Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 47 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 JÜDISCHE PRESSE Seite 3<H CUeitttthn *st die Siegesfeier des jüdischen Geistes fuilällllKci über Äußere Macht. Jüdischer Geist ung und Lebensform. Chanukafeier ist das Bekenntnis zur Thora. Keren Hathora kenntnfsses aufl Keren Hathora vUt.Thor”fo"ds des i0dlache" Gedenket zu Channka וווווו!וווווווו1ו!וווווווו!וווווווו!1ווו1!!וווווו1ווווו!ווווווווווווווו1ווווווו!וווו!1ווווווו1)1ו1)1ווווווווווו1]1ןווווו!ו1ווווווווווווווווווו des Keren Hathora! Traget alle reichlich und f eudig Eure Gaben herbei, füllet die Keren Hathora-Büchsen in Eurem Hausei , Wer den Keren Hathora fördert, trägt zum Bestand der Thoralehrstätten, zur Erhaltung von lausenden junger lhora• beflissener beil F11r Thnra dieses Losungswort des Chanuka rill UIC lllUld• be eistere auch dieses Jahr jeden von uns zu hoher Opferfreudigkeitl Durch den Keren Hathora: SSr Sä,™ Jahrzehnt erwiesen, daß er kein anderes Streben hat, als nur die Thora. Ms rechte Eiben der Vergangenheit verstehen wir den Ruf der Gegenwart und bauen für die Z u k u n f t durch die Mitarbeit an der Chanuka• Aktion des Keren Hathora Kislew 5689. Zahlungen an: MalraroilstiiB IHM Wien. Konto Heien Hatnora Keren Mora-Zentrale Wen, 11״ Leoppidsgaüe 2§ triften in das Judentum verstärkt werden, also beträgt der Zuwachs 2973 Personen. Gestorben sind in demselben Jahre 2695 Personen, hiezu kommen noch 881 Ausgetretene, somit insgesamt 3576, also ein Verlust von 603 Personen. Im Jahre 1927 sind aber bloß 1479 Geburten zu verzeichnen und bloß 283 Eintritte, also, ein Zuwachs von 1762 Personen, gestorben sind in diesem Jahre 2739 Personen und ausgetreten 1063, also ein Abgang von 4501 Personen, so macht der absolute V er Tu st an Seelenzahl im Jahre 1927 2739 Personen aus. Die Zahl der Trauungen sank ebenfalls nicht unbedeutend, im Jahre 1924 wurden noch 1470 Trauungen vollzogen, im Jahre 1927 bloß 1159. Die wi rt s c h a f 11 i c he n Verhältnisse sind so schlecht, daß mit einer Zuwanderung nach Wien nicht zu rechnen ist. Somit müßte eine vernünftige Gemeindepölitik die vorhandenen jüdischen Menschen für das lebendige Judentum rechtzeitig interessieren, rechtzeitig, nicht durch den Bau einer prunkvollen Zeremonienhalle, die im besten Falle unsere Glaubensgenossen für ein schönes Begräbnis am Judenfriedhof gewinnen kann, sondern durch die Erfassung der Jugend, durch Ausbau der religiösen Institutionen und durch die Schaffung von jüdischen, im religiösen Geiste geleiteten Schulen. Dies wäre unseres Erachtens der Beginn vernünftiger, die Zukunft der Wiener judengemeinde sichernder Gemeindepölitik. j. Schiffschul und Kultusgemeinde. Von einem prominenten Vorstandsmitglled der Schlffschui erhalten wir nachstehenden Aufsatz, dem nach der prinzipiell so bedeutsamen Stellungnahme der Schlffschui zu den Kultuswahlen eine erhöhte Beachtung zukommt. Wenn auch Erklärungen von programmatischer Bedeutung besser vor der Wahl veröffentlicht werden sollten, so glauben wir eine u. E. solch bedeutsame Kundgebung unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen. D. Red. Vor einiger Zeit hat eine Stelle, für die Wahrheitsliebe und Sachlichkeit kein unbedingtes Erfordernis im! öffentlichen Leben ist, die Behauptung aufgestellt, daß die V e r t r e t e r d e r A g'u d a h im Kultusvorstande darauf ausgehen, die Kultusgemeinde zu zerstören. Zunächst muß bemerkt werden, daß die Bezeichnung der ortho- ׳doxen Vorsteher als Vertreter der Agudah eine, sagen wir, Ungenauigkeit ist, die den Tatsachen vollkommen