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Jüdische Presse · 1929-04-24 · 17-18 (24.4.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Presse
Volume
15 (1929)
Issue
17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17/18 JÜDISCHE PRESSE Seite 7 Vorschrift אווזב ל<1רק־ ושתא למעון Der Jude ist nach Vorschrift der Thora verpflichtet, nicht nur seinem Nächsten zu helfen, sondern auch ein Tier von seinem Schmerz zu befreien. Erblickt man ein Tier, welches unter seiner Last seufzt., so muß man diesem ׳Erleichterung schaffen. Sieht man seinen Nc'benmenschen, der dabei!beschäftigt ist, eine Last aufzuladeu, so muß man, wenn es die ׳Umstände erfordern (wenn auch gegen Lohn), dem Bruder beispringen. Im allgemeinen ist die;Pflicht des A'bladens wichtiger als die des Aufladens, weil beim Abladen nicht nur eine Pflicht' .gegen den!Menschen, sondern auch ein Liebesdienst gegen das Tier mit inbegriffen ist. Und mm bewundere man die sittliche Größe unserer Weisen, die uns gebieten: Wenn der Mensch vor die Wahl gestellt ist, entweder dem Freunde beim Abladern oder dem Feinde beim Aufladen zu helfen, so muß er in diesem Falle die höhere Pflicht des Abladens zurückstellen, um der inneren Neigung, den Liebesdienst beim Feinde zu vermeiden, -von vornhinein einen Widerstand entgegenzustellen. Nun!fragen die Weisen in der Gemoroh: Darf denn überhaupt der Jeltudi die Empfindung des!Hasses haben, welchen die Thora doch in der oben zitierten Vorschrift verbietet? Die Antwort lautet: Einen persönlichen Haß darf es nicht geben, wir ׳kennen nur die Gegnerschaft der Sache gegen diejenigen, die G-ttes Gebote mißachten. Gar leicht aber wandelt sich, so lehrt Taussfaus unter Berufung auf ein Mischlewort, die prinzipielle Gegnerschaft in ein persönliches Haßgefiihi. im Mischie heißt es כמים הפנים לפנים כן לב האדם ״Wie das Antlitz des ׳Menschen sich im Wasser spiegelt, so wirft das Herz des Menschen!Spiegelungen der Seele zurück“: und so kommt es, daß sachliche Motive, Regungen der Abneigung ״um G-ttes willen“ irn Herzen des Nebenmenschen Haß und Feindschaft erzeugen und■ wir erliegen dann der Gefahr, ebenfalls dem Fluche pers ö ti l i c h e n 'Hasses unser Herz zu öffnen.!Es ist ganz die gleiche Anschauung, welche Sinn und Gemiit des großen Sängers erfüllt, der wie kaum ein zweiter von Leid verfolgt und gezwungen war, Kampf gegen die Feinde G-ttes und eigene Gegner Jahrzehnte hindurch zu führen. 'Gerade seine!Harfe, welche die wundcrbarstieri ׳Harmonien über G-ttes Lehre und Schöpfungen entströmten, gerade seinen ,Lippen, die von Lob und Dank gegen den Allmächtigen iiberströmten, entrang sich der Seufzer des Hasses. הלוא משנאך ה׳ אשנא ובתקוממך אתקוטט (P$ (39,21׳ ״Sind es doch nur deine Hasser, die ich hasse, gegen deine Gegner streite ich. Mein Haß gegen sie hat ein Ziel. תכלית שנאה שנאתים Mir aber wurden sic zu persönlichen Feinden: לאובים חין לי Und als wem? der Nowi in unserem ׳Herzen fürchtete, es könne die persönliche Gegnerschaft der anderen auch in ihm!Regungen menschlich niederen Hasses erzeugen, betet er weiter ,״ חקרני הerforsche mich genau, erkenne meine tief untersten Gedanken und schau אם דרך עצב בי ob eine 11 חedle Regung *in mir ist, wenn ja, ונחני בדרך עולם so führe du mich den Weg der Ewigkeit!“ (Ps. 139, 21 ff.) Vorbereitungen zur Kenessio Gedaulo. Konsul Sally Guggenheim in Holland.!Herr!Konsul ׳Sally ■G uiggc u'lt ei tn aus ,;Basel weilte in Amsterdam, um in seiner Eigenschaft •als 'Mitglied der polnischen .Exekutive der Agudas Jisroel und im Aufträge des Geschäftsaiusscliusses die Vorbereitungen für die ׳Keness!io Ge'daaiio einzuleitcn. Mit Unterstützung der Oberrabbiner und. der führenden agudistisehen Persönlichkeiten des Landes wird Herr Guggeiiheim im. den größten Städten Vorträge halten, um auf die Bedeutung der ■Kenessio Gedaulo '׳hi n zu weisen und zur eifrigen Beteiligung an dem Kenes'sio-Gedau'Io-Fond'S' anzuregen. Wolf S. Jacobson in Lettland.!