Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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feffe 4* JÜDISCHE PRESSE Nr. 7 .1/m FASCH VON TAGE Sokolow, der gewandte Diplomat. Herr Naliutn S 0 k 01 0 w, der Präsident der Ziouistisehen Exekutive, ist einer der •gewandtesten Diplomaten unserer Zeit. Er wendet sich von einem politischen Prinzip zum anderen, ohne irgendein Zeichen der Anstrengung zu verraten. Am Tage der Bestattung des Wiener Oberrabbiners, Professor P. C. Chajes, des hervorragenden Zion:־ steu, nahm Herr Sokolow in Prag, einige Eisenbahnstalionen von Wien entfernt, an einem zionistischen Festbankett teil, ״nicht ohne liebcnsw'ürdigc Scherze einz»flechten“. Drei Tage später kam er nach Wien, urn in einer öffentlichen Volksversammlung bittere Tränen über den Verlust des großen Führers zu weinen. Aber nicht nur Gefühle wechselt Herr Sokolow, sondern auch politische Prinzipien. So war er vor einigen Monaten in 11 a ii e n. wo er auch von Mussolini ■in Audienz empfangen wurde. Herr sokolow ■hat hierauif ein interview in den italienischen Zeitungen erscheinen lassen, in weichem er den Fa scliisriru s 110 c 111 c b e 11 läßt, und über das bittere Unrecht klagte, daß •der itaJicnischen Nation kein Oricntniandat zuficl. trotzdem diese Nation auf die älteste europäische Kultur Äuriickblicken kann. Dieses Interview hat den heftigsten Sturm in der palästinensischen Presse wie in allen Kreisen, die mit dem Faschismus nicht ■sympatihisieren, ausgeiöst. Ueberdies wurde cs als Perfidie England gegenüber betrachtet. Herr Sokolow wäre a!bcr nicht der gewandte Diplomat, wenn er nicht mühelos eine Rechtfertigung für seine Vorgangswcisc finden könnte. Mit der Fertigkeit (wir möchten sagen Leichtfertigkeit) eines Diplomaten erklärt er, daß seine Acußerungen eigentlich erst durch die von der Regierung •beaufsichtigte italienische Presse so überaus faschistenfrcundlich ausficieti und seine Aeußerung über das Italien nicht zugefailcnc Mandat durchaus nicht ״gegen England“ gerichtet war, sondern bloß eine freundlichere Stimmung bei dem •italienischen Vcrtretcr in der Mandatkomniissioii des Völkerbundes schaffen solle. Wahrlich ein gewandter Diplomat. Die Krone aber setzte sich Herr Naliuin Sokolow mit seinen Acusseruiigen über Rumänien auf. Es ist ja noch in Erinnerung, daß zur Zeit, als in Großwardein und in Klauscmburg jiidisches Blut von progrcmicreuden Studenten vergossen wurde, wo jüdische Synagogen geschändet und Thorarollen zerrissen auf die Straße •geschleudert wurden, Herr Weizmann, der Präsident der Zionistischen Organisation, natürlich an einem Festbankett, die von Judenfreundliehkeit überströmenden Acußerungen der Bukarester Statsmänner cnfcgegennahm. Herr Weizmann war wohl bestrebt, das Weite zu suchen, er entfernte sicli fluchtartig aus Rumänien, aber der peinliche Eindruck, den die gesamte jüdische Weit über diese Tragikomödie empfand, konnte nicht sobald verwischt werden. Herr Sokolow, der gewandte Diplomat, unternimmt nun eine Ehrenrettung des Herrn Prüsidertcn Weizmann und dabei entwickelt er eine neue Theorie der zionistischen Politik, die fest-gehalten werden muß. Herr Sokolow sagt nämlich, d a ß d i e Zionisten das Bestreben haben, ger a d e bei jenen R e g i c r u 11 g c n, i 11 d e r e n L ä nd e r n 11 och P 0 g r o rn e vorkom m e n, L i c b k i n d zu werden. Er hofft, daß durch diese einschmeichelnde and schmiegsame Politik Pogrome eher verhütet werden könen, und überdies müsse man durch die Gcwitiuiig der Regierungen auch ihre Vertreter im Völkerbund, deren Votum so wichtig für die Sache Palästinas ist, gewinnen. W eich e W c n d 1111 g mit G -11 e s F ii g u 11 g. Noch klingt in den Ohren der erschreckten jüdischen Welt die ,,mutige“ Antwort, desselben Herrn Sokolow, an Lloyd George anläßlich der Friedcnsverhandliingen: ״Wir sind n i c '111 f 11 r c n t s s m, w i r s i n d keine P a c 11 d a 11 i m.