Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2629891-2630244-2630247--2839-2634755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 18 JÜDISCHE PRESSE Nr. 3 wird, für die Kultusgemeinde und speziell für ihre Schulen auch erhöhte Lasten zu tragen. Nach unserem Sanierungsprogramm würde die V e r tief m ng;und Verinnerlichung des K.ul tu s ebenfalls erhöhte Summen fordern. Diese Summen werden in den meisten jüdischen Gemeinden 1aus den Einnahmen der!Monopolrechte der Kultusgemeinde gedeckt, also müßten die Monopolrechte der Schecliita,!Mazzoth usw. die Ausgaben für den Kultus decken. In Wien ist das leider nicht der!Fall, da durch die V e r n a c ■h!1 ä s s i g!u n g d e r <Sp e ise g e se t z e und durch die Außer acht- 1׳ a s!s u n g der Vorschriften des rituellen Lehens — beide unausMeihliche Folgen der!Assimilationsära — diese Einnahmsquellen einstweilen sehr spärlich!sind. Es ist aber anzunehmen, daß die Wirkung einer gesunden Kultus-!und Schulpolitik die Zahl jener steigern wird, die auch dann Koscherfleisch genießen, auch dann während Pessach Mazzoth essen und die rituellen Institutionen der Kultusgemeinde in Anspruch nehmen werden, wenn, das rituelle Leben erhöhte Lasten bedeuten würde. Man sieht auch in diesem!Belange, wie!innig der ׳Zusammenhang •zwischen ׳Geist und!Geld, zwischen Idee und!materieller Wirklichkeit ist.!Die V e r n a c h- II ä ssi gu ng der r e 1 i gi ö s en Leb ens w e 1 se, die Verschiebung des Schwerpunktes des j ü d i s c 11 e 11 Lebens vom Positive n ins Negative — statt Vo'llj.ude Nochjude — ■haben •in Wien die einträglichsten Eirnn ahm s qu ei l e n der jüdischen Gemeinden gründlich ׳verschüttet. •Kann!jedoch heute eine Er:hö•hat n!g de r Kul'tusge׳m׳ein desteu e r und! edne Erhöh•u ng d:er Monop0'1 ge ü!11 ren der Kultusgemeinde!infolge Leistungsunwitlens!der ■heutigen Wiener Generation für diese Zwecke ״nicht erreicht werden, so bliebe kein anderer Weg übrig, als die Befriedigung dieser erhöhten Ansprüche durch eine Anleihe m ׳decken. Wenn auch der!Finanzreferent der Kultusgemeinde für!diese!sogenannten ״unproduktiven Zwecke“!Darlehen ׳nicht für ■diskutabel hält, müssen wir!doch mit aller Energie betonen, ■daß die Ertüchtigung der künftigen jüdischen Generation zu besseren Juden, also auch zu willigeren Steuerträgern — was nicht so sehr von ihrer materiellen, wie von ihrer geistigen und religiösen Fähigkeit abhängt — durchaus nicht als unproduktive Ausgabe bezeichnet werden kann. Die B11 d a p e s t e r Kultusgemeinde, die es vor einigen Jahren bitter zu spüren bekam, welche Folgen es zeitigt, wenn Jahrzehnte hindurch religiöse Güter verschleudert und •die Jtigendbildung vernachlässigt wird — die ■Revolution und politischen Umwälzungen der Nachkriegszeit haben die Blüten der jüdischen Industrie und Finanzwelt ׳in Ungarn wie dürre Blätter hinweggefegt — ■und man kam notgedrungen zur Erkenntnis, daß eine bessere jüdische, überzeugungstreue Generation heranwachsen müsse, wenn nicht!beträchtliche Teile der Gemeinde dem Judentum auf immer verloren gehen sollten. Diese Erkenntnis •war der Hintergrund der Aufnahme eines Darbeiiens ■in der Höhe von einer Million Dollar (sieben Millionen Schilling) a u s s c 11 1 i e ß i c ih für kulturelle u 11 d k 111111 eil e Zwecke :b e s t i m in t. Nicht anders;ist die Situation in •Berlin, wo inan ebenfalls in den letzten Jahren auf dem Gebiete des Schulwesens und der Vertiefung des Kultus Erstaun- /liebes geleistet hat. Immerhin muß zugegeben werden, daß in beiden Großgemeinden auch der S t a a t und ■die politischen Gemeinden zu ■den Ausgaben ..■mm■ ■—«—■»———■—ך Die Frankfurter Jugendtagung der A. I. J. 0. Eindrücke. 