Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 40 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ין«ו י Seite 25Ö JÜDISCHE PRESSE tk. 40 Wien, I., Tuchlauben 8 sicherten Vorteile bei •der praktischen Durchführung derselben der Orthodoxie auch wirklich zukommen zu lassen. Rabbiner Dr. Kohn wird trotz seiner bewährten Klugheit und taktvollen Energie einen schweren Stand haben. Ob in diesem Augenblick die Sympathie der verschiedenen Gruppen und Führer der unabhängigen Orthodoxie ausreichen wird, um sein Werk gelingen zu lassen, ist uns höchst zweifelhaft. Im Grunde genommen ist es unverstündlich, daß Dr. Kohn diese wichtige Reise allein antreten mußte. Die bedeutendsten Autoritäten der polnischen, der tschechoslowakischen und ungarischen Orthodoxie, wie die Führer aller Kolelim, hätten sich nach Ercz Jisroel begeben und dort solange ausharren sollen, bis sie eine c i •n h e i 11 i c 11 c Kongregation aller nach Gesinnung und praktischer Lebensführung zueinander gehörenden Juden erreicht haben. Es ist für uns diese Interesselosigkeit der verschiedenen orthodoxen Gruppen in chuz I’aarez ebenso unverständlich, wie der Mut des Präsidenten des geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel, das Vollbringen des großen Werkes allein zu unternehmen. Dem Mutigen ist aber schon oft das Werk gelungen, möge auch diesmal der große Wurf nicht ohne Erfolg bleiben! P. Die konkurrenzlosen 2 LLHEI verkaufen auch jetzt wieder zur Herbstsaison die schönsten, modernsten Seidenstoffe bei allergrößter* Auswahl im Detail zu Engros-Preisen Crepe-Satin, alle Farben . . Crepe de Chine, alle Farben CrSpe Georgette, alle Farben la Mongole, alle Farben . . Seiden-Lame, alle Farben . . Wäsche-Fongis, 93 cm breit Ia Manlelseidenstolfe . Seidenfulter-Brokate ... Veiour-Chiffon, prachivolle Farben . . . . , S 12.50 Engische Kleider-Samte, 90 cm breit . . . .S 11.50 Hutsamte, alle Farben .. S 3 90 üuvetine, Moiree, Rips für Taschen, nur . . . 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Die Revolverschiisse Schwarzbarts haben nicht nur Petljura, der während dieser schrecklichen Zeit an der Spitze der Reglerung in der Ukraine stand, niedergemacht, sondern auch in das Dunkel hineingeJeuchtet, das diese schreckliche Pcriode der jüdischen Halbvergangenheit bis zur jüngsten Gegenwart beherrschte. Die Freunde Petljuras waren während der ganzen Gerichtsverhandlung krampfhaft bemüht, Petljuras unmittelbare Sclmld an den Pogromen zu bestreiten, und sie wiesen triumphierend auf die große Liste führender jüdischer Persönlichkeiten hin, die in Petljuras Regierung verschiedene hohe Stellen bekleidet haben. Diese jüdischen Persönlichkeiten waren jene Fanatiker der jiidisehen nationalen Autonomie, die von der Verwirklichung des langgehegten nationalistischen Traumes so sehr benommen waren, daß sie nicht mehr die Fähigkeit besaßen, die wirklichen Absichten Petljuras zu bemerken. So kam das Kuriosum zustande, daß, während einerseits tausende jüdische Männer und Frauen auf grauenhafteste Weise erschlaget! wurden, daß, während kleine jüdische Kinder in wilden Wäldern herumirrten, jüdische Minister und Staats- Sekretäre, erfüllt von dem stolzen Bewußtsein, die ersten Boten eines jüdisch-nationalen Reiches auf Erden zu sein, kraft des Initiators dieser schrecklichen Pogrome ihres Amtes walteten. Freilich, ganz stumm waren diese hohen jüdischen Würdenträger nicht. Sie haben Memorandum um Memorandum verfaßt, gegen die Pogrome protestiert, ebenso wie ihr oberster Chef Petljura Antipogrombefehle erließ und zu menschlicher Behandlung der Juden ermahnte, also ״Literatur und nichts als Literatur“, wie der geistreiche Verteidiger Schwarzbarts, Torres, diese