“ Lord George soll nämlich Herrn Sokolow auf die Gefahren aufmerksam gemacht haben, die etwa durch eine Foreie- FASCHUN Tafte . . . . Georgette . . Crepe Satin . ״ de Chine Lamä .... alle Farben S 11.80, ,9.80 ,13.80 מ " ״ n 19•—, 16. , ,9.80 ,13.80 ״ ״ ,5.80 *. Gold■ u. Silberstoffe, Spitzen in größter Auswahl. Nr. 8!Wen Sie sich anl diese Rnnonce, bekommen Sie 5 tont. vung der Minderheitspolitik in Polen entfacht werden könnte. Herr Sokolow ließ sich aber in seiner damaligen Politik nicht •beirren. Er empfand keine Furcht, das Glück und das Leben vieler tausender Juden aufs Spiel zu setzen. Wir wollen loyal anerkennen, daß er nun älter und weiser geworden ist, er bekennt sicli nun zu dem Grundsatz, den zu jener Zeit Agudas J i s r 0 e 1 vertrat: Die jüdischen Rechte in gütlicher Vereinbarung mit den einzelnen Regierungen zu regeln. Wenn man die große Wandlung des Herrn Sokolow verstehen will, so tnuß man sich bloß vor Augen führen, daß heute Herr Isaak Griinbanm noch immer starr auf dem politischen Prinzip steht, auf welchem Herr Sokolow vor zehn Jahren gestanden ist. Er ist eben kein so gewandter Diplomat, wie Herr Sokolow einer ist. Her Sokolow wird diese Woche in Wien mit den Lenkern unseres States verhandeln. Hoffentlich wird es ihm auf Grund seiner neuesten Prinzipien gelingen, mit der christlich-sozial-antisemitischen Regierung ein frcundschaftliclies Verhältnis anzubahnen. Es wird uns durchaus nicht überraschen, wenn Her Sokolow bei Herrn'Bundeskanzler Dr. Seipel, dessen war m c s 13 c g r ii ß u 11 g s s c 11 r e ib e 11 f ii r die erste Kcnessi 0, so viel Angriffe gegen die Aguda von zionistischer Seite eintrug, ein freundliches Interesse für den Palästinaaufbau und für den Keren Hajcssod erwecken wird., Herr Sokolow ist immer ein sehr waiidilungsfähiger Diplomat' gewesen und seiner Wand- Iungcti schlechteste eben ist es nicht, daß er in der heutigen Periode seines Lebens zu :den politischen Grundsätzen der Agudas Jisroel: Jüdische Fragen, immer im g 11 t e ti E i 11 v e r s t ä 11 d n i s m i t den Regie r 1׳! n g c 11 zu erledigen, iu aller Offbnlieit sich bekennt. j. Trennung. In Berliner Kreisen der äußersten ■ Gemeinde-Linken wird •die Frage ventiliert, ob angesichts des Verhaltens •der vereinigten völkisch-konservativen Majorität nicht die Bil־' düng separierter B c k e n 11 t u i s g e tu e i 11 d c 11 anzustrebeti sei. Als vor sieben Jahren die Zionisten in Wien im Vorstand der Judeiigcmeinde aukündigten, sie wollen eine V 01 k s g e m e i n d c anstreben, wurde in den politischen Blättern erklärt, die mouernistischen-autinationalen Juden würden dies mit Bildung von religiösen Aus- 1 r i 11 s g e m e i n •d e n beantworten. Es scheint also, daß mau i!1 modernistischen Kreisen das Pauier'der Einheitlichkeit des Judentums nicht mehr als Basis •der Existenz desselben bertnehot. Diese Elemente erklärten iinpliciie, mit anders Denkenden nur beisammen bleiben zu können, wenn sie selbst die Mehrheit besitzen. Unsere ״gemäßigten“ Konservativen laufen der Einheit mit den religiös destruktiven Kreisen nach, trotz Majorisiemngsgefahr. Da kommt folgendes heraus: In der. ׳letzten Nummer des ״Hator“, offizielles Organ des Misrachl in Jerusalem, lesen wir: ״Der Misrachi erkennt das aktive und passive Wahlrecht der Frauen als erlaubt an, nur O p p o r fc u n i t ä t s g r ü n d e können einen Verzicht auf dasselbe gestatten.“ Im ״Jewish Chronicle“ ist ein Interview mit Dr. S. Fe ldm an 11, Vizepräsident des ,polnischen Misrachi, veröffentlicht, in dem es unter anderem heißt: ״Der Misrachi ist die liberale Partei unter den Juden, die orthodoxe Partei verlangt zuviel Religion.