Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 6 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 JÜDISCHE PRESSE Seite 41 Große Keren'Hathora'Tagnng in Zürich. Frankreich für Keren-Hathora. — imposante Massenkundgebung. Zu der für den 14־. Schebat nach Zürich einberufenen Konferenz des Keren Hathora Schweiz und Frankreichs waren erschienen: Grand-Rabbiner Dr. Weil-Kolmar, Rabbiner J. Lev y-Obernai, Maitre Mülle r-Paris, M. Schwa ׳b-Muhlhausen, Rabbiner Brom- Luzern, ferner Vertreter von Zürich, Baden, Luzern, Lengnau, Montreux, Lausanne, Vevey, St. Gallen, ferner Herr . Konsul S. Gugg e 11 h e i m־Basel, der Vertreter des Wiener K. H.-Direktoriums Dir. Dr. Leo D e u t s'c hl ä 11 d e r, als Vertreter des geschäftsführenden Ausschusses der A. J. die Herren Iakob R 0 s e 1111 e i tn und Rabbiner Dr. Pinchas K o 11 n- Wien. Außerdem hatte die Jugendorganisation Vertreter entsandt, so daß insgesamt etwa 50 Delegierte anwesend waren. Um 10 Uhr eröffnete der Vorsitzende des schweizerischen K. H., Herr Rabbiner Brom, die Tagung und begrüßte in warmen Worten alle Erschienenen. In seinen einleitenden Worten wies er auf die hohe Bedeutung des Keren Hathora hin. Nach ihm ergriff Herr Dr. T. Lewenstein-Zürich das Wort, um die Versammlung namens des Rabbinats der I. R. G. Z. willkommen zu heißen. Dann sprach der Vertreter des G. A. Herr Jakob Rosenheim, der darauf hinwics, daß die A. J. schon bei ihrem Entstehen einen Thorafonds habe schaffen wollen und daß nun diese Idee durch den Keren Hathora ‘ verwirklicht wurde. Heute, wo der Keren Hathora ein so reiches Wirkungsfeld habe, könne er das einigende Band aller jüdischen Brüder werden, um gemeinsam für Limnurd-Hathaitro zu wirken. Sodann begrüßte Rabbiner Lev y־Obcrnai die Versammlung. Er sprach zugleich im Namen des französischen Landesverbandes, vor allem auch im Namen seines ZU i i!lllllllllllllllllllllllll!lllllll1m1lllllllllll!lllllllllllllllll * |lllllllllllllllillllllllllllllll!IIIIIIIIIIIIIIIIIIi|[||||IHIIIIIIII| I DIE I iillllllliniiillillllHIIliinillllllllllllllilllinilllllllllllllllllÜ verdienstvollen Leiters, des Herrn Grand-Rabbiner Weil- Kolmar. der zu Beginn der Tagung noch nicht anwesend sein konnte. Gleichzeitig .überbringt er die wärmsten Wünsche des Herrn Rabbiners Dr. Brunschwig aus Straßburg, der selber leider am Erscheinen verhindert ist. Er drückt den Wunsch aus, daß auch in Frankreich, der einstigen Wirkungsstätte Ra-schis und der Tosafisten. bald durch die Arbeit des Keren Hathora wieder blühende Thoralehranstalten entstehen mögen; Er gibt einen Ueberblick über die Geschichte des französischen KeTen Hathora, der 1924 in Straßburg gegründet wurde und durch die zielbewußte Arbeit seither etwa Frcs. 100.000 restlos ohne Spesen dem Keren Hathora abgeführt hat. Außerdem habe man viele Sendboten von den verschiedenen Jeschiwans unterstützt und insbesondere dem Pietrokower Raw bei seiner erfolgreichen Aktion in Frankreich zugunsten der Lublower Jeschiwo wertvolle Hilfe geleistet. Besonders zu erwähnen sei, daß auch in den kleinsten Gemeinden, dank der Mitarbeit der Rabbinen und der Gemeindevorsteher, der große Gedanke des Keren Hathora eingewurzelt sei. Namens der I. R. G. Z. spricht Herr E111 i n g e r. Er wünscht der Tagung allen Erfolg und unter Zugrundelegung eines Possuks aus der dieswöchentlichen Sidroh spricht er in geistvollen und beredten Warten von der hohen Aufgäbe des K. H. Naoh ihm spricht der verdienstvolle Organisator der Konferenz, zugleich als Vertreter des Züricher K» H.