Schreibtischblüten kennzeichnete. Gehängt hat Petljura keinen einzigen der Pogromisten, ebenso wenig wie es keinem einzigen dieser jüdischen nationalistischen Würdenträger in Petljuras Regierung einfiel, sein Amt als Protest gegen die Pogrome niederzulegen. Nach der Gerichtsverhandlung, nach welcher Licht über diese dunkelste Periode jüdischer Tragik aufgegangen ist, muß man zum Kopfe greifen, wie es möglich war, daß Wladimir Jabotinsky noch während des Sommers des Jahres 1921 um die Gunst Petljuras werben und mit ihm förmlich ein Bündnis schließen konnte. Der Gesandte Petljuras, Maxim Slavinski, unterhandelte während des Karlsbader Zionistenkongresses im Jahre 1921 des längeren mit Wlad. Jabotinsky. .Der Berieht Slavinskis über diese Unterhandlung an seine Regierung verdient im Lichte des Schwarzbart-Prozesses noch- Wien, I., Bauernmarkt 2a mais gelesen zu werden. Wir bringen hier den Text nach der seinerzeitigen Veröffentlichung des zionistischen Londoner Tagblattes ״The Jewish Times“. Ukrainische Volksrepublik. Außerordentliche diplomatische Mission in der Tschechoslowakei. Prag, 16. September 192t. Die Beziehungen mit den Zionisten Wie ich bereiis berichtet habe, haben in Prag Ende Juli die Vorbereitungssitzungen des Zentralexekutivkomitces für den Kongreß stattgefunden. Zwischen det! Zionistenführern war bei uns der bekannte W. J. Jab 0tinsky, gegenwärtig Mitglied vom Zentralexekutivkomitce und Chef Ihres Informationsdienstes — unter seiner Aegidc stehen 450 Tageszeitungen —, mit welchem ich zwei Zusammenkünfte hatte. Als alte gute Freunde haben wir prinzipiell die Frage behandelt, wie man die verdorbene jüdische öffentliche Meinung betreffend des Ukraincrtiims verbessern könnte. Ich gab ihm das ganze Material, das wir besitzen, außerdem verfielen wir auf deti Gedanken, eine jüdische Gendarmerie zu gründen. Am 1. September begann der jüdische Kongreß in Karlsbad. Ich war da zweimal in Karlsbad. Am 29., 30. und 31. August, ferner am 3. und 4. September. Die erste Konferenz mit Jabotinsky hatte ich am 30. August, in Anwesenheit unseres Berliner Gesandten R. Statzki; weitere Konferenzen fanden am 3. und 4. September statt, ohne ihn. Wir behandelten die Frage der T a k t i k der Mitglieder des Kong res י es; ich übergab eine Begrüßung, welche auch am ersten Tage d.cs' Kongresses v_?r" gelesen wurde und einen sehr guten Eindruck a u f d e 11 ganzen Kongreß machte. Meine Begrüßung und unsere Konferenzen haben schon den einen guten Erfolg gezeitigt, daß sie eine Aktion verhindert haben, die sehr unangenehm für die ukrainische Volksrepublik werden konnte, und zwar: Eine große Gruppe von osteuropäischen, englischen und amerikanischen Zionisten wollte bei der Frage über die Pogrome in der Ukraina darstellcji, daß I Lebensversiclierangs״ Gesellschaft ״ ןPhönix“ Zentraldirektion 1 Wien, 1. Riemergasse 2 Gegründet 1882 Gegründet 1882 Volleingezahltes Aktienkapital 4,000.000 Schilling Veisicherungsbestand per Ende Juni 1927 über 1300 Millionen Schilling! Prämien- und Zinseneinnahme , i im Jahre 1926 rund 54 Millionen Schilling Vertragsanstalt zahlreicher gewerblicher Orga-! nisationen und Berufsgruppen im In- und Ausi lande, empfiehlt sich zum Abschlüsse von j Lebens-, Renten-, Aussteuer-, Unfall-, j Haftplicht-, Autoversichertingen! Filialen in allen Bezirken Wiens, in allen j Landeshauptstädten und größeren Ortschaften ] Oesterreichs! Tätigkeitsgebiet außerhalb Oesterreichs: ' j Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Spanien, j in der cechoslow. Republik, Polen, Ungarn, Jugo- . slawien, Bulgaiien, Griechenland, Türkei, Ae. ypten j und Palästina ן Zum WochenäbsöS«nii׳l■ Israels Weg durch die