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Jüdische Presse · 1928-04-02 · 13-14 (2.4.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
14 (1928)
Issue
13-14 (2.4.1928)
Date
1928-04-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13/14 JÜDISCHE PRESSE Seite 91 e Brief unseres Warschauer Korrespondenten. Die in dem polnischen Wahlkampf geschlagenen Wunden beginnen allmählich zu verharschen. Man ist bestrebt, den Schleier des Vergessens über all das Unzukömmliche und Traurige zu breiten, das besonders im Kampfe der jüdischen Parteien so überaus häßlich gewirkt hat. Realpolitik und Romantik vertragen sich nicht be-־ sonders gut und die Juden in Polen haben allen Grund; Realpolitik zu treiben. Dieses Streben nach der politischen Realität ließ die Führer der jüdischen Parteien von de!*' doktrinären und in einer weltfremden Ideologie verankerten ,Minderheitspolitik Jizchok Grün bau ms abrücken. Auch das endgültige Resultat der polnischen Wahlen hat an diesem Zustand nichts geändert. Unter den dreizehn zionistischen Abgeordneten gehören sieben der Schule 'Grünbaum an, und sie stehen mit den anderen, unter der Führung von Dr. Reich stehenden sechs 7;ionistischen Abgeordneten in schroffem Gegensatz. Diese Gegensätze innerhalb der zionistischen Fraktion dürften, da sie in: der politischen Entwicklung der beiden gegenüberstehenden Gruppen bedingt sind, kaum mit Deklarationen überbrückbar sein. Trotz' der dreizehn Mandate ist schon aus diesem Grunde die zionistische Gruppe im neuen Sejm zu vollkommener Einflußlosigkeit verurteilt. Um so mehr muß die Aufmerksamkeit auf die kleine Gruppe von jüdischen Abgeordneten gelenkt werden, die auf der Liste Pilsudskis ms Parlament kamen, unter denen der 1שוו1ווווווווווווווווווו!ו1וווו1וווווווו11ו!!וווווווווווו1וווו1וו1ו11 >1!)1ווווו1וווווווווווווווווווו!ווו)1ווווווווו1)1ו!וווווווווווו!וו1!ו Agudafiihrer Elias Kirschbaum und der Vertreter der Kauflebte, Herr Wislitzki, besonders hervorzuheben sind, da beide bereits eine große jüdische Vergangenheit hinter sich haben. Schon der Umstand, daß diese Kandidaten auf der Regierungsliste figurierten, verdient eine ganz besondere Beachtung. Es ist dies zum erstenmal, daß das wiedererstandene Polen, das unter der Führung des Generals Pilsudki eine liberale, auch den Juden gegenüber ver* ständnisvolle politische Linie einhalten will, dies auch durch' Aufnahme von jüdischen Männern in die Reihe ihrer parlamentarischen Vertreter dokumentiert hat. Die religiösen und wirtschaftlichen Interessen des polnischen Judentums bekommen hiedurch in der Regierungspartei Vertreter, die, abhold jeder deklamatorischen und auf äußerliche Demonstrationen bedachten Politik, in ernster Aufbauarbeit dies wirklichen Interessen des polnischen Judentums wirksam verfechten werden. Es wird diese neue Konstellation selbstverständlich auch auf die innerjüdischen Verhältnisse eine tiefe Wirkung ausüben. Abgesehen von den großen chassidischen Massen, die schon jetzt bei den Wahlen offen für die Regierungsliste agitiert und gestimmt haben, wird sicherlich Agudas Jisroel, die diesbezüglich bisher eine: schwankende Politik verfolgt hat — bei den Wahlen im Jahre 1922 hat sich auch Agudas Jisroel an der Bildung des alle Nationalitäten umfassenden Minderheitsblocks beteiligt — unter der Führung von Kirschbraun ihren Platz auf der Seite der Regierung einnehmen. Diese neue Orientierung ׳kam in den programmatisehen Erklärungen K i r s c1h׳b r a u n s, die er während der dieswöchentlichen Budigetberatung im Parlament abgab, klar zum Ausdruck. Er wies die Anmaßung 1G r ii nlb a u m s, der für sich allein das!Recht in Anspruch nehmen will, i׳m Nnrnen der polnischen Juden sprechen zu dürfen, energisch zurück, und betonte, ■daß A g u d a s Jisroel wie die gcsa!m t c n i c h t z ii o iri s t i s c 11׳ e Orthodoxie — die überwiegende Mehrheit der polnischen Judenheit — unter Pilsudskis Regiment, eine regierungsfreundliche Politik mitzumachen gewillt ist, ohne Rücksicht auf Griinbaums Enun-!ziatiionen und politische Kapriolen. Diese Erklärung Kiirschlbrauns hat im ganzen •Hause, nicht zuletzt auch unter den zionistischen Abgeordneten, große Beachtung gefunden. Ist ja doch ein offenes •Geheimnis, daß