-Kommissariats. Herr A. W. Rosenzweig. Matan Thauroh sei das Symbol der heutigen Tagung, so etwa führte er aus, wie dort die Einmütigkeit des jiddischen Volkes vorhanden gewesen sei, so hoffe er. daß gerade durch den K. H. die heute verloren gegangene Einmütigkeit wieder hergestellt wird. Nach ihm spricht der Vertreter der Jugendorganisation, Herr E. Sternbuch, in begeisterten Worten über den tieferen Sinn gerade des Zeitpunktes, in dem diese Tagung stattfinde. Auch der Ort der Konferenz sei richtungweisend, hier wo eine lebendige Jüdischkeit seit Jahren und insbesondere in der Jugend zu finden sei. Er weist auf die im vergangenen Jahre erfolgte Gründung der Jeschiwo in Montreux, die ein verheißungsvoller Anfang einer neuen Glanzepoche jüdischen Lernens sein möge. Lebhaft begrüßt ergreift Her Me. Müller- Paris das Wort. Er bringt zunächst ein sehr herzlich gehaltenes Schreiben des Herrn Rabbiner L a n g'e r-Paris zur Verlesung, der am Erscheinen beruflich verhindert ist. Sodann berichtet er von einem Schreiben des Kommandanten Armand Lippmann-Versailles, der leider am Erscheinen verhindert ist und der Konferenz einen detaillierten Plan zut Vertiefung des Lernens und zur Aktivierung des jüdischen geistigen Lebens in Frankreich überreicht. Me. Müller gibt in beredten Worten seiner Hoffnung Ausdruck, daß der K. H.- Paris, heute nur eine schwache Pflanze, bald erstarken wird, um tatkräftig am gemeinsamen Ziel mitzuarbeiten. Dann verlas der Vorsitzende einen Teil der zahlreich eingegangenen Briefe und• Telegramme. Unter anderen haben ihre Grüße entboten: Der Rabbinische Rat der A. J., gezeichnet Oberraibbiner Fürst-Wien, die Rabbis von Ger, Tschortkow und Sadagora, der G. A. d. A. J., gezeichnet Wolf Pappenheim, die Landesverwaltungen des K. H. Deutschland gezeichnet Oberrabb. Dr. S. Spitzer-Hamburg, Holland, gezeichnet Oberrabbiner Vredeniburg und Dr. Stein Bes-Jaakauw-Zentrale, WiewKrakau, Jeschiwo Montreux, Bodenheimer-Paris, E. Schweitzer-Metz, Kahen-Metz, Predinger Messinger-Bern, Schnittner-Endingen. Rabbiner Doktor Weil-Basel, Dr. Bohrer-Gailingen, Grandrabbin Balitzer- Genf und viele andere. Sodann ergriff •Herr Direktor Dr. Leo Deutsch- 1 ander zu seinem Bericht das Wort. Einleitend;bemerkte der Redner, daß gerade die zahlreichen Begrüßungen das weitgehende Interesse des Auslandes an der heutigen• Tagung zeigen. Besonderer Dank gebühre den Züricher Herren. die die Tagung so gut vorbereitet haben, und in zweiter Linie der französischen Landesverwaltung, die seit ihrem Bestehen durch regelmäßige Spenden am gemeinsamen Werk mitarbeitet. Nun aber muß der Kreis der Arbeit sich über ganz Frankreich ausdehnen, deT Redner hofft, daß gerade die heutige Tagung ein Markstein in der Entwicklung der Keren-Hathora-Arbeit in den beiden Ländern werden wird. Der Referent gibt einen fesselnden Ueberblick über die jetzige Entwicklung der Judenheit und für die Einführung des allgemeinen geheimen direkfenMänner undFrauen gleichmäßig umfassenden Wahlrechtes ein. Den Standpunkt der Majorität .vertrat mit viel Geistesschärfe und Gewandtheit. Herr Reg.- Rat Dr. Oppenheim. Das allgemeine Wahlrecht, argumentierte Dr. Oppenheim, findet bei Staat und Stadt seine Begründung in der Steuerleistung der Bevölkerung, die in indirekten Steuern noch mehr zur Existenz des Staatswesens beiträgt, als in den direkten. Bei der Kultus gemeinde gibt es indirekte Steuern fast überhaupt nicht, und die direkten Steuern verteilen s i c h s 0, daß aus ihnen kaum ein Beweis .für die Berechti* gung des allgemeinen Wahlrechtes erbracht werden könne. Die Wiener Kultusgemeinde hat 54.000 Mitglieder, die insgesamt S 2,300.000 Kultussteuer zahlen. Die Steuerleistung cler einzelnen Schichten ist aber sehr ungleichmäßig. 