(J. ’I'. <A•.) Auf Einladung der letMändischen Agudas Jisroel weilte Herr Wolf S, Jacobson ׳(;Hamburg) acht Tage im׳ Lettland'. Zu!Ehren des Gastes fanden Bankette statt, bei denen bedeutende Beträge für den 1K e ne ׳s<s׳i 0- Ge d a u 1 0 - F 0.11 d׳s der Agudas Jisroel gesammelt wairden׳. In sehr stark besuchten öffentlichen Versammlaimgcu referierte!Herr Jacobson über die gegenwärtige Ikulturclle und politische Lage des Judentums unter besonderer Beriicksiehtigung!der in der Agudas Jisroel organisierten orthodoxem. Kreise, während er in 1der großen Peter-Syuagoge ׳eine ״Drcscho“ über den Sinn •und die!Notwendigkeit der religiösen!Erziehung hielt. Die Werbetäti.gkeit des Herrn Jacobson hat eine nachhaltige Wirkung ansgeiibt. Auf seine Anregung hin ,wurde d:a׳s lettlänidisohc Landesdi:re׳ktoriu׳m des!Keren Ha׳tora-h!konstituiert mmd .mit •füllrenden orthodoxen 'Persönlichkeiten!Lettlands (Oberrabbiner Sack, Sejmidcputicrter Diiibin, V. Woschouek, Direktor!des Tliamro im Dcrech-Er׳ez-1Gym11a!siurn)!besetzt. Querschnitt durch den Talmud. An (lei■ .kürzlich stattgefuiideneii Semcstrialpriifung meiner Jeseliiwoli nahm ein mir von •früher herbefreumleter und eben hier als Gast weilender Arzt teil. Er ist ein Sohn gut jüdischer Eltern, die er frühzeitig ׳verlor. Die Verwandten glaubten aber ihrer Vormundspflicht nur dann gewissenhaft entsprechen zn können, wenn sie die ihrer Obhut auheimgefallene Waise über die Lehrsäle der Gymnasien und die Alma mater der Universität den Weg zum materiellen Aufstieg führten. Der Knabe' besaß nicht alltägliche Fähigkeiten: er heschloß sämtliche Studien als eminent und erwarb sich als Provinzarzt einen Namen von bestem Klang. Er liest, sehreibt und spricht vier. Sprachen, verfügt Uber umfassende Bildung, bekundet Interesse für die luaunigfaltigsten der Vergangenheit angehöreuden Dinge und Personen und nimmt lebhaften Anteil an allen in der Gegenwart aufiauchenden Zeitfragen. Ei־ weilte Stuuden hindurch inmeinem Bcth hainidrasch und lauscht(' mit gespannter Aufmerksamkeit auf das Kreuzverhör. Mit strahlendem Gesicht verfolgte er die melodisch vorgetragenen Antworten der Jünger und war, wie er mir auf dem Heimweg bekannte, die ganze Zeit über wie im Banne einer Zaiibermusik. Die wie zündende Funken aus den Augen der jungen Leute sprühenden Geistesblitze, die Scheinwerfern gleich die Seelenfreude und das tiefe Verständnis der Examiimnten beleuchteten, senkten sich unvergeßlich in seine Brost, dort stumme Bewunderung für den Talmud aiifaeheud, den er leider weniger als alle anderen großen Literatu׳rorzeuguisso kenn(' mid es gar nicht begreifen könne, wie eine tote Wissenschaft, was doch der Talmud in unserer Zeit unstreitig sei, so viel Leben und so viel Begeisterung seinen Forschern spenden könne. Wir waren hei meiner Wohnung angenommen, wo der Chauffeur des Mietautos den Herrn Doktor schon mit Vorwürfen empfing, daß er die vorausbesprochone Zeit des Aufbruches bereits uni fünfzig Minuten überschritten habe: er mußte sich eilends verabschieden und ich rief ilun nur noch die Versicherung nach, daß er sich in seiner Beurteilung• des Talmud in einem, all gemeinen und daher entschuldbaren Irrtum befände, den ich ihm aber durch eine längere an ihn zu richtende Epistel aufklüren wolle. Seine Antwort verschlang schon' das Stöhnen und Kreischen des Kraftwagens und ich setzte mich