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Jüdische Presse · 1928-09-14 · 36 (14.9.1928) · page 9

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Journal
Jüdische Presse
Volume
14 (1928)
Issue
36 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE PRESSE Seite 235 s c h o c lm o s 1 o w 33 Mk ® i Aus der Tagung der orthodoxen Landeskörperschaften. Am 5. und 6. September tagte in •Bratislava der Verwalt 11 n>g s a 11 ssc huß der 0x th 0 d 0 xisraelitischen!Konfession in der Slow a ik e i in Gemeinschaft ׳mit der Rabbinerkommission und anderen Landeskommissionen der ׳Konfession zur Erledigung dringender laufender Angelegenheiten. An der Spitze der Tagesordnung standen die Vorbereitungen zu dem bevorstehenden J u b i 1 ä u m de r •t s c 11 e c 11 oslo w a;k i s c h e 11 ׳R e p;11 b 1 i k aus An- ,laß ihres zehnjährigen Bestandes.!Die Anwesenden brachten dieser Angelegenheit das größte Interesse entgegen. Präses 0 b e r r a b b i n e r Weber leitete die Beratung mit einer Ansprache ein, in der er ausführte: ״Die tschechoslowakische ׳Republik ist im Begriffe, das zehnjährige iBestandes-Gründungsfest zu feiern. Am 28. Oktober dieses Jahres werden es nämlich zehn Jahre, daß sich dieser ׳Staat in die europäische Staatengemeinschaft eingereiht!hat und soll die Bedeutung dieses Tages, wie nicht anders zu erwarten steht, durch großangelegte patriotische Veranstaltungen in dem Bewußtsein •der iBevölkerung.für alle Zukunft verankert werden. — Es ist nun natürlich, daß wir orthodoxen Juden an diesen Veranstaltungen entsprechend Anteil nehmen und dieses Pest in einer der orthodoxen Judenheit wiirdigen Weise mitfeiern wollen, um ■so mehr, als wir ja das'zehnjährige Wiegenfest •der slowakischen orthodoxen jüdischen Organisation ebenfalls in diesein Jahre feiern können. Denn gleich nach dem Umsturz wurde das große Werk der Organisierung der slowakischen Orthodoxie begonnen. Ende 1918 hat hier in;Bratislava eine engere Beratung der rabbin'ischen und weltlichen. Vertreter der orthodoxen Gemeinden stattgefunden, ׳in der einstimmig der Beschluß gefaßt wurde, alle orthodoxen Gemeinden a׳uf dem Gebiete der 'Slowakei organisatorisch zu erfassen und im Sinne der tschechoslowakischen Verfassung ׳und den Gesetzen des neuen Staates entsprechend auszubauen. Die Konferenz in Poprä'd in Anwesenheit des ׳Hunsdorfer Gaon anfangs 1919 und ׳schließlich der Schlußstein zu י dem (Bau der orthodoxen Organisation, der im Monat August desselben Jahres am ersten Delegierten,tage aller orthodoxen Gemeinden der SIowakei!gelegt wurde, waren nur eine 'Folge und Ausführung der Ende 1918 in Bratislava gefallenen Entscheidungen. So daß wir füglich ׳mit Genugtuung sagen können, daß •die orthodoxe slowakische Organisation genau so alt ist wie •die tschechoslowa- ■SSm■— ־־־׳ ■־״ schiwo darstellfe. Unterschrieben war der Generalsekretär Sikoski, einer der Bevollmächtigten Henry Fords. — Der Rabbi hat zunächst, nachdem er sich über den Zusammen1hang orientiert hatte, abgelehnt, nicht aus Animosität gegen Ford und dessen Vertreter, sondern aus feinem Taktj, der ihn lehrte, eine Klärung der Sache und eine Aussöhnung zwischen Rabbi Malin und dem: offiziellen Rabbinate in Bialystock abzuwarten. Wir wollen hoffen, daß diese Klä■* rung und Versöhnung bald stattfindet, damit die Jeschiwot eröffnet werden kann und Henry Ford bei der Feieilr lichkeit das ״Mischeberach“ bekommt. Jetzt verdient er es ehrlich... ׳ Der Ger Zedek von Brooklyn. Israel Glückmann ist eine bekannte jüdische PersÖnlichkeit in New York und in ganz Amerika. Getauift (jawohl, getauft!) ist er auf den Namen Wassili Gubi! in einem kleinen russischen Städtchen im Wjatker Gou1vernement. Heute steht er an der Schwelle der Siebenr zig, ein Hüne von Gestalt, aber mit einem goldenen jü,- dischen Herzen, von einiger jüdischer Gelehrsamkeit und einer Frömmigkeit ohnegleichen. Der Stolz seines Lebens' Ist sein ältester Sohn, der in einer Vorstadt von New York als angesehener gesetzestreuer Rabbiner wirkt. Die Geschichte dieses ״Ger Zedek“ ist einfacher als alle anderen Proselytengeschichten, aber nicht minder interessant. Einer echtrussischen Familie entstammend, diente er in jungen Jahren als Offizier in der Armee von Al6xander III. und avancierte sehr schnell. Kau,m ein Drei!