1. — Das waren beglückende ,und erhebende Tage, die wir in Frankfurt feierten, diese Tage der Aguda-Jugendwoche. 'Wieder ׳u!1׳d wieder hatten wir es gehört, die deutsche Jugendorganisation sei tot, sie befinde sich in •gefährlichster Krise, ihr fehlten die Führer, ׳man suchte bei ihr vergebens die ׳geistigen Menschen, der Agudaidee ermangele es an •dem Schwung, Jugend zu begeistern, die Politik ׳habe alle nach Verinnerlichung strebenden Mensehen, alle um ihr eigenes Ich ringenden, alle jugendbewegten Gemüter abgestoßen -- und siehe da: Aguda rief — und alle, alle kamen. Sie kamen aus allen Gauen •Deutschlands und weit darüber hinaus, aus Wien und Preßburg ■und Budapest, aus Zürich und Luzern, aus Amsterdam •und Rotterdam und dem Haag, aus London, aus Kopenhagen, und auch Polen, das!zu ׳gleicher Zeit in Warschau eine Tagung seiner Jungagudisten veranstaltete, ׳brachte durch einen seiner aktivsten Menschen!Grüße und den Hauch des Ostens.!Es!war eine!gewaltige Kundgebung, nicht im Sinne einer nach außen gerichteten Demonstration, ■sondern im Sinne einer inneren Sammlung. Es war eine herrliche Tagung, nicht •im Sinne einer rauschenden und darum schnell wieder abhebenden Begeisterung, vielmehr im Sinne nachhaltiger, in die Tiefe ,־ ehender Wirkung. Gewiß, unsere Frankfurter Freunde v stehen die Aufmachung vortrefflich, und doch, das F bnis der Tagung war nicht eine Summe von gastfreu יי eher Bewirtung, herzengewinnender, ■wenn auch man; esmal ׳magenverstimmender jüdischen Gemeinde direkt oder indirekt beitragen. Nun liegen die Verhältnisse in Oesterreich anders. Hier bekommt die Kultusgemeinde von Staatliehen und städtischen Mitteln rticlits. Seit die F r •i e d• e n s v e! r tr ä g e einen Bestandteil •der österreichischen Verfassung bilden, wird eifrig darüber diskutiert, ob nicht auf Grund ■des Artikels 68 des Friedensvertrages die Kultusgemeinde, als die gesetzliche Vertreterschaft ■der Wiener Judenschaft auch auf eine materielle Förderung ihrer Wohlfahrts- und Kultusinstitutionen ihrer Schulen Anspruch erheben könnte. Dieser Paragraph lautet folgend: ״In Städten und Bezirken, wo eine Verhältnismäßig beträchtliche Anzahl österreichischer •Staatsangehöriger wohnt, die einer Minderheit nach R a s ls e, R e Hgjj o n oder Sprache angeboren', wird diesen Minderheiten von allen •Beträgen, •die ■etwa für Erziehung, Religion oder Woliltätigkeitszwecke aus öffentlichen Mitteln in Staats-, Gemeinde- oder anderen Budgets aüsgeworfen werden, ein angemessener Teil zu Nutzen und Verwendung ge- ׳sichert.“ Falls dieser Paragraph auch auf uns Juden angewendet werden könnte, würde dies sicherlich eine wesentliche Erleichterung •der Durchführung der von •uns vor,geschlagenen Sanierungspolitik auf dem Gebiete des Kultus und der Schule bedeuten. ׳Das Präsidium der Kultusgemeinde beschäftigt sich bereits ■mit der einschlägigen Materie, und hoffen wir, daß auch unter diesem Titel!neue •Einnahmen .für ׳* die Kultusgemeinde •sich erschließen ,werden. Wir wollen aber schon heute auf zwei Momente aufmerksam machen: erstens, wenn überhaupt ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den, unter dem Titel •des Paragraph 68 ■des Friedensvertrages zu erschließen- ■den Geldquellen ■und den kulturellen, kultuellen und philanthropischen Aufwendungen ■der Kultusgemeinde besteht, dieser Zusammenhang nur darin bestehen kann, daß die diesbezügichen Aufwendungen der Kultusgemeinde die Ursache, und die Zuwendungen des Staates oder Stadt die ■Folge darstellen, •aber nicht umgekehrt. ■Das bedeutet, daß die Kultusgemeinde unter allen Umständen •ihren kultuellen ׳und kulturellen Aufgaben ■gerecht wird, diese Leistung kann unter Umständen •die Ursache