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Jüdische Presse · 1928-10-12 · 39 (12.10.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
14 (1928)
Issue
39 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 JÜDISCHE PRESSE Seite 253 Ritualmordaffäre auch in Amerika. Nach Verschwinden eines christlichen Mädchens werden die jüdischen Einwohner des Rltualmördes beschuldigt und an ihrem Leben bedroht. — Bürgermeister und Pollzel nehmen gegen die Juden Stellung. — Das vermißte Mädchen wiedergejiinden. — Louis Marshall fordert vom- Bürgermeister öffentliche Entschuldigung oder Rücktritt vom Amte. (J. T. A.) Das 5000 Einwohner •zählende Städtchen. Massena im Staate New York, das ׳am St. Lewrence-Fluß im: ׳der ׳Nähe der kanadischen Grenze liegt, war in diesen Tagen der Schauplatz eines Ritualmordtumuiltes, wie er bisher nur in rückschrittlichen Gegenden .Osteuropas •möglich׳ war. ■Zwei Tage vor Jom Kip'pur war das vierjährige christliche Mädchen ׳Barbara Griffith aus Massena •verschwunden. Sofort verbreitete sich das Gerücht, daß die Juden das ׳Kind geraubt!haben, ׳um an ihm •einen •Rltuaimord zu ׳begehen. Die neunzehn jüdischen!Familien der Stadt verlebten zwei Tage in Schrecken, ihr Leben war bedroht. Der Bürgermeister und die Polizei von ׳Massena ׳gaben dem Gerücht noch Nahrung, als sie den!Rabbiner des •Ortes ins Polizeiamt luden;umd •ihn befragten, ob es wahr sei, daß Juden in Europa Menschenopfer für ihre heiligen Feste brauchen. Der Rabbiner •protestierte ׳voller!Entrüstung •gegen die Stel- ׳hing einer solchen Frage. ■Am nächsten Tage wurde das vermißte Kind im Walde im der Nähe der Stadt •gefunden: es sagte aus, daß es sich verirrt habe •und •dann eingeschlafen sei. Der ׳Bürgermeister und der Polizeikorporal haben ׳sich bei der ijüdisehen •Gemeinde ׳von Massena entschuldigt, die Gemeinde weigerte sich!aber, die Entschuldigung entgegenzu nehmen. Sie übergab die Angelegenheit zur weiteren Verfolgung Herrn Louis ׳Marshall, dem Präsidenten des .American Jewish Committee. Louis Marshal! entsandte ein . Schreiben an den Bürgermeister von׳ Massena ׳und •forderte ihn auf, : sich in aller Oeffentlichkelt westen der Beleidigung und Kränkung der jüdischen Einwohner seiner Stadt zu entschuldigen oder znrückzutreten. Sollte er weder das eine hoch das andere tun, so werde •er, Marshall, beim ׳New Yorker Obersten Gericht beantragen, gegen den Bürgermeister ein Verfahren mit dem Ziele seiner Amtse n th e bu ng zu beantragen־. Herbert Hoover über das j’iidische Aufbauwerk in Rußland. Lob des ,.werktätigen Idealismus des Judentums“. 1(J• T. A.) Der republikanische Kandidat auf die Präsidentschaft •der Vereinigten Staaten, Herbert Hoover, hat ein Schreiben •am James!N. Rosenberg, den Vorsitzen- •den der American Jewish Joint Agriculture׳l Corporation ׳(amerikanischer Agro-Joint), gerichtet, in welchem es ungefähr heißt:!Im den letzten fünf Jahren habe ich mit starkem Interesse den!Fortschritt ׳des jüdischen Kolouisationswerkes in Rußland verfolgt. ׳Es ist׳ dies ■eine der hervorragendsten Leistungen des ■menschlichen Genies in der ׳heutigen Zeit. Der Plan der Ansiedlung ■von, mehr als 100.000 Juden auf einer Million •Acker •Boden ist ein!Zeugnis des werktätigen ׳Idealismus des jüdischen Volkes.!Kein Produktionszweig;ist wichtiger als die Landwirtschaft. Es •erfüllt ■mich ׳mit Freude, zu׳ erfahren, daß die Juden bei der ersten Gelegenheit, die sich ׳ihnen bot, eigenen Boden zu׳ bearbeiten, sich .in großer Zahl ׳diesem Produktionszweig zugewendet haben; der Leiter ׳des -Kolonisa- Sfeder Strenggläubige ÄMUIIIUIIIIIÜI iiilOl *•. 