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Jüdische Presse · 1929-01-25 · 4 (25.1.1929) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
15 (1929)
Issue
4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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tatet JÜDISCHE PRESSE Nr. 4 כשר SEIFE Marke: ALEFBETH Rückblick über die ßeth Jakob- Arbeit im Jahre 1928. &&trs entern Gespräch mit dom Leiter der Betli Jakob-Zentrale Wien, Dr. L. Deutschläirder.) Der Aushau des Beth Jakob-Werkes hat im Jahre 1928 erhebliche Fortschritte gemacht, vorwiegenä in Polen, wo das Bedürfnis nach Beth Jakob-Schulen am stläitksten ist. ׳Die Zahl der Beth Jakob-Schülerinnen beträgt in Polen zirka 16.000, in den übrigen Ländern zirka 4000־. Im. Seminar in Krakau (Zöntralinstitut Beth Jakob) wurden 54 Kandidatinnen in zwei Abteilungen von Frau Sara S.c h e 11 i r e r und Frl. Eva Landsberg unterrichtet. Die 30 Teilnehmerinnen der ersten Klasse wurden zu Beginn des neuen Semesters examiniert und worden an den neu eröffneten Beth Jakob-Scluilcn auf Posten gestellt. Die letzte öffentliche Berichterstattung (Beth Jakob — Sein Wesen und Werden“ herausgegeben 1928) wies 87 Schulen auf. Seitdem sind neu hinzugekoimneti folgende 15 Anstalten: Skicrniewice, Dabrowa Gor., Zyradow, Zawiercle, Dobromil, Jaroslaw, Koiislc, Plonsk, Now.v-Sacz, Lowicz, Plotzk, Szcdekvetn. Krzepice, Gostinin, Ostrow Maz. Im Frühjahr 1929 werden weitere 25 Schulen eröffnet. Dem orthodoxen Mädchengymnasium ״Chawazeles“ in Warschau wurde ein Lehreriniicnfortbiklungskurs für die Absolventen angegliedert und es war dadurch möglich, eine Reihe von qualifizierten Lehrkräften für Beth Jak ob-V 011 schulen zu gewinnen.;Einen ganz besonderen Fortschritt bcdeutet es, daß die in Lemberg bereits bestehende Gewerbeschule erheblich ausgebaut und eine neue in Warschau cröiiuet werden konnte. Die Gevverbeschule in Krakau muß wegen Mangel an geeigneten Räumlichkeiten vorerst leider noch *וווי«« wamftm&m mm m&m •affe |§l| mm Beth-Jakob, Wien, Kurs II. Photo Resklcuzatclicr. geschlossen bleiben. Diesem Mangel wind erst mit der Vollendung .des .neuen Seminars Abhilfe geschafft werden können. . Von L. Moses. Es war ein schöner Sonntag im Sommer, loh fuhr nach der Wien so nahen Kurstadt Baden und tauchte dort bald im Strome der Spaziergänger unter. Im Kurpark saßen dichtgedrängt die Gäste — zum großen Teile Juden — und genossen eine von Staub und Parfüm geschwängerte Luft, die ihnen die Bruchstücke einer Musik zuwehte:, ■in mir aber tauchten gewohnheitsmäßig die alten Fragen nach Art und Geschichte des Ortes im allgemeinen und den Schicksalen seiner Judengemeinden im besonderen auf. ■ Bekanntlich waren die Quellen von Baden schon den Römern •bekannt und es ist nicht ausgeschlossen, daß sich, in ihrem Gefolge auch Juden in Aquae befanden. Die beiden Museen Badens enthalten aber für die älteste Geschichte der Stadt-merkwürdig wenig Material und so sind wir hin sichtlich der Ansässigkeit von Juden im mittelalterlichen Baden nur auf die Vermutung angewiesen, daß die jüdischen Familiennamen Badncr und Bodner auf eine solche Ansiedhmg deuten. Urkundlich nachweisbar ist nur im 17. Jahrhundert der Aufenthalt von Juden in deti betiachbartcn Orten Traiskirchen, Tribuswinkel und Trurnau und im Jahre 1709 erfolgte auf eine Beschwerde der Bade- 11er Bürgerschaft, die sich durch die Konkurreniz der aus Trurnau nach Baden kommenden Juden beeinträchtigt fühlte, ihr« Abschaffung auch aus diesem Orte. Wenn also Juden in Baden Jahrhunderte hinduroh weder wohnen noch einem Erwerb