Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1929-01-04 · 1 (4.1.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
15 (1929)
Issue
1 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2629891-2630294-2630295--3193-2635155
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1 JÜDISCHE PRESSE •Seite 3 überhaupt, der Begriff des Judentums von der religiösen Frage nicht •zu trennen sei, auch nicht für diejenigen׳, die grundsätzlich auf nationalem ׳Boden stehen. Er schickte die allgemeine Frage voraus: ״Kennt Rußland überhaupt Glaubens- und Gewissensfreiheit?“ Die Antwort lautete: ״Die russische Verfassung gewährleistet ausdrücklich diese Freiheit." Wir haben, fuhr Smidowitsch fort, Trennung von Staat und Kirche. Der Staat ist gegenüber der Religion neutral. Wo die Juden eine Mehrheit darstellen, haben sie völlige Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die jüdischen Feiertage sind Staatsfeiertage usw. Niemand hindert die Jugend, auch die unter 18 Jahren, Synagogen zu besuchen, wem! ihre Eltern es wollen: sie dürfen auch in einem Sy nagogenchor mitwirken. Religionsunterricht ist aus den Staatliehen Schulen ausgeschlossen, wenn aber die Eltern privatim die Kinder in den Religionsfächern unterweisen lassen wollen, stellt dem nichts im Wege. Smidowitsch versicherte ,Herrn Dr. Freund gegenüber, daß die!Moskauer Synagoge den Juden nicht genommen werden wird. Herr Mereschin, 'Vizepräsident des Komzet, der selbst Jude ist, bestätigte in allen Punkten die von Smidowitsch erteilte Auskunft. Herr Dr. Freund stellt einen klaffenden Widerspruch fest zwischen den Antworten der Regierungsstellen und den Antworten, die man von den Leuten erhält. Er erklärt diesen Widerspruch damit, daß neben der Regierung noch eine zweite Instanz existiert: die kommunistische Partei. Innerhalb dieser Partei gibt es eine ׳jüdische Sektion, die sogenannte Jewsekzia, die hetzt und treibt. Es unterliegt für den Verfasser gar keinem Zweifel, daß die verantwortliehen russischen Regierungsstellen cs ernst meinen mit der Nichteinmischung in die religiösen Angelegenheiten als Konsequenz des Grundsatzes der Trennung von! Staat und Kirche, aber die!jüdischen ,Kommunisten fühlen sich als Gralshüter der kommunistischen Ideologie. Auch hier sind es nicht die eigentlichen Führer, sondern die ׳Götter minderen Ranges, die sich hervortun möchten. Eine Atmo- Sphäre ■der Verängstigung ist geschaffen. Man hält viele Dinge für verboten, die tatsächlich gar nicht verboten sind. Wenn ■die Entwicklung, wie sie im Flusse ist, sich hemrnungslos •weiter vollzieht, dann ist, wenn das alte Geschlecht gegangen, in 10 oder 20 Jahren das russische Judentum als religiöser Begriff g e w e s e n. Die Gesundüng muß von innen heraus •kommen, von den Juden seihst. Man braucht an der Zukunft nicht zu verzweifeln. Dazu berechtigt das Vertrauen auf den Wirklichkeitssinn der russischen Regierung. Es ist aber notwendig, daß dem Judentum der ganzen Welt die Bedeutung des russischen Juden- Problems aufgeht, daß cs begreift, daß es sich ,in ganz anderem Ausmaße als bisher aktiv an ׳dem russischen Aufbauwerk ־beteiligt. Diese Interessiertheit der ganzen Welt an ihrem Schicksal wird auch den religiösen Elementen