- ßiger, legte er aber plötzlich die Uniform ab, warf alle Aemter von sich und bekannte sich zum Judentum, däs׳_ gerade damals, wie kaum zu einer anderen Zeit, in Ruß־! land politisch und wirtschaftlich sehr ־fliedergehalten war. Ueber die Beweggründe für diesen Schritt spricht deii Ger nicht. Nach Aussage seines Sohnes, des besagten Rabbiners, sei er durch die Absage Tolstois an die offA 'ziehe Kirche, überhaupt durch die Werke dieses Dichter- Philosophen zum Nachdenken über 'Dinge des Denkens! und Gläübens angeregt worden, und er ging den Weg bis zum letzten Ende. Ueber Leo Tolstoi kam er zum ' Alten Testament und von dort zur jüdischen Thora. Selbstverständlich mußte er bei diesem Wandel in seinem innern und äußern Leben Rußland verlassen. Et» wänderte ■zu Fuß nach Palästina. Er hatte damals bereits Familie, eine Frau und vier Kinder, die zusammen mit den Verwandten, alle reiche Gutsbesitzer, sich׳ alle erdenkliche Mühe gaben, ihm wieder heim und zur Kirche zu bringen. Ihre Anstrengungen waren vergebens. ׳kische Republik. Wir werden •daher am Schlüsse dieses bürgerlichen Jahres ein Doppelfest feiern: das Fest des zehnjährigen Bestandes der tschecho- •slowakischen!Republik und das zehnjährige Jubiläum der •slowakischen/orthodoxen jüdischen Lan- ׳desorganisation. — Mit tiefer Verehrung blicken wir!zu dem Begründer der Republik, zum ersten Ober- ׳hau.pt!dieses Staates, zum P r ä s i d e 111 e 11 T. G. ׳Masaryik empor, dessen Persönlichkeit diesem Lande das Gepräge aufdrückt und der •gerade wegen seiner .abgeklärten, einwandfreien ׳und unverfälschten ׳demokratischen Gesinnung in der ganzen!zivilisierten Welt gefeiert wird. — Erhobenen!Hauptes stellen wir aber auch fest, daß die •unverjährbaren Grundlagen der selbständigen Orthodoxie, die ׳tadellose Glaubens- •und Gewissensfreiheit, das höchste Postulat der Demokratie bildet. Es ist daher nur stilgerecht und sinngemäß, wenn wir diese zweifache Feier im Zeichen des Vertrauens׳ in die Zukunft der Republik und im •Zeichen des Vertrauens in die Zukunft der slowakischen Orthodoxie mit aufrichtiger!Freude festlich begehen.“ Die Ansprache des (Herrn Qberrabbiers ■wurde von ,den Versammelten ׳mit ■großer Begeisterung angehört und einhellig gebilligt. Ueber Antrag des!Herrn 0 b e r r a b ■b i n e r s W eher erklärte sich hierauf!die gesamte Verwaltungskommission als großes Jubiläumskomitee ■und schritt sogleich!zur Ausarbeitung eines großzügigen Programmes. Es wurde beschlossen, am 28. Oktober im ganzen Lande feierliche G-t t e s d i e n s t e zu veranstalten. Ein aus drei Rabbinern .und ■drei Laien zusammengesetztes Subkomitee wurde damit betraut, für diesen Jubliäumsg-ttesdienst ein besonderes heibräisches F est- ■und!D ankgeb et zu verfassen, das sämtlichen Gemeinden in entsprechender Anzahl zur Verfügung!gestellt wird. Das Programm des ׳G־ttesdienstes und aller anderen Veranstaltungen aus diesem Anlasse •im einze'lnen wird dep Gemeinden im Zirkularwege be-!kanntgegeben werden. Auf Antrag des!Herrn Simon Ehrlich (Kosice) - wird beschlossen, den Bericht über diesen Punkt der, Tagung sofort in Druck ׳zu legen •und den Gemeinden ‘ zuzusendeu. Den Hauptteil!der Beratungen bildete die Fort- , Setzung der im Juli d. J. •unterbrochenen Verband- Sieben Jahre arbeitete