'Z!üi ffiwll kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kunerol verwenden. Die KuneroLErzeugung stellt bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur* fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks־ rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL IOO% REINES KOKOSNUSSFETT tionswerkes in■ Rußland, Dr. Joseph1 A. Rosen, war während •der ׳Hungerperiode in׳ Rußland ein sehr wertvolles ■Mitglied des Stabes des amerikanischen •׳Hilfswerkes. ׳Ich beobachte Ferienkurs Beth-Jakob im Sommer 1928. Vor wenigen Wochen ist der vierte Ferien- ] kurs für Beth Jakob-Cehrerinnen in ׳Rabka geschlossen worden und wieder darf man dankbaren und frohen ׳Herzens am Abschluß eines bedeutungsvollen Lehrjahres einen Rückblick auf das Werk, seine Anfänge und seinen Aufschwung werfen. Symbolisch für die ganze Beth Jakob- Bewegung, für ihr Aufwachsen und ihre Ausbreitung ist der Entwicklungsgang der Ferienkurse. Der erste Kurs fand 1925 in Robow statt, einem entlegenen Gebirgsdörfc'hen in den Karpathen, allzu primitiv selbst für bescheidenste Lebensansprüche. In Jordanow, immerhin schon einem kleinen Städtchen, auch im Gebiet der Tatra gelegen, fand sich die Beth Jakob-Schar zum drittenmal zusammen. Der vierte Kurs wurde in dem Kurort Rabka einge- | richtet. 124 junge Mädchen hatten sich in diesem Jahr hier zu einer frohen Arbeitsgemeinschaft vereint. Eine dreistöckige Villa mit geräumigen Speisesälen, lichten, sonnigen Wohnzimmern, geeigneten Unterrichtsräumen, umgeben von Wiese und Wald — •das ist die Beth Jakob-Heimstätte im Sommer 1928. ׳Unsere Bilder zeigen die Mädchen bei Spiel, Arbeit un'd auf den Terrassen des Ferienheimes. Von Ende Juni bis Ende September wurde hier wertvolle pädagogische Arbeit geleistet. ׳Mit einem ׳hingebenden Eifer —" mit dem bewußten Willen, Pionierinnen der Beth-Jakob-Bewegung zu werden — nehmen die jungen Lehrerinnen und jene, die es werden wollen, die Kenntnisse und Erkenntnisse in sich auf, um sie dann an aber tausende junger 'Seelen weiterzugeben. 87 Beth Jakob-Schulen gab es bis heute in Polen, nun werden 16 weitere eröffnet; die Zahl der Kinder hat sich, auf 15.000 erhöht. Diese Ziffern erzählen mehr und erschöpfender, als die ausführlichste Chronik es könnte. Täglich laufen aus Städten und Stadtc׳hen des Ostens Bittgesuche um Gründung neuSr Beth Jakob-Schulen an die Zentrale der Beth Jakob- Organisation ein, ■jener Gemeinschaft, die es so erfolgreicli unternommen hat, die geistige Dunkelheit des Ostens zu durchbrechen, der geistigen und seelisdien Not des jüdischen!Mädchens zu steuern. Ist es da nicht Pflicht aller, denen Wohl und Wehe der jüdischen Volksgemeinschaft am Herzen ■liegt, zu helfen, unabweisliche Pflicht aller Brüder und Schwestern, aus vollem Herzen, mit vollen Händen zu •geben, mitzuarbeiten an diesem Werk? CTvT; «IIP ■d f0r, ßM'M WMr'i; mm י*יי ,Mi 41-*-v■1 M'i'f ~rsrA ׳ - י•:v »1i'd-p mm »ggt Bajs Jakob-Lehrerinnen (Bei Sport und Sp'iel) Bajs