im russischen Judentum das Rückgrat stärken und •damit die Keimzelle schaffen für den Wiederaufbau auch des ׳religiösen Lebens. Das New';York Central Relief Committee hat seine Tätigkeit eingestellt. Das New Yorker Central Relief Committee hat allen seinen Subkomitees in den verschiedenen europäischen Ländern und in Erez Israel mitgeteilt, daß seine Büros mit Ende verflossenen Jahres geschlossen wurden. Auch das Wiener Filialkomitee, das unter dem Vorsitz von ׳Herrn Oberrabbiner S. ,Fürst arbeitete, hat diese ׳Mitteihing erhalten. Die Konsequenzen der Einstellung der Hilfeleistung .des Central Relief Committee sind einstweilen gar nicht abzusehen. Im Kriege selbst wie ׳in den zehn Nachkriegsjahren hat das Central Relief Committee in verschiedenen •Formen, aber ,immer beispielgebend und opferbereit für die Thoralehranstaltcn gewirkt. 'Es ׳muß mit Genugtuung hervorgehoben werden, •daß diese orthodoxe Hilfsorganistaion überhaupt die erste war. ׳die nach Aus- ■bruch des Weltkrieges den •Hilfsdienst für die schwerbetroffenen osteuropäischen Länder aufgenommen •hat. Das gute Beispiel wirkte erzieherisch und so entstanden die anderen Hilfsorganisationen, mit denen ■das Central Relief Committee •zeitweilig zusammenarbeitetc und insgesamt etwa 75 Millionen Dollar für Hilfszwecke aufbrachte. Am Ende des Jahres 1920 hat dieses gemeinsame Committee seine Arbeit eingestellt und da hat das Zentralkomitee wiederum selbständig die Unterstützung der Thoralehranstalten übernommen. Zwei Millionen Dollar gelangten ln den letzten Jahren zugunsten der Thoralehranstalten in Europa und in Palästina zur Verteilung. Die Wiener T 11 0 r a 1 c 11 r a n s t a 11 e n haben v o tn Anfänge des Jahres 1922 bis zur Einstellung der H i 1 f s t ä t i g k e i t des Central Relief C o m m i tt e s m ehr als 100.000 Schilling erhalten. Von den Führern des New Yorker Hilfskomitees haben Herr Moritz E n g e 1 tn a 11 n und Herr Rabbiner Aron T e i t e 1 b a u m Wien öfters besucht und die Arbeiten des unter Führung von Oberrabbiner Fürst stehenden Komitees kontrolliert und sie immer in bester Ordnung gefunden. Auch für die Wiener Thoralehranstalten bedeutet die Einstellung der Hilfstätigkeit einen e m pf i n d I i ch e n S c h 1 a g, wenn nicht eine verhängnisvolle Katastrophe. ׳Die 100.000 Schilling, die .in sechs Jahren zur Verteilung gelangten, bedeuten eine jährliche Durchschnittssubvention von S 18.000, einer Summe, die mit Rücksicht auf die in Wien zurzeit herrschenden Wirt- Schaftsverhältnisse kaum aufgebracht werden kann. Es wäre Sache der verantwortlichen Führer der Wiener Orthodoxie, Mittel und Wege zu finden, die schwere Einbüße der ohnehin notleidenden Wiener Thoralehranstalten irgendwie ׳ wettzumachen. Eine diesbezügliche Aktion würde den schönsten Dank für die beispiellose Hilfsbereitschaft der amerikanischen Orthodoxie bedeuten. Die ״jüdische" Erziehung in Palästina. Das schmerzlichste Kapitel für einen thoratreuen Juden bildet unleugbar das zionistische E r z i ch'iingsvvcsen in Palästina. Wenn Agudisten darüber Klage führen, wird stets der Einwand erhoben, daß es nur den agudistischen Augen zuzuschreiben sei. daß man die zionistische Erziehung in Palästina so grau in