der Ger als einfacher Feld- Arbeiter in Petach -Tikwah und vermählte sich in diesen Zeit vollends mit jüdischem Geist und jüdischem Wesen, eignete sich auch die primitivsten Kenntnisse des Juden-, tums an. Als in Rußland das neue'Glaubensgesetz zur! Durchführung kam, eilte er dahin und bewirkte gesetzliehe Scheidung von der christlichen Frau. Auf dem Rückwege heiratete er in Kowno ein frommes jüdisches Mädchen, ׳namens Soro Plot und wänderte mit seinem jungen Weibe nach Brooklyn in Amerika aus, wo er heute noch seit dreißig Janren in ungetrübtem Familienglück lebt. Als seine jüdische Frau mit dem ersten Kinde unter dem Herzen ging, hatte er ein Gelübde auf sich genommen, das Kind, wenn es ein Knabe sein sollte, zum Rabbiner ausbilden zu! lassen. Er hat sein Gelübde gehalten. Der Sohn besitzt reiches, Thora wissen und ist seiner Gemeinde ein guter religiöser Führer geworden. Der Mann ist jetzt 68 Jahre alt, aber noch unge;־ mein kräftig, arbeitet von früh bis spät lind sucht in! seiner freien Zeit sein jüdisches Wissen noch zu ver!- tiefen. Seine Frömmigkeit geht so weit, daß er aus reügiösen Gründen ablehnt, sich photographieren zu lassen,׳. Rabbi Israel Glickmann ist eine bekannte Persönlichkeit^ er ist der ״Ger Zedek“ von Brooklyn. Zarin Jekaterina und der kluge Jude. Jekaterina, die Große, die legendenumwobene Zarin von Rußland, hatte Sinn und Verständnis für ein kluges( Wort. Mit einem Anekdötchen, einer gelungenen Schnurre in guter Stunde konnte mau bei ihr miehr ausrichten alK mit allen Petitionen. So geschah es einmal,, daß die lebenslustige, Beherrscherin aller Reußen auf dem Wege; von einem Volksfeste, an dem sie als einfache Bürgerin verkleidet inkognito sich beteiligt hatte, einen kleinen jü־ dischen Handelsmann antraf, ihn stellte und, gutgelaunt,, ausfragte. ״Wohin, Jude?“ \ ״Wohin. denn sonst, als dem Verdienste nach?“ ״Du arbeitest?“! ״Wie denn sonst? Umsonst wird mir keiner was geben.“ י ״ ־Wieviel verdienst du in der Woche?“ . ״Zwölf Rubel.“ ,,.:£ .• 1 ״Das ist viel. Was"‘machst du mit soviel Geld?*‘; -Der Jude machte ein langes Gesicht und sagte abweisend: ״Es genügt mir, daß ich meinem Weibe Rechenhingen über den ׳Statutenentwur!f, •die auch diesmal nicht zu Ende geführt werden konnten. Das׳ R a •b b i n e r!k 0 m i t e e beriet außerdem unter Heranziehung der anwesenden Rabbiner, die dem Rabbinerkomitee nicht anghören, über die allge- •meine ׳Sittenverderbnis und die Gefahren, die sich -auch für das Judentum und die jüdische!Moral aus den gemeinsamen Strandbädern ergeben. Es wurde beschlossen, e i 11 e ׳n Aufruf der ׳R a bb i n e r an •die s 1 0 w a k i s c ׳h e J u d •e n s c 11 a f t zu richten und außerdem strenge religiöse und •gesellschaftliche ׳M a ß n a •11 m e 11 g egen alle J 11 d e n u 11 d J ü d i 1111 e 11 z u treffen, die sich •trotz aller Verwarnungen in Klei d •u 11 g und Verhalte n •d ׳en Forder u ngen des Jude>11111111s \vi׳der■setzen. An der Schwelle des neuen Jahres in Podkarpatska-Russ. Von unserem Mitarbeiter. Seitdem an dieser Stelle von unserem jüdischen Leben!hier erzählt wurde, hat sich eigentlich nichts Denkwürdiges zugetragen.!Und doch machen wir jetzt eine interessante und ׳vielleicht auch entscheidende Wandlung durch.!Immer größer wird die!Zahl derer, •die einzusehen anfangen, daß ׳in •das wirre Durcheinander endlich Ordnung gebracht werden müsse, wenn nicht alles, was ׳jüdisch ist, rettungslos zugrunde gehen soll. Noch hat sich •diese Stimmung nicht zu •deutlichen und praktischen Taten verdichtet; noch haben sich alle ׳jene, in denen ■der ׳Wunsch nach zielbewußter orthodoxer!Arbeit erwacht ist, nicht zu einer ־ organisierten Gemeinschaft zusammengeschlossen. Aber •die Zeichen einer inneren Wandlung sind vorhanden und wenn ein 'bis zwei beherzte