Jakob-Lehrerinnen (Unterricht i!m Freien) oder Glaubenssache, das hat mit Politik nichts, aber schon gar nichts, mit gar nichts anderem zu tun als damit, daß sjch in diesem!Handeln Eigenschaften zeigen, ׳zu denen verurteilende Worte, wie bü׳bisc׳h, bestialisch, viehisch, nicht ,hinreichen; hier stockt wirklich •das menschliche Wort, das ■der ׳Anfang und •das Ende ist —. das ist das Ende jeglichen auch nur hauchartigen Tier- oder Menschscins. )Das ist •das Ende, ■die Verdammung, der ׳umgestiirzte Gipfelpunkt der Vermaledeiung. Ich bitte alle großen Zeitungen aller Richtungen des Menschseins in Deutschland, alle Eltern, •Lehrer, Geistlichen, jeden, der irgend sich auch pur einer. Spur Mitverantwortung ׳der ■Gesamtheit gegen- Über bewußt, ist, sich ■der stumpfen ■Gleichgültigkeit des Zusehens bewußt zu ■werden, daß sich :in diesen systemalisch ׳betriebenen nächtlichen Friedhofsschändungen eine Verwilderung zeigt, gegen die ׳jedes Verbrechen anderer Art gering und entschuldbar erscheint — wieder stocke ich, die 'Worte greifen daneben und• fehlen. Als unsere menschliche Sprache:’ach. ’der, Tierhejt' entwand^ da war solches nicht Vorhänden,' .ni'c'ht :zi1 ׳ bezeichnen, '׳was im Jahre ■1928 in Deutschland; lebt. Sind die ׳Gräberbesudler, die Grabsteinzertriimmerer Kinder oder Halbreife, wie in ■den meisten Fällen, dann tragen die Schuld die ״Erwachsenen“ in noch höherem Maße, ׳für die es erst recht •kein Wort ■gibt, ׳das verdämmend genug' ׳wäre' für solche, die .׳jugendliche Seelen derart durch Verhetzung in ■den letzten ׳Gestank und Schlamm der Selbstentmenschung und dadurch der Selbst- Verdammung hjna'bschleudern. Ich, ■hielte so gern ■diese, meinq wenigen ׳Zeilen jedem vor die 'Aiigen. aber so weit’sind wir in Deutschland, daß ich nicht weiß, welcher Korrespondenz ich •diese Zeilen anvertrauen sollte, ■damit sie sie verbreite. Es ■ist ja alles Partei. Man :hieße das eine ״jüdische!Aktion“, oder man schwiege mich tot, und so verantwortungslos ist •der1 große Teil unserer Presse geworden,’so sensationsgierig, daß sie meine Worte wohl'druckte, aber nur, wenn sie sie allein drucken könnte, denn fast alles sieht, nur mehr sich und nicht die Gesamtheit. ׳Was blei'bt mir? Die Bitte: Sprecht jedes, ■das diese Zeilen liest, jedes, ohne■!jede Ausnahme, zu allen, die euch erreichbar sind, überall über die Friedhofsischänder, es 1darf •keine Ausnahme, kein Aber oder Doch heimlicher oder offener Art geben! Macht euch und!jedem klar, daß Tollwütige durch unsere Nächte streifen, die für jede Seele größte ׳Gefahr ׳bedeuten, vernichtet die tollwütigen Seelen der Schänder ׳durch einen Sturmwind einmutiger Verachtung. Oder soll es noch tiefer hinäbgehen? Eine sonderbare Leichenbestattung. Die Straßen Lodzs sahen dieser Tage ein seltenes Bild. Viele!Hunderte!von Juden und Jüdinnen folgten neben ׳ anderen einem Sarge, der ganz •mit ׳Blumen bedeckt war; und dem ein!katholischer!Geistlicher in Toga voranschritt. Es war die letzte Fahrt des Karl ■Krämer,;eines Christen, . um den!zu weinen, •unzählige Juden .volle lürsiache ׳hatten. ׳Ueber diesen Krämer •wird folgendes erzählt: Var einem halben Jahrhundert etwa!kam die Familie aus einem Dorfe nach Lodz!und ׳siedelte sich •in ׳der Vor-! stadt Bafut an. ,Der •alte Krämer, Vater von Karl, •hatte : sich