widerspricht. Die Agudah ist durch ihr vorgestecktes Ziel, durch das Programm, auf dem sie steht, von vornherein jedem politischen Kampf und jeder politischen Stellungnähme weit, weit entrückt. Sie hat eine ethische Aufgäbe auf sich genommen, und diese erfüllt sie in allen Teilen der Welt. Sie hat dahin zu wirken, daß das ganze jüdische Leben in allen seinen Phasen ausschließlich von dem Geiste der Thora durchdrungen, beherrscht und geleitet werde. Es ist darum selbstverständlich, wo wahre Jehudim für jüdische Angelegenheiten in wahrhaft jüdischem Sinne sprechen, dies selbstverständlich nur An* | hänger, überzeugte Anhänger der Agudah sein müssen. Ja noch mehr, wenn irgend etwas in wahrhaft jüdischem Geiste wo immer und von wem immer gemacht wird, i kann dies nur im Geiste der Agudah, aus der Denkweise | der Agudah heraus, geschehen, selbst wenn derjenige, j der es tut, sich dieser geistigen Zugehörigkeit gar nicht bewußt ist. Es ist darum selbstverständlich und natürlich, daß die jüdische Bevölkerung, soweit sie bewußt dem überlieferungstreuen Judentum angehört, in jüdischen Be- 1 langen sich vernünftigerweise nur. allein von Agudisten 1 vertreten lassen wird. Die Agudah als solche braucht keine Vertreter und hat auch keine Vertreter im Kultus- Vorstände. Unsere Vertreter haben das Interesse der organisierten, zielbewußten Orthodoxie wahrzunchmen und zu sichern. Und diese Tätigkeit ist dem Bestände der Gemeinde sicherlich weit mehr förderlich als die nebelhaften Pläne von der Ausgestaltung der ״V01ks“gemefnde, von der nicht zwei Menschen sich das gleiche Bild machen können. Wir Juden, die wir mit unserem ganzen Herzen und unserem ganzen Denken im Judentum leben, werden uns ehrlich bestreben, zu vermeiden, durch Verspottung oder durch Schmähung Andersdenkender uns in besserem Lichte erscheinen zu lassen. Wir haben unser klar vorgestecktes Ziel, das jeder unserer Anhänger kennt und dem jeder zustrebt. Wir wollen alle unsere religiösen Angelegenheiten ohne Ausnahme vollkommen selbständig und vollkommen unabhängig schaffen, leiten und erhalten. Seitdem religiöse Juden hier in Wien sind, hat dieses Programm keine Aenderung erfahren und es wird auch immer unverändert bleiben müssen. Denn der Gegensatz der Wel'an'chauung zwischen dem überlieferungstreuen Judentum und dem Reformjudentum ist kein quant i t a t i v e r, sondern ein q u a 1 i t a t i ver. Diesem letzteren stellt sich die jüdische Religion als Ergebnis einer evolutionären Geistesentwicklung dar, das den Zeit- und Lebensverhältnissen sich jeweils anpaßt. Für uns aber •ist ein unabänderliches, von G-tt für alle Zeiten offen* hartes Gesetz, das ewig verbindlich bleibt. Zwischen diesen beiden Weltanschauungen gibt es keine Vermittlung. Aus zwei kann man nie eins machen. Wenn man also wahren Frieden haben, wenn man positive Arbeit leisten will, muß man das anerkennen und muß sich sagen, daß in den Fragen der Weltanschauung, in Fragen des Gefühles niemals Majorität und Minorität entscheidet. Die Erkenntnis dieser Tatsache mußte folgerichtig zu einer reinlichen Scheidung, zum Gedanken der Trennungsgemeinden führen. Ueberall, wo dieser Gedanken zur Tat geworden ist, entwickelten sich mächtige, blühende Gemeinwesen, die dem überlieferungstreuen Judentum immer neue, erstärkende Generation erzogen. Ja noch mehr, sie führte auch mitunter zur Neubelebung und Wiedererstarkung des religiösen Geisteg und jüdischen Bewußtseins in den andersdenkenden Gemeinden. Wo aber die politische Gesetzgebung der natürlichen Entwicklung hinderlich war, zeitigte die Macht auch Herrschgelüste, und das