8000 der großen Steuerträger zahlen insgesamt S 1,800.000 Kultussteuer, die übrigen 46-000 Mitglieder insgesamt 500.000 S. Es wäre nun ein Unrecht, über diese 46.000 hinaus auch jenen, die zu׳ der finanziellen Existenz der Kultusgemeinde überhaupt nichts beitragen, ein Mitbestimmungsrecht an dem Schicksal der Kultusgemeinde zu gewähren und somit jene, die die ganze finanzielle Last der Gemeinde tragen, eines jeden Einflusses zu berauben. Ferner führte Herr Regierungsrat •Oppenheim aus, daß bloß 38 Prozent der Wiener Judenschaft in Wien geboren sind, 62 Prozent sind von auswärts nach Wien gezogen. Also Elemente, die erst einen Beweis des Verständnisses für die Existenz und Notwendigkeit unserer Kultusgemeinde erbringen müssen. Dieser Beweis kann mit einem Bekenntnis und mit einer Minimalsteuer von 25 Groschen pro Jahr erbracht werden. Soweit Dr. Oppenheim. Wir möchten noch in diesem Zusammenhang auf folgenden Umstand hinweisen: Bei den letzten Wahlen hat die Kultusgemeinde bereits 48.000 (jetzt sind es schon 54.000) wahlberechtigte Mitglieder gehabt. Das Wahlrecht haben aber tatsächlich im Jahre 1924 bloß 14.000, also bloß ungefähr 33 Prozent, ausgeübt, eine Wahlbeteiligung, die viel zu denken gibt; pflegt doch in Wien bei den Nationalrats- und Gemeinderatswahlen eine 80- bis 90prozentige Wahlbeteiligung die Mehrzahl zu bilden. Das Desinteressement von 67 Prozent der Wahlberechtigten in Wien an dem Schicksal der Wiener Kultusgemeinde zwingt zu dem Schlüsse, daß nicht etwa eine Erweiterung des Wahlrechtes, sondern eine intensivere Erfassung der bereits Wahlberechtigten, ihre Interessierung. ihre Aufklärung, ihre Aufrüttelung dringend nottut. Also eine Art Innenkommission, statt Einbeziehung von bisher außerhalb der Kultusgemeinde stehenden Schichten* Nicht die Ausdehnung des Wahlrechtes ist daher das Allheilmittel für die Wiederaufrjchtung unserer Kultusgemeinde, sondern eine Intensivierung des religiösen Lebens, eine Verbreiterung und Vertiefung der jüdischen Kenntnisse sollen es bewirken, daß nicht bloß 33 Prozent, sondern zumindest die doppelte Quote der Wahlberechtigten auch tatsächlich an dem Geschick der Wiener Kultusgemeinde aktiven Anteil haben will. Hoffen wir, daß das Bestreben der Kultusgemeinde, den Kultus durch Förderung der kleinen Bethausvereine auszubauen, die Mehrung der jüdischen Kenntnisse in unserer Jugend durch Erhaltung, Förderung und Schaffung von jüdischen Voll- und Bibelschulen, das in den Beratungen einmütig zum Ausdruck kam, sich in segensreichen Taten äußern wird. Die Budgetdebatte war ein guter Anfang. P. Die Predigt des ל. Von F. Bachmann in Altona. Am Ausgang des Sabbat שמית starb in Altona nach kurzem Krankenlager Lehrer Felix ßachmann, der vier Jahrzehnte als Lehrer an der dortigen jüdischen Schule und als Leiter des jüdischen Waisenhauses wirkte. Wir würdigen diesen bedeutenden Mann und hervorragenden Jehudi, indem wir einen seiner auch für ihn charakterisierenden• Aufsätze veröffentliehen. Die Redaktion. Keine geistreichen Erklärungen von interessanten Bibelstcllen, auch nicht auffallende Stellen im Talmud und Midrasch in überraschender, scharfsinniger Weise gedeutet. Nur etwas ganz Gewöhnliches, allgemein Be- ׳,vanntes, von dem Elemntastcn der hebräischen Wissenschaft, vom Aief-Beth! Man darf wohl voraussetzen, daß der liebe Leser •diese alten Bekannten aus seiner ersten Schulzeit zuweilen in חפלה und חומש oder in einem sonstigen Buche begrüßt und so die Bekantschäft erneuert und befestigt, bs dürfte daher keine zu große Anforderung an das Vorstelluugsvermögen sein, sich das א״ב einmal im Geiste zu vergegenwärtigen. Da stehen sämtliche Buchstahen der hebräischen Druckschrift in einer geraden Linie, wie an einem Faden aneinandergereiht, unter demselben Striche: אבנדהוזחטיכלמנסעסצקרשח Nur ein einziger Buchstabe erhebt sich über das allgemeine Niveau, das ל . Was für einen Grund hat das sich über alle seine Genossen zu erheben? Ist es vielleicht dünkelhafte Ueberhebung, die es