sein, daß ■auf Grund •des Paragraph 68 Zuwendungen, erfolgen könpen־. (Ferner wollen wir unseren ׳Standpunkt dahin präzisieren, daß wir als eine religiöse ׳Min- ■derheit und n i c h t als eine Minderheit nach der Rasse dargestellt werderl, denn wir sind eine religiöse Minderheit und als solche bereits anerkannt. ׳Sehr •strittig ist ■es •aber, ob wir eine Minderheit nach *der Rasse darstellen. ■Unter Umständen würde eine;derartige Minderheitspolitik Gefahren mit sich bringen, ■die;alle materiellen Zuwendungen ■des Staates und ■der Gemeinde nicht wert sind. Ebenso repräsentieren wir Juden in Oesterreich keine Minderheit der Sprache nach. Bei ■aller Hochachtung ׳und Wertschätzung^ für -die ■hebräische Sprache und für ■das Jiddisch, kann es niemand ernstlich einfallen, ■die ׳Deutsc 11sprachi-g'keit der Juden in Oesterreich •in Frage zu stellen. \ Eine jüdische Schulpolitik, unter dem Zeichen des rassenmäßigen oder sprachlichen Unterschiedes, würde ohne Hinzutun der staatlichen Faktoren׳ an dem Widerwillen der Majorität der jüdischen Bevölkerung zusammenbrechen. Hingegen glauben wir, daß w i r a 1 s religiöse Minderheit erfolgreich für der Aufnahme, von schönen ׳Reden •und wöhlorganisierten Veranstaltungen,. es ־war von vornherein •gesichert und verankert in ׳dem Willen, mit •dem •die Vielen kamen: ״Iah gelobe •mich dir an für die Ewigkeit!“ Die gekommen waren, wollten nicht etwas ״mit- •machen“, •das waren nicht ״Auchagudisten“, ■das waren, der Mehrzahl nach zumindest, junge Menschen ׳mit einem, der Agudo ganz aufgeschlossenen ■und treu ergebenen ■Herzen. — Sie wollten nicht für Agudo sich ■begeistern lassen, vielmehr die in ■ihnen wache Begeisterung in die richtigen Kanäle lenken, ■in die rechte und richtigste Arbeit לטובת הכלל :ummünzen lassen. Es war •die Jugend, die die ■Zukunft Agudas Jisroels garantiert, die Jakob Rosenheim in Berlin, tiefergriffen •und die wohl zweitausend Hörer tief ergreifend sprechen ließ: ״Wer von uns Alten diese Jugend sah, der weiß es: auch wenn wir nicht mehr sind, Agudas Jisroel ist!“ 2. ׳Wodurch ■zeichnete sich diese Jugendtagung aus? Vor allem durch Eines: •duirch restlose Ehrlichkeit! In ehrlicher Form traten die Gegensätze zutage, ■in ehrlicher Form wurden sie ausgetragen. Die Einen wollen vor allem einen weiteren straffen Ausbau der Organisation, nicht als Ziel, sondern als Voraussetzung für richtige, nach innen gewandte Arbeit, die anderen meinen, daß durch Lockerung des organisatorischen Zwanges un׳d der organisatorischen Formen dieses Ziel gerade und schneller erreicht wird. •Diese sehen in den Birnbäumschen Anregungen, wie sie das Aulimprogramm gibt, einen Weg, alle ׳Nöte ihres Herzens und ihrer ■Seele zu •bannen, sie stoßen ■sich ■auch •nicht daran, daß ״Orden“ an Kirche und •Mönchstum gemahnt und wissen in ihrer Strebung ״nach oben“ ganz genau, daß!zu irgendwelcher Selbstüberhebung bei uns kein!Raum und kein Anlaß ■ist. Jene!lehnen die Aulimidee FRANZÖSISCHE LINIEN VON HAMBURG, HAVRE, BORDEAUX, GENUA, MARSEILLE NACH SÜD-AMERIKA Illlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllir BRASILIEN, URUGUAY, ARGENTINIEN KUBA, MEXIKO וושוווווווו1ווו11וווווווווווווווווווווווווווווווו!וווווווווווווווווווווווווו!