nachgeheti durften, so konnte man ihnen das Kranksein doch nicht verwehren, und schon im Jahre 1800 erwähnt Schmidl in seinem noch heute lesenswerten Buche ״Wiens Umgebungen“ ein ..Judenbad“ an Baden. Auch die Eipeldauerbriefe sprechen von jüdischen Kurgästen in Baden und ian Jahre 1821 schreibt Barth von Barthenheim in seinem Buche ״Polltische Verfassung der Israeliten •im Lande u. d. Enns“, Seite' 213: ״Nachdem den Israeliten der Zutritt des Badeurtes Baden nächst Wien gestattet ist und sie denselben auch häufig besuchen, so sind daselbst zwey jüdische Trafteurs für die Gurzeit bewilliget, u. zw. bestellt der erste seit längerer Zeit, dem zweyten wurde aber die diesfällige Bewilligung von der k. k. n.-ö, Regierung erst unter dem 17. März 1820 erteilt und von der Hofkattzlei unter dem 31. Juli 1820 i׳m Rekurs woge bestätigt.“ Das Jahr 1848 hat auch hier mit allem Schutt , aufgeräumt und jetzt besteht in Baden eine ansehnliche Judengemeinde.׳ die an dem Aufschwung des Welckiirorfes mitgewirkt hat und auch an dem Segen, den der Fremdenstrom aRjührHch mit sich bringt, teilnimmt. Wir finden hier alle Die FericufortbUdungskurse» die alljährlich zur pädagogischen Vervollkommnung der jungen Lehrerinnen in Hocligebirgsorten (Hohe Tatra) veranstaltct werden, wurden in diesem Sommer ln dem klimatischen Kurort Rabka unter persönlicher Leitung des Schulrates von Beth Jakob, Dr״ L. Deutschländer, abgehalten. Die Teilnehmerzahl betrug 124. An ausländischen ■ ־*V •i-T ׳ ׳' . ' t \ * ׳‘ A ׳- 1 Das neu eröffnete Mädchengymuasium Beth-Jakob in Ponlewesch. Dozenten waren zugezogen Frl. Judith Rosen bau an und Frau Resi Deutsch 1 ä 11 der. Besonders hervorzuheben ist, daß für einige größere Beth Jakob-Schulen in Warschau, Wielizka, Bcndcin u. a. eigene, hygienisch und pädagogisch entsprechende Gebäude errichtet wurden. In Mlawa hat die Kuitusgcmein.de eine Beth Jakob- Schule im eigenen Gebäude errichtet, die von ihr unterhalten wird. Auch in den anderen Ländern gewinnt die Beth Jakob-Idee an Ausbreitung und es sind sichtbare Erfolge zu verzeichnen. Vor wenigen Tagen ist Dr. Deutschländer von einer Inspektionsreise durch Litauen zuriickgekehrt, wo unter Teilnahme des litauischen Unterrichtsministers eine Erzieliungskonferenz der orthodoxen Schulorganisation ״Jawueh“ stattgefunden hat. Die Jawneh unterhält eine Anzahl mustergültig geleiteter Volks- und Mittelschulen für Mädchen.- In *Telschi besteht im Anschluß an das. Mädchengymnasium eine Lehrerinnenbildungsanstalt, die von Herrn Dr. Holzberg geleitet wird. ־ In Ponlewesch fand vor. wenigen. Wochen die Ein- Werbung eines neuen Mädchengymnasiums, das den Namen Beth Jakob •hat, statt, daß in einem prachtvollen Gebäude untergebracht Ist; dieses wurde auf Initiative und unter hervorragender Mitwirkung von Oberrabbincr Kahauemann mit einem Kosteiiaufwande von Dollar 10.000 errichtet. Eine eingehende Prüfung der Schülerinnen aller Institutionen einer echten jüdischen Gemeinde in ästhetisehen Formen und innerer Vollendung im Geiste der Tradition vor. Aber nicht nur für die Gegenwart ist Im. Schoße dieser Mustergemeinschaft gesorgt, sondern im Gegensatz zu der etwas dürftigeren Vergangenheit sind hier auch für die Zukunft, des Judentums Weg und Richtung gezeigt. Schon vor dem Kriege war von einem Komitee die Gründung eines jüdischen Waisenhauses für die Alpenländer mit dem Sitze in Baden!in Aussicht genommen worden. Der Krieg vernichtete zunächst, wie so manchen anderen Plan, auch diesen, machte aber bald in Galizien allein zchntausendc jüdischer Kinder zu Waisen und