durch!Fleiß und!Intelligenz;ein!ansehnliches Vermögen erworben und ein großes stattliches, ׳dreistöckiges Haus; m!i׳t Hof ׳und 'Hinterhaus •und allem ,Zubehör errichtet, ׳das : der Sohn Karl •noch wesentlich ׳äusbaute. Als (Mieter kamen in dieser armen Gegend nur •arme Weiber, •zumeist Juden, in Betracht, und das Verhältnis' •zwischen ׳Hausbesitzer und Mieter ׳wiar ein solches, daß es 1i׳n dieser Zeit .des Materialismus schon : fast: sagenhaft klingt. Krämer hatte keinen!Haüs!ye!rwalter, ike'inen •Hausmeister, und ,hatte nie Poilizeii oder Gericht’ gegen Hausbewohner in!Anspruch genommen. ׳Die Beziehungen wiare'n etwas patriarchalischer Art. Je am Freitag!nachmittag erschien 'er' ׳im!Hof mit einem!Bänkchen, setzte sich und ׳klingelte ■׳ ׳müt ׳ einem Glöcklein, worauf sich!die Mieter ׳von allen Seiten einstellten, um ׳dem Hausherrn die •Wochemmiete einzubändigen. Kam• aber!mal einer oder eine ׳/und: brachte zitternd hervor:׳ ■׳,,Es ׳reicht ׳heute nioht׳“, so tröstete;sie Karl Krämer: ׳״Nehmet euch das nicht ׳so. sehr ׳zu: •Herzen, nächstes'Mal!“ Zuweilen klagte ׳ aber ein arbeitsloser Weber oder ein Wasserträger: ״Es ist ׳bitter, Panje ■ Krämer, nichts lim Haus ׳für den Sabbat.“!Da konnte aber der Alte böse werden ׳und er fuhr den Mann an: ״Na was schweigst du denn, wenn du nichts hast; willst du etwa ׳am Sabbat •mit deinen Kindern hungern?“ Spruchs; und ׳drückte dem. Manne oder der Frau von dem' eben1 . eingenonimmen. Mietsgelde so viel in •die ׳Hand, daß es : für den ersten Sabbaibedarf reichte. Zur ״eben Gepflogenheit ׳war es schon geworden, daß Panje Krämer am Laubhiittenfeste die ׳in •seinem Hofe von den Mietern gemeinsam ׳aufges teilte Sakko besuchte, um •mit seinen jüdischen •Freunden ein Glas Voiprozentigen, dem Jomtow zu Ehren, zu leeren. ■Das gehörte schon im!Hoie des Krämer mit zum ׳Feste. •Diese gutmütige Art, das goldene Herz,!hatte Karl ' Krämer ׳von seinem!Vater gQprlbt. .׳Mau erzählt sich in Lodz, ׳daß der alte Krämer ,aiuf seinem Sterbebette seinen Kindern ׳feierlich aufgetragen hatte, nie und nimmer einen säumigen Mieter •zu pfänden oder lauf die Straße ׳zu ׳setzen. Karl behütete ■das Vermächtnis ׳ wiie ein!Heiligtum. Erst vor ׳kurzem, am letzten Freitag vor seiner Krankheit, brachte ihm ׳eine Witwe das ■schuldige Miietsgeld und bemerkte ׳dabei, daß ihre Tochter daheim schwer!krank darniederliege und ׳sie. •nicht einmal so viel hätte, um Doktor und Apotheker 1z׳u bezahlen. Krämer ■gta'b lihr, ihr Geld zurück und noch• 25׳ Zloty dazu, daß sie. ׳sofort einen Arzt hole. Auf dem Krankenbette — er ׳erkrankte an einer schweren Lumgenent׳zJündun׳g — •bat er zwei Juden aus seiner M׳ietersc׳har, sie ■möchten sofort •zum ׳R ebben nach Alexander fahren, ׳daß er für seine Genesung bete. Das ist!auch ungesäumt geschehen. Aber wie die ärztliche Hilfe, so ׳versagten auch die!Gebete. Karl Krämer istarb, von keinem so ehrlich und so tief!betrauert als von den,Juden, die jahrzehntelang seine Wohltaten genossen. ׳. , : . Am frischen Grabe wies der Geistliche •auf die •große Judenschar!im Ehrengeleite hin, um• daran das ׳goldene Herz •und die große, Popularität Karl Krählers, der in seinem Wohltun keine Grenze nach Rasse ׳und /Religion kannte, zu demonstrieren.

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