veranlaßt, seinen Schwanenhals über alle seine Kollegen emporzustrecken? Oder ist es Wißbegierde, die seinen Kopf in höhere Re- Sionen erheben läßt? Oder sollte es das wohllöbliche Streben sein, als mustergültiges Vorbild eine erhöhte Stellung einzunchmen, um von seiner ganzen Umgebung erblickt zu werden und in seinem Tun und Lassen, in seinem Dichten und Trachten Nachahmung zu erwecken? Der Name und die Gestalt des kann uns Aufschluß erteilen. heißt lernen, lehren. Dieser einzige Umstand erklärt schon die bevorzugte, hervorragende Stellung des ל Lernen im engeren Sinne des Wortes, ״lernen“ mit Anführungsstrichen, lernen nach echt jüdischer Auffassung, erhebt sich eben über alles andere, nimmt eine AuSnahms- Stellung ein □תלמוד תויה בעד כול , Thorastudium, Lernen überragt alles. Aber wenn •das ל seinen erhöhten Platz würdig aiisfüllen will, muß es auch den Anforderungen entsprechen, die man an dasselbe zu stellen berechtigt ist. Das Lernen darf nicht durcli selbstsüchtige Zwecke veranlaßt sein, es darf nicht das Ziel im Auge haben בשביל שאקרא רב, als Koryphäe am Himmel der hebräischen Wissenschaft zu glänzen und als■ Gelehrter einen Weltruf zu erlangen,לא תעשיה עטרה להתגדל בה. Es darf auch nicht benutzt werden als קרדום לחסיד בה . als Spaten zum Graben irdischer Schätze, als Brotstudium, als ״melkende Kuh. die mit Butter versorgt“. Vielmehr soll das ל . das Lernen, dem höchsten Ideale geweiht sein ללמוד וללמד לשמור ולעשות, die erworbenen Kenntnisse auch anderen mitzuteilen, und das theoretisch Erfaßte auch in Praxis urnzusetzen, seine Umgeiburig nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten anzuspornen. Diesen Gedanken bringt die Gestalt des in stummein, aber doch beredtem Zeichen zum Ausdruck. An der Spitze •des ל befindet sich ein י, ein Jud, welches gewissermaßen andeutet, daß das ל , das Lernen, erst dann seine höchste Vollendung erreicht hat, wenn sein ganzes Hochstreben in dem Begriff gipfelt, ein Jud’ zu sein, wenn der Höhepunkt, der hehrste Ausfluß des ein Wirken in jüdischem Sinn und Geiste ist. Betrachten wir das ל noch aufmerksamer, so gewahren wir an seinem Fuße auch ein ל• Sollte das nicht eine zarte Andeutung sein, daß •das echte ל, das richtige Lernen schon vom Grunde aus jüdischen Sinn und jüdisehen Geist erheischt? Gewiß! Wenn auch die Basis des Lernens aus echter Jüdischkeit besteht, wenn nur die lautersten Gründe beim Lernen vorherrschen, ׳dann ist das ל nach überlieferter Vorschrift. Die beiden Pole des ל, die beiden Angelpunkte, um die sich alles Lernen drehen soll, müssen echt jüdischer Art sein. Und wie bescheiden enden die beiden Ausläufer des ל! Das י ist der kleinste Buchsta׳be des Alphabets; in bescheidenster Weise tritt das ל aus seiner Umgebung hervor; gleich dem geringsten seiner Genossen erhebt es sein Haupt, . wenn es über den Kreis seiner Nachbarn emporzutauchen gezwungen ist. Anspruchslos, als ganz einfachen Jehudi findet ’man den Lernbeflissenen an die Oeffentlichkeit treten; sein Wissen läßt ihn wohl andere überragen und den Höchsten gleichstellen, בין מלכים תשיבהו . aber es fehlt ihm das dünkelhafte Aufblähen; unscheinbar wie das י, zeigt er sich auf der Bildfläche. Wie das ל, welches man umdreht, so daß die י־מ1ו tere Seite oben steht und der obere Teil sich unten!befindet, auch in der umgekehrten Stellung ein ל bleibt und auch in dieser Situation dem Beschauer denselben Anblick gewährt, so ist auch der vom wirklichen ל■, van wahrhaftem Lernen durchdrungene eine hervorragende Gestalt, die sich in allen Lagen gleichbleibt. Sein Gleichmut ist unerschütterlich, das höchste Glück und die höchste Ehre können keinen Augenblick eine Regung des Stolzes in ihm wachrufen, so wenig wie die tiefsten Schatten des Unglücks auch nur eine Sekunde den 2;»ך