alsbald hin, um meinen aufklüreuden Brief 7.11 schreiben. Doch ehe ich diesen Brief aufgab, bekam ich den Brief der ״Jüdischen Presse“, die mich um einen Beitrag für die Pessaclmummcr bittet. Da 111111 der inhalt des eben expeditionsreifen Briefes allgemeines Interesse beansprucht, schicke ich ihn zum Abdruck ein. Er lautet: Sehr geehrter Herr Doktor! Das schrille Wort ״lote Wissenschaft“, mit dem Sie unseren Talmud so kurzweg zu bezeichnen beliebten, gellt mir noch jetzt, einige Stunden, nachdem cs verklungen ist, in meinen Ohren wieder. Thoras Cliajim (Lehre des Lebens) sind wir gewohnt, diesen Talmud zu neunen: ״er ist unser Leben, die Verlängerung unsere/• läge” wiederholen wir täglich mit der Glut der lleberzeugiing in unserem Gebete, und da plötzlich dringt inir wie ein Hiß ins Herz der Ruf: ״tote Wissenschalt . Und derjenige, der dieses fürchterliche Wort so gelassen als das Natürlichste in der Welt ausgesprochen hat, sagt seihst von sich, daß ihm der Talmud ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch ist, von dem er viel weniger wisse, als-von allen profiinen Erscheinungen der Weltliteratur,,״ Es isj ' ebeii״dei•; Kj’ebsscluiden,' an dem unsere Zeit krankt, der die Häuptursäche• "'des Jammers unseres Geschlechtes ist, daß jeder Laie und Uneingeweihte sich Sachkenntnis und fachmännisches Urteil genug zutraut, um über das Höchste zwischen Himmel und Erde, über die Religion zu Gericht zu sitzen und über ihre einzelnen Teile oder gar über ihre Totalität unerbittlich den Stab zu brechen. Mail braucht nur mit Schlagwörtern, wie z. B. Zeremonien, veraltete' Gebräuche, überholte Anschauungen, tote Wissenschaft, um sich zu werfen, um bei der staunenden, oberflächlichen Menge Eindruck zu machen, der die hochtönenden Kunstausdrücke imponieren und sie als Ausfluß einer höheren Weisheit betrachtet. Niemals wird jemand mit einem Lungenleiden einen Rechtsanwa.lt konsultieren oder in einem Prozesse einen Professor der Physik zu Rate ziehen. Mag׳ der Ruhm eines Mathematikers die Welt erfüllen, so wird sein Urteil über Psychologie oder Musik bei keinem vernünftigen Menschen schwer in die Wage lallen. Soll nur aber irgend eine Zelebrität auf weichem Gebiete immer seine Meinung über G-tt und Religion, über Bibel und Talmud äußern, so wird gleich jedes Wort als höhere Inspiration, als 11 ntrUgUche Wahrheit aufgenommen. Daher kommt es, daß auch Sie, lieber Herr Doktor, nach einigen äußerlichen Eindrücken, nach einigen Phrasen, nach einigen gelesenen Auszügen lind nach einigen in Ihrem eigenen Hirne hin- und lierzuckendeu unzusammenhängenden Gedankensplittern mit einem ruhig hingeworfenen Worte: ״tote Wissenschaft“ den Talmud in die Rumpelkammer verweisen möchten. Diese Oberflächlichkeit ist Ihnen jedoch zu out- .schuldigen, weil Sie eben — ich sage nicht, weil Sie den Talmud nicht kennen,, denn einen Gegenstand, den man nicht kennt, sollte man eben nicht stigmatisieren, ich entschuldige Sie aber, weil Sie eben keinen Talmud studiert haben, denn das bloße Taluiudsludium bewahrt seine Jünger vor Oberflächlichkeit im Urteile. Wer im Talmud seine geistige Nahrung gefunden hat, der wird niemals mehr, auch wenn er nicht zu den J fernen auf dem Wissensgebiet(* des Talmuds gehört, oberflächlich in seinem Urteile und in der Bewertung von Personen und Gegenständen sein können. In den Talmudfoliantcn wird jedes ausgesprochene Wort, jede geäußerte Ansicht, jede abgegebene Erklärung auf die G'oldwage gelegt, mit dem Scheidewasser geprüft, von allen Seiten beleuchtet, mit allem Gleichartigen verglichen und nieder von allein unterschieden und gesondert, bis die Wahrheit und Richtigkeit der