“ Das in Lemberg erscheinende ״Jüdische Blätter — Misrachi-Wochenblatt“ schreibt in seiner Nummer vom 3. Februar, daß das Bris-Gesetz die Grundlage des Judentums ׳bildet, aber nicht in jedem Detail des Schulchan Aruch, sondern es muß sich ständig entwickeln unter Beclachtnahme auf das jüdisch-nationale Leben. Wienn dise Aeußerungen dn Austrittsgegnern nicht die Augen öffnen, wenn die beginnende Erörterung der Austrittsfrage für die äußersten Reformer den ״gemäßigten Juden“ noch nicht m denken gibt, daß für sie!in der Gemeinsamkeit mit Thaurofeiiiden unendlich größere Gefahren drohen als den Berliner Spinoza-Verehrern im Zusammenbleiben mit Volks-, konservativen und Mittel- Parteien, dann müssen wir die Trcnnungsgegner weiter wüten und schimpfen lassen und unseren erprobten Weg unbeirrt weitergehen. m. Zur Beadteftung! Auf vielfachen Wunsch, der aus dem Kreis unserer aus den Ostländer stammenden Wiener Leser geäußert wurde, werden wir fortab זמן הדלקת הנר ערמצש nach den ]מנהג ותיקי nach welchem unsere ostländischen Brüder sich richten, veröffentlichen. Die Zeitbestimmung wird uns allwöchentlich vom ״Hithachduth .Jereim“ zur Verfügung gestellt. "חתאחדות יראים" ודגה ״}RlacBiduth Jereim“ Vereinigung Thoragesetzeatreuer Juden in Wien II., Heinestrasse 30, T. 15. ב״ה. פרש המשפטים זמן הדלקת הנר עש״ק שעה 5 עם " טינוט. זמן שמיעת החמה עש״ק שעה 5 עם 19 מינוט. זמן הדלקת הנר מוצש״ק שעה 6 עם 18 מינוט Die Generalversammlung der Stumper-SchuL Die Generalversammlung des Israelitischen Tempel- und Schulvereines. Wien. VI.. Stumpergasse 42, fand Sonntag unter lebhafter Beteiligung statt. Den Vorsitz führte der langjährige verdienstvolle Präsident •Moritz Felsenbürg. Nach Eröffnung der Generalversammlung begrüßt der Vorsitzende den in Vertretung ■der israelitischen •Kultusgemeinde erschienenen .Kultusrat ׳Dawid Dohan, ferner den Präsidenten des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums in Wien, Herrn Bernhard Hofbau er, Herrn Adolf Fischer (Einheit) und Herrn Komm.-Rat Philipp Weiß. Schriftführer Samue! Zeisler verliest das Protokoll der vorjährigen Generalversammlung, das zur Kenntnis genommen wird. Hieiiacli erstattet Herr Moritz F c J s e n b u r •g den J a h r e s b e r i c 111. Er widmet einen warmen Nachruf den im verflossenen Jahre verstorbenen Vereinsmitgliedern und beschäftigt sich in einer ausführlichen Rede mit der Tätigkeit des Vereines, der bestrebt ist, auf allen Gebieten für das orthodoxe Judentum stand des Knaben löste spielend die schwierigsten talmudischen Probleme. Leider hatte er das Unglück, seinen Vater in jungen Jahren zu verlieren und so wurde Jonathan von seiner Mutter in die talmudisehe Hochschule nach Proßnitz geschickt, wo Rabbi Meir Eisenstadt, der hochberühmte Maharatu-Asch, den hervorragenden Schüler zum glänzendsten Talmudisten ausbildete. Von Proßnitz begibt er sich auf kurze Zeit zu seinem Onkel Elieser Ettinger nach Holleschau und bald darauf finden wir den tüchtigen Talmudisten im Hause eines reichen Wiener Juden namens Samson, der in rührender Weise für den jungen Gelehrten wie für sein eigenes Kind sorgt und alle Lebenssorgen von ihm fern hält. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit dringt zu dem reichen und gelehrten Wiener Oberrabbiner Samson Wertheirner, der die feste Absicht hat, Jonathan in sein Haus aufzuuehmeu und ihn zu seinem Schwiegersohn zu machen. Doch Jonathan hat einen erfolgreicheren^ Mitbewerber in der Person des Berusch Isachur Eskeles, Sohnes des damaligen galizischen Landesrabbiners Gabriel Eskeles aus Krakau, der ihm von der Tochter Wertheirners auch tatsächlich vorgezogen wurde. Kaum hörte aber der mährische Landesrabbiner Isak Spira, daß die Tochter Wertheimers den Plan ihres Vaters vereitelt habe, regte sich in ihm der Wunsch, seine einzige Tochter Elkele Jonathan zur Frau zu geben. Er richtete ein• diesbezügliches Schreiben an Jonathan und schickte ihm gleichzeitig eine große Summe Geldes für die Kosten seiner Ausstattung und der Reise, gleichzeitig sollte auch der Bräutigam in die Lage versetzt werden, seiner• zukünftigen Frau ein ansehnliches Brautgeschcnk mitzubringen. Jonathan willigt gerne ein, es wird die Hochzeit abgehalten und mit Jahreu ist der junge Ehemann bereits Rabbiner in Btimisl (Jungbunzlau). 