veranlaßte einige führende Persönlichkeiten der Wiener Gesetzestreuen zuun Ankauf eines Hauses in Baden, in dem wenigstens eine kleine Anzahl dieser Waisen untergebracht werden konnte. Das Haus in der Germergasse war früher als Studentenheim eingerichtet und konnte so leicht für diesen Zweck adaptiert werden. Seit zehn Jahren dient nunmehr dieses Haus •an der Peripherie Badens der heiligen Aufgabe, jüdischen Waisen das Elternhaus zu ersetzen. Die leitenden Faktoren dieses Hauses und vor allein der verdiente Direktor Friedrnann haben aber gleich erkannt, daß der Wert der Anstalt nicht in der Quantität liegen könne, da sie bei ihrem Höchstfassungsraum von vierzig Kindern kaum mehr als einen Tropfen aus dem Meere jüdischen Kriegselends aufne Innen konnte. Sie wollten daher eine qualitativ besondere Leistung setzen, indem sic ein Helm schufen, das echt jüdisch geistiges Ideal mit streng religiöser Lebensführung und modernen Lebensformen in harmonischer Verbindung propagiert. Das Badener Waisenhaus birgt in seinen zwei Stockwerken zwei freundliche große Schlafsäle mit herrlichem Ausblick auf den Anninger und die Ihm vongelagerten Weinberge. Hier können die schon allzufrüh an dumpfes Ghettomllieu gewöhnten Augen den Blick ins Freie wieder erwerben. In den peinlich sauberen Waschräumen lernen kleine Judenknaben Abhärtung und Reinlichkeit kennen, im Spefsesaäl zu ebener Erde erhalten sie ihre reichliche umL gesunde Nahrung und ian Badezimmer das allwöchentliche' Reinigungsbad. Im Le׳hr־zimmer aber, das sich im zweiten Stock befindet; findet der Besucher das, was dieses Waisen-' haus von allen anderen Anstalten Europas und leider auch von den jüdischen unterscheidet, denn hier wird an dreißig jüdischen Knaben ein einzigartiges Experiment einer Mustererziehung zu Volljuden erprobt, einer Erziehung und Durchbildung, wie sie in ihrer religiös-jüdischen Konsequenz im Westen wohl nur wenige Sprößlinge vorneilmer und frommer Familien, im Osten aber |n ihrer Verbindung mit den modernsten Methoden in den profanen Fächern und hygienischen Lebeusprinzlpien kaum einige mit הבשר des ortb. Rabbinatsassessors, Kosice, erzeugt ״POLIO«» FRIEDMAN N & CO. GBBHB8B Seifen- und Kerzenfabrik, KOSICE Klassen ergab ein erfreuliches Bild aufstrebender Geistigkeit und lief eingewurzelter Religiosität. In Wien wurde nunmehr auch das eigene Heim für die hiesige Beth Jakob-Schule eröffnet. Die Schule wurde, einem dringenden Bedürfnis vor allem der östlichen Kreise Rechnung tragend, ins Leben gerufen und verdankt ihren ausbau der aufopfernden Arbeit des Vorsitzenden des Wiener Komitees, Herrn Salornon T ii r k 1. Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, daß auf Ersuchen des Frauenkomitoes Beth Jakob in Preßburg die Wiener Zentrale eine Absolventin der Wiener Kurse, Frl. Helene Baumgarten, zur Leitung eines Vorbereituugskurses nach Preßburg entsandte. Es ist zu hoffen, daß dieses Beispiel Nachahmung finden und die Bewegung auch in der Slowakei Wurzei schlagen wird. Das Zentralinstitut in Krakau (Lehrerinueiiseininar, Internat fiir 100 Kandidatinnen, Uebungsschule, Inspektorat, Bibliothek, Verwaltung •usw.) ist im Rohbau fast vollendet. Der Rohbau des fünfstöckigen Gebäudes hat bisher einen Kostenaufwand von Dollar 30.000 erfordert, annähernd der gleiche Betrag ist für die innere Ausfertigung erforderlich. Die Beth Jakob-Zentrale hat zur Aufbringung dieses Betrages im abgclaufenen Jahre Aktionen iiti Auslände unternommen. In Amerika haben die Herren Rabbiner Dr. L. Jung (New York) und Rabbiner T. Horowitz (Rzeszow) erfolgreich