Behauptung einwandfrei festgestellt ist. Die bestrickendsten Einfälle, die gewinnendsten Thesen, die großartigsten Gedankcngünge werden schonungslos niedergerissen, wenn sie dem Lichte der kritischen Wahrheit nicht standhalten können. Da gibt es keine Eigenliebe, keine Voveingononimenlu'it, keine Rücksichtnahme, von der die Wahrheit verdunkelt werden darf. Diesen erhabenen Zug .der absoluten Wahrheitsliebe, diesen Hang zur Gründlieh keit, diese Unparteilichkeit und Unbestechlichkeit im Urteil, wie wir sie auf jedem Blatte des Talmud finden, erkennen wir auch in allen Meisterwerken der Tulinudliteratur. Und jeder, der sich an ihr gebildet luit, wird vor Leichtsinn und Oberflächlichkeit im IJrteil für sein Lehen lang bewahrt bleiben, denn die scharfe, unnachsichtige Kritik, der er in seinem Studium auf Schritt und Tritt begegnete, muß in ihm ein .solches Maß von Selbstkritik und Gedankendisziplin entsteh('!) lassen, die ihn von jeder Leichtgläubigkeit und Geistesverirrung bewahren ‘können. Wenn Sie also, Herr Doktor, Talmud studiert hätten, so wäre Hinen der schwere Lapsus gewiß nicht über die;Zunge gekommen, daß der Talmud eine tote Wissenschaft sei, denn, an talmudisch(' Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit geiwohnt, hätten Sie sich wahrhaftig׳ gescheut, solch ein Urteil in ein vernichtendes Wort . zusaminenzufasseii. Uihl ׳wenn alle Ihre Gesinnungsgenossen, die so leichtfertig mit dem Urteile sind, Mäßigkeit, Upbeidegung. Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit vom Talmud lernten, um wieviel besser stünde es in unserer Welt! Wie viel Lüge, wie Viel Hohlheit, wie viel Nichtigkeit SOMMERNEUHEITEN IMPRIME1 Cr§pe de Chine Crepe MongoJ Crepe Georgette die letzten Neuheiten und feinsten Dessins SEIDENMANTELSTOFFE ״״״ s 9in schwarz und farbig WOLLSTOFFE Grßpella alle Modefarben 100 cm S 80*9׳ Woll-Gr6pe de Chine la. 130 cm.S 15■— Woll-Georgette Modefarben 140 cm..S 19•- Mantelstoffe die allerfeinsten Qualitäten und neuesten Muster SEIDENHAUS DULDNER & DEUTSCH Wien, VII., Neubaugasse 10 שבת und יו״ט geschlossen und wie viele Enttäuschungen wären der inenden Menschheit erspurt geblichen! Herr Doktor, hätte der Talmud kein anderes Verdienst, als daß er diejenigen, die sich seiner Führung anvertrnuen, über Eigenliebe, Leichtsinn und Oberflächlichkeit hinweg zum Ernste, zu Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit und unbedingtor Wahrheitsliebe erzieht, so dürfte er wahrlich nicht mehr als tote Wissenschaft verschrien werden, denn er beeinflußt das Leben in wohltätigster Weise und wirkt sich, den Gedanken Ziel und Richtung setzend, im höchsten Grade erzieherisch aus. Aber nicht nur den Verstand allein Imt der Talmml beeinflußt und gebildet, nicht mir die jüdische Gedankenwelt hat er geformt und geschaffen, er Imt, was noch höher anzuschlagen ist,- auch die jüdische Gefühlswelt beeinflußt und sie Jahrtausende hindurch bis auf den heutigen Jag erhalten. Die jüdische Moral und Ethik hat der Talmud in das jüdische Herz gepflanzt und es für alles Gute und Edle schlugen lassen. Der Ta Im ud lehrt mit seinem halacliisclien Teil so wie mit seinem ngarlischen Inhalt ein hohes ethisches Ideal, dem noch bis in unseren 'ragen kein ('benl)iirtigos, der Menscheniiatur und allen Lebonsverliültnissen so Rechnung tragendes Moralsystem zur Seite gestellt werden kann. Es gibt kein Gebiet des Verstandes, des Geistes, der Seele und des Herzens, das nicht vom Talnuid erzieherisch erfaßt wird. Es würde Bände füllen, wenn ich Ihnen talnuidischc Aussprüche als Belege für alles Gesagte anführen wollte. Wenn Sic an eine jüdisehe Buchhandlung schreiben, können Sie massenhaft Bücher mul Broschüren bekommen, die Ihnen mit einer Fülle von Beispielen meine Hinweise erhärten werden, so daß Sie sich an den Kopf greifen werden, wie Sie von einem solchen Werke, das die höchste und reinste Ethik zum 'Inhalte hat, ein abfälliges Urteil fällen konnten. Nur diesem Talmud ist es zuzuscbreiben, daß heute noch ein .