grau sieht. Nun lesen wir in einer amerikanischen hebräischen Wochenschrift (״Hadoar“ vom 7. Dezember 1928) einen heftigen Angriff gegen den Präsidenten des amerikanischen ׳M.israchi, Herrn Gedaiie Bublik. Herr Bublik ׳ist ein treuer Zionist, hat sich aber, wie auch die ״Jüdische •Presse“, anläßlich seiner Wahl zum Präsidenten des amerikanischen Misrachi geschrieben •hat. soviel selbständiges Denken und religiöses Fühlen bewahrt, daß er nicht alles mit seinem Namen deckt, was im zionistischen Lager geschieht. So ׳hat er auch unlängst den Mut gefunden, gegen die zionistische Erziehung in •Palästina zu sprechen. Er sagte, •daß man in Erez Israel •unsere Kinder hebräisch unterrichtet, mit dem Erfolg, daß sie dann in •der Sprache der Bibel sagen können, ״Ten li Chasir‘. Ja, •Herr Bublik ging noch weiter. Er erkühnte sich zu der Behauptung, daß er selbst auf ׳zwanzig Bialik gerne verzichten würde für sechs Frauen, die Freitag abends ihre Sabbatlichter anzünden. Wegen dieser Versündigung an der Heiligkeit des Hebräischen wird Herr Bublik .iti der angeführten amerikanischen Wochenschrift scharf angegangen. Leider haben auch wir an •Herrn Bublik Kritik zu üben: wenn er ׳nach Ansicht des ״Hadoar“ zu vic׳I gesagt hat, so müssen wir ihm den Vorwurf machen, daß er zu wenig gesprochen hat. Besonders als Präsident ■des •Misrachi •in Amerika hätte er zunächst vor der eigenen Türe kehren sollen und das misrachistische Schulwerk in Erez Jisroel einer kritischen Betrachtung unterziehen'müssen; Es liegt vor mir ein Schriftstück, das von einer Körperschaft verbreitet wird, die sich ,folgenden schönen ׳hebräischen Namen beilegt: ״Habrith Hoaulomith Sechei Zeire Hechaluz Hapoal Hamisrachi“. In dem Schriftstück wird der Seminarkurs eines misrachistischen •Lehrers Dr. N. H a c h a m verbreitet. Der Kursus wird zur Heranbildung von ״Führern“ abgehalten. In dieser Schrift befinden sich geradezu unerhörte ׳Ansichten und A e u ß e r u n gen übe r d.,i e f ti n f B ii c h e r •M 0 s i s, die mit der Orthodoxie ganz und gar unvereinbar sin d. Herr Bublik hätte gut getan, nicht nur das ׳Hebräisch zu kritisieren, welches die jüdischen Kinder zionistischer Observanz dazu •benützen, um in klassisch Hebräisch nach ״Chasir“ zu verlangen, sondern auch jenes •Hebräisch, welches der misrachistische Chacham dazu verwendet, ׳um den Geist protestantischer Bibelkritik in die Seele seiner Schüler zu träufeln. GRAMOPHONFREUNDE! TlSS&i yr auch TEILZAHLUNG! DER SCHLAGER m . .. . ״ von 1g2g. ״wteimaamhaus WENJV.WIEDNER HAUPTSTR.73 TEL. Lf <f6-2-52 Wir liefern 10 neue Platten mit S 10.— Anzahlung und S 2.— Wochenrate ohne Preiserhöhung Rabbiner Josef ßaumgarten gegen den irreligiöseM Geist an Misrachischulen 111 Erez Israel. Ein aufsehenerregender Vortrag in der Wiener Jugendgruppe. Rabbiner Josef B a u tn g a r t c n, ein markanter Führer der Wiener Orthodoxie, der besonders auf die Jugend einen starken Einfluß ausiibt. hielt den vergangenen Sabbat in der Wiener Jugendgruppe einen aufsehenerregenden Vortrag. Er beklagte sich in seiner Rede über den Geist• ׳des Unglaubens und der Kefira. der selbst von misrachistischen Lehrern in ׳Erez Jisroel verbreitet wird. Wenn jene Apikorsuth verbreiten, die nach