gearbeitet. Herr Wolf S. Jacobson (Hamburg) hat sich für eine Tournee durch Holland und Polen zur Verfügung gestellt. Ferner wurden in jüngster Zeit das Rheinland und Berlin sowie ■im Sommer Paris mit Erfolg bearbeitet. Große Hilfsorganisationen des In- und Auslandes haben dem Werk auch im vergangenen Jahre großzügige Hilfe gewährt. Es seien an dieser Setlle nur genannt: Der Joint, die Großloge Deutschland und Wien, verschiedene iÜL* wmm mm mm mm mm mm Beth-Jakob, Wien, Kurs I. (!Photo Residenzatelier.) B. B. Logen des Rheinlandes, der Hilfsverein der deutsehen Juden in Berlin, die jüdische Gemeinde Wien 11. v. .1. In fast allen europäischen Ländern wie in Amerika bestehen Beth Jakob-Frauenkomitees, die die Arbeit der Zentrale wirksam unterstützen. Kinder genießen dürften. Bei dem guten Schülermaterial, das diese jüdischen Waisen darstellen, ist es nicht verwunderlich. daß hier im Hause von einem tüchtigen Pädagogen die ersten Volksschulklassen mit den besten Erfolgen unterrichtet werden und die älteren Kinder in den öffentlichen Hauptschulklassen als die besten- Schüler bekannt sind, während nachmittags im selben Lehrsaal ein intensives Studium der Thora mit allen Kommentaren und der talmudischcn Schriften ׳betrieben wird. Im Lehrsaal halten die Zöglinge auch ihren eigenen Gottesdienst aib, bei dem sie• selbst abwechselnd alle Funktionen aus üben müssen, um, so auch einmal in der Lage zu sein, als Thoravorleser u. dergl. zuwirken. Manche Zöglinge des Waisenhauses sind übrigens auch schon au Jeschiwoth gegangen, um dort ihre religionswissenschaftliche Ausbildung zu vollenden. Damit aber auch der Körper in seinen Rechten nicht, verkürzt werde, macht ein Lehrer mit den Zöglingen an schönen Sountagnachmittagen Ausflüge in die nahen Walder und so kommt es, daß ich die Knaben bis auf drei, die Besuch hatten, nicht zu sehen bekam. Umso eingehender, konnte jeh mich aber mit Direktor Friedmann über seine Sorgen, die zugleich die seiner Anstalt sind, aussprecheii. Trotz aller Mühe, die sich ein aus den würdigsten Vertretern der Wiener Judenschaft bestehendes Kuratorium, gibt, fällt fast die ganze Sorgenlast auf die Schultern dieses; Mannes, der. ganz, mit sejnem Werke verwachsen ist. Er spricht von der Schwierigkeit der Unterbringung seiner schulentwachsenen Schützlinge in religiös-jüdischen Lehrstellen, bei der er uoch das gesunde Prinzip befolgt, sie vor allem der Großstadt fernzuhalten, und erzählt von den Kunststücken, die schon oft gemacht werden mußten, das ganze Werk über Wasser zu halten. Aber nicht nur Geld braucht das Waisenhaus, auch durch Üeberlassung guter' jüdischer Jugendlektüre u9W. könnte ihm leicht geholfen werden und überhaupt durch regere Anteilnahme an seinem• Schicksal, und sei es auch nur durch fleißigen Besuch. Man würde daun finden, daß an der äußersten Peripherie dieser Stadt, in der man sonst nur den genießenden Juden zu sehen gewohnt ist, die Keimzelle eines neuen Geschlechtes geschaffen wird. Denn wenn vor zweihundert Jahren die paar Juden, die aus der Umgebung nach Baden kommen wollten, um dort Handel zu treiben, von der Bürgerschaft als lästiges Gesindel bezeichnet wurden, habet! sich die kleinen Jungen des Badener Waisenhauses durch ihre Leistung und ihre Haltung die volle Anerkennung der inspizierenden Schulbehörden erworben und es sollte den Stolz aller Juden — nicht mir in Oesterreich — bilden, diese Vorkämpfer einer neuen Wertung ihres Volkes ,und Glaubens in ihrem ehrenvollen Kampfe nicht itn Stich zu lassen.

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