171.1 ist Jonathan in Prag, wo er gcmehisani mit den Talmudgelehrien Jona Landsofer und Samuel Joß, auch Krakauer genannt, Lehrvorträge abhält. Aber nach kaum zweijährigen Aufenthalt daselbst zieht es ihn nach Hamburg und dort vervollständigt sich Jonathan 1713 und .17.14 im Hause des Großvaters seiner Frau Mordeehai Kolm, eines reichen und gelehrten Mannes, in seinem Studium. Wieder nach Prag zurückgekehrt, wird er bereits als Prediger an einer Gemeindesyuagoge angestellt und entfaltet im Vereine mit seinen schon erwähnten gelehrten Kollegen eine rege Lehrtätigkeil Seine gediegenen Lehrvorträge, nicht minder wie seine geistreichen Predigten, die er mit der Virtuosität eines geborenen Künstlers abhielt, verschaffen ihm eine ungeheure Popularität und von allen Teilen Europas strömten die Schüler zu den vollendeten Vorträgen des vergötterten Lehrers, so daß er, der erste unter den Rabbinatsbeisitzern, fast in Wirklichkeit das Oberhaupt der Prager Gemeinde war. Daneben unterhält Eibenschütz freundschaftliehe Beziehungen zum katholischen Klerus, disputiert mit den Geistlichen eifrig über Religionsfragen, ist bemüht, manches in diesen Kreisen herrschende Vorurteil gegen die Juden zu zerstreuen und verkehrt ganz besonders freundschaftlich mit dem Prager Bischof Haselbauer, von dem er die Erlaubnis erhält, einen Neudruck des Talmuds herausgeben zu dürfen, allerdings müsse Eibenschütz als Vertrauensmann des Bischofs, des Vertreters der obersten Zensurbehörde, alle anstößigen, das Christentum scheinbar betreffenden Stellen ausmerzen. Jonathan befaßt sich außerdem mit den profanen Wissenschaften seiner Zeit, mit Geographie, Geschichte, Mathematik und Philosophie und versucht auch anatomische und medizinische Studien zu betreiben. Ebenso wendet er der Kabbalah seine vollste Aufmerksamkeit zu und fühlt sich gewissermaßen irn Sinne einer Faniilieiitradition — er war ein direkter Abkömmling von Isak Luria — verpflichtet, theoretische und praktische Kabbalah zu betreiben; praktische Kabbalah in dem Sinne, daß er als ausgezeichneter Psychologe in ganz besouderen Fällen, im Vertrauen auf die Kraft suggestiver Einwirkung, Kameoth oder Amulette gegen Krankbeiten oder Widerwärtigkeiten gab. Ein solcher Talisman, der aus einem Papierstreifen bestand, auf welcher nur dem gründlichen Kabbalisten verstandliehe in Worten zusammengefaßte Schemoth — Namen von Geistern, Engeln oder personifizierten Gewalten — von dein Rabbi eigenhändig geschrieben waren, sollte dem Träger Schutz und Beistand und scheinbare unsichtbare Hilfe gegen alles Leid verschaffen. Kein Wunder, daß Jonathan in den Ruf kam, nicht nur ein Wundertäter zu sein, sondern daß man auch von seinen Beziehungen zu der Geheimsekte der Sabbathianer oder Schäbsen, wie sie im Volksmund genannt wurden, sprach. Dazu kamen die Umtriebe und eine gesteigerte Tätigkeit dieser verrufenen Sekte in Böhmen und Mähren, so daß im Jahre 1725 der Bann gegen alle Anhänger des falschen Messias Sabbathai Zewi verkündet wurde. Die diesbezügliche Proklamation wurde von Jonathan Ei'benschütz als dem Vorsitzenden des Ra'bbinatskollegiums in Abwesenheit des Oberrabbiners David Oppenheim, der sich gerade damals in Wien befand, unterzeichnet lind feierlich vor Beginn des Kol Nidre-Gebetes von der Kanzel verlesen. (Fortsetzung folgt.)