trotz der •jüngsten Beschlüsse der von Grünlbaum einberufenen Konierenz der •jüdischnationalen Parlamentarier, der Gegensatz zwischen Griinbaum und Reich unter der Oberfläche urivermindert weiter wuchert. •Kirschbrauns Erklärungen «haben diesen Gegensatz noch vertieft, da seine r e g i erungsf r־e u n d 1 i c h e P 01 i t i k d eil g a 1 i z i s c h e n z i o n i s t i s c h e n A b g e 0 ■r d n e t e n unter F ii h r u n g v 0 n D r. R e i c h d 11 r c h a 11 s nicht 11 nsympat h i s c h ist. Der •heftige!Kampf Grünlbaums gegen Kirschbraun gilt!ja nicht nur ihm allein. Grünbanm hofft vielmehr, durch die politische Vernichtung Kirschbrauns, auch seine politischen Gegner im eigenen Lager aufs Haupt zu treffen. Daher hat die endgültige Bestätigung, vom Mandat!Kirschbrauns, die erst unmittelbar vor der Eröffnung des Sejms erfolgte, Grünibaum so überaus empfindlich getroffen. Der Warschauer ״!Moment“ bringt in seiner Freitagsuummer eine Karikatur/!Griinibaum •wird von einem Blitz ans heiterem!Himmel getroffen. Dieser!Blitz vom heiteren Himmel ist die erfolgte Bestätigung des strittigen Mandats von Kirschbraun. Diese Karikatur erhellt blitzartig die parlamentarische Situation der im Banne der!Minoritäts- Politik befangenen, gegen die Regierung gerichteten Grünbaum-Gruppe. Dem neuen ,innerhalb der Regierungspartei gebildeten •jüdischen Block unter der Führung von Kirschbraun kommt eine große Bedeutung zu. SCitöftEfiKim c*£* friilHilllllinilllillllllllllllllllllllllllllllllliilllllllilllllililln; Feinste Herrengarderobe nach Mass. :: Lager fe nster orig. engl. Stofle :: Anfertigung binnen 2i Stunden Telephon 61-117־ koscher für Ostern כשל לפםז־ן wird bei der Georg Schicht A. G., Aussig, vom Pressen der Kokosnüsse bis zum Verpacken unter Aufsicht Sr. Ehrwürden, Herrn Simche Frankel, Rabbiner zu Skawina in Podgörze bei Krakau; erzeugt. Ceres und Radiol kann daher von den strengsten orthodoxen Juden zu Ostern כשר לפסה genossen werden. Die Fabrik der Georg Schicht A. G., Aussig, ist die einzige in der Tschechoslowakei, die Kokosnüsse selbst zu Öl preiji und auf fremde Öle nicht angewiesen ist. Außerdem wird die ganze Erzeugung von zwei hervorragenden jüdischen Gelehrten beaufsichtigt. Aufsehenerregender Rücktritt des Oberrabbiners von Rotterdam. Die mutige-Tat eines orthodoxen Rabbiners. Der Oberrabbiner von Rotterdam, Dr. B. L. Ritte r, der seit 40 Jahren dieses Amt bekleidet, hat dasselbe seinem Gemeindevorstande zur Verfügung gestellt. Grund zu seinem Rücktritt ist die im Vorstand der Rotterdamer jüdischen Gemeinde mit 11 gegen 3 Stimm enerfolgte Ablehnung seines Antrages, in die Statuten der Gemeinde eine Be- Stimmung aufzunehmen, daß Juden, die Ehen mit Christen eingehen, ihrer Rechte innerhalb der Gemeinde verlustig gehen. Oberrabbiner Ritter ist Mitglied der Agudas Jisroel. (!Unsere Redaktion hat iGelegeenheit gehabt, in •das •überaus interessante Schreiben, daß!Olberrabbiner Dr. Ritter an seinen alten Freund, Olbe׳rrab(biner Fürst in Wien in dieser Sache richtete,!Einblick zu nehmen. Wir kommen ■auf diese Angelegenheit noch zurück.) dete, wurde Tychsen daselbst Professor der orientaiischen Sprachen. Wie bereits oben erwähnt, schloß dieser sonderbare Gelehrte mit dem nach Bützow gewanderten jüdischen Preßburger Studenten ein eigentümliches, inniges Freundschaftsverhältnis. Wie Aron Petschier- Stecher wurde auch er ein tatkräftiger Gönner unseres Markus Moses, während aber R. Aron sich hauptsächlich um sein materielles Auskommen küminerte, trug Tychsen, als sein Mentor, Sorge für sein geistiges Universitätsleben. Tychsen ׳bekundete solche Fürsorge nicht nur > für diesen jüdischen Studenten, sondern später auch noch für viele andere an dieser Universität studierenden Juden, welche, von seinem Namen! ׳und Rufe angelockt, mitunter ׳auch vom Auslande nach Bützow kamen, um sich dort medizinische Wissenschaft und den Doktorhut zu holen.. Allen diesen erleichterte Tychsen in freundlicher Herablassung das dortige Universitätsstudium. Markus Moses studierte so eifrig und erfolgreich, daß er schon nach einem Jahre eine literarische 1 ätigkeit zu entfalten begann und in kurzen Intervallen folgende drei Abhandlungen von ihm erschienen: 1. Veterum rabbinorum placita de bestiis licitis et illicitis (Bestimmungen der alten Rabbiner über erlaubte und unerlaubte Tiere), Bützow, 1764. 