Geschichte. Mitten hinein in das Privatleben eines zwar großen, aber doch schlichten Menschen braust die Weltgeschichte, braust der .Aufeinanderprall zweier Völkerbünde. Wir wissen heute aus anderen Quellen, welch ragende, stolze Gestalten dieser Kedorlaomer und dieser Amrafelel waren; die Behauptung, daß letzterer identisch ist mit dem gcwaltigen Hamurabi, der die Traditionne aus dem Lehrhause des Sem in ein gesetzlich verankertes Bollwerk zum Schutze der Starken wandelte, entbehrt nicht des Beweises. Als Abraham, nach Geist und Gemiit die Verkörperung jiidisehen Menschenadels, diesen Königen entgegentrat, um die Schwachen zu schützen, die Bedrängten zu retten, da bedeutete dieser Kampf, der dort gewogt •hatte, wo heute sich träge die Wasser des Toten Meeres bewegen, und der nun endgültig entschieden wurde, wo murmelnde Gebirgsbäche noch heute durch ein paradiesisch schönes Gefilde eilen, den Eintritt des jüdischen Ideals in die Geschichte. Damals begann der leidvolle und.doch so glanzvolle Weg der jiidisehen Gemeinschaft durch die Geschichte. Seltsam! Die Schwächsten fühlen sich verpflichtet zpm Schutze der Schwachen, diesen! Gedanken opfern sie sich und ihr Haus, den anderen schien das unfaßbar. Selbst die Besieger, selbst die im Kampf Unterlegenen, selbst die schwach Gewordenen vermochten es nicht zu glauben, daß es einen Idealismus in der Welt gäbe. Nacli altem Völkerrecht waren die durch Abraham Befreiten ihm verfallen, ihm hörig geworden. Und sie glaubten, sich von ihm die persönliche Freiheit abkaufen zu müssen. Das Verkanntwerden ist das Kennzeichen des Weges Israels durch die Geschichte. Wie aber beging Abraham seine Siegesfeier? Wir hören nichts von Triumphgesängen und nichts von' Zuwachs materieller oder politischer Macht. Wir hören nur, wie der Sieger a׳ufs neue sich und seine Habe in den Dienst der idealen Weltaufiassung stellte und dem Malkizedek, der in einer g-ttesfernen Welt die Traditionen der Uroffenbarung mit priesterlichem Ernst lebte lind lehrte, zum Emplang des Segens das Knie neigte. Niemals hohler Triumph, sondern stets nur Ansporn zu neuem Opfer, zu neuer, unbeschränkter Hingabe an das Ideal, niemals Ueberhebung, sondern stets nur demutsvoller Aufblick zu den Vertretern und Vorkämpfern des Idealismus, das ist die bescheidene Beute, die für ernste Juden, für wirkliche Abrahamsenkel am Rain ihres Weges durch die Geschichte duftet. Es bedeutet dieser freilich ein stetiges, unermüdliches Werben •um Gesinnungsgenossen, eine gewaltige Arbeit 'an den Mitlebenden. Viele waren es gerade nicht, die Abra- •harn im kritischen Augenblick Heerfolge leisteten. Aber er hatte sie erzogen, und.seines Hauptes Geist hatte er ihren Häuptern eingeflößt. Er konnte keinen Heerbann aufbieten. Wenige waren es, aber mit diesen wenigen sprengte er den ganzen Völkerbund der Gewalt. Der Glaube an sich und an den Sieg seiner Idee, das feste Vertrauen auf den Wert des in großer Stunde für eine befreiende Tat der Liebe, das macht Israel stark für seinen sieghaften Weg durch die Geschichte der Menschheit. P. K. Die zwei Triebe des Menschen. י I. . Von Dr. Josef Löwy. Die ewig neue Erzählung von der ersten Sünde des Menschen, dem verlorenen Paradies und der großen Flut, welche das schuldbeladene Menschengeschlecht der völligen Vernichtung zufiihrte, hat nicht nur wegen der bestrickenden Form und der anschaulichen Erzählungskunst der heiligen Schrift zu allen Zeiten die Gläubigen •in Spannung gehalten, es ist weit mehr das Problem der Sünde an sich, welches die Thora in ihrer so einzigen Art der menschliehen Auffassung näherbritigen will. ״Denn der Trieb des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend, an,“ heißt es gleich in einem der ersten Kapitel der Genesis. Dieser lapidare Grundsatz der Bibel ist von allen späteren Religionen übernommen und anerkannt worden, und in dieser Lehre stimmen jüdische und christliche Anschauung vollständig überein. Um so merkwürdiger erscheint es, daß beide Religionen in der Frage der Befreiung oder der Lps^ lösung von Schuld und Sünde so weit auseinander gehenv; Rein christlich ist die Lehre vom Agnus dei, dem sögenannten Lamm G-ttes — eine Art der Personifikation des Erlösers —־, welches alle Sünden der Menschen auf sich genommen hat. Demnach hat der Priester als Mittler zwisehen G-tt und dem seine Schuld bereuenden Menschen die erlösende Kraft, den Bußfertigen von der Sünde loszusprechen, das Ausmaß der Buße zu bestimmen, die Absolutiou zu erteilen oder überhaupt zu verweigern. Bei ihm allein, als dem Vertreter G-ttes, muß der Gläubige Hilfe suchen, ihm muß er seine Sünden einbekennen, wenn er von der Schuld befreit werden will. Dagegen lehnt die ■j üddsche Auffassung jegliche menschliche Vermittlung für den reuigen Sünder ab. Wenn er in Erkenntnis seiner Schuld den Vorsatz faßt, von seinem bisherigen Tun abzulassen und den richtig erkannten Weg einzuschlagen, dann ist der Sünder durch die Macht der gewonnenen Erkennt- •nis und durch sein Bemühen, die bisherigen Felder abzulegen, seiner Sünden ledig. In gleichem Maße wie die Christliehe Lehre betrachtet das Judentum den Schöpfer des Weltalls als den gütigen und barmherzigen Vater seiner Geschöpfe, aber •das Judentum verlangt kraftvolle Selbstbeherrschung der bösen Leidenschaften ohne jede äußere Hilfe. Immer wieder wird i!m Talmud von unseren Weisen die Notwendigkeit betont, daß jeder Mensch seine , bösen Anwandlungen bekämpfen soll. Nach ihrer Ansicht schlummern in jedem Menschen zwei Triebe oder Kräfte, der יצר טוב und der יצר הרע. Der gute und der böse Trieb. In diesem Sinne erklären auch die Rabbiner die eigentümliche Schreibweise des Wortes 1 י י צ ר in dem Schriftvers: ״G-tt bildete den Menschen aus Staub von Erde.“ Warum ist dieses Wort an dieser Stelle mit zwei יי geschrieben? Die Antwort lautet: ״Um die beiden Triebe zu kennzeichnen. Unsere alten Weisen scheuen auch die Behauptung nicht, daß auch der böse Trieb etwas Gutes für sich hat, wenn er bezähmt werden kann. Bezeichnend für diese Auffassung ist eine Stelle des Talmud, welche berichtet, daß nach dem ersten Exil, als G-tt den Hang zum Götzendienst von seinem Volk entfernte, Gebete verrichtet wurden, G-tt möge überhaupt dem Menschen seine bösen Leidenschaften erlassen. Darauf antwortete G-tt: Wenn ich die Leidenschaften ausmerze, dann würde das Ende der Welt gekommen sein. Aeußerst lehrreich ist die Vorstellung unserer Rabbiner von der stetigen Regsamkeit der bösen Triebe im Menschen. Raw Assi lehrt, daß der böse Trieb zuerst so dünn und schwach wie ein Spinngewebe ist, dann aber wird er so dick und stark wie ein Wagenseil. Ein anderer Lehrer vergleicht den bösen Trieb!mit einem Wanderer, der seines Weges zieht; gelingt es ihm sich einzuschmeicheln, dann bleibt er als Gast, es kann aber auch sein, daß er dann der •unbeschränkte Herr dar Seele des Menschen wird. Der böse Trieb ist wie eine Fliege» welche an den Eingängen zum Herzen des Menschen sitzt. Heute sagt er ״tue dies“, morgen heißt er das zu tun und letzten Endes befiehlt er dem Menschen das Schlechteste auszuführen und wenn die Leidenschaften des Menschen auf diese Weise erstarkt sind, dann bringen sie den Menschen, den sie beherrschen, bis zum Aeußersten. Darum muß jeder Mensch seine Leidenschaften meistern wenn sie noch schwach sind, damit sie nicht stark werden und seine Seele beherrschen. (Schluß folgt.) 94