וווווווווווו COLUMBIEN lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllillllllllllllllllllir VORZÜGLICHE EINRICHTUNGEN DER 3. KLASSE RITUELLE KÜCHE WIEN, IV., WIEDNER GÜRTEL 24 (GEGENÜBER SÜD BAHNHOF) Schulen, die den Sabbat den jüdischen Kindern freigeben und den religiösen Disziplinen, wie der jüdischen Kultur einen breiten Spielraum gewähren, eintreten können. Daß schon der Sabbat •als ׳schulfreier Tag einen Grundstein zum religiösen W i e d e r a u fbau der Wiener •Kultusgemeiinde bedeuten könnte, von der Vertiefung ׳der ׳jüdischen Kenntnisse ■gar nicht zu reden, ist jedermann klar. (W!ir waren ,in ׳unseren Aufsätzen bemüht, nicht mir an ׳der 1F!inanzgeba׳r׳un׳g!der Kultusgemeinde Kritik zu üben,!sondern für die 1S a׳n!i e rai ng!derselben, ־wie wir glauben, ׳akzeptable Vorschläge zu machen. Wie i!m!mer ■dem sei, unsere Kultusgemeinde steht vor großen Problemen, deren Lösung nicht etwa außerordentliehe geistige Begabung erheischen, da diese Probleme in den letzten Jahren auch in anderen großen jüdischen Gemeinden glücklich gelöst wurden, sondern ehrlichen und ernsten Willen, die Probleme zu sehen und sie lösen zu wollen. W!ir haben!unsere ■Aufsätze veröffentlicht, noch;bevor ׳im ׳Schoße!des Vorstandes ׳die öffentliche Budgetdebatte 1stattgefunden hat. Unsere ׳Ausführungen wer- ■den sicher lieh über die orthodoxen Vertreter hinaus auch •bei ׳den übrigen Gruppen ernstliche Beachtung finden. Wir ׳hoffen, ׳daß •die Mitglieder des Kultus- Vorstandes •der Erkenntnis sind, •daß dieses Jahr nicht nur den Abschluß einer verflossenen Periode, sondern den Beginn einer neuen, glücklicheren Zukunft für die Wiener 1Kultusgemeinde bedeuten muß. Diese glücklichere Zukunft kann nur dann erreicht werden, wenn, bei Beibehaltung aller charitativen und Fürsorge- Institutionen, mit allen Mitteln, selbst mit empfindliehen materiellen Opfern an die Vertiefung und Verinnerlichung des Kultus und an die Inaugurierung einer ersprießlichen Schulpolitik geschritten wird. Jüdische Gemeinden sind schon oft zugrundegegangen, wenn sie diese Gebiete ■vernachlässigt haben, noch nie aber, wenn sie!sich, wenn •auch in letzter ■Stunde, aufgerafft haben, ׳Synagoge ׳und Schule, Seele ׳und Lebenselixier einer jeden jüdischen Gemeinde, ihrer großen ■Bedeutung entsprechend au fördern. P. ab, weil nach ihrer Meinung Agudas Jisroel selber dem nach ihrem letzten Inhalt Ringenden •genug Antrieb!zum Aufstieg •gewährt.;Man hat ׳auf dieser Jugendtagung ■niöhts!beschönigt, im Gegenteil, nach!meiner!Meinung hat •man Kritik am 0. V. und sich!selbst in einem!Maße geübt, das über das Notwendige weit hinausging: Man sprach stundenlang von der Krisis, um dann beruhigt festst eilen,; zu können, daß eine solche kaum vorhanden ist, •daß sie jedenfalls völlig überwunden sein wird, wenn es dem neuen 0. V. gelingt, seine ״organisatorischen“ ׳Menschen zu durchgeistigen, seinen ׳״geistigen“!Menschen! izu organisatorischer ׳Mitarbeit anzuihalten, notfalls izu!zwingen. ״Wir wollen uns nicht selber ׳w׳as ׳vorrnaohen!“ mit diesem ■Worte ist die ganze 1Situation der Tagung!gekennzeichnet. •Dieser Wille ■sprach aus allen Referaten, ob es sich nun ,um den Ausbau der Organisation — Eli •Munk und David Ullmann — oder um den Aufbau •des jungen :geistigen Menschen — B. S. Jacobson — oder um die Gestaltung der sittlichen Persönlichkeit — Arnold Merzbach lind •Lilly Freimann — handelt. ״Wahr und ehrlich wollen wir ׳sein als Agudisten,!Meuschen und Juden!“ so tönte es uns wieder und wieder entgegen. Und ohne die anderen Referate in ihrer Bedeutung und ■in ihrem Wert herabzumindern, sei es gesagt, daß die Ausführungen Arnold Merzbachs von ׳ungeheuer ergreifender Wirkung waren. Man sprach im Verlauf der weiteren Tagung ■wiederholt von der יים הכפירים Stimmung, die seine Worte geweckt, und dies ׳zeigt vielleicht deutlicher als jedes Wort des Labes, wie tief sie zum Herzen der Hörer gingen. — Und in gleicher Weise soll Lilly Freimann ihre Hörerinnen um und um geschüttelt haben, soll auch sie den zahlreichen Mädchen, die der Tagung beiwohnten, eine hohe Weihestunde bereitet haben. Und auch •die Aelteren! Die geistvolle סוגיא Ehr-