zahlenmäßig stärkere Reformjudentum drängte die glaubcnstreue Minderheit in einen ohnmächtigen Widerstand. Sie wurde gezwungen, die Möglichkeit zu erkämpfen, ihre lebensnotwendigen Anstalten aus eigenen Mitteln sich zu verschaffen. Gnädig angebotene Mandate für die Gemeinde- Vertretung lehnten die Ueberlieferungstreuen ab, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, der Verletzung und Unterdrückung des thoratreuen Judentums passive Assistenz zu leisten. Die Abstinenz als Abwehrmethode mußte hier eine Aenderung erfahren, als nach dem Umsturz das Proportionalwahlrecht eingeführt wurde. Dadurch wurde auch einer Minderheit möglich gemacht, ihre Stimme an berufener Stelle zu erheben und ihr Recht geltend zu machen, sei es, daß es auf Grund freier Vereinbarung von der Mehrheit in aller Form anerkannt und zur Durchführung gebracht werde, sei es, daß eine Aenderung der drückenden Zwangsgesetze erzielt werde. So zogen unsere Mandatare — drei an Zahl — in die Kultusstube ein. Die Aufgaben, deren diese Herren gegenüberstanden, waren die denkbar schwierigsten und verwickeltsten, zumal bei dem damaligen Stand der Dinge. Die Gemeinde war vor dem völligen Zusammenbruch. Die Forderungen der Beamten konnten nicht befriedigt werden. Die Wohlfahrts- und Fürsorgeanstalten waren in würgender Not. Die Stiftungsgelder waren entwertet. Die stürmisch brandenden Wogen des politischen Kampfes ließen keine Atempause für ruhige Arbeit und Aufbautätigkeit. Unsere, die orthodoxen Vertreter, die Vertreter der ... Trennungsorthodoxie hatten aber das Wohl der gesamten Judenschaft im Auge und halfen redlich mit der ganzen Kraft, die in allen Fugen krachende Gemeinde über die Schwierigkeiten hinwegzubringen. Die im allgemeinsten Interesse geleistete Arbeit hat — sie haben das offen erklärt — die. alten Grundsätze nicht im geringsten erschüttert,; und das alte Ziel, die vollkommene Selbständigkeit für die Schaffung, Leitung und Erhaltung aller unserer religiösen Amtallen steht immer unverändert und unyerrückbar . vor unseren Augen und wird ׳von uns mit der ganzen Kraft, mit der ganzen Liebe unseres Herzens angestrebt werden. Dieser Gedanke ließ sie jedoch die Pflichten des Augenblicks nicht vergessen. Die glaubenstreue Bevölkerung in den verschiedenen Teilen Wiens, die TlSSGi *imm$f;'^ttMeWWlEDm,HAUPTSTRJ9 /!iU^HTEILZÄHLÜNdr Wir liefern 10 neue Platten mit S 10.— Anzahlung und S 2.— Wochenrate ohne Preiserhöhung haben Sie als Substitut ebenso mitzu wirken und zu stiramen wie Herr Rabbiner Horwitz und dessen Substitut Herr Rüben Baruch,1) daher auch in vorkommenden Fällen kollegialisch beraten und nach Stimmenmehrheit der Be- Schluß gefaßt werden soll. 5. Indem Sie die bezeiohnete Koscherfleischaufsicht gemeinschaftlich mit dem ״Herrn Rabbiner zu führen haben, werden Sie sich über Einteilung der Zeit und der verschiedenen Funktionen mit demselben ins Einvernehmen setzen,“3) Eine Statistik über die orthodoxen Mitglieder. Zum Zweck einer Orientierung wurden R. La-zar Hörwitz und R. Salomon Spitzer vom Vorstand beauftragt, eine Zählung der orthodoxen Mitglieder vorzunehmen. Am 15. November 1861 erhielt ■der Vorstand folgende Ergebnisse: ״Ueber Ihren uns gewordenen verehrlichen Auftrag, nach welchem wir Ihnen die Zahl derjenigen Gemeindemitglieder nennen mögen, die sich rücksichtlich des öffentlichen G-ttesdienstes zum orthodoxen Ritus bekennen, beehren wir uns, zu berichten, daß wir das Verzeichnis der Gemeindemitglieder durchgegangen und beiläufig 447 solche Fami-!ienhäupter ermittelt haben. Wir müssen jedoch bemerken, daß bei der großen Population der Gemeindeangehörigen diese Annahme durchaus nicht als eine genaue, sondern vielmehr als eine beiläufige betrachtet werden muß, geschweige denn, daß dieselbe für kommende Zeiten irgendwie einen Maßstab abzueeben vermöchte. (Gez.) Lazar Horwitz. Rabbiner Salomon Spitzer.