־Judentum besteht, denn nur die Beschäftigung mit diesem Talmud hat seinen Schülern Kraft, Mut und Ausdauer gegeben, einer ganzen Welt die Stirne zu bieten, an G-tt und an die Thora zu glauben und tausendfachen Tod und unerhörte Martern zu ertragen und die Worte-des königlichen Psalmisten in die Weit hiiuuiszurufen: ״Ich will nicht sterben, ich will 101)011.“ Und ein solch grandioses Werk, das derartige ,Wunder an einem ganzen Menschenstamm bewirkte, könnte und dürfte man mit ruhigem Gewissen und hei rechtem Wissen eine tote Wissenschaft nennen?! Aber auch im rein wissenschaftlichen Sinne genommen, ist der Talmud keine tote Wissenschaft. Auch als Wissenschaft im ursprünglichen Sinne des Wortes . ist der Talmud nicht zum alten Plunder zu ,werfen. Audi von diesem Gesichtspunkte besehen, können wii־ die Behauptung aufstellen, daß er unser Leben ist. Um die alle Lcbensäußerungen umfassenden Tlioragosctze vorstehen und erfüllen zu können, darf mau eben kein vom Laufe der Zeit zurückgebliebener Stubenhocker sein, man muß vielmehr offenes Aug und Ohr für alle Erscheinungen der Welt haben. Mit tiefem Verständnis muß man sich in die große herrliche Welt versenken und mit dem Liehte der Wissenschaft die Natur aller Wesen bis in ihre geheimsten Gesetze erspähen. Mosche rabenu, der erste Talmudlelirer, mußte schon die vom Schöpfer selbst zum Verständnisse der mündlichen Lehre ihm mitgeteilteu Sentenzen der ma uni gl achsten W i s s e 11 s f ii c11 ׳ e r dein Volke lehren und diese Mitteilungen wurden mit der von Vater auf Sohn forttraktierten mündlichen Lehre von Geschlecht zu Geschlecht vererbt,׳ bis sie in spärlichen, kurzen Abhand- Inngen, in wenig lapidaren Sätzen, so wie die miindliehe Lehre überhaupt, in den Bänden des Talmud festgehalten wurden. Man braucht nur an die wenigen Kardinalsätze zu (lenken, die im ,Traktat Rosch-Uasclniiui zerstreut liegen, und die astronomische Kalenderberechiiung regeln. Nach ihnen ist unser Kalender festgesetzt worden, aber in den zwei Jahrtausenden, die seit seinem Bekanutwerden verflossen sind, hat er sich vollauf hewählt, er bedurfte niemals einer Korrektur, während der bürgerliche Kalender in diesem Zoitnnm bereits zweimal korrekturbedürftig war. Lesen Sie nur, Herr Doktor, einmal in einer guten Uebersetzun'g die ersten Abschnitte des 'Traktates O h o I 11 1־ s, da werden Sie sehen, welche Kenntnis unser Talmud über Anatomie beinhaltet! Oder lesen Sie einmal die bezügl'Hien Abschnitte im zweiten, dritten und fünften Pcrekdes Traktates'N i d a und Sie weiden sicli überzeugen, daß der Talmud keine tote Wissenschaft ist, sondern eine Fülle von anatomischem und pliysiologischem Wissen in sich birgt, das nötig war und ist, um das jüdische Leben nach den Normen der Thora zu regeln. Oder schlagen Sie Blatt 8 des Traktates Rec ho ros auf und Sie werden einen Begriff bekommen vom physiologischen und biologischen Wissen, das in den Blättern des Talmuds mifbewahrt ist. Lassen Sie sich von ei nein Fachkundigen einigve Abschnitte aiis• dem ■'Traktat Kilajim mit den dazugehörigen Kommentuven erklären und Sie werden staunen oh dem immeuseu Wissen auf dem Gebiete der Mathematik, Geometrie, Botanik und Zoologie, von dem jede Zeile hereiltes Zeugnis ablegt. Und auch dieser Wissensschatz

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