2. Von den Krankheiten des Alters’ aus Prediger des Salamon Cap. XII. 1 bis 7 (Schwerin 1764). 3. Disputatio de Pentateucho Samaritano praes. Tychsen (Bützow 1764). •In letzterem Werkchen, welches Markus’ wissenschaftliche Verteidigung des Samaritanischen Pentateuchs in der unter Tychsens Vorsitz abgehaltenen Disputation enthält, schrieb Tychsen eine in Briefform ׳und •in rabbinischer Sprache abgefaßte Gratulation, die ihm bei seinen Glaubensgenossen großes׳ Ansehen verschaffte, und da sein Ruf zufolge^ seiner meist glücklichen Kuren sich immer mehr und mehr verbreitete, so war nichts natürlicher, als daß sein treuer Gönner und Kurator R. Aron schon jetzig noch ehe •er seine Studien 'beendet hatte, daranging, ׳eine reiche Braut für ihn ausfindig zu machen, die er ihm auch ׳bald in Blume h e, der Tochter des R. Feibuch Meschullam, eines vornehmen Strelitzer Juden, erkoren hatte. Nach der Verlobung übernahm Markus’ Schwiegervater in spe und seine beiden zukünftigen Schwäger, R. Schmul und R. Juda, der •gelehrte und reiche Vorsteher der Strelitzer jüdischen Gemeinde, die Sorge für sein bequemes Auskommen während seines weiteren Universitätsstudiums, dem er mit unermüdlichem •Eifer oblag. (Fortsetz, folgt.) Dreihundert Jahie einer Wiener Judenfatnilie. Vion L. U. Einleitung. Das Bild der Wanderungen des jüdischen Stammes :in der Diaspora ist gar wundersam und merkwürdig. Nur zu oft zwingen Gewalt oder sonstige äußere Umstände den Juden, die ihm liebgewordene Umgebung zu verlassen und wir können ihn selbst oder seine Nachkommen dann auf langen Zügen verfolgen;bis sie endlich ׳in irgend einem weit entfernten Orte ansässig werden. Aber nicht immer geht der Zug der Gejagten ins Weite und von den im Jahre 1670 aus Wien und Niederösterreich aus-• gewanderten Juden ging nur ein ganz kleiner Teil nach Fürth oder gar nach Berlin. Auch an diesem •Beispiel sehen wir, ■daß der große Troß der Wänderer •in konservativer Ortsbeharrung sich so nahe als •möglich der alten Heimat niederließ, um bei Eintritt günstigerer Umstände zurückkehren und ..für alle Fälle die alten Beziehungen pflegen zu können. Eine von diesen Familien nun, die schon im 17. Jahrhundert in Wien ansässig war und zu den führender Familien der Judengemeinde gehörte, ׳ist die dei Schlesinger, mit cler wir uns hier näher beschäftiger wollen. Auch sie griff, nur dem eisernen Zwange des kaiserlichen Befehles folgend, zum Wanderstab, uir die Stadt, in der ihre Vorfahren wahrscheinlicl schon zwei Jahrhunderte früher gelobt hatten, zt .verlassen, und ließ sich hart an der Grenze des ihi verwehrten Gebietes nieder, um so bald als möglich durch Unterhandlungen die Möglichkeit zur Rück• kehr zu gewinnen׳ und späterhin auch allmählich wieder in Wien festen Fuß zu fassen. Wir werdei aber bei cler Aufrollung der äußeren Schicksale •diesei Familie auch ׳noch sehen, wie sich an ihr eine ii: ihrem konservativen Grundcliarakter fest verwurzelte, tiefe und echtjüdische Religiosität mit beruflicher Tüchtigkeit paart und sie geistige Größen und Führer ersten Ranges ebenso hervorbringen läßt wie Menschen, die geschäftliche Erfolge in hohem Maße zu erringen wissen. Und so konnten denn,auch die Sprößlinge der Familie Schlesinger in den verschiedensten Zeiten Ehebündnisse schließen, •die sie nicht bloß ׳in dreifachem Knoten, sondern in dreißigfachen Banden mit der Geldaristokratie und noch mehr, mit der Geistesaristokratie der mitteleuropäischen Judenheit verknüpften. I. Die Schlesinger im 17. Jahrhundert. Der heute schon längst vergessene,- zu Ende des 18. Jahrhunderts lobende ׳Schriftsteller Ad. Friedr. Geisler der Jüngere, spricht im 13. Bande seiner Skizzen aus dem Charakter Josefs II., davon, daß die Familie Schlesinger seit 482 Jahren •in den österreichischen Staaten ansässig sei. Wenn diesem Zeugnis auch der Wert eines historischen Dokuments nicht zukommt, ist es doch nicht so ohneweiters von der Hand zu weisen und wenigstens als wahrschein־ lieh kann angenommen werden, daß schon in dem .. ..״י׳ ־׳'־•■־־־' ..... *•*k ' * 64183 287

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