“ Im Anschluß an dieses Schreiben befindet sich die Beilage: ״Schönlaterngasse *) R; Kuben Baruch b. Jehuda (1811 bis 1875), auch Chacham in der sephardisch-türkisehen Gemeinde in Wien. 2) Kopierbuch 1859, 31. Jänner. Nr. 20. 44 Mitglieder, Ankerschule 34, Polnische Schule 33, Privat 42, zusammen 153 Mitglieder.“1) Eine Trauung unter freiem Himmel Um sich gegen Reformen zu schützen, benützte ein orthodoxes Mitglied, wohl im Einverständnis mit mehreren Orthodoxen, die Trauung seiner Tochter zum Anlaß, gegen die damalige, zwar nicht reformierte, aber reformanstrebende Gemeinde behördlich vorzugehen, ln einem Erkenntnis der Polizeidirektion vom L Jänner 1862, Zahl 46.468, an den Vorstand gerichtet, heißt es wie folgt: ״In Erledigung des von dem Kaufmann L . . . K. . . ., Leopoldstadt Nr. 320, unmittelbar bei der h. k. k. n.-ö. Statthalterei überreichten Einschreitens wegen Vornahme der Trauung seiner Tochter i׳n dem Vorhof der Synagoge in der Leopoldstadt, Ankergasse, in altherkömmlicher Weise, nach altgläubiger Sitte und Zeremonie, unter Aufstellung des Trauungshimmels durch den Rabbiner Salomon Spitzer hat diese Polizeidirektion dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in höherem Auftrag zu eröffnen, daß die h.k. k. Statthalterei keinen Anstand nimmt, dem Begehren des Bestellers zu l *) Archiv, 15. November 1861. NEU ERÖFFNET! שטיענג ארטה. כשר שטרענ ארמה• כשר Selchwaren - Restaurant EISEN & CO. ¥11., Neubaugasse 15, Tel. B-30-9-61 Die alte führende Harke. Zu Jeder Tagesselt frisch gebratene Gansf. willfahren und daher zu gestatten, daß die Trauung seiner Tochter — vorausgesetzt, daß derselben kein gesetzliches Hindernis im Wege steht — a׳n dem genannten Ort. durch den Rabbiner Salomon Spitzer vorgenommen werde. Was jedoch des Petenten weiteres Begehren betrifft: ein für allemal anzuordnen, daß der Vornahme einer Trauung nach altem Ritus in der ob,gedachten Synagoge von seiten der sogenannten reformierten Juden und Prediger kein Hindernis in den Weg gelegt-werden dürfe, dann, daß dem bei der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde angestellteh Rabbiner La-zar Horwitz für die ganze Wiener Stadt und dem Rabbiner Salomon Spitzer in seiner Funktion in der Leopoldstadt gestattet werde, israelitische Trauungen nach altgläubiger Sitte in geeigneten Lokalitäten vorzunehmen — so ist die k. k. Polizeidirektion beauftragt, zu eröffnen, daß die ■hohe k. k. Statthalterei sich nicht veranlaßt findet, eine solche allgemeine Verfügung zu treffen.“1) Der Dichter Ludwig August Frankl, damals Sekretär der Gemeinde, übermittelte in einem Schreiben vom 6. ,Janner das Dekret an den Vorstand und stellte den Antrag, eine Rechtsverwahrung gegen die orthodoxe Partei, mehr noch, gegen die Einmischung der Behörde in religiöse und rituelle Angelegenheiten einzulegen.2) R. Salomon Spitzer" mußte sich auch entschuldigen, wie aus dessen Brief an den Vorstand vom 14. Jänner hervorgeht. Dieser lautet: ״Der Sekretär der Gemeinde, Dr. Frankl, hat mir in Ihrem Aufträge mitgeteilt, daß Sie, hochwohlgeborene Herren, es zu Ihrer Befriedigung vernommen haben, daß ich das Ansinnen des Herrn L , . . K . . seine Tochter im Hofrau-m der Synagoge in der Ankergasse zu trauen, abgelelmt und so, den ■mir von der löblichen Kultusgemeinde unvertrauteii *) Nr. 13 ex 1862. 3) Nr. 18 ex 1862.