung aus dem übrigen Frankreich, unberührt, so daß sich die Armen natürlich zunächst dahin wandien); meist blieb ihnen aber nichts anderes übrig, als zu ihrer Rettung weite Wanderungen oder gar für jene Zeit gefährliche Seereisen zu unternehmen, um nur irgendwo Schutz und Aulnalime zu finde״. So kamen die Juden aus den IIheinlanden nach Polen, die spanischen und portugiesisehen Flüchtlinge nach Italien, Nordafrika, mich Osteuiopa oder Holland. Wer wollte zweifeln, daß mancher dieser Auszüge nicht minder schwierig־ und aufreibend war als der Auszug aus Mizrajim, von dem unsere Pessachbetracbtungen ausgegangen sind. Aber immer noch ist des Leidens kein Ende! Auch die neuere Zeit brachte den Juden ihr altes Nomadentum durch immer neue Ausweisungen in Erinnerung: wurden sie mancherorts wieder zurückberufen, weil man einsali, daß das Land durch den Abzug dieser geschüftstüchtigcn und regsamen Elemente nur selbst Schaden genommen hatte, so war auch dies wiederum mit Wanderungen verbunden, die umso schmerzlicher waren, als die stark ausgeprägte Pietät den Abschied von Stätten, wo die Gebeine der Vorfahren am guten Orte ruhten, doppelt schwer machten. Auch das 19. Jahrhundert wollte hinter seinen Vorgängern offenbar nicht Zurückbleiben: da setzte die mehr oder weniger freiwillige Auswanderung nach den Vereinigten Staaten ein, wo namentlich die von Pogromeii heiingesuchteu oder allzeit bedrohten ״Ostjuden“ ein Asyl suchten; so ging־ denn der Strom der einst vom Westen Gekommenen wieder nach dem Westen zurück! Selbst dies wird ihnen aber in letzter Zeit von beiden Seiten, vom Heiniatswie vom Auswanderungsland aus, erschwert. Nichtsdestoweniger sind noch immer all jährlich Tausende auf der Wanderung. Auch die Auswanderung nach Palästina schwillt zeitweüig au. stockt infolge von Krisen und Rückschlägen, steigt wieder bei den geringsten Anzeichen cinsetzender günstiger Verhältnisse; ein stetes Hinmul Rück- und Weiterwandern. Welch ein Schicksal! Aber über alledem schwebt zum Glück der alte Davidstern der Hoffnung, die gerade Israel unter den Völkern zu ewiger Dauer bestimmt erscheinen läßt. Alle seine einstigen Bedrücker sind im Strom der histo- - .rischen' Entwicklung duliingeschwcmmt worden, verweht wie die Spreu vor dem Winde! Wo ist noch eine Spur von den alten Aegyptem, den Assyrern, Baby- Ioniern, alten Griechen und Römern? Und Israel ist 11 o c h i m m e r d a u n d I e b t, u n d a 11 s s e i 11 e 1־ M i 11 e g e 11 e 11 i n s c 11 e. i 11 b 11 1־ u 11 e 1־ s c 11 ö p f- I i c h e 1־ F ü I I e I n (1 i v i d u a 1 i t ä t e 11 h e r v o r, d i e d e 1־ M e 11 s e 11 h eit i h r G e p 1־ ä g־ e a u f d 1־ ii c k e 11. Was uns erhalten hat durch die Aeoucn, ist das unauslösch liehe Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, das sich trotz aller Verschiedenheiten kundgibt, wohin wir auch auf dem Erdenrund unsere Schritte lenken. Nie wird mir aus meiner Erinnerung der Eindruck schwillden, den ich hatte, als ich einst an einem Samstagvormittag in Tripolis an der afrikanischen■ Nordküste die feiernden Juden 11ml Jüdinnen vor den geschlossenen Türen ׳ihrer Läden sitzen sah; mit Mühe 11111־ konnten wir uns mit ihnen verständigen, um die Gemeinsamkeit der Abstammung [esDuste)len; aber wie ergreifend war trotz der Entfernung der Wohnsitze, trotz,all der Vorschieden heit in Tracht, Sprache und Umgebung das eigene Gefühl der Gemeinschaft, ja die unverkennbare Aehnlicliiceit der Gesichtszüge, die ans manche dieser, tripolitanischcii Artgcnosscn au heimische. Bekannte erinnern ließ. Da verspürten wir mit eindringlicher Deut- 1 ichkeit: Wir sind doch irgendwie eins! ״D 1־ e i — w e 1־ m u g e s w o 11 I e 1־ k 1 ä 1־ c 11 —“ sagt wiederum unsere Haggada in einer freien Uebertragung, ״d 1־ c i, ich will cs E u c h n 1111 1 c h 1־ c n, drei St a m m v ä t e r, so ge n a n u t, weil di e E i uheit sie e r k a n n t.“ Die G-tteseiliheit, die von unseren Stammvätern erkannt und der Menschheit gelehrt wurde, hat uns zum ״Einheitsvolk“ gemacht und uns die Wertschätzung der Einheit ins Herz geimpft. Diese Einheit zu erhalten, trotz allem, was die einzelnen Gruppen augenblicklich trennen mag, das ist das Gebot der Stunde, wenn anders sich die geschiehtliehe Hoffnung auch weiterhin erfüllen soll. Und wenn wir uns hier in der t s c h e c h o s 1 o w a k i s c h e n R epublik in ungewöhnlich günstigen Umständen beli:1den, die unser altes .Nomadenblut zur Kühe kommen lassen, so soll uns das nicht dazu verführen, zu glauben, daß wir uns deshalb den Luxus einer grundlosen Entzweiung und Zerrissenheit leisten können. Zn dieser Erkenntnis möge die bevorstehende Pessaeh/eit willkommenen Anlaß geben. Hallen die Aegypte־.־ unseren Ahnen das Leben verbittert, .so seien wir Nachkommen dankbar, in freiem Lande ein freies Leiten führen zu dürfen, und verbittern wir uns dieses Leben •nicht 1111nütz selbst! Werden Sie Mitglied! Die einzige jüdische Volks- und Hauptschule für,Knaben und Mädchen mit Öffentlichkeitsrecht in Wien wird vom Wiener Schulverein Talmud-Thora . II., Malzgasse 16, erhalten (derzeitige Schülerzahl 308). 80 bedürftige Schüler erhalten täglich unentgeltlich eine von Schulärzten kontrollierte, kräftige Mittagskost. Das Jahresbudget beträgt S 100.000. Treter» Sie, bitte, diesem Vereine ais Mitglied bei! Tragen Sie zur Erhaltung dieses ältesten jüdischen Kultnrwerkes in Wien bei Mindestjahresbeitrag S 6.—. Der Schulverein feiert im nächsten Jahre seinen achtzigjährigen Bestand. Auch Ihr Name soll in der Liste der Mitglieder in der zu veröffentlichenden Festschrift nicht fehlen. Treten Sie als Mitglied bei?

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