ihrer Lebensfiihrung und Lebensanschauung als Abtrünnige bekannt sind, so ist •dies wohl eine sehr traurige Sache, aber bei weitem nicht so gefährlich, als wenn jene, die nach außenhin als Konservative und Orthodoxe gelten, heterodoxe Lehren verbreiten. Dann wandte sich Rabbiner Baumgarten mit von tiefer Religiosität durchgliiliten Worten gegen die einzelnen Thesen, welche ein führender misrachistischer Lehrer, Dr. Chacham in Jerusalem, in seinen Referaten den künftigen Jugendbildneru beibringen will. Er warnte in ernsten und oft tiefcrschiitterndcn Worten vor solchen gefährlichen und Verderbliehen Thesen. Die Rede, welche Rabbi Josef Baumgarten selbst unter heftigem Weinen hielt, übte auf die zahlreichen Anwesenden einen unbeschreiblich tiefen Eindruck aus. Bald nach dem Vortrag wurde der Inhalt derselben Gesprächsthema der ganzen orthodoxen Jndenheit in Wien und selbst der Präsident der Weltzentrale des Misrachi, R. Meir Berlin, der zufällig in Wien auf einer Propagandareise weilte, mußte hievon Kenntnis nehmen. In seinem großen öffentlichen Vortrag, den er tags darauf hielt, mußte •er zu den Anklagen, die von solch autorativer Seite erhoben wurden. Stellung nehmen. Aber R. Meier Berlin war weit davon entfernt, diese beklagenswertc Tatsache zu dementieren. Er ׳begnügte sich mit ganz allgemein gehaltenen Redewendungen, in ׳denen er die Vorgangsweise jener kritisierte, die mit solchen Anklagen gleich die Oeffentlichkeit aufreizen, statt sich Vertrauensvoll an ihn zu wenden. — ׳Es ist anzunehmen, •daß die Affäre des Seminarlehrers ׳Dr. Chacham nunmehr ■nicht wird vertuscht werden können. Wir meinen selbstverstündlich, nicht die Person des Dr. Chacham. sondern ׳das System, das ein Wirken von Dr. Chacham an Lehranstalten ermöglicht, die als religiös gelten wallen. Rabbi Meir ׳Berlin verlangt Vertrauen fiir sich. Er müßte dieses Vertrauen erst verdienen. m l&oCks ■u.^ßaupkcAuAfürXnußav ■und THäddm. mdOjfenHtdkahrafy. a. Ulaizgasse. /6 und ihre nächste Umgebung ganz verwahrlost, mit Steinen ungangbar gemacht, bis •ein amerikanischer Jude namens Finke Ls tein die Höhle auf eigene Kosten restaurieren', eine Eingangstür machen Heß und überdies einen Betrag hinterlegte, dessen Zinsen für die Erhaltung des ״Ewigen Lichts“ in der Grabhöhle verwendet werden sollen. Das Feld, auf welchem diese Grabstätte liegt, gehört einem Araber. Dieser ließ nun eines Tages.die Türe zum Höhle׳neingang wieder ausheben, verrammelte den Eingang mit großen Steinen und verwehrt den Juden den Zutritt. Gegen diesen Araber nun wurde der Prozeß angestrengt, um auf diese Weise durch das Gericht feststellen zu lassen, ob das Besitzrecht auf ein Grundstück auch auf solchem Privatbesitz etwa befindliche alte, durch die Tradition geheiligte Stätten sich erstreckt. Allerdings wird der Gerichtshof zunächst die Vorfrage zu entscheiden haben, ob die fragliche Höhle wirklich eine Grabesstätte und ob die Gräber des Choni Hamagal und des Aba Chilkija als heilige Stätten im Sinne des Mandats und Völkerbundpaktes zu behandeln seien. Der vergessene Bibelvers an der Synagogentür. Eine Besitzrechtsfrage von besonderem Interesse beschäftigte dieser Tage ein Gericht in Cincinnati in ׳Amerika. In der Unterstadt stand viele Jahre ein schöner jüdischer Tempel im modernen Stil. Die Juden der Unterstadt übersiedelten allmählich in die Oberstadt, die Synagoge wurde immer weniger besucht und so entschloß sich die Synagogengemeinde, wie das in Amerika nicht selten vorkommt, das Tempelgebäude an eine andere Religionsgemein schaft zu verkaufen. Diesmal wurde der Tempel an die N e g e f k o 1 o n i e, die jetzt den Platz der eingewanderten Juden in der Unterstadt einnehmen, verkauft. Aus der Synagoge wurden alle KunstgUgenstände, Thorarollen, Gebetbücher, Menorah, das Ewige Licht usw. weggeschafft, und die Negergemeinde konnte von der Synagoge Besitz ergreifen. Eines Tages erinnerten sich die Leiter der jüdischen Gemeinde, daß oben über der Türfront der ehemaligen Synagoge und gegenwärtigen Negerkirche ein hebräischer Bibelvers in goldenen Lettern prangt, den sie zu entfernen vergessen hatten und nicht gerne auf der Negerkirche belassen wollten. Da die neue Kirchengemeinde* auf gütlichem Wege die Entfernung der Inschrift nicht zugeben wollte, kam es zum Prozeß. Der Richter fragte zunächst, um welche Inschrift es sich handle, und erfuhr, daß es sich um die poetischen Prophetenworte handelt: ״Und sie werden mir errichten ein Heiligtum und ich werde wohnen zwischen den Kindern Israels und werde nicht verlassen mein Volk Israel.“ Die Kläger baten nun den Richter1, doch einzusehen, daß sie diese Inschrift auf einer Negerkirche nicht gut belassen können. Der Vertreter der Negergemeinde erklärte jedoch, um keinen Preis in die Entfernung der Inschrift einwilligen zu wollen. Sie hätten sich selbst keinen so herrlichen Satz als Inschrift für ihre Kirche ersinnen können. Und wer bedürfe des Trostes und de!> Aufmunterung mehr als das Negervolk und gerade die Neger in Amerika. Was nun die Bezeichnung ״Benei Israel“ (Kinder Israels) betrifft, so gebe es bereits eine beträchtliche Zahl von Negerstämmen, die sich als die wahren Nachkommen der ״Kinder Israels“ bezeichnen. Der Richter war auf Seite der Neger und entschied, daß die Inschritt einen integrierenden Bestandteil des Besitzes bilde. Der neue Besitzer könne nicht gezwungen werden, eine Aenderung an seinem Eigentum durchführen zu lassen. Das religiöse Moment, das der Kläger anführt, sei nicht schwerwiegend genug, um dem Klagebegehren stattgeben zu können. Bücher 000 Eivind Berggrav: Der Durchbruch der Religion im menschlichen Seelenleben. Aais ׳dem Norwegischen übertragen von Dr. V. H. Günther. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen. 1928. 188 Seiten. ,Oktav. Geheftet M. 8.60, Leinen M. 9.80. Berggravs Name, der mit diesem Buch z׳u׳m erstenmal ivor ׳die deutsche Loserwelt tritt, hat im ganzen!Norden einen guten ׳und weitreichenden Klang. Alle!Bücher Berggravs gehören ins Gebiet •der Religiouspsycholo'gie. Es sind keine ׳Gelehrtenarbeiten kn landläufigen Sinn, wie auch ׳seine religionspsychologischen Vorle׳s11ngen an der Universität Oslo!keine Vorlesungen sind, sondern Ausstrahlungen seiner Feuerseele. Berggrav redet und schreibt nicht über wissenschaftliche Probleme, sondern über die lebendigen ׳Fragen der G-tt suchenden Seele. Dabei hat Berggrav, eben weil er ursprüngliches religiöses Eigenleben mit solcher ׳Glut in sich ׳birgt, auch eine ganz auffallende ׳Fähigkeit feinster und völlig un-voreingenommener Einfühlung in das religiöse Erleben ariderer. ,Die Ursprünglichkeit der Gedankenfiiihrnng, die eigenartige Betrachtungsweise, die neuen ׳Gesichtspunkte sind Entdeokungen itii eigenen Erleben. Die bildhafte Anschaulichkeit der Sprache, die oft .verblüffenden Wendungen und wie Kristall geschliffenen, zugespitzten ■Formulierungen machen das Le- ■sen der!Bücher Berggravs!zu einem ästhetischen Genuß und sichern ihnen im Verein mit der gluvollen Echtheit eine unmittelbare, befruchtende Einwirkung aus das Innenleben des Lesers. Daher sind sic nicht nur wertvoll für die Theologen, die nach originalen Wleiterführungen der religionspsychologischen!Forschung fragen, sondern ׳für!joden religiös lebendigen Laien, •dem es mn die Förderung der eigenen Frömmigkeit zu tun ׳ist. 111 dem Buch ״Der Durchbruch der Religion im menschlichen •Seelenleben“ will Berggrav der Religion ihren!fes!gesicherten Platz im Menschenherzen anweisen. Nicht eine Erfindung der Priester, nicht eine Selbsttäuschung aus Furcht oder Wunsch geboren ist die Religion, sondern ein Grundtrieb des menschlichen Seelenlebens. Ueberall wollen wir über die ,Grenzen des ׳Erreichten hinaus. ,Das weist ׳Berggrav sehr fesselnd ausführlieh nach für ■alle Gebiete seelischen Lebens: Denlken, Moral, Kunst. Jedoch ist dieser grenzüberschreitende Grundtrieb nicht beschränkt auf ׳die einzelnen Gebiete, sondern er ist der Lebensgrundtrieb der menschlichen Persönlichkeit überhaupt, er ist ein Teil des Wesens unseres Ich. Er ist die Wiunzel der Religion. Wo sich diese grenziiberschreitende Tendenz, das ganze Ich erfassend und einbefassend, regt, da greift sie über das eigene Ich hinaus nach dem erhaben-verwandten ׳Ich-Machtjenseits alles Menschlichen — lind wird von dieser ergriffen, berührt!sich ■mit ׳ihr a׳u׳f der ,Grenze. ׳Diese Beriilming selbst kann nur der ׳einzelne für sich erleben; an der eigentlichen Schwelle der Religion hört ׳das Bereich wissenschaftlich allgemeingültiger Beweisführung auf. Aber die religions-psyehologische Analyse kann in der grenzüberschreitenden Tendenz' der Menschensee'le die Brunnenstube, den Ouellgrund der Religion uachweisen als zum Wesen und zur realen Wirklichkeit der Menschenseeiie ׳gehörig. So läßt sich — wissenschaftlich einwandfrei — tatsächlich uachweisen, daß 1Religion .naturhaft zur Menschenseele gehört, daß sie •nicht von außen her als!Fremdkörper in sie hineingetragen ist. Man spürt in dem Buch ebenso ׳das feine Einfühlungsvermögen des Verfassers wie seine rücksichtslose Realistik, die auf die Erfassung der nackten Wirklichkeit gerichtet ist. In dieser Beziehung war es bezeichnend, daß Berggrav bei seiner Osloer Doktordisputation, der dieses Buch zugrunde lag, selbst gebeten hatte, daß ein Professor er Medizin als offizieller Opponent der Universitat bestallt werde. Weil alles in •dem Buch vom Verfasser selbst durchlebt ist, kann die Lektüre den Leser zu eigenem Nacherleben und zu einer Art Selbstentdeckung führen. Joachim Edler v. Popper. Ein Zeit- und Lebensbild aus der Geschichte der Juden in Böhmen-mit 12 Abbil-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.