und verständnisvolle Menschen jetzt auf den Plan treten und das Volk aus seiner ohnmächtigen Lethargie •in •die Höhe reißen würden, könnte vieles von ׳dem wiedergewonnen werden, was das wahre •Judentum in •den .letzten Jahren in unseren Gemeinden verloren •hat. Einzig un'd allein •darauf kommt es in diesem Augenblicke bei uns an; davon allein!hängt es a'b, ob ,wir uns von •den Verlusten, die wir durch unsere unverantwortliche Zerfahrenheit in unserer lächerlichen Unselbständigkeit uns selber verursacht ׳haben, erholen werden. Wier Augen hat, zu sehen, und ein Herz, zu fühlen, muß von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß •die Untätigkeit unser größter Feind ist und daß wir es selber in der!Hand!haben, •diesen größten Feind unschädlich z׳u machen, wenn •wir nur den!Mut aufbringen, eivnstlich zu wollen. Vorläufig behaupten die Gegner des organisierten religiösen Judentums, •die Zionisten, immer noch das Feld. Für den Zionismus können sie zwar nicht viel ׳tun. Das ist ihnen aber nicht die Hauptsache.!Ihnen erscheint es wichtiger, dem wahren Judentum etwas •zuleide zu tun. Das ist auch so ziemlich das einzige, worüber sie unter sich einig sind. Jüngst erst hat die IMunkacser Stadt dem zionistischen •Gymnasium abermals eine Subvention von 15.000 Kronen bewilligt. Man fragt da vergebens; Wo waren die frommen jüdischen Stadtvertreter, als man den jüdischen Steuerzahlern den Schmerz bereitete, auf ihre eigenen Kosten ein geistiges Attentat auf ihre Kinder auszuüben? Die Existenz dieser zionistischen Anstalt in einer Gemeinde wie (Munkacs wäre unmöglich, wenn wir ein Körnchen von Selbstbewußtsein besäßen und zu sprechen verständen dort, wo wir schaft ablege und außerdem auch noch dem ״Herrn der Welt“ Rechenschaft schulde. Für fremde Weiber habe ich wahrlich keine Zeit. Gehabt Euch wohl!“ Sprach’s und wollte sich aus dem Staube machen. Aber Jekaterina ließ ihn nicht los. ״Weißt du, Jude, mit wem du sprichst?“ ״So soll ich von all meinen Leiden und Sorgen wissen.“ ' -; י י ״Jekaterina, die Kaiserin von Rußland, spricht zu dir.“ v Da fuhr dem Juden der jähe Schrecken in Hände und Beine und er fing an, mit nervöser Hast in der Tasche herumzuwühlen. ״Was suchst du da?“ ״Meinen Paß“, antwortete der Jude, vollkommen außer Fassung. ״Ist nicht nötig,“ lachte die Kaiserin und wieder1holte ihre Frage, auf die ihr der Jude noch Antwort) schuldig war ,nämlich, was er mit zwölf Rubeln in der! Woche mache. Der Jude hätte inzwischen seine Fassung wiederV gewonnen, und die Schwäche der Kaiserin für Witze u|nd Worträtsel kennend, gab er folgende Auskunft; ' ״Mit einem Drittel meines Einkommens, bezahle ich meine Geburt, ein zweites Drittel geht darauf, daß man mich nach dem Tode nicht verwünscht, mit dem letzter* Drittel .sättige ich meine hundertachtundzwanzig Kostgänger.“ Jekaterina fand Gefallen an dieser Redeart, aber dunkel blieb ihr der Worte Sinn. ״Du 'mußt mir schon erklären, was du damit meinst,“ befahl sie. ׳ Und der Jude erklärte: ״Ich erhalte in meinem Hause meine alten Eltern,! damit trage ich mit dem Drittel meines Verdienstes die. Schuld ab an die, die mich geboren haben. Ich lass'e ־ meinen Sohn lernen und versorge meine Töchter mit orden$- liehen Männern, damit die Nachwelt in meinen Kindern und Kindeskindern nicht meinen Namen verflucht, Mit den hundertachtundzwanzig Kostgängern hat es folgende Bewandtnis: Wir zählen im Hause sechs Seelen- Mehr Weib und ich und meine beiden Kinder; wir haben zusammen viermal zweiunddreißig Zähne, die kauen wollen, das sind hundertachtundzwanzig Kostgänger. Meine alten' Eltern essen auch an meinem Tische mit,' haben; aber! keinen Zahn mehr im Munde.